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Die globale Konjunkturerholung hat bei vielen Rohstoffen einen Nachfrageschub und deutlich steigende Notierungen ausgelöst. Besonders robust ist der Aufwärtstrend bei Industrierohstoffen. Kupfer und Eisenerz handeln inzwischen nahe neuer Allzeithochs. Aluminium verteuerte sich in US-Dollar gerechnet seit Anfang Mai 2020 um mehr als 60 Prozent – und damit auf das Dreifache ihres langjährigen Durchschnittspreises.

Aber auch die aus klimapolitischen Erwägungen zunehmend geächtete Kohle hat ihre Handelsspanne nach oben durchbrochen. Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich etwa bei den Notierungen von Werkstoffen. So wechselte zuletzt eine Tonne warmgewalzter Stahl (Hot Rolled Coin, HRC) aus Europa für 1.050 Euro den Besitzer. Trotz Höchstpreisen für das zur Herstellung genutzte Eisenerz beträgt die Marge bei HRC-Stahl rund 600 Euro pro Tonne.

Rohstoffpreis-Index

Quelle: Bloomberg L.P.; Stand: 02.06.2021. Wertentwicklungen der Vergangenheit und Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.

Starke Nachfrage

Nun diskutiert der Markt die Möglichkeit, dass der Rohstoffsektor in seinen fünften Superzyklus seit der Industrialisierung der USA in den späten 1800er-Jahren eintritt. Aktuell stützen die zahlreichen staatlichen Krisenprogramme zur Bewältigung der Pandemiefolgen den Rohstoffverbrauch. Mit abnehmender Angst um den Arbeitsplatz fassen die Verbraucher wieder Vertrauen und erhöhen ihre Ausgaben für langlebige Güter. Und in einem zunehmend inflationären Umfeld nutzen Anleger mutmaßlich Rohstoffe als Absicherungsinstrument.

Kurzfristig ermöglicht der weltweite Impffortschritt eine steigende Nachfrage nach Mobilität und Reisen, was direkte Auswirkungen auf den Ölverbrauch und die Notierungen hat. Aktuell handeln die Ölpreise nahe ihren Höchstständen. Die Sorte Brent wird seit einigen Tagen bei über 70 US-Dollar gehandelt, WTI bei knapp 68 US-Dollar. Allerdings erwarten das Ölkartell und seine Partnerstaaten (OPEC+) für das 2. Quartal einen Nachfrageausfall von 300.000 Barrel (1 Fass = 159 Liter) pro Tag. Das könnte den Preisanstieg vorübergehend dämpfen.

Mit fortschreitender Impfkampagne in den Industriestaaten und weiterhin robuster Nachfrage aus China könnte die globale Ölnachfrage jedoch bis Ende September um 4 auf knapp 98 Millionen Barrel ansteigen. Schätzungen der Internationalen Energieagentur zufolge könnte das Angebotsdefizit dann bei 1,2 Millionen Barrel liegen und im Folgequartal sogar auf 2,6 Millionen Barrel pro Tag ansteigen. Dabei ist die mögliche Rückkehr Irans in den Markt mit bis zu 1,5 Millionen Barrel pro Tag bereits berücksichtigt.

Mehr Umweltschutz

Was aber alle bisherigen Superzyklen im Kern ausgezeichnet hat, sind politische Initiativen, die eine Langfristwirkung entfalten. Die Covid-19-Pandemie hat weltweit ökonomische und soziale Ungleichheiten offengelegt und Regierungen veranlasst, gegenzusteuern und umzuverteilen. Die US-Regierung um Präsident Joe Biden will dafür weitere 1,7 Billionen US-Dollar in die Hand nehmen. In der Europäischen Union wurde der Wiederaufbaufonds „NextGenerationEU“ verabschiedet und in China ein neuer 5-Jahres-Plan mit entsprechender Ausrichtung.

Hinzu kommen die Bemühungen um den Umweltschutz. Eine Reduzierung der globalen CO2-Emissionen bis 2050 um 70 Prozent könnte einen durchschnittlichen Investitionsaufwand in Höhe von 2 Billionen US-Dollar pro Jahr erfordern. Dies dürfte den Anteil der Investitionsausgaben am globalen Bruttoinlandsprodukt von knapp 26 Prozent im Jahr 2019 auf 28 Prozent ansteigen lassen – ein ähnlicher Effekt wie im Rohstoff-Superzyklus der 2000er-Jahre.

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Redaktionsschluss: 02.06.2021, 14 Uhr