Das Comeback der Inflation

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Aktien, Anleihen, Volkswirtschaft/Geldpolitik – 21.12.2021

Höhere Inflation – was sie für Anleger bedeutet

Die wichtigsten Fakten:

  • Die Inflation zog zuletzt in den Industrieländern deutlich an
  • Die Notenbanken haben teilweise darauf reagiert
  • Die Teuerung dürfte auch 2022 erhöht bleiben

Für viele sind es beunruhigende Zahlen: Die Inflationsrate lag im November in den USA bei 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, in der Eurozone betrug sie 4,9 Prozent, in Deutschland 5,2 Prozent. Zum Vergleich: In den Jahren 2015 bis 2020 betrug die Teuerungsrate in den USA durchschnittlich 1,5 Prozent, in der Eurozone 0,9 Prozent und in Deutschland 1 Prozent pro Jahr.

Die Gründe für die aktuell hohen Inflationsraten sind vielfältig. Dabei muss zwischen kurzfristig und länger anhaltend wirkenden Faktoren unterschieden werden.

Angebot und Nachfrage aus dem Takt

Zu den vorübergehenden Treibern der Teuerung dürften vor allem Folgen der Coronavirus-Pandemie gehören. Viele Wirtschaftsbereiche weltweit lagen im Verlauf der Pandemie zeitweise brach, etwa durch Lockdowns. Als dann Fabriken ihre Produktion wieder hochfuhren und Geschäfte wieder öffneten, entstand global ein großer Nachfragezuwachs, insbesondere bei Konsumgütern. Denn auch durch den Mangel an Dienstleistungsangeboten im Zuge des Lockdowns hatten Konsumenten mehr Geld für den Konsum zur Verfügung. Das Angebot konnte, zum Teil ebenfalls coronabedingt, mit der boomenden Nachfrage nicht Schritt halten, die Preise für viele Güter zogen an. Vor allem Rohstoffe und Vorprodukte sind noch immer knapp.
Preistreibend wirkten sich zudem die zum Teil aus denselben Gründen gestiegenen Transport- und Energiekosten aus. Auch der Dienstleistungsbereich blieb davon nicht verschont: So waren beispielsweise Urlaube aufgrund der Corona-Restriktionen lange Zeit nicht möglich, was auch hier zu Nachholeffekten und – in Verbindung mit höheren Kosten, etwa für Energie – ebenfalls zu Preissteigerungen führte, zum Beispiel bei Flugtickets. Hinzu kommen administrative Preistreiber wie die in Deutschland Anfang 2021 eingeführte CO2-Bepreisung.

Starke temporäre Inflationstreiber in den USA und der Eurozone

Vor allem in den USA ist zuletzt die Nachfrage seitens der privaten Haushalte gestiegen. Dies lag unter anderem auch an der expansiven Fiskalpolitik, welche den Haushalten Einkommenshilfen zur Verfügung stellte. Die Einzelhandelsumsätze lagen im Oktober deutlich über dem Niveau von vor der Corona-Krise und sind auch im November, wenn auch schwächer, gestiegen. Verteuert haben sich zum Beispiel Kraftfahrzeuge. Die US-Automobilindustrie konnte ihre Produktion zwar wieder hochfahren, dürfte aber aufgrund von Lieferproblemen, insbesondere bei Halbleitern, auch in den kommenden Monaten ihre Produktionskapazitäten nicht voll ausschöpfen können. Der Preisdruck für neue Pkw und – mangels Neuwagenangebot – auch für gebrauchte Fahrzeuge sollte also noch eine Weile anhalten. Die Benzinpreise zogen so stark an, dass sogar die strategischen Ölreserven angezapft wurden.

In der Eurozone zeigt sich bezüglich der Inflation ein ähnliches Bild, wobei die Nachfrage noch weiter anziehen und – bei anhaltenden Lieferengpässen – die Preise weiter treiben könnte: Der private Verbrauch lag diesseits des Atlantiks zuletzt noch 6,6 Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Zudem haben die europäischen Haushalte in der Krise geschätzt 500 Milliarden Euro angespart, die dem Konsum zufließen könnten. Auch die gute Lage am Arbeitsmarkt könnte die Nachfrage stützen.

Basiseffekte könnten Blick auf den Preisdruck verzerren

Darüber hinaus schlagen sich in den aktuellen Teuerungsraten auch sogenannte Basiseffekte nieder, die den Blick auf den tatsächlichen Preisdruck verzerren. So waren die Preise für einige Güter, etwa den Rohstoff Öl, im Verlauf der Coronavirus-Pandemie mangels Nachfrage eingebrochen und erholen sich nun wieder von dieser niedrigeren Basis aus. In Deutschland hat zudem die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze von Juli 2020 bis Dezember 2020 bei vielen Gütern zu niedrigeren Preisen geführt. Mit dem Ende der Maßnahmen stiegen die Preise wieder entsprechend an. Sobald diese Basiseffekte wegfallen, sollte das zu einem nachlassenden Preisdruck führen.

Was die Inflation weiter treiben könnte

Über kurz oder lang könnten auf Basis der aktuell hohen Inflation auch die Lohnforderungen der Gewerkschaften höher ausfallen, was wiederum die Preise treiben könnte („Lohn-Preis-Spirale“). In den USA beispielsweise ist im Verlauf der Coronavirus-Pandemie die sogenannte Partizipationsrate gefallen, das heißt, dass viele Erwerbsfähige aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind. Die US-Notenbank Fed geht bislang davon aus, dass diese Arbeitskräfte ins Erwerbsleben zurückkehren werden. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, könnte es größere Engpässe am US-Arbeitsmarkt geben und dadurch auch einen zunehmenden Druck bei den Löhnen und in der Folge Preiserhöhungen der Unternehmen. So konnten zuletzt 48 Prozent der US-Kleinunternehmen mangels Interesses potenzieller Arbeitskräfte offene Stellen nicht wunschgemäß besetzen – das ergab der jüngste Bericht des Verbands der Kleinunternehmen National Federation of Independent Business (NFIB). Und dies, obwohl 44 Prozent der befragten Unternehmen in den vergangenen drei Monaten die Gehälter angehoben hatten beziehungsweise 32 Prozent dies für die kommenden drei Monate planen. Die Arbeitsmarktstatistik des Job Openings and Labor Turnover Survey (JOLTS) wies zuletzt mit gut elf Millionen unbesetzten Stellen fast einen Rekordstand auf.

Schreckgespenst Inflation – was die aktuell hohen Teuerungsraten für Anleger bedeuten.

Langfristige Inflationstreiber nehmen zu

Langfristig treiben zudem strukturelle Themen wie der Klimaschutz oder die demografische Entwicklung die Preise, da zum Beispiel Unternehmen mehr in ihre Energieeffizienz investieren müssen beziehungsweise aufgrund des alterungsbedingt zunehmenden Fachkräftemangels die Löhne steigen und dies in die Preisfindung einfließt. Langfristig preistreibend könnten sich darüber hinaus ein Zurückfahren der globalen Arbeitsteilung und eine wieder stärkere Lagerhaltung auswirken, wie sie nach den jüngsten Lieferkettenproblemen und dem Anstieg der Transportkosten in manchen Unternehmen diskutiert werden.

Notenbanken reagieren unterschiedlich

Sowohl die US-Notenbank Fed als auch die Europäische Zentralbank (EZB) haben durch eine Änderung ihrer Inflationsziele bereits deutlich gemacht, dass sie auch eine höhere Teuerungsrate als bisher akzeptieren könnten.
Äußerungen der Notenbanker haben jüngst jedoch noch einmal die Unterschiede in der Geldpolitik der beiden Währungsräume im Hinblick auf die aktuelle Inflationsentwicklung deutlich gemacht.

Die US-Notenbank Fed hat in ihrer letzten Sitzung im Dezember 2021 die geldpolitischen Zügel vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen angezogen. Ab Januar sollen noch Anleihen im Volumen von 60 Milliarden US-Dollar pro Monat gekauft werden, was der Hälfte des Volumens von Oktober dieses Jahres entspricht. Die Wachstumsprognose für kommendes Jahr wurde von 3,8 auf 4,0 Prozent angehoben, ebenso die Inflationserwartungen von 2,2 auf 2,6 Prozent. Da auch die Arbeitslosenquote auf 3,5 Prozent zurückgehen soll, wollen zwölf von 18 Mitgliedern des Federal Open Market Committee (FOMC) den Leitzins 2022 mindestens dreimal anheben. Zwar weist Fed-Chef Jerome Powell auf die Risiken durch die Omikron-Variante des Coronavirus hin. Insgesamt zeigen die Währungshüter aber den Willen, gegen die hohen Inflationszahlen vorzugehen.

Auch die vor Kurzem (16.12.2021) stattgefundene Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) brachte gleich mehrere Ankündigungen mit sich. Neben dem planmäßigen Auslaufen des Pandemie-Notfallankaufprogrammes (PEPP) im März kommenden Jahres entschied die Zentralbank, dass die Reinvestitionsphase des PEPP sich bis mindestens Ende 2024 und damit länger als zuvor geplant erstrecken solle. Zudem wurde das reguläre Anleiheankaufprogramm (APP) mit zusätzlichen Volumina versehen. Das APP (20 Milliarden Euro pro Monat) soll darüber hinaus so lange weitergeführt werden, bis gewährleistet ist, dass das Inflationsziel in der mittleren Frist erreicht wird. Wichtig war in diesem Zusammenhang auch die Anhebung der Inflationsprognose. Die EZB erwartet für 2022 eine Inflationsrate von 3,2 Prozent, 1,8 Prozent im Jahr 2023 und 1,8 Prozent im Jahr 2024. Allerdings betonte EZB-Präsidentin Lagarde auf der Pressekonferenz, dass weiterhin geldpolitische Unterstützung notwendig sei, um das Inflationsziel von 2 Prozent mittelfristig zu erreichen. Somit hat auch die EZB die geldpolitische Wende eingeleitet. Sie bleibt im Tempo der Rückführung des geldpolitischen Stimulus allerdings deutlich vorsichtiger als die Fed.

Wie geht es weiter?

In den USA dürften Basiseffekte, Angebotsknappheiten und Nachholeffekte bei der Nachfrage die Inflationsrate im Jahresvergleich noch einige Monate hoch halten. Die Deutsche Bank rechnet für 2021 mit einem Anstieg der Kerninflation in den USA von 3,7 Prozent. 2022 dürfte die Teuerung bei 2,8 Prozent liegen. In der Eurozone sollte die Teuerung 2021 bei 2,5 Prozent und 2022 bei 2,6 Prozent liegen. Für Deutschland erwartet die Deutsche Bank für das Gesamtjahr 2021 eine Inflation von 3,1 Prozent, 2022 könnte die Inflationsrate bei 2,9 Prozent liegen.

Die weitere Entwicklung der Inflationsraten – und damit die Reaktionen der Notenbanken – dürfte maßgeblich davon abhängen, inwiefern Lieferkettenengpässe im Zuge von Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie bestehen bleiben. Zudem könnte die Entwicklung der Ölpreise eine wichtige Rolle spielen. Sowohl ein Fortbestehen der Lieferkettenstörungen als auch ein Anstieg der Ölpreise könnte weitere Inflationszuwächse für das Jahr 2022 und die erste Hälfte von 2023 zur Folge haben. Die Deutsche Bank rechnet allerdings damit, dass sich die Inflationswerte auch dann mittelfristig auf einem niedrigeren Niveau einpendeln. Sowohl die niedrigen Inflationswerte von vor der Corona-Krise als auch die hohen aktuellen Teuerungsraten sollten ab Mitte 2023 der Vergangenheit angehören.

Risiken für Anleger nehmen zu

Sähe sich die US-Notenbank inflationsbedingt früher als angekündigt zu einer restriktiveren Geldpolitik gezwungen, könnte das zu Schwankungen an den Anleihemärkten führen. Schon nach Bekanntgabe der hohen Inflationsdaten für Oktober zogen die Renditen für US-Staatsschuldtitel auf breiter Front an. Mit Aufschlägen von mehr als 0,1 Prozentpunkten fiel die Reaktion bei Restlaufzeiten von drei bis fünf Jahren am stärksten aus. Immer mehr Marktteilnehmer glaubten anscheinend, dass die US-Notenbank Fed die Risiken einer dauerhaft höheren Inflation unterschätzt habe und früher als geplant die Zinswende zu ihrer Eindämmung einleiten müsse – möglicherweise bereits im Juli 2022.

Bei einer anhaltend hohen Inflation dürften selbst bei einer Zinsanhebung die Realrenditen vieler Anleihesegmente negativ bleiben, zumal die damit einhergehenden drohenden Kursverluste ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden sollten. Das würde sie, wie schon seit einiger Zeit, unter Renditegesichtspunkten eher unattraktiv machen und könnte dazu führen, dass der Investitionsschwerpunkt der meisten Marktteilnehmer weiterhin auf Anlageklassen wie Aktien und Immobilien liegt.

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Redaktionsschluss: 20.12.2021, 17:00 Uhr