Renten – 03.06.2022

Von Staatsverschuldung und Inflationsdynamik

Die wichtigsten Fakten:

  • EU-Schuldverschreibungen bieten eine interessante Rendite bei hoher Bonität.
  • Die Akteure am Markt für US-Staatsanleihen werden den Bilanzabbau der US-Notenbank im Blick behalten.
  • Risikobehaftete Hochzinsanleihen im Dollarraum profitieren aktuell von robusten Fundamentaldaten.

Quelle: Philip / Adobe Stock

Für Anleger könnten Zinspapiere langsam wieder interessanter werden. Das in US-Dollar berechnete Volumen negativ rentierender Anleihen ist bis Mitte Mai weltweit auf rund 2,7 Billionen US-Dollar gefallen – zu Jahresbeginn hatte es noch bei 11,3 Billionen US-Dollar gelegen. Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) im 3. Quartal den Einlagenzinssatz von aktuell -0,5 Prozent auf 0,0 Prozent erhöhen, wird dieses Volumen weiter sinken.

Unter Rendite-Risiko-Gesichtspunkten könnten Schuldverschreibungen der Europäischen Union (EU) Anlegern eine interessante Perspektive bieten. Die EU ist wegen des im Zuge der Pandemie verabschiedeten Wiederaufbaufonds auf dem Weg, zu einem der größten Akteure am Euro-Anleihemarkt zu werden. Seit Juni 2021 hat die Staatengemeinschaft zur Finanzierung des Fonds Anleihen im Volumen von insgesamt rund 111 Milliarden Euro emittiert. Bis 2026 ist die Platzierung weiterer Bonds im Volumen von jährlich 150 Milliarden Euro geplant. Auch die Finanzierung von europäischen Finanzhilfen für die Ukraine könnte über Euro-Bonds gelöst werden. Da auch Deutschland mit seinem erstklassigen Rating haftet, weisen die Papiere eine sehr gute Bonität auf. Gleichzeitig rentieren die EU-Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit von 10 Jahren aktuell rund 60 Basispunkte höher als vergleichbare Bundesanleihen.

Steigende Renditen

Schlüsselvariable für die weitere Entwicklung von US-Staatsanleihen dürfte angesichts des weitgehend eingepreisten restriktiven Zinserhöhungszyklus der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) in den kommenden Monaten der Abbau der Fed-Bilanz sein. Unter der Annahme, dass sich die Wachstumsdynamik der US-Wirtschaft abschwächt und die Inflation deutlich über dem Fed-Ziel von 2 Prozent bleibt, prognostiziert die Deutsche Bank auf Sicht von 12 Monaten einen Renditeanstieg bei 10-jährigen Treasuries auf 3,25 Prozent und bei Papieren mit 2-jähriger Laufzeit auf 2,90 Prozent. Damit dürften sich die US-Renditen ihrem Höchststand im laufenden Zyklus nähern.

Anleiherenditen: anhaltender Aufwärtsdruck  Laufende Verzinsung ausgewählter Staatsanleihen und Prognose der  Deutschen Bank, Angaben in Prozent

Quelle: Bloomberg L.P., Deutsche Bank. Stand: 27.05.2022. Wertentwicklungen der Vergangenheit und Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.

Da der Höhepunkt der Inflationsdynamik bereits erreicht sein könnte, gilt inzwischen ein nachhaltiger Anstieg der Realrenditen in den positiven Bereich ebenfalls als wahrscheinlich. Tatsächlich lag im April der Anstieg der US-Verbraucherpreise mit 8,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr leicht unterhalb des Vormonatswertes von 8,5 Prozent – verfehlte allerdings die Markterwartungen (8,1 Prozent). Auch die Kerninflation überraschte und legte im Vormonatsvergleich entgegen den Prognosen wieder zu: Die Preise ohne Energie und Lebensmittel kletterten um 0,6 Prozent – und schoben nach Veröffentlichung insbesondere die 2-jährige US-Staatsanleiherendite an.

Solange der Aufwärtsdruck auf die Renditen anhält, sind Kursverluste für Investoren programmiert. Die Kurse globaler Papiere mit guter oder sehr guter Bonität (Investment Grade, IG) könnten durch eine schwächere Nachfrage aufgrund einer sich verschlechternden Stimmung an den Märkten beeinträchtigt werden und phasenweise stärker schwanken. Die Ausfallrisiken für bonitätsstarke Anleihen, die in US-Dollar denominiert sind, bleiben nach Einschätzung der Deutschen Bank vorerst aber gering.

Zunehmender Druck

Bei risikobehafteten Hochzinsanleihen (High Yield, HY) bleiben die Fundamentaldaten für die meisten Emittenten ebenfalls günstig. Jedoch nimmt der Druck aufgrund steigender Kosten und Bedenken hinsichtlich der Lieferketten zu. Außerdem dürfte das USD-HY-Segment anfällig für hohe Inflationsraten und eine straffere geldpolitische Haltung der Zentralbanken bleiben. Bei in Euro denominierten HY-Anleihen rechnet die Deutsche Bank auch auf Jahressicht mit erhöhten Renditeaufschlägen.

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Redaktionsschluss: 01.06.2022, 18 Uhr