Energiesektor stützt US-Berichtssaison – Ausblick getrübt

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Aktien – 11.08.2022

Energiesektor stützt US-Berichtssaison – Ausblick getrübt

Die wichtigsten Fakten:

  • US-Unternehmen übertreffen Gewinnerwartungen auf breiter Front
  • Mittelfristige Aussichten von Unsicherheit geprägt
  • Qualitätsaktien könnten in den Fokus rücken

Die US-Berichtssaison ist in vollem Gange. Bislang haben 432 Unternehmen im S&P 500 ihre Zahlen für das zweite Quartal 2022 vorgelegt (Stand: 5. August 2022). Rund 78 Prozent davon konnten die Gewinnerwartungen der Analystengemeinde übertreffen, und damit deutlich mehr als der historische Durchschnitt von 66 Prozent.

Unter Berücksichtigung der Schätzungen zu den noch ausstehenden Zahlen könnten die realisierten Gewinne im S&P 500 um 9,2 Prozent höher liegen als im Vorjahreszeitraum – und damit rund 4 Prozentpunkte höher als für den US-Leitindex zu Beginn der Berichtssaison erwartet. Für das Gewinnplus sorgten bislang allerdings hauptsächlich die Unternehmen des Energiesektors. Rechnet man diese heraus, steht unterm Strich ein Minus von 1,5 Prozent. Damit zeigt sich in den USA ein ähnliches Bild wie in Europa, wo die Gewinne der Energieunternehmen im zweiten Quartal ebenfalls jene der Unternehmen anderer Sektoren deutlich überflügeln konnten. Jedoch dürfte das Gewinnwachstum in Europa auch ohne das Plus im Energiesektor noch deutlich positiv ausfallen.

Raffinerien mit Rekordgewinnwachstum

Die US-Energieunternehmen konnten ihre Gewinne bislang um rund 296 Prozent steigern. Das ist noch einmal deutlich mehr als die im Vorfeld der Berichtssaison erwarteten 239 Prozent. Mit dem höchsten Gewinnwachstum konnten die Raffinerien aufwarten: Aufgrund der starken Nachfrage nach Diesel und Kerosin verzeichneten sie einen Rekordgewinnzuwachs von über 1.200 Prozent. Stichwort Kerosin: Ein deutlich positives Gewinnwachstum legten gegenüber dem Vorjahreszeitraum auch die Fluggesellschaften hin, die sich langsam von den Einschränkungen der Coronavirus-Pandemie zu erholen scheinen.

Die Erwartungen überflügeln konnten auf Sektorebene der Industriesektor mit circa 30 Prozent (erwartet: 17,4 %) sowie etwas überraschend der Immobiliensektor mit 13,0 Prozent (erwartet: 4,2 %) und der Gesundheitssektor (Healthcare) mit 8,6 Prozent (erwartet: 1,6 %). Der Werkstoffsektor konnte die Erwartungen leicht übertreffen.

Mit Gewinneinbußen mussten sich die Sektoren Nicht-Basiskonsumgüter, Telekommunikation und Finanzen abfinden. Ebenfalls rückläufig, wenn auch weniger stark als erwartet, fiel die Gewinnentwicklung der Versorger aus. Stagnierende Gewinne meldete der Sektor Basiskonsumgüter.

"Berichtssaison USA: Unternehmen übertreffen Gewinnerwartungen – Ausblick durchwachsen."

Positive Signale von den Unternehmensinvestitionen

Positive Impulse für das Wachstum in den USA gingen im Berichtszeitraum von steigenden Investitionen der Unternehmen in Kapazitätserweiterungen (engl. Capital Expenditures, kurz CapEx) aus. Sie legten gegenüber dem Vorjahr um durchschnittlich 19 Prozent zu, in den Sektoren Informationstechnologie, Industrie, Werkstoffe und Finanzen sogar um 30 bis 95 Prozent. Die Unternehmensinvestitionen könnten auch bei nachlassender Konjunkturdynamik auf erhöhten Niveaus bleiben, weil Firmen im Hinblick auf die globalen Lieferkettenprobleme verstärkt in das „Reshoring“ oder „Onshoring“ investieren, also die Verlagerung von Produktionskapazitäten in den Heimatmarkt. Auf der anderen Seite erwägen einige Unternehmen vor dem Hintergrund sinkender Nachfrage bereits, Arbeitskräfte zu entlassen. Steigende Arbeitslosenzahlen könnten den Konsum schwächen und die rezessiven Tendenzen in den USA verstärken.

Energiesektor stützt US-Berichtssaison

Unruhigeres Fahrwasser voraus

Der grundsätzlich positive Verlauf der Berichtssaison konnte dem S&P 500 zu einer kurzfristigen Erholung in Höhe von 5,2 Prozent verhelfen. Und das trotz der schwierigen Gemengelage aus zunehmenden Rezessionssorgen, hoher Inflation und der damit verbundenen Aussicht auf weitere Leitzinserhöhungen der US-Notenbank Fed.

Zuletzt zeichneten sich jedoch für die kommenden Quartale vermehrt negative Gewinnrevisionen der „Bottom-up“-Analystengemeinde ab. Diese könnten insbesondere den zyklischen Konsum, den Technologie- und den Kommunikationssektor sowie den Werkstoffsektor belasten. „Bottom-up“ bedeutet, dass Analysten einen Markt von unten nach oben analysieren, also zuerst einzelne Unternehmen unter die Lupe nehmen, um anschließend den Gesamtmarkt zu bewerten. Zwar erwarten die Analysten aktuell auf absehbare Zeit noch ein insgesamt positives Gewinnwachstum; sich verschlechternde Unternehmensdaten und eine steigende Zahl von Gewinnrevisionen könnten sich jedoch zunehmend belastend auf den US-Aktienmarkt auswirken. Anleger sollten vor diesem Hintergrund neben der Konjunkturentwicklung insbesondere die Inflation und die Arbeitsmarktdaten in den USA genau im Blick behalten. Denn Letztere dürften maßgeblich den weiteren Leitzinszyklus der Fed bestimmen. Ein absehbares Ende des Zinsanhebungszyklus der Fed erscheint grundsätzlich erst dann möglich, wenn die künftigen Inflationsraten geringer ausfallen und der Arbeitsmarkt an Schwung verliert.

Aufgrund des bis dahin schwankungsanfälligen Umfelds an den Kapitalmärkten könnten sich entsprechend risikobereiten Anlegern für Investitionen am US-Aktienmarkt derzeit vor allem Qualitätsaktien anbieten, also Papiere von Unternehmen mit großer Markt- und Preissetzungsmacht, langfristig solider Gewinnentwicklung und regelmäßigen Dividendenzahlungen. Im Rahmen eines breit aufgestellten Portfolios könnten zudem Unternehmensanleihen guter Bonität einen Blick Wert sein.

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Redaktionsschluss: 10.08.2022, 10:00 Uhr