Deutschland: bald zu alt zum Wachsen?

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Aktien – 28.10.2021

Deutschland: bald zu alt zum Wachsen?

Die wichtigsten Fakten:

  • Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland sinkt weiter
  • Arbeitskräftemangel könnte Wachstum langfristig bremsen
  • Politik und Wirtschaft sollten mit gezielten Maßnahmen gegensteuern

1964 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 1,36 Millionen Kinder geboren – so viele wie nie zuvor und seither nie wieder in einem Jahr. Der Jahrgang ist damit zumindest demografisch gesehen der Höhepunkt der sogenannten Babyboomer-Generation, also der geburtenstarken Jahrgänge von Mitte der 1950er- bis Ende der 1960er-Jahre. Mit Erreichen des Erwerbsalters stellten die Babyboomer der Gesellschaft über lange Zeit eine überproportional große Zahl von Arbeitskräften zur Verfügung. Gleichzeitig bekamen sie im Vergleich zu ihren Eltern nur noch wenige
Kinder und läuteten damit eine neue demografische Phase ein: Seit 1972 sterben in Deutschland Jahr für Jahr mehr Menschen als neu geboren werden.1 Die Bevölkerung hierzulande konnte allein durch Zuwanderung noch weiterwachsen.

Nun jedoch gehen die Babyboomer Jahrgang für Jahrgang in Rente. Die durch die Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge entstehende Lücke auf dem Arbeitsmarkt werden die jüngeren Generationen nicht ansatzweise schließen können. Allein bis 2030 dürften in Deutschland jedes Jahr durchschnittlich eine halbe Million Menschen mehr aus dem Erwerbsleben ausscheiden als neu hinzukommen. Selbst bei einer angenommenen Zuwanderung von mehr als 200.000 Arbeitskräften pro Jahr könnten dem deutschen Arbeitsmarkt laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) so bis 2030 rund 3,5 Millionen Arbeitskräfte verloren gehen.2 Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kommen im Jahr 2035 bis zu 43 Personen ab 67 Jahren auf 100 Personen im Alter zwischen 20 und 66 Jahren. Im Jahr 2020 betrug dieser sogenannte Altenquotient noch 31.3

Bis zu 10 Milionen weniger Arbeitskräfte

Schrumpfende Bevölkerung gleich schrumpfendes Wachstum?

Der schrumpfende Anteil von Erwerbstätigen könnte sich empfindlich auf das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auswirken. Denn neben Kapital und technischem Fortschritt ist der Faktor Arbeit einer der drei Treiber für das Wachstum in einer Volkswirtschaft. Das daraus ermittelte Potenzialwachstum beschreibt, in welchem Maße eine Volkswirtschaft im langfristigen Durchschnitt wachsen kann, ohne Inflationsdruck zu erzeugen. Schon heute ist in vielen Wirtschaftsbereichen der Fachkräftemangel ein Problem. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass das Wachstumspotenzial dementsprechend von aktuell 1,2 Prozent auf 0,7 Prozent im Jahr 2025 abnehmen könnte.

Eine Patentlösung für das demografische Problem gibt es nicht. Neben der Förderung von Zuwanderung könnte es jedoch zwei wesentliche Möglichkeiten geben, dieser Entwicklung von staatlicher Seite gegenzusteuern:

  1. Die Aktivierung „stiller Reserven“ in Höhe von rund 3,5 Millionen Erwerbsfähigen durch Anreize wie die Anhebung der Hinzuverdienstgrenzen beim Arbeitslosengeld II, die Förderung von Qualifizierungsmaßnahmen, die Flexibilisierung des Renteneintrittsalters für Menschen, die freiwillig länger arbeiten möchten, sowie den Ausbau der Kinderbetreuung zur Reduzierung unfreiwilliger Teilzeitarbeit insbesondere bei Frauen.
  2. Die Schaffung eines investitionsfreundlichen Umfelds für Unternehmen. Denn Investitionen, beispielsweise in die Automatisierung, können erheblich zur Steigerung der Produktivität beitragen und einem demografisch bedingten Rückgang des Wachstumspotenzials entgegenwirken. Voraussetzung dafür sind jedoch ein international wettbewerbsfähiges Steuersystem sowie eine moderne – digitale – Infrastruktur und Verwaltung.

Einfluss auf Aktienmarkt begrenzt

Würden die oben genannten Maßnahmen zur Förderung von Investitionen ergriffen, sollte sich das positiv auf bestimmte Sektoren auswirken, etwa den Maschinenbau oder die Bereiche Automatisierung, Robotik, Software oder künstliche Intelligenz. Entsprechende Gelder stehen zum Beispiel aus dem insgesamt 750 Milliarden Euro schweren Corona-Wiederaufbaufonds der Europäischen Union zu Verfügung, mit dem vor allem der Klimaschutz und die Digitalisierung gefördert werden sollen. Deutschland hat daraus für entsprechende Förderprojekte im Juni 2021 eine Zusage über knapp 26 Milliarden Euro erhalten.

„Risiko Demografie: Warum die Alterung der Gesellschaft für Anleger auch Chancen bieten kann."

Die demografische Entwicklung könnte in den kommenden Jahren einen zunehmenden Einfluss auf die Geschwindigkeit der europäischen Wachstumslokomotive Deutschland nehmen. Anleger sollten das bei ihren Investments berücksichtigen. Zumal die Entwicklung auch Chancen bieten könnte: Vorbehaltlich aktueller Risiken wie dem Wiederaufflammen der Coronavirus-Pandemie, den steigenden Energiepreisen oder den gestörten Lieferketten, die sich nur kurzfristig auswirken sollten, könnten für entsprechend risikobereite Anleger insbesondere jene Sektoren langfristig Potenzial aufweisen, die einer demografisch bedingten Schwächung des Arbeitsmarktes entgegenwirken, etwa die Digitalisierung und Automatisierung, aber auch jene, deren Bedeutung in alternden Gesellschaften zunimmt, zum Beispiel der Gesundheits-, Medizintechnik- oder Pharmasektor. Hier könnten sich zum Beispiel Investmentlösungen anbieten, die Unternehmen aus den entsprechenden Sektoren bündeln. Absatzmärkte für solche Unternehmen finden sich im Übrigen nicht nur in Deutschland und einigen seiner europäischen Nachbarn, etwa Italien, sondern auch in anderen entsprechend von der demografischen Entwicklung betroffenen Ländern, etwa Japan oder Südkorea sowie China, das aufgrund seiner jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik ebenfalls in großen Schritten auf eine überalterte Gesellschaft zusteuert.

Quellen:

1 »Die Babyboomer gehen in Rente. Was das für die Kommune bedeutet.« erstellt vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung | berlin-institut.org für die Körber-Stiftung, November 2018. Abgerufen über: https://www.koerber-stiftung.de/mediathek/die-babyboomer-gehen-in-rente-was-das-fuer-die-kommunen-bedeutet-1690
2 IW-Report Nr. 38, 14. Oktober 2021. Abgerufen über: www.iwkoeln.de/studien/wido-geis-thoene-in-europa-entwickeln-sich-die-bevoelkerungen-im-erwerbsfaehigen-alter-unterschiedlich.html?mtm_campaign=PM-Demografie&mtm_kwd=PM-Demografie
3 Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 459 vom 30. September 2021. Abgerufen über: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/09/PD21_459_12411.html


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Redaktionsschluss: 27.10.2021, 15:00 Uhr