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Aktien, Volkswirtschaft/Geldpolitik – 25.03.22

Aktienmarkt: Wie robust sind Europas Banken?

Die wichtigsten Fakten:

  • Engagements in Russland belasten europäischen Bankensektor
  • Gesunkene Aktiennotierungen spiegeln Marktverunsicherung wider
  • Weitere Sektoraussichten auch dank günstiger Bewertungen dennoch interessant

Was ist passiert?

Im Zeitraum vom 10. Februar, als die USA erstmalig konkret vor einer bevorstehenden russischen Invasion in der Ukraine gewarnt hatten, bis zum 23. März büßte der Bankensektor im europaweiten Leitindex Stoxx 600 rund 17 Prozent seines Wertes ein. Nach dem Einzelhandel ist dies mit einem Minus von 12 Prozentpunkten gegenüber dem breiten Markt die schlechteste Wertentwicklung unter allen Sektoren. Im selben Zeitraum sank das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Sektors mit Blick auf die Gewinnerwartungen der kommenden zwölf Monate von 9,8 auf 7,7. Der Bewertungsabschlag europäischer Banken gegenüber dem Gesamtmarkt stieg damit von 34 Prozent auf 42 Prozent an und liegt deutlich über dem historischen Durchschnitt.

Europäische Banken

Grund für die überproportional hohen Kursverluste ist vor allem das Engagement einiger europäischer Banken in Russland. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beläuft sich das betroffene Bankenkapital auf insgesamt rund 100 Milliarden Euro, wovon 70 Prozent auf Forderungen hauptsächlich gegenüber dem russischen Privatsektor und 30 Prozent auf Garantien, Kreditzusagen und Derivate entfallen.

Die Forderungen sollen Analysten zufolge zu gleichen Teilen onshore, also über russische Tochtergesellschaften, und offshore, also direkt von europäischen Banken, gehalten werden. Während sich mögliche Onshore-Abschreibungen voraussichtlich auf das Eigenkapital der russischen Tochtergesellschaften beschränken dürften, könnten Offshore-Kredite im schlimmsten Fall zu 100 Prozent ausfallen. Die am stärksten in Russland engagierten Banken könnten dadurch einen Rückgang ihres harten Kernkapitals (CET1) von 1,0 bis 2,1 Prozentpunkten erleiden.

Wie haben die Märkte reagiert?

Nach den Warnungen der USA büßte der europäische Bankensektor in der Spitze rund 27,8 Prozentpunkte seines Wertes ein. Die Abwärtsspirale erreichte am 7. März ihren Tiefpunkt. Seither konnten sich Bankaktien mit einem Plus von rund 15 Prozent (7. März bis 23. März) überdurchschnittlich stark erholen. Ihr KGV kletterte von 7,2 auf 7,7.

Ausschlaggebend für diese Erholung war insbesondere die Entwicklung der Renditen europäischer Staatsanleihen, die – unter anderem aufgrund wachsender Inflationssorgen und einer weniger starken Abwärtsdynamik als befürchtet – das Vorkriegsniveau wieder erreichen und sogar überschreiten konnten. So stieg die Rendite 2-jähriger Bundesanleihen vom 7. März bis zum 23. März um rund 50 Basispunkte auf –0,23 Prozent und entsprechende britische Papiere legten um 30 Basispunkte auf 1,36 Prozent zu.

Einen zusätzlichen Schub erfuhr der Bankensektor im Nachgang der EZB-Sitzung vom 10. März, auf der die europäischen Währungshüter trotz der zu erwartenden negativen Konjunkturauswirkungen des Russland-Ukraine-Kriegs nicht nur eine Beendigung der Anleihekäufe in Aussicht stellten, sondern auch Zinsanhebungen noch in diesem Jahr zumindest nicht mehr ausschlossen. Die Marktteilnehmer preisen mittlerweile vier bis fünf Zinsschritte à 0,1 Prozent bis zum Ende dieses Jahres ein, wonach der EZB-Einlagezins von aktuell –0,5 Prozent in Richtung der Nullprozentmarke steigen könnte.

Anleiherenditen in Europa

Was bedeutet das für Anleger?

Da die Bilanzen der europäischen Banken insgesamt robust erscheinen und einen deutlichen Kernkapitalüberschuss im Vergleich zu den gesetzlichen Mindestanforderungen aufweisen, dürften die Auswirkungen möglicher Kreditausfälle infolge der Sanktionen gegen Russland auf Sektorebene in den Hintergrund treten. Selbst besonders stark betroffene Finanzinstitute sollten über einen ausreichenden Kapitalpuffer verfügen. Damit kann davon ausgegangen werden, dass die europäischen Banken im laufenden Jahr die Dividenden wie angekündigt ausschütten. Hinsichtlich der Aktienrückkaufprogramme dürften sie jedoch flexibel agieren.

Zu den bankspezifischen direkten Folgen des Russland-Ukraine-Kriegs dürften sich indirekte negative Auswirkungen auf die Bankgewinne gesellen. Diese könnten sich unter anderem aus dem bereits erwarteten geringeren Wirtschafts- und Kreditwachstum ergeben. Konkrete Gewinnprognosen, die diese Faktoren einbeziehen, sind jedoch noch rar.

Positiv auf die Gewinne der europäischen Banken sollte sich hingegen die erwartete Entwicklung des Zinsniveaus auswirken. Denn die Höhe der Zinsen ist ein wichtiger Ertragsfaktor für die Banken. Nach einer kurzen kriegsbedingten Flucht in als sicher geltende Anlagen, die die laufenden Renditen europäischer Staatsanleihen sinken ließ, dürften diese im Verlauf der kommenden zwölf Monate im Umfeld steigender Leitzinsen weiter anziehen. Des Weiteren würde ein Einlagezins von 0 Prozent einen Wendepunkt für die Gewinnerzielung der Banken in der Eurozone markieren.

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Fazit: Europas Banken wieder im Anlegerfokus

Insgesamt scheinen die vorhersehbaren Risiken mit Bezug auf den Russland-Ukraine-Krieg und die Geldpolitik der EZB bereits weitgehend in den Aktienkursen der europäischen Banken eingepreist zu sein – wobei weitere starke Kursschwankungen vor dem Hintergrund der dynamischen politischen Entwicklungen nicht auszuschließen sind. Aufgrund seiner derzeit günstigen Bewertung im Vergleich zum Gesamtmarkt und möglicher positiver Impulse durch steigende Leitzinsen sowie eines zwar verlangsamten, aber fortschreitenden Wirtschaftswachstums erscheint der europäische Bankensektor attraktiv.

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Redaktionsschluss: 23.03.2022, 18:00 Uhr