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Ob Russland-Ukraine-Krieg, Wirtschaftssanktionen, Zinswende, Inflation, hohe Energiepreise, restriktive Pandemiebekämpfung oder die Unterbrechung von Lieferketten: Die Liste der Risikofaktoren für Welthandel und globales Wachstum ist lang – und dürfte in den nächsten Monaten zur Verunsicherung an den Finanzmärkten beitragen. Zuletzt hat sich auch in den USA die robuste Konjunktur spürbar eingetrübt. Die Diskussionen darüber, ob in der aktuellen Gemengelage die aggressive Zinswende der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) die größte Volkswirtschaft der Welt in eine Rezession schicken könnte, nehmen hörbar zu.

Robuster Konsum

Ausgeschlossen ist das auch nach Ansicht der Deutschen Bank nicht – die Anlagestrategen gehen in ihrem Basisszenario aber weiter davon aus, dass die US-Wirtschaft 2022 trotz des Gegenwinds über ihrem Potenzialwachstum zulegen könnte. Darunter ist die langfristige Entwicklung des Bruttoinlandprodukts (BIP) bei voller Auslastung der Produktionskapazitäten zu verstehen. Der starke Arbeitsmarkt und höhere Nominallöhne dürften den robusten und für die Entwicklung der US-Wirtschaft bedeutenden privaten Konsum stützen. Für das Gesamtjahr beläuft sich die BIP-Prognose auf ein Plus von 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

In Anbetracht des bereits fortgeschrittenen Konjunkturzyklus liegt das größte Risiko in einer Überhitzung der US-Wirtschaft und einer damit einhergehenden Inflationsrate, die nachhaltig oberhalb der von der Federal Reserve angepeilten 2-Prozent-Marke liegen könnte. Aktuell sind die Inflationserwartungen in den USA so hoch, dass nicht mit einem schnellen Rückgang zu rechnen ist. Für Ende 2022 erwartet die Deutsche Bank die Kerninflationsrate (ohne Energie und Lebensmittel) bei 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bis 2023 könnte sich die Teuerungsrate auf 2,9 Prozent verlangsamen.

Hohe Staatsschulden

Der lahmende Welthandel und Probleme mit den Wertschöpfungsketten treffen Europa härter als die USA. Engpässe bei Zwischenprodukten führen zu Produktionsunterbrechungen. Außerdem belasten hohe Energiepreise und der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften die Angebotsseite. Die Europäische Union (EU) hat jüngst ihre Prognosen fürs Wachstum nach unten und für die Inflation nach oben korrigiert – und folgt damit einer Reihe von Instituten. Dennoch dürften hohe Ersparnisse, fiskalische Unterstützung durch den Wiederaufbaufonds „NextGenerationEU“ und ein robuster Konsum das Wirtschaftswachstum in der Eurozone ankurbeln. Die Lockerung oder Aufhebung von Corona-Maßnahmen sollten die Binnennachfrage stärken. Die sich abzeichnende Aufhebung der Lockdowns in China könnte wiederum die Angebotsseite unterstützen.

Bruttoinlandsprodukt: Leichte Anpassung der Prognosen für das Jahr 2022 Prognosen der Deutschen Bank hinsichtlich BIP-Wachstum ausgewählter Regionen für das Jahr 2022, Angaben in Prozent

Quelle: Deutsche Bank, Stand: Mai 2022. Wertentwicklungen der Vergangenheit und Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.

Eine Entspannung der geopolitischen Lage würde der Konjunktur zusätzlich Schub verleihen. Gleichzeitig bleiben eine weitere Eskalation im Russland-Ukraine-Krieg – hier insbesondere ein Stopp russischer Gaslieferungen – und längere Lockdowns in China aktuell die größten Konjunkturrisiken. Langfristig könnten die hohe Staatsverschuldung und das geringe Produktivitätswachstum die Prosperität in der Eurozone gefährden. Die Deutsche Bank erwartet für dieses Jahr, dass das BIP um 2,8 Prozent zulegen und damit wie in den USA über dem Potenzialwachstum bleiben könnte. 2023 dürfte sich die Dynamik weiter verlangsamen und der BIP-Zuwachs 2,2 Prozent erreichen.

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Redaktionsschluss: 01.06.2022, 18 Uhr