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Aktien – 03.05.22

Halbleiter: ein Stück Zukunft fürs Portfolio?

Die wichtigsten Fakten:

  • Aktien von Halbleiterproduzenten gerieten zuletzt unter Druck
  • Trends wie Digitalisierung und Demografie sprechen langfristig für den Sektor
  • Aktuelle Bewertungsrückschläge könnten interessante Anlagemöglichkeiten bieten

Ohne Halbleiter ist unsere moderne Welt nicht vorstellbar: Computerchips stecken heute nicht nur in Smartphones und PCs, sondern mittlerweile in fast jedem technischen Gerät. Die Nachfrage nach den kleinen digitalen Schaltzentralen ist entsprechend hoch, die Versorgung nicht immer gewährleistet. Im Zuge der coronabedingt gestörten Lieferketten konnte der Bedarf in der jüngeren Vergangenheit insbesondere in der Automobilindustrie zum Teil nicht mehr gestillt werden. 

Halbleitersektor derzeit unter Druck

An der Börse geriet der Leitindex der Halbleiterbranche, der in den USA gelistete SOX Semiconductor, trotz der hohen Nachfrage nach den Bauteilen zuletzt massiv unter Druck. Mit einem Minus von mehr als 25 Prozent (in US-Dollar) verlor er von Jahresbeginn bis Ende April deutlich mehr als der breite US-Markt (rund –13 Prozent). Die Bewertungen auf Basis der erwarteten Unternehmensgewinne der kommenden zwölf Monate gingen ebenfalls um 25 Prozent zurück. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war, neben den allgemeinen Marktrisiken wie der hohen Inflation, dem Russland-Ukraine-Krieg, den Lockdowns in China und einer möglichen Abnahme der globalen Wachstumsdynamik, die damit in Verbindung stehende weltweit zurückgehende Nachfrage nach Computern und Smartphones. Letztere waren in den vergangenen Jahren unter anderem durch den Boom mobiler Arbeitsformen verstärkt nachgefragt worden – ein Sondereffekt, der nun abzuebben scheint.

Herausforderung Kapazitätsausweitung

In den Kursen manifestierte sich zuletzt auch ein grundsätzliches Problem der Halbleiterindustrie: Sinkt die Nachfrage, kommt es zu Überkapazitäten; zieht sie jedoch phasenweise stark an, können aufgrund der hochkomplexen Fertigungsprozesse die Herstellungskapazitäten nicht entsprechend schnell ausgebaut werden. So wie jüngst. Die weltweit insgesamt nur wenigen großen Anbieter vor allem aus Taiwan, Südkorea und den USA reagierten auf den zwischenzeitlichen Nachfragedruck mit Milliarden US-Dollar schweren Investitionen in neue Fertigungsanlagen. Diese dürften nach Einschätzung der Analystengemeinde jedoch erst in 12 bis 18 Monaten einsatzbereit sein, zumal der Bau neuer Chipfabriken unter dem allgemein herrschenden Mangel an Rohstoffen und Vorprodukten verlangsamt werden könnte. Investoren befürchten nun, dass aufgrund der zwischenzeitlich wieder gesunkenen Nachfrage zukünftige Überkapazitäten die Preise und damit die Margen der Unternehmen drücken könnten – ein Szenario, das in der Vergangenheit bereits mehrfach zu beobachten war.

Aussichten insgesamt positiv

Die Chancen, dass es dieses Mal anders kommen könnte, sind allerdings durchaus realistisch. Zum einen scheint sich der Markt regional auf eine breitere Basis zu stellen und damit flexibler zu werden. Sowohl die coronabedingten Lieferkettenstörungen als auch der anhaltende Handelskonflikt um die technologische Vorherrschaft zwischen den USA und China haben dazu geführt, dass insbesondere in Europa und China verstärkt Anstrengungen unternommen werden, sich aus der Abhängigkeit existierender Lieferbeziehungen zumindest ein Stück weit zu befreien. Das könnte die ansonsten hohe Zyklizität des Sektors langfristig strukturell verändern. Zudem sichern sich einige große Anbieter mittlerweile durch langfristige Lieferverträge mit ihren Abnehmern gegen Nachfrageschwankungen ab. Das gibt beiden Seiten mehr Planungssicherheit bezüglich Kapazitäten und Preisen.
Zum anderen dürften langfristige Trends wie die rasant fortschreitende Digitalisierung und die demografische Alterung vieler Industriegesellschaften die Nachfrage nach Halbleitern langfristig massiv stützen. Denn dadurch werden immer mehr Maschinen und Geräte mit Halbleitern ausgestattet sein, etwa Autos und Fahrräder, aber auch Industriemaschinen und Haushaltsgeräte.

„Die Zukunft ins Portfolio: Warum Halbleiteraktien jetzt interessante Einstiegsmöglichkeiten bieten könnten.“

Bewertungsabschlag als Einstiegsmöglichkeit?

Für entsprechend risikobereite Anleger mit langem Anlagehorizont könnten die jüngsten Bewertungsabschläge bei Halbleiteraktien insbesondere im Hinblick auf die langfristigen strukturellen Veränderungen des Sektors interessante Anlagemöglichkeiten eröffnen. Dabei ist zu beachten, dass es auf absehbare Zeit im Umfeld zunehmender konjunktureller Unsicherheiten durchaus zu weiteren schwankungsintensiven Phasen in Bezug auf Unternehmensergebnisse und Aktienkurse kommen dürfte. Insgesamt könnte sich aufgrund des im Wandel befindlichen Marktes eine breite Streuung über die gesamte Bandbreite des Sektors empfehlen.

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Redaktionsschluss: 02.05.2022, 12:00 Uhr