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Aktien – 14.07.21

Bauwesen: Digitalisierung als Herausforderung und Lösung

Die wichtigsten Fakten:

  • Bauwirtschaft mit vollen Auftragsbüchern
  • Digitalisierung als mögliche Lösung struktureller Probleme
  • Chancen für Anleger im Bau- und Technologiesektor

Die Immobilienmärkte boomen weltweit. Vielerorts wird so viel gebaut wie schon lange nicht mehr. Davon kann zum Beispiel die deutsche Bauwirtschaft profitieren, die mit rund 85.000 Unternehmen und knapp 1,3 Millionen Beschäftigten im vergangenen Jahr rund 6,1 Prozent der Bruttowertschöpfung erwirtschaftete. Sie steht damit auf Platz 6 der wichtigsten Wirtschaftssektoren Deutschlands. Selbst im Corona-Krisenjahr 2020 verzeichnete der Wohnungsbau in Deutschland ein Umsatzplus von 10 Prozent. Und der Trend scheint intakt: Im April betrug das Auftragsvolumen des deutschen Bauhauptgewerbes 7,9 Milliarden Euro – ein Plus von nominal 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat und ein Rekordapril für das deutsche Bauhauptgewerbe.

Alte und neue Herausforderungen

Allerdings stehen die Unternehmen aus dem Hoch- und Tiefbau vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen. Dazu gehören alte Bekannte wie der Fachkräftemangel und ein seit Jahren nur durchschnittliches Produktionswachstum: Die Arbeitsproduktivität der Baubranche konnte dem Statistischen Bundesamt zufolge zuletzt im Schnitt nur um jährlich maximal 1 Prozent zulegen, demgegenüber verzeichnete das Verarbeitende Gewerbe zuletzt jährliche Produktivitätssteigerungen von mehr als 2 Prozent. Hinzu kommen vergleichsweise neue Entwicklungen wie der zuletzt akute Baustoffmangel. Im Mai 2021 legten dadurch die Preise für Konstruktionsvollholz gegenüber dem Vorjahresmonat um 83 Prozent zu, Bauholz verteuerte sich um 38 Prozent, Betonstahl um 30 Prozent.

Zudem schreitet unter dem Stichwort Bauen 4.0 auch in der Bauwirtschaft die Digitalisierung voran. Unternehmen in der Bauwertschöpfungskette, die damit Schritt halten wollen, kommen nicht umhin, in die digitale Transformation zu investieren. Das gilt nicht zuletzt im Hinblick auf das immer wichtiger werdende Thema Nachhaltigkeit. Denn durch den Einsatz digitaler Technologien könnte das Bauen, aber auch die Gebäude selbst nachhaltiger werden. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen scheuen allerdings oft noch die mit der Digitalisierung verbundenen Investitionen, weil sich die möglichen Ertragseffekte vorab nur schwer quantifizieren lassen.

Digitalisierung am Bau: viele Möglichkeiten

Beispiele, wie digitale Technologien die Prozesse, den Ressourceneinsatz und auch die Sicherheit in der Bauwirtschaft optimieren könnten, gibt es viele. Ferngesteuerte Drohnen können dabei helfen, Bauschäden aufzuspüren und zu dokumentieren. Software zur Bauwerksmodellierung (Building Information Modeling, BIM) vernetzt und erleichtert die Planung, den Bau und die Bewirtschaftung von Gebäuden. Digitale Lösungen zur vorausschauenden Wartung („Predictive Maintenance“) überwachen mit Sensoren bestimmte Parameter in Baumaschinen und schlagen bei sich abzeichnenden Schäden frühzeitig Alarm. Das kann den Aufwand für die Wartungsplanung um 20 bis 50 Prozent und die Reparaturkosten um 5 bis 10 Prozent verringern. Auch Häuser aus dem 3-D-Drucker sind bereits Realität: Das Emirat Dubai plant, bis 2030 mindestens ein Viertel aller Neubauten im 3-D-Druck zu errichten. Damit soll die Bauzeit gegenüber herkömmlichen Baumethoden um bis zu 10 Prozent reduziert werden.

Tragbare digitale Tools, sogenannte Wearables, können die Belastung von Mitarbeitern beim Bedienen schwerer Maschinen überwachen und bei Übermüdungsanzeichen warnen, um Unfälle zu vermeiden. Autonome Fahrzeuge und digital (fern-)gesteuerte Baumaschinen könnten künftig dazu beitragen, den Mangel an Arbeitskräften in der Bauwirtschaft abzumildern. Denn die Bauindustrie ist davon besonders stark betroffen: Zum Jahresbeginn 2021 nannten in einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages 67 Prozent der Bauunternehmen den Fachkräftemangel als Risiko für die eigene wirtschaftliche Entwicklung. Der Wert für die Bauwirtschaft liegt seit Jahren über dem für die Gesamtwirtschaft.

Mehr Nachhaltigkeit durch digitale Transformation

Die Digitalisierung könnte zudem das Thema Nachhaltigkeit in der Bauwirtschaft vorantreiben. Das reicht von der softwaregestützten Steuerung und Überwachung von Lieferketten für vorgefertigte Bauteile, die zu einem besseren Ressourceneinsatz und weniger Ausschuss führen können, bis zu in die Gebäude integrierte Sensorlösungen – Stichwort: Internet of Things (IoT) – zur automatischen Anpassung der Heizleistung und der Beleuchtung an die Gebäudenutzung.

Ohnehin dürfte das Thema Nachhaltigkeit für die Bauwirtschaft in den kommenden Jahren rasant an Bedeutung zunehmen, denn Gebäude sind für etwa 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Diese entfallen auf den direkten Energieverbrauch, zum Beispiel beim Heizen, und auf den indirekten Energieverbrauch, etwa bei der Produktion von Baustoffen oder Strom. Entsprechende regulatorische Vorgaben, etwa zum Bau energieeffizienterer Gebäude, stellen nicht nur eine Herausforderung dar, sie bieten auch neue Marktchancen, zum Beispiel bei der energetischen Sanierung von Bestandsgebäuden. Die Europäische Union will beispielsweise im Rahmen ihres „Green Deal“ die energetische Sanierung mit einer „Renovierungswelle“ vorantreiben. Die Bundesregierung plant, im Rahmen ihres „Klimaschutz-Sofortprogramms“ für die energetische Gebäudesanierung und den Einbau energieeffizienter Heizungen 2022 rund 2,5 Milliarden Euro und 2023 weitere 2 Milliarden Euro bereitzustellen.

„Der Immobilienboom sorgt weltweit auch in der Bauwirtschaft für Rückenwind – Chancen für Anleger?“

Einzelne Unternehmen des Bauwesens könnten durch die Digitalisierung Wettbewerbsvorteile und damit Möglichkeiten zur Umsatzsteigerung erlangen. Dabei sollten größeren Unternehmen die entsprechenden Investitionen leichter fallen, zumal sie über Skaleneffekte stärker von der Digitalisierung profitieren könnten als kleine und mittlere Baufirmen. Profitieren könnten von einer voranschreitenden digitalen Transformation der Bauwirtschaft aber nicht nur die Bauunternehmen selbst, sondern beispielsweise auch IT-Dienstleister, Beratungsunternehmen für BIM-Anwendungen, Elektronikhersteller und Maschinenbauer.

Doppelte Investmentmöglichkeiten

Im Hinblick auf die positiven Aussichten für den Immobilien- und Bausektor könnte sich für entsprechend risikobereite Anleger neben einem Immobilieninvestment auch ein Investment in die Bauwirtschaft anbieten. Für Anleger bieten sich unter anderem aktiv gemanagte Fonds an, die neben einer regional und sektoral breiten Aufstellung auch Zulieferer und Dienstleister der Bauwirtschaft umfassen. Anleger sollten dabei die langfristigen strukturellen Herausforderungen und Chancen des Sektors im Blick behalten.

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Redaktionsschluss: 13.07.2021, 15.00 Uhr