Chinas Wirtschaft: Risiken bleiben, Erholung scheint möglich

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Aktien – 05.08.2022

Chinas Wirtschaft: Risiken bleiben, Erholung scheint möglich

Die wichtigsten Fakten:

  • Corona-Lockdowns haben chinesische Wirtschaft stark beeinträchtigt
  • Immobilienmarkt sorgt weiterhin für Unsicherheiten
  • Regierung legt neue Stützungsmaßnahmen auf

Die Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung mit ihren strikten Lockdowns hat die Wirtschaft Chinas im ersten Halbjahr 2022 massiv ausgebremst. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im ersten Halbjahr nur um 2,5 Prozent. Auch der für die zweite Jahreshälfte erwartete Erholungskurs verläuft bislang noch eher stockend. Mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 3,3 Prozent im Juni kam zwar die Hoffnung auf ein stärkeres zweites Halbjahr auf. Zudem erreichte der offizielle Einkaufsmanagerindex des Verarbeitenden Gewerbes einen Wert leicht über der Wachstumsmarke von 50. Im Juli fiel der Index jedoch wieder um 1,2 auf 49 Punkte. Die befragten Unternehmen meldeten im Vergleich zu den dynamischen Juniwerten insgesamt schwächere Produktions- und Beschäftigungszahlen. Rückläufige Auftragseingänge aus dem In- und Ausland lassen auch für den August eine insgesamt gedämpfte Aktivität der Industrieunternehmen erwarten.

Dennoch könnte sich die chinesische Wirtschaft, begleitet von wachstumsfördernden staatlichen Stützungsmaßnahmen, im Jahresverlauf 2022 schrittweise erholen. Dabei gilt es jedoch, zwei wesentliche chinaspezifische Risiken im Blick zu behalten: zum einen die Möglichkeit erneuter strenger Lockdowns infolge eines Wiederaufflammens der Covid-19-Infektionszahlen, zum anderen die weiterhin bestehenden Unsicherheiten am chinesischen Immobilienmarkt.

Immobilienentwickler unter Druck

Für negative Schlagzeilen aus dem chinesischen Immobiliensektor sorgte zuletzt eine zunehmende Zahl von Anträgen zur Aussetzung von Hypothekenzahlungen für vorverkaufte, aber nicht fertiggestellte Objekte durch Immobilienkäufer. Betroffen sind davon bislang rund 320 Immobilienprojekte mit einem Hypothekenvolumen von geschätzt bis zu 300 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Anteil von 4 bis 5 Prozent aller ausstehenden Hypotheken in China.

Zwar scheint das Systemrisiko durch ausbleibende Hypothekenzahlungen eher gering – der Verschuldungsgrad, also die Kreditsumme im Verhältnis zum Wert einer Immobilie, ist in China mit durchschnittlich 40 Prozent vergleichsweise niedrig. Zudem sollten die Banken – auch dank einer hohen staatlichen Einflussnahme auf das Bankensystem – in der Lage sein, mögliche Kreditausfälle zu stemmen. Allerdings könnte im wichtigen Häusermarkt eine Abwärtsspirale aus sinkendem Käufervertrauen und schrumpfender Nachfrage entstehen. Diese könnte sich auch negativ auf andere Bereiche der chinesischen Wirtschaft auswirken, beispielsweise könnte die Nachfrage nach Baumaterialien sinken. Die metallverarbeitende Industrie etwa, ein wichtiger Zulieferer der inländischen Bauwirtschaft, verzeichnete im Juli bereits rückläufige Produktionszahlen.

In den ersten fünf Monaten des Jahres 2022 ist die Zahl der Haus- und Wohnungsverkäufe gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 35 Prozent gesunken. Betroffen sind davon vor allem Objekte in kleineren sogenannten zweit- und drittrangigen Städten mit 3 bis 15 Millionen Einwohnern beziehungsweise 150.000 bis 3 Millionen Einwohnern. Falls das Vertrauen der Immobilienkäufer nicht wiederhergestellt werden kann, dürfte das negative Auswirkungen auf die Immobilienpreise haben. Das könnte den Druck auf die ohnehin unter Anspannung stehenden Immobilienentwickler noch erhöhen und weitere staatliche Stabilisierungsmaßnahmen erforderlich machen.

Rettungsfonds für die Immobilienwirtschaft

Die chinesische Regierung hat unterdessen angekündigt, einen Rettungsfonds aufzulegen, um schwächelnde Immobilienentwickler zu stützen und die Fertigstellung bereits begonnener Bauprojekte zu finanzieren. Dafür wollen die staatliche China Construction Bank und die chinesische Zentralbank People‘s Bank of China zunächst voraussichtlich rund 80 Milliarden Renminbi (umgerechnet rund 12 Milliarden US-Dollar) zur Verfügung stellen. Sollte das Programm funktionieren, könnten weitere Banken das Volumen des Fonds auf bis zu 300 Milliarden Renminbi aufstocken.

Mit dem Fonds dürfte die Regierung ein deutliches Zeichen setzen, welches ein mögliches Übergreifen der Immobilienkrise auf andere Sektoren verhindern könnte. Um das Vertrauen in den Immobiliensektor langfristig zu stärken, müssten allerdings womöglich weitere Maßnahmen folgen. Dazu könnte zum Beispiel die Übernahme unvollendeter Immobilienprojekte durch staatliche Unternehmen, eine deutliche Lockerung der Restriktionen beim Hauskauf oder die Einrichtung einer staatlichen Taskforce zur Lösung der Probleme am Immobilienmarkt gehören.

"Aktienmarkt China: Einstiegschancen bei der Rückkehr des Wachstums"

Aktienausblick: vorsichtig optimistisch

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Risiken auf dem Immobilienmarkt weiter entwickeln und inwiefern die staatlichen Gegenmaßnahmen wirken. Die Deutsche Bank bleibt aber mit einem erwarteten Wachstumsplus von 3,8 Prozent im laufenden und 5,3 Prozent im Jahr 2023 für die wirtschaftliche Entwicklung Chinas optimistisch gestimmt. Trotz des holprigen Starts scheint der konjunkturelle Aufwärtstrend für das zweite Halbjahr 2022 grundsätzlich intakt. Die Corona-Lage scheint vorerst von einem anhaltenden Lockerungstrend bestimmt. Die angekündigten fiskal- und geldpolitischen Stützungsmaßnahmen sollten die Konjunkturentwicklung stützen, zumal hohe Inflationsraten in China aktuell kein Thema sind.

Chinas Aktienmarkt mit Aufholpotenzial

Auch wenn einige der Korrekturen im Immobiliensektor bereits teilweise am chinesischen Aktienmarkt eingepreist zu sein scheinen und sich die Anlegerstimmung angesichts der staatlichen Hilfen für den Sektor stabilisieren sollte, dürfte das Marktumfeld für chinesische Aktien kurzfristig von Schwankungen geprägt bleiben. Der MSCI China hat durch starke Kursrückgänge im Immobiliensektor und im Bankensektor seit Juni rund 9 Prozent an Wert eingebüßt. Das auf 12-Monats-Sicht für den Index erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt aktuell mit 10,5 etwa 6 Prozent unter dem langfristigen Durchschnitt.

In den kommenden Monaten dürften Sektoren wie Tourismus und Dienstleistung von der Öffnung nach den Corona-Lockdowns profitieren können. Zudem sollten dank eines starken Wachstums staatlicher Infrastrukturinvestitionen – mit denen Peking Wachstums- und Beschäftigungsstimuli setzen will – auch die Industrieunternehmen des Schienen-, Schiffs- und Luftverkehrs Anlegern Chancen bieten. Gleiches könnte aufgrund der staatlichen Förderung beim E-Auto-Kauf für Chinas Automobilbranche gelten. Darüber hinaus könnten weitere Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, des Tech- und des Energiesektors für Kurspotenzial sorgen. Für entsprechend risikobereite und langfristig orientierte Anleger könnte sich eine Strategie des schrittweisen selektiven (Wieder-)Einstiegs in chinesische Aktien anbieten.

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Redaktionsschluss: 04.08.2022, 10:00 Uhr