Aktien – 08.08.22

Der Einfluss der Verbraucher

Die wichtigsten Fakten:

  • In den USA halten die privaten Haushalte direkt oder indirekt rund drei Viertel der US-Aktien.
  • Ausgabekürzungen im privaten Verbrauch belasten aktuell Konsumgüteraktien mit hoher Bewertung.
  • Europäische Autobauer gelten inzwischen als günstig bewertet, die Kurse stehen aber weiter unter Druck.

Quelle: oben901 / Adobe Stock

Eine wichtige Rolle für die weitere Entwicklung am US-Aktienmarkt spielen die Verbraucher. Der private Konsum trägt mit knapp 70 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den USA bei, gleichzeitig ist das Wirtschaftswachstum der wichtigste Faktor für Unternehmensgewinne. Außerdem halten die US-Haushalte rund drei Viertel der US-Aktien direkt oder indirekt über ETFs sowie Investment- und Pensionsfonds. Eine Verschlechterung ihrer finanziellen Lage birgt daher ein doppeltes Risiko für den Aktienmarkt: Höhere Lebenshaltungskosten könnten den Konsum belasten und die Haushalte dazu zwingen, Aktien zu verkaufen. 

Geringere Ausgaben

Verfügbare Einkommen, Ersparnisse, Verschuldung, Inflation, Verbraucherstimmung und Vertrauen: Die Deutsche Bank hat eine Reihe von Faktoren für das Verbraucherverhalten analysiert – demnach sind die Risiken für eine deutliche Verlangsamung der gesamten Verbraucherausgaben begrenzt. Allerdings könnten die diskretionären Ausgaben sinken. Haushalte mit niedrigem Einkommen sind der Inflation überproportional ausgesetzt. Aber auch einkommensstärkere Verbraucher planen, ihre Ermessensausgaben zu kürzen.

Unternehmen spüren diese Entwicklung bereits: Im Mai sind die US-Einzelhandelsumsätze erstmals seit Dezember 2021 gegenüber dem Vormonat gesunken. Mehrfach mussten Einzelhändler Gewinnwarnungen aussprechen, weil sie die Nachfrage in einigen Warengruppen überschätzt hatten. In diesem Umfeld sind zyklische Konsumgüteraktien anfällig. Der Sektor wird immer noch mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von mehr als dem knapp 24-fachen der erwarteten Gewinne in 12 Monaten gehandelt. Zum Vergleich: Der marktbreite US-Leitindex S&P 500 weist aktuell ein KGV von rund 17 aus. Die Multiplikatoren für die Bereiche Automobile (27), Verbraucherdienstleistungen (24) und Einzelhandel (26) liegen ebenfalls über dem 20-fachen, während die Gruppe der langlebigen Konsumgüter aktuell bereits ein deutlich geringeres KGV von 11,7 und Bekleidung von 10,3 aufweisen. Vor dem Hintergrund der Ertragsrisiken und steigender Anleiherenditen erscheint ein KGV von über 20 als zu hoch.

Dagegen dürften Aktienverkäufe der US-Haushalte zur Finanzierung des Lebensunterhalts auch künftig kaum ein Problem darstellen. Der Aktienbesitz ist auf die wohlhabendsten Haushalte konzentriert, die am wenigsten auf eine steigende Inflation reagieren. 10 Prozent besitzen fast 90 Prozent der gesamten direkten Aktienpositionen der Haushalte und verfügen zusätzlich über 12 Billionen US-Dollar Liquidität – ein Teil dieser Barmittel könnte in den kommenden Quartalen sogar zum Kauf von Aktien genutzt werden.

Die Krisen der Vergangenheit

Quelle: Refinitiv Datastream, Deutsche Bank AG. Stand: 03.08.2022 – Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.

Niedrige Bewertung

Auch in Europa stehen konjunktursensible Aktien unter Abgabedruck. Besonders tief sind die Bremsspuren bei den europäischen Autobauern. Seit Anfang Juni brachen die Kurse mit durchschnittlich 11 Prozent stärker ein als der Gesamtmarkt – die hohe Inflation und hohen Finanzierungskosten belasten allmählich die Pkw-Nachfrage. Im Gebrauchtwagensegment zeigt sich seit Längerem eine rückläufige Teuerungsrate. In Deutschland lag sie zuletzt nur noch bei 0,2 Prozent, in anderen europäischen Märkten hat sie bereits den Rückwärtsgang eingelegt.


Auf der Angebotsseite drosseln nach wie vor Halbleiterengpässe die Produktion in Europa. Zwar sollten die chipbedingten Ausfälle im Laufe des Jahres nachlassen. Allerdings dürfte die Produktionserholung in eine Zeit fallen, zu der viele Konsumenten größere Anschaffungen scheuen könnten. Trotz einer interessanten Bewertung der Autokonzerne dürften die Kurse so lange unter Druck bleiben, bis sich eine Verbesserung der Verbraucherlaune abzeichnet.

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Redaktionsschluss: 03.08.2022, 18.00 Uhr