Renten – 08.08.22

Von Inflation, Notenbanken und Kriseninstrumenten

Die wichtigsten Fakten:

  • Der Zinsanhebungszyklus in den USA dürfte sich aufgrund nach wie vor hoher Inflationsraten fortsetzen.
  • Das neue Antifragmentierungs-Instrument der EZB soll die Transmission der Geldpolitik gewährleisten. 
  • Bonitätsstarke Unternehmensanleihen bieten wieder interessante Renditen.

Quelle: Mark Wilson / Getty Images

Mit Argusaugen dürften Anleger am US-Rentenmarkt aktuell das Verhalten der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) bei der Straffung der Geldpolitik verfolgen. Einige Investoren rechnen damit, dass die Fed nach den großen Leitzinsschritten der vergangenen Monate von bis zu 75 Basispunkten den Zinsanhebungszyklus noch 2022 auslaufen lassen könnte. Dafür müsste sich aber in den USA die Inflationsdynamik abschwächen. Immerhin: Die aus inflationsindexierten US-Staatsanleihen abgeleiteten Inflationserwartungen sind vor allem kurzfristig stark zurückgegangen. Die sogenannte Breakeven-Inflationsrate für die kommenden 2 Jahre gab von fast 5 Prozent Ende März 2022 auf zuletzt knapp 3 Prozent deutlich nach. Anleiheinvestoren gehen für die nächsten 2 Jahre von einer Preissteigerungsrate aus, die signifikant unter den für Juni gemeldeten 9,1 Prozent liegt. Auch die Privathaushalte erwarten mittelfristig nur noch 2,8 Prozent – ein 16-Monats-Tief. 

Nach Einschätzung der Deutschen Bank sind aber noch nicht alle Bedingungen für ein Ende der Leitzinserhöhungen gegeben: Die Lohndynamik am US-Arbeitsmarkt ist weiter hoch und auch die Wohn- und Gesundheitskosten legen spürbar zu. Ein Kurswechsel der Fed ist daher zum jetzigen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich – würde aber dazu führen, dass insbesondere die Renditen von US-Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit nachgeben könnten. 

Geringere Nachfrage

Aufs Tempo drückt die Fed unterdessen beim Abbau ihrer während der Pandemie durch Anleihekäufe aufgeblähten Bilanzsumme. Bis 2024 könnte sich das Volumen der Staatsanleihen von aktuell 5,8 Billionen US-Dollar auf rund 4 Billionen US-Dollar reduzieren. Zusätzlich bauen die Währungshüter auch ihren Bestand an mit Hypotheken besicherten Schuldverschreibungen stark ab. Obwohl die Bilanzsumme der Fed 2024 immer noch gut ein Drittel größer sein dürfte als zu Beginn der Pandemie, ist ein derart schneller Portfolioabbau historisch einmalig. Weil die Notenbank als Nachfrager am Markt ausfällt, könnten die Kurse von US-Staatsanleihen unter Druck geraten. Wachsende Rezessionssorgen und perspektivisch sinkende Inflationsraten könnten sich zwar positiv auf die Nachfrage von US-Treasuries auswirken – dürften aber das Ankaufvolumen kaum kompensieren. Ein weiterer substanzieller Rückgang der US-Renditen ist daher nicht sehr wahrscheinlich. 

Unterdessen kam bei den Investoren am europäischen Rentenmarkt das neue Antifragmentierungs-Instrument, das die Europäische Zentralbank (EZB) Ende Juli präsentiert hat, nicht übermäßig gut an. Das sogenannte Transmission Protection Instrument (TPI) ermöglicht der EZB Ankäufe von Anleihen einzelner Staaten, falls deren Renditen aus nicht nachvollziehbaren Gründen steigen und die Transmission der Geldpolitik gefährdet. Insbesondere Großanleger hatten auch mit Blick auf die Regierungskrise in Italien gehofft, dass das Programm an lockerere Bedingungen geknüpft sein würde. 

Die Rendite kehrt zurück

Quelle: Refinitiv Datastream. Stand: 03.08.2022 – Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.

Interessante Aussichten

Im Segment der Unternehmensanleihen machen sich ebenfalls die abnehmende Konjunkturdynamik und die sinkende Risikobereitschaft der Anleger bemerkbar. Die Risikoaufschläge gegenüber Staatsanleihen haben sich seit Kriegsbeginn sowohl in den USA als auch in Europa stark ausgeweitet. Sie liegen teilweise sogar über den höchsten Pandemie-Niveaus von Anfang 2020. Da ein Großteil der Korrektur in dem Segment vollzogen sein könnte, hat sich das Risiko-Ertrags-Verhältnis von Corporate Bonds mit guter und sehr guter Bonität (Investment Grade, IG) verbessert. In der Eurozone rentieren IG-Papiere bei fast 3 Prozent und könnten für Anleger interessant sein.

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Redaktionsschluss: 03.08.2022, 18.00 Uhr