Warum bei Wasserstoffaktien Geduld gefragt ist

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Aktien, Wasserstoff, Dekarbonisierung – 28.01.2022

Warum bei Wasserstoffaktien Geduld gefragt ist

Die wichtigsten Fakten:

  • Zinswende führt zu deutlichen Kursverlusten bei hoch bewerteten Wasserstoffaktien
  • Grüner Wasserstoff bleibt wichtiger Baustein im Kampf gegen den Klimawandel
  • Anleger brauchen Geduld – und einen sehr langen Anlagehorizont

Blickt man auf die Kursbewegungen der vergangenen zwei Jahre, war wohl nur in wenigen Aktienmarktsektoren so viel Bewegung wie bei Technologiewerten aus dem Bereich erneuerbare Energien. Einem starken Anstieg der Notierungen im Jahr 2020 folgte im Jahresverlauf 2021 ein deutlicher Abschwung. Auch Unternehmen aus dem Bereich der Wasserstoffwirtschaft gerieten unter Druck: Allein im vergangenen Jahr büßten ihre Aktienwerte auf US-Dollar-Basis durchschnittlich rund 35 Prozent ein. Die Gründe für den Rücksetzer sind vielfältig und dürften in den kommenden Monaten für anhaltend starke Schwankungen sorgen. Auf lange Sicht bleibt die Wasserstofftechnologie jedoch eine der vielversprechendsten und wichtigsten Bausteine im Kampf gegen den Klimawandel – mit interessanten Aussichten für Anleger, die über einen entsprechend langen Anlagehorizont verfügen.

H₂ – ein Stoff, der vieles kann

Grundsätzlich geht es bei der Zukunftstechnologie Wasserstoff immer um den sogenannten grünen Wasserstoff. Dieser wird mithilfe von Strom aus erneuerbaren Energien über Elektrolyse erzeugt. Das Verfahren wird auch als Power-to-Gas bezeichnet und produziert kein klimaschädliches Kohlendioxid (chemisches Zeichen: CO₂). Der so gewonnene Wasserstoff (chemisches Zeichen: H bzw. H₂) kann zum Beispiel als Grundstoff für gasförmige und flüssige Energieträger und Grundchemikalien dienen sowie zum Antrieb von Lkw, Schiffen und Flugzeugen. Zudem kann H₂ zu emissionsärmeren Produktionsprozessen in der Stahlindustrie und der Metallverarbeitung beitragen und könnte damit eine wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung der Wirtschaft spielen. Wasserstoff lässt sich ohne Probleme unterirdisch in Salzstöcken, Gasdrucktanks oder in flüssiger Form speichern. Deshalb könnte Wasserstoff auch eine Schlüsselrolle bei der langfristigen Speicherung erneuerbarer Energien zufallen. So ließen sich etwa die Produktionsspitzen aus der Wind- und Solarkraft in Wasserstoff umwandeln, speichern und zum Beispiel über bereits heute bestehende Erdgaspipelines verteilen.

Aktuell Zurückhaltung unter Anlegern

Die Herausforderungen, um solchen Wasserstoff tatsächlich massenhaft etwa in der Industrie oder im Verkehr einzusetzen, sind jedoch mannigfaltig – sowohl technologisch als auch politisch. Neben den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie, etwa steigenden Kosten für Vorprodukte oder Energie, war es vor allem die zunehmende Ernüchterung hinsichtlich der geringen Umsetzungsgeschwindigkeiten, die die Wasserstoffeuphorie an den Aktienmärkten zuletzt deutlich abebben ließ. Denn trotz politischen Willens – allein im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung in Deutschland kommt 28-mal das Wort Wasserstoff vor – und umfangreicher staatlicher Unterstützungsmaßnahmen wird es vermutlich noch mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis sich Wasserstoff als relevanter Energieträger und -speicher wird durchsetzen können.

Zusätzlichen Gegenwind bekamen Wasserstoffaktien in den vergangenen Monaten durch die sich abzeichnende Zinswende infolge einer restriktiveren Geldpolitik der bedeutenden Notenbanken – allen voran der Fed. Denn bei den entsprechenden Unternehmen handelt es sich meist um junge Firmen, die zwar stark wachsen, aber derzeit noch nicht profitabel sind. Reale Gewinne fallen daher womöglich erst in einigen Jahren an – man nennt sie deshalb auch long duration stocks, also Aktien mit einer langen Laufzeit. Durch steigende Zinsen werden zukünftige Gewinne jedoch abdiskontiert, vereinfacht gesagt aus heutiger Sicht weniger wertvoll – was die entsprechenden Aktien für Anleger derzeit weniger attraktiv erscheinen lässt und ihre Kurse drückt. Dieser Gegenwind könnte noch einige Monate anhalten, zumindest so lange, wie die Zinsen an den Kapitalmärkten weiter steigen. 


Langfristig ist Wasserstoff auf der Agenda

So unsicher die Lage bei Wasserstoffaktien aktuell auch erscheinen mag, so vielversprechend bleiben die langfristigen Aussichten für grüne Wasserstofftechnologien. Europa ist hier einer der Vorreiter. Allein Deutschland will in den kommenden Jahren 9 Milliarden Euro in die Wasserstofftechnologie investieren, Frankreich liegt mit 7 Milliarden Euro nur knapp dahinter. Insgesamt könnten in der europäischen Wasserstoffbranche laut einer aktuellen Studie1 bis 2050 ein Jahresumsatz von 800 Milliarden Euro erzielt und 5,4 Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen werden. 


Doch auch weltweit genießt der Bereich zunehmend politische Rückendeckung. Zwar kommt es in den USA beim „Build Back Better“-Programm von US-Präsident Joe Biden, das unter anderem Unterstützungen für die Wasserstoffwirtschaft vorsieht, aktuell zu Verzögerungen. Insgesamt konnten die Vereinigten Staaten ihren Rückstand auf Europa in den vergangenen Jahren durch massive Investitionen in den Wasserstoffbereich jedoch verringern. Zudem haben neben der EU und 18 ihrer Mitgliedsstaaten sowie den USA bereits sechs weitere Länder eine eigene nationale Wasserstoffstrategie entwickelt – 22 Länder arbeiten mit Hochdruck daran. Auch China hatte zuletzt angekündigt, zunehmend auf klimaschonenden Wasserstoff setzen zu wollen: Laut der China Hydrogen Alliance – einer von der Regierung unterstützten Organisation von Energie- und Industrieunternehmen – soll die jährliche Wasserstoffproduktion im Reich der Mitte bis 2060 verfünffacht werden. Der Anteil von grünem Wasserstoff soll dabei von heute weniger als 20 Prozent auf 80 Prozent klettern. 


Durch eine großvolumige Produktion auf globaler Ebene könnte es gelingen, den Preis für ein Kilogramm grünen Wasserstoff von heute rund 3,70 US-Dollar auf unter einen US-Dollar bis Mitte des Jahrhunderts zu drücken. Wasserstoff könnte dann bis zu 25 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken.2


Die EU-Kommission erarbeitet derzeit zudem ein gesetzliches Rahmenwerk, das für alle Wirtschaftsbereiche definieren soll, was nachhaltig ist und was nicht. Im Rahmen dieser „grünen Taxonomie“ stellt sich unter anderem die Frage, ob Erdgas als Übergangstechnologie anerkannt werden soll. Ein positiver Bescheid könnte sich auch als Katalysator für die Entwicklung der Wasserstofftechnologie erweisen, denn er dürfte voraussetzen, dass die Erdgasinfrastruktur in Zukunft auf Wasserstoff umrüstbar sein muss.

„Aktuell Verlierer, langfristig Gewinner? Was Anleger bei Wasserstoffaktien jetzt beachten sollten.“

Anleger brauchen starke Nerven – und Geduld

Mit Blick auf das aktuelle Markt- und Zinsumfeld erscheint ein Einstiegin Wasserstoffaktien derzeit noch nicht ratsam. Entsprechend risikobereite Anleger sollten sich in Geduld üben, bis die Zinswende in den Kursen vollständig eingepreist ist – das könnte im Laufe des zweiten Halbjahres 2022 der Fall sein. Als möglicher wichtiger Baustein der zukünftigen Dekarbonisierung könnte der Bereich dann ein interessantes Investmentziel darstellen, das jedoch einen besonders langen Anlagehorizont voraussetzt. Aufgrund der hohen Unsicherheiten in Bezug auf Einzeltitel dürften sich dafür vor allem aktiv gemanagte Investmentfonds anbieten.

Quellen:

1 https://www.fch.europa.eu/sites/default/files/HydrogenRoadmap Europe_Report.pdf

2 https://www.rechargenews.com/energy-transition/violent-shakedown-green-hydrogen-to-become-cheaper-than-grey-within-two-years-says-analyst/2-1-1147440

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Redaktionsschluss: 27.01.2022, 10:00 Uhr