Biodiversität & Naturkapital: Was ist die Welt wert?

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Volkswirtschaft/Geldpolitik – 10.11.2021

Biodiversität & Naturkapital: Was ist die Welt wert?

Die wichtigsten Fakten:

  • Wert des Naturkapitals bei Wachstumsberechnungen bislang kaum einbezogen
  • Deutlich höhere Investitionen in den Erhalt der Biodiversität erforderlich
  • Transformation kann neue Geschäftschancen schaffen und Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft stärken

Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gilt als Maßzahl für den wirtschaftlichen Fortschritt. Das bedeutet: Je mehr Waren und Dienstleistungen eine Volkswirtschaft herstellt beziehungsweise verkauft, desto größer ist ihr „Erfolg“. Die Entwicklung der Weltwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg kann in diesem Sinne als große Erfolgsgeschichte angesehen werden. Nicht zuletzt, weil das wirtschaftliche Wachstum in den vergangenen 50 Jahren dazu geführt hat, dass der Anteil der Weltbevölkerung, der in großer Armut lebt, von 50 Prozent auf heute 10 Prozent gesunken ist.

Außer Acht gelassen wird bei dieser Betrachtung allerdings ein wesentlicher Punkt. Während zum Beispiel Straßen, Gebäude und Fabriken ebenso wie die Arbeitskraft der Menschen in die wirtschaftliche Gesamtrechnung einfließen, steht der Wert der Natur außen vor. Im Sinne einer nachhaltigen Transformation der Wirtschaft, wie sie aktuell weltweit propagiert wird, ist es jedoch zwingend erforderlich, auch die endlichen Ressourcen der Erde sowie unsere natürlichen Lebensgrundlagen, etwa das Wasser, die Wälder oder die Luft, und alle darin befindlichen Lebewesen in die ökonomische Erfolgsrechnung einzubeziehen. Das Naturkapital erfüllt bereits durch sein Dasein überlebenswichtige Funktionen für die Menschheit und hat somit einen intrinsischen Wert. Diesen Wert gilt es zu ermitteln, um mögliche Risiken und negative Auswirkungen (Externalitäten) zu beziffern, die im Zusammenhang mit Umweltschäden und dem Verlust von Biodiversität stehen.

„Biodiversität und Naturkapital: Warum die Messung
ökonomischen Erfolgs die Ökologie miteinbeziehen muss."

Das Naturkapital als wesentlicher ökonomischer Faktor

Spätestens seit dem jüngsten Bericht des „Weltklimarats“ der Vereinten Nationen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) wächst in der Politik und Wirtschaft das Verständnis hinsichtlich der Notwendigkeit, den ökonomischen Fokus nicht allein auf das Wachstum, sondern verstärkt auch auf eine nachhaltige Entwicklung zu legen. Denn der IPCC-Bericht macht nochmals deutlich, wie wichtig es für den Erhalt des Lebens auf der Erde ist, die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Neben der Digitalisierung, der Alterung vieler Gesellschaften, zunehmenden politischen Spannungen und der Bedrohung durch Pandemien werden Umweltkatastrophen mehr und mehr als „neue“ Form ökonomischer Herausforderungen wahrgenommen. Extremwetter-Ereignisse, die in Zusammenhang mit dem Klimawandel stehen, haben diesen Umdenkprozess zuletzt sicher noch einmal beschleunigt.

Um die konkreten Risiken und Kosten der planetarischen Dreifachkrise – ein Begriff der UN, der den Klimawandel, den Verlust der Biodiversität und die Umweltverschmutzung umfasst – besser beziffern und letztendlich senken zu können, braucht es ein neues Konzept zur Messung wirtschaftlicher Entwicklungen. So fließt beispielsweise der Wert des Holzes, das in einem Wald geschlagen wird, in die wirtschaftliche Bilanz eines Landes ein – nicht aber der Verlust an Waldfläche und mögliche ökologische Folgeschäden einer nicht nachhaltigen Holzwirtschaft. Die wichtige Rolle der Bäume für das Klima etwa bleibt unberücksichtigt. Diese Vernachlässigung ökologischer Aspekte kann zu ökonomischen Fehlkalkulationen führen, die sich in falschen Preissignalen und Intransparenz hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit von Unternehmungen niederschlagen können. Einfacher ausgedrückt: Ein scheinbar rentables Geschäft könnte sich nach Einbeziehung aller Faktoren als unwirtschaftlich oder sogar schädlich herausstellen.

Reine Wirtschaftsindikatoren wie das BIP sollten also in Zukunft um Indikatoren ergänzt werden, die das gesamte Wohl der Menschen und des Planeten im Fokus haben. Dafür gilt es, den Wert der natürlichen Ressourcen im Sinne des Konzepts des Naturkapitals konkret in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einfließen zu lassen. Nur so lässt sich die ökologische Entwicklung messen und mit den Inhalten der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung abgleichen. Problematisch ist hierbei jedoch, dass das BIP eine sogenannte Flussgröße darstellt. Das bedeutet, dass lediglich die wirtschaftlichen Aktivitäten einer Volkswirtschaft widergespiegelt werden, nicht aber der Bestand an Ressourcen oder die Veränderung des Bestandes (Bestandsgröße).

Biodiversität als Grundlage aller Überlegungen    

Die Grundlage jeder Überlegung im Zusammenhang mit dem Konzept des Naturkapitals bildet die Biodiversität, also die biologische Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten im Hinblick auf Arten, Gene und Ökosysteme. Denn sie bestimmt alle Vorgänge, die für unser Leben auf der Erde notwendig sind, etwa die Entstehung von Boden, Luft oder Trinkwasser. Diese Dienstleistungen der Natur sind unverzichtbar, zum Beispiel für den Agrar- oder den Windenergiesektor, und Schätzungen zufolge 125 bis 140 Billionen US-Dollar wert. Das entspricht etwa dem 1,5-fachen Wert des weltweiten BIPs. Ein Verlust an Biodiversität hätte eine Verminderung dieser Dienstleistungen zur Folge und dementsprechend negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Laut Schätzungen des World Wildlife Fund For Nature (WWF) könnte die Abnahme der biologischen Vielfalt das globale BIP bis 2050 jedes Jahr um 129 Milliarden US-Dollar verringern.

Der Wert der Biodiversität als Bruttoinlandsprodukt

Die Vermeidung weiterer Verluste an Biodiversität erfordert jedoch hohe Investitionssummen während der Übergangsphase, die benötigt werden, um neue, nachhaltigere Technologien und Inputfaktoren für die Produktion zu entwickeln und zu etablieren. Noch sind es vor allem öffentliche Gelder, die in diesen Bereich fließen. Allerdings sind diese bei Weitem nicht ausreichend. Daher müssen Wege gefunden werden, verstärkt auch private Investoren anzuziehen, unter Umständen in Kollaboration mit der öffentlichen Hand.

Auch ein weiter Weg beginnt mit einem ersten Schritt

Zwar scheint der Weg hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft vorgezeichnet – die einzelnen Schritte müssen jedoch erst noch beschlossen werden. Einen Anfang können sicher internationale Abkommen darstellen. Im Rahmen der im Oktober stattgefundenen UN Biodiversity Conference (COP15, Teil 1) wurden bereits Verständigungen erreicht – der zweite Teil der COP15 wird im Jahr 2022 stattfinden. Demnach ist zum Beispiel geplant, in der kommenden Dekade mindestens ein Drittel der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen. Bei den Investitionen sollten Kapitalflüsse aus weniger nachhaltigen Bereichen in „grüne“ Projekte umgeleitet werden. Der europäische Green Deal und das Fit-für-55-Programm weisen hier in die richtige Richtung. Und schließlich müssen neue Technologien disruptiv sein, in dem Sinne, dass sie für Investoren Gewinne generieren können und gleichzeitig das Naturkapital für kommende Generationen schützen.

Das mag alles sehr abstrakt und theoretisch klingen, doch das tat es vor gar nicht allzu langer Zeit auch beim Nachhaltigkeitskomplex ESG (engl.: „Environment“, „Social“, „Governance“; dt.: Umwelt, Soziales, gute Unternehmensführung) – mittlerweile eines der bestimmenden ökonomischen Themen des weltweiten Finanzsektors.

Auswirkungen für Anleger sind bedeutend

In den vergangenen Jahren haben laut dem jährlich erscheinenden Weltrisikobericht des Weltwirtschaftsforums die klimabedingten Risiken für die Wirtschaft und unter Marktteilnehmern deutlich an Bedeutung gewonnen. Die fünf wahrscheinlichsten globalen Risiken umfassen neben „Infektionskrankheiten“ auf Platz 4 ausschließlich Umweltrisiken: Extremwetter, Klimaschutzversagen, menschlich bedingte Umweltschäden und den Verlust an Biodiversität.

Neben konkreten physischen Risiken, etwa der Beschädigung oder Zerstörung von Gebäuden oder Ackerflächen durch Stürme oder Starkregen, können auch Übergangsrisiken (Geschäftsrisiken beim Übergang in eine nachhaltigere Wirtschaft) und Haftungsrisiken, etwa im Zuge strengerer Regulatorik, die Wirtschaftsentwicklung hemmen. Um die Schäden zu begrenzen, sind laut des UN-Umweltprogramms bis 2050 Investitionen in Höhe von 8,1 Billionen US-Dollar erforderlich. Zwar steigen die öffentlichen Ausgaben zu diesem Zweck seit 2008 weltweit stetig, doch noch immer klafft eine Investitionslücke von mehr als 4 Billionen US-Dollar. Dabei sollten sich Investitionen in Sektoren und Unternehmen, die die grüne Transformation der Wirtschaft vorantreiben, auszahlen: Bis 2030 könnte in diesem Bereich ein Volumen von 10,1 Billionen US-Dollar erwirtschaftet werden und fast 400 Millionen neuer Jobs entstehen, während die Widerstandskraft der beteiligten Unternehmen gegen zukünftige ökologische und naturbedingte Risiken zunehmen dürfte.

Neben den beschriebenen Risiken durch die menschengemachte Umweltzerstörung, die Anleger mehr und mehr in den Fokus ihrer Investmententscheidungen nehmen müssen, können sich für entsprechend risikobereite Anleger durch die nachhaltige Transformation der Weltwirtschaft auch interessante Investmentmöglichkeiten bieten. Im Anlageprozess dürften dabei regulatorische Vorgaben weiter an Bedeutung gewinnen, etwa hinsichtlich der klimabezogenen Berichterstattung von Unternehmen, der Bewertungsmaßstäbe von Ratingagenturen oder der Taxonomie für nachhaltige Aktivitäten, wie sie beispielsweise von der Europäischen Kommission erarbeitet wird.

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Redaktionsschluss: 09.11.2021, 13:00 Uhr