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Aktien – 03.08.21

Europa setzt seine Stahlindustrie auf Low-Carbon-Diät

Die wichtigsten Fakten:

  • Stahlindustrie als ein Profiteur der aktuellen Konjunkturerholung
  • Produktion in Europa soll bis 2035 deutlich klimafreundlicher werden
  • „Grüner“ Stahl langfristig mit möglichen Wettbewerbsvorteilen

Wo gebaut wird, braucht es Stahl – und gebaut wird dank der vielerorts begonnenen konjunkturellen Erholung seit einigen Monaten weltweit wieder deutlich mehr. Das hat ganz direkte Auswirkungen auf den Stahlpreis: Seit Mitte Mai 2021 stiegen beispielsweise die Kosten für nordeuropäischen Betonstahl um mehr als 30 Prozent. Für die Metallproduzenten sind das gute Nachrichten. Wie andere Unternehmen aus zyklischen Branchen profitieren auch sie nach den coronabedingt schwächeren Quartalen nun zunehmend von den verbesserten Aussichten für das Wirtschaftswachstum.

Neue Emissionsvorgaben für Stahl

Doch des einen Freud ist des anderen Leid. Denn eine steigende Stahlproduktion verursacht auch steigende Treibhausgasemissionen und damit eine größere Belastung für die Umwelt. Immerhin 8 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes gehen schon heute allein auf die Stahlproduktion zurück. Geht es nach dem Willen der Europäischen Union, soll damit jedoch bald Schluss sein: Im Rahmen ihres geplanten Maßnahmenpakets zur Erreichung der Klimaziele will die EU-Kommission unter anderem ab 2026 einen sogenannten Grenzausgleichsmechanismus für Kohlendioxidemissionen (Carbon Border Adjustment Mechanism, kurz: CBAM) einführen – und damit globaler Vorreiter in Sachen Klimaschutz werden. CO2-intensive Güter wie Stahl aus konventioneller Produktion werden sich dadurch de facto verteuern.

Hintergrund: Bislang müssen europäische Stahlproduzenten im Rahmen des EU-Emissionshandels für jede Tonne emittiertes CO2 ein Zertifikat vorlegen. Diese Emissionsrechte können beispielsweise über die Energiebörse in Leipzig erworben und gehandelt werden. Einen Teil der notwendigen Zertifikate erhalten die Produzenten jedoch von der EU kostenlos, damit sie im Vergleich zu der noch deutlich klimaschädlicheren Konkurrenz insbesondere aus Asien wettbewerbsfähig bleiben können – ihr Ausstoß von Kohlendioxid wird zu einem gewissen Teil also nicht bepreist. Schätzungen zufolge senkt dies den Preis europäischen Stahls am Weltmarkt um 20 Prozent. Bis 2035 sollen diese kostenlosen Zertifikate weitestgehend abgeschafft werden. Um neuerliche Wettbewerbsnachteile zu vermeiden, die Abwanderung treibhausgasintensiver Produktionen in Nicht-EU-Länder zu verhindern und Investitionen in klimafreundlichere Produktionsverfahren attraktiver zu gestalten, soll im Rahmen des CBAM stattdessen künftig der in Stahlimporten enthaltenen CO2-Fußabdruck bepreist werden. Für Importe, die den EU-Emissionsvorgaben nicht entsprechen, muss dann eine „Klimaabgabe“ entrichtet werden, die umso höher ausfällt, je mehr CO2 bei der Produktion entsteht.

„Stahl heiß begehrt: Konjunkturerholung stützt Preise – langfristiger Fokus in Europa auf CO2-reduzierte Produktion.“

Das Ziel: Wasserstoff statt Kohle

Die Emissionsvorgaben der EU dürften im internationalen Maßstab vergleichsweise restriktiv ausfallen. Denn mit ihrem Mitte Juli vorgestellten Plan „Fit for 55“ will sich die Europäische Kommission dazu verpflichten, den Ausstoß von Kohlendioxid in der Europäischen Union bis 2030 um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Das bedeutet, dass insbesondere CO2-intensive Industrien wie die Metallproduktion ihre Klimagasemissionen zeitnah stark senken müssten – eine Umstellung, die mit erheblichen Investitionen verbunden wäre. In Deutschland, Frankreich und Spanien beispielsweise sollen bereits in wenigen Jahren die ersten Stahlwerke in Betrieb gehen, die statt auf Kohle auf grünen, also klimaneutral produzierten Wasserstoff setzen. Teile der Entwicklungskosten sollen durch den EU Innovation Fund getragen werden.

„Grünem“ Stahl gehört die Zukunft

Bis 2035 soll der CBAM vollständig ausgerollt sein. Die Übergangsphase soll der Stahlindustrie eine möglichst reibungslose Umstellung ermöglichen – vor allem, aber nicht nur in der EU. Insbesondere vonseiten CO2-intensiver Produktionsstandorte und großer Förderländer von Eisenerz und Kohle wie Australien, China, Russland oder Indien ist trotzdem erheblicher Widerstand gegen den CBAM zu erwarten. Australien beispielsweise befürchtet negative Auswirkungen auf seine Minenindustrie, sollten sich chinesische Stahlimporte nach Europa verteuern. Für die europäische Stahlindustrie ist der neue Mechanismus Herausforderung und Chance zugleich – zumal das Wachstumspotenzial des globalen Stahlmarkts in den kommenden Jahren und Jahrzehnten insgesamt begrenzt sein könnte. Zwar dürfte der Ausbau der erneuerbaren Energien die Stahlnachfrage mittelfristig treiben: Allein eine Fünf-Megawatt-Offshore-Windkraftanlage erfordert den Einsatz von 750 bis 1.250 Tonnen Stahl. Die zusätzliche Nachfrage wird allerdings naturgemäß mit zunehmender Fertigstellung der Anlagen abnehmen. Parallel dazu dürfte der Trend zum E-Auto – in das rund 150 Kilogramm weniger Stahl verbaut werden als in einen Pkw mit Verbrennungsmotor – die Stahlnachfrage reduzieren.

Wahrscheinlich dürfte es nach Ansicht der Deutschen Bank dagegen sein, dass insbesondere Stahlerzeuger, die zeitnah umweltschonende Produktionsprozesse implementieren, in Zukunft zu den Gewinnern gehören werden. Während ihre Güter stärker nachgefragt werden dürften – schließlich haben sich alle bedeutenden Volkswirtschaften zu einer Reduzierung ihrer Klimagasemissionen bekannt –, könnten Produzenten herkömmlichen Stahls an Marktanteilen verlieren. Für Europa und seine Industrie bietet sich die Möglichkeit, global eine technologische Vorreiterrolle in Sachen „grüner“ Stahl einzunehmen und sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Entsprechend risikobereiten Anlegern, die im Bereich Schwerindustrie investieren möchten, bieten sich in der Stahlbranche daher aktuell durchaus interessante Investmentmöglichkeiten: kurzfristig vor allem aufgrund des zyklischen Charakters des Sektors, auf mittlere und lange Sicht auch mit Blick auf die Entwicklungen im Bereich Wasserstoff- und Umwelttechnologien.

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Redaktionsschluss: 02.08.2021, 12:00 Uhr