Volkswirtschaft – 08.08.22

Die Risiken bleiben hoch

Die wichtigsten Fakten:

  • Russland könnte Erdgas noch stärker als Waffe einsetzen. Das würde das Wachstum in der Eurozone belasten.
  • Bei der Inflationsentwicklung ist weder in Europa noch in den USA aktuell eine Trendwende erkennbar.
  • Die Wachstumsdynamik der chinesischen Volkswirtschaft könnte sich im Juli abgeschwächt haben.

Quelle: tawatchai1990 / Adobe Stock

Die Erleichterung war groß: Als sich abzeichnete, dass Russland nach Ende der Wartungsarbeiten wieder Erdgas durch die Pipeline Nord Stream 1 nach Europa liefern würde, reagierten die globalen Aktienmärkte erleichtert. Ein Lieferstopp zum aktuellen Zeitpunkt würde eine Reihe von europäischen Volkswirtschaften mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Rezession schicken. Doch die Lieferungen sind langfristig keinesfalls gesichert, das zeigt die erneute Drosselung Ende Juli. Nach Einschätzung vieler Beobachter bleibt das Risiko hoch, dass Wladimir Putin Erdgas als Waffe einsetzt und geopolitisch weiter eskaliert.

Modellrechnungen zeigen, dass die Wirtschaftsleistung in der Eurozone um 1 Prozent bis knapp 3 Prozet einbrechen könnte. In Deutschland würde der Rückgang aufgrund der hohen Abhängigkeit von russischem Erdgas mit bis zu 3 Prozent überdurchschnittlich stark ausfallen. Doch auch so bleibt das Rezessionsrisiko hoch. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Eurozone ist im Juli überraschend unter die Expansionsschwelle von 50 Punkten gesunken, was eine bevorstehende Schrumpfung der wirtschaftlichen Aktivität signalisiert. Deutlich eingetrübt hat sich der Konjunkturindikator für die deutsche Volkswirtschaft. Die PMIs für das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor sind entgegen den Erwartungen auf jeweils 49,2 Punkte eingebrochen.

Alte Probleme

Unterdessen lässt die Trendwende bei den Inflationsraten weiter auf sich warten. Nach ersten Schätzungen erreichte die Inflation in der Eurozone im Juli mit 8,9 Prozent zum Vorjahr einen neuen Rekordwert. Bemerkenswert war vor allem der Zuwachs der Kerninflationsrate, die auf 4 Prozent gestiegen ist. Ähnliches ist auch in den USA zu beobachten. Hier verzeichnete das für die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) wichtige Inflationsmaß PCE (Personal Consumption Expenditure) im Juni mit 6,8 Prozent zum Vorjahr ebenfalls einen neuen Jahreshöchststand. Die PCE-Kernrate (ohne Energie und Lebensmittel) stieg unerwartet wieder an und erreichte ein Niveau von 4,8 Prozent.

Die Inflationserwartungen der Märkte sind wieder gefallen

Quelle: Refinitiv Datastream. Stand: 03.08.2022 – Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) könnte die Leitzinsen deshalb noch deutlich und vor allem weiter in großen Schritten anheben, um möglichst rasch ein neutrales Zinsniveau zu erreichen, mit dem die Wirtschaft nicht länger angekurbelt wird und der Preisauftrieb abebben kann. Ein Balanceakt – denn ein zu drastisches Vorgehen der Notenbanker würde aller Voraussicht nach in einer harten Landung der größten Volkswirtschaft der Welt münden. Ohnehin befinden die USA bereits in einer technischen Rezession. Damit sind zwei Quartale in Folge mit schrumpfender Wirtschaftsleistung gemeint. Da sich aber der US-Arbeitsmarkt und der Immobilienmarkt weiterhin in einer robusten Verfassung präsentieren, sollte dies zunächst ohne größere Folgen bleiben. 

Erneute Schwäche

Chinas Wirtschaft ist im ersten Halbjahr 2022 wegen der strikten Pandemie-Maßnahmen nur um 2,5 Prozent gewachsen. Der BIP-Anstieg um 3,3 Prozent im Juni nährte zunächst die Hoffnung auf ein stärkeres 2. Halbjahr. Doch nun deuten die jüngsten Stimmungsindikatoren auf eine neuerliche Abschwächung der Erholung im Verarbeitenden Gewerbe im Juli hin. Insgesamt meldeten die befragten Unternehmen im Vergleich zu den dynamischen Juni-Werten schwächere Produktions- und Beschäftigungszahlen. Rückläufige Auftragseingänge aus dem In- und Ausland lassen infolge des nach wie vor schrumpfenden Immobiliensektors sowie eines schwächeren globalen Wachstums auch für den laufenden Monat eine, mit wenigen Ausnahmen insgesamt gedämpfte Aktivität der Industrieunternehmen erwarten.

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Redaktionsschluss: 03.08.2022, 18.00 Uhr