09. Juni 2021

Trade Information Network: Neue Möglichkeiten der Handelsfinanzierung

Wie können Käufer, Lieferanten und Banken das Angebot und die Nachfrage nach Auftrags- und Rechnungsfinanzierung auf einer transparenten und sicheren Plattform zusammenführen? Das Trade Information Network (das Netzwerk) ist nun live und hilft genau dieses Ziel zu erreichen. results. berichtet über die erste Transaktion auf dem Netzwerk im Pharmasektor.

Der fehlende Zugang zu Handelsfinanzierungen ist laut Weltwirtschaftsforum für die Hälfte der Länder der Welt eines der drei größten Exporthindernisse - Händler brechen Transaktionen in der Regel ab, wenn dieser Zugang fehlt.1

Um den ungedeckten Bedarf an Handelsfinanzierungen zu einem frühen Zeitpunkt in der Lieferkette zu adressieren, gründeten ANZ, BNP Paribas, Citi, Deutsche Bank, HSBC und Standard Chartered das Trade Information Network. Die sechs Banken haben sich zum Ziel gesetzt, ein globales Multi-Banken- und Multi-Unternehmens-Netzwerk im Bereich der Handelsfinanzierung aufzubauen.

Unternehmen können das Netzwerk nutzen, um darüber ihre Handelsinformationen einfach, sicher und direkt den Banken ihrer Wahl zur Verfügung zu stellen. Das Netzwerk bietet den Finanzinstituten Zugang zu vertrauenswürdigen Handelsinformationen und verringert damit das Risiko von Doppelfinanzierungen und Betrugsversuchen.

„Das Netzwerk versetzt Banken in die Lage, die Risiken über den gesamten Handelszyklus hinweg besser einzuschätzen und ermöglicht Handelsfinanzierungen zu einem früheren Zeitpunkt in der Lieferkette. Das trägt dazu bei, die Handelsfinanzierungslücke zu schließen", sagt Daniel Schmand, Global Head of Trade Finance and Lending der Deutschen Bank. Banken werden die Finanzierungen weiterhin außerhalb des Netzwerks über ihre bestehenden Systeme anbieten.

„Das Netzwerk erschließt Unternehmen zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten entlang der gesamten Lieferkette“, erklärt Sudhir Dole, CEO von Trade Information Network Limited, was sich perspektivisch positiv auf das Wachstum des Welthandels auswirken dürfte.

Das Netzwerk ist nun live und hat seinen Geschäftsbetrieb aufgenommen.

Wie es funktioniert

Abbildung 1: Transaktionsfluss auf und außerhalb des Netzwerks

Das Trade Information Network folgt dem Einladungsprinzip, das heißt, nur angemeldete Nutzer können neue Nutzer in das Netzwerk einladen. Nachdem sich ein neuer Nutzer auf der Plattform registriert hat, prüft Trade Information Network Limited, der Betreiber der Plattform, die Anfrage und aktiviert das neue Konto.


„Das Netzwerk erschließt Unternehmen zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten entlang der gesamten Lieferkette.”

Sudhir Dole, Chief Executive Officer, Trade Information Network Limited


Nachdem Unternehmen sich auf dem Netzwerk verbunden haben, können sie entscheiden, welche Aufträge (vom Käufer) eingestellt werden und welche davon (vom Lieferanten) zur Finanzierung bei welcher Bank angefragt werden. Die ausgewählte Bank führt die Finanzierung außerhalb des Netzwerks durch. Eine Finanzierungsanfrage kann auch nach Rechnungserstellung erfolgen und, falls maßgeblich, kann der Betrag zur Rückzahlung der Auftragsfinanzierung verwendet werden.

Das Hauptziel des Netzwerks ist es, die Banken dabei zu unterstützen, ihren Kunden in der Phase vor Versand ein noch besseres Finanzierungsangebot machen zu können. Zwar handelte es sich bei den ersten Transaktionen um eine Auftragsfinanzierung (siehe unten), dennoch „ermöglicht es das Netzwerk den Banken auch umfangreichere Finanzierungslösungen anzubieten – inklusive Rechnungs- und Lieferantenfinanzierung", erklärt Kirsten Kunz, Head of Trade Flow Product & Process Management bei der Deutschen Bank.

Erfolgreiche erste Transaktion

Als eine der Gründerbanken hat die Deutsche Bank maßgeblich dazu beigetragen, Wege zu erkunden, um die Risiken bei der Handelsfinanzierung auf offener Rechnung zu reduzieren und ihren Kunden einen besseren Zugang zu Finanzierung vor und nach Versand der Ware zu ermöglichen. Das Netzwerk steht im Mittelpunkt der Strategie der Bank, die Risiken in diesem Bereich zu reduzieren und somit das Finanzierungsangebot zu verbessern.

Mit der Pilottransaktion zwischen F. Hoffmann-La Roche (Roche), Targos Molecular Pathology GmbH und der Deutschen Bank wurde die volle Funktionalität der Plattform unter Beweis gestellt. Somit kann die Deutsche Bank nun weitere Kunden in das Netzwerk aufnehmen.


Das Netzwerk… ermöglicht es, „Liquidität an verschiedenen Punkten der Lieferkette zur Verfügung zu stellen“

Jens Noffke, Working Capital Lead, Global Procurement, F. Hoffmann-La Roche AG


Der Käufer

Roche ist das weltweit größte Biotech-Unternehmen, das Medikamente in den Bereichen Onkologie, Immunologie, Infektionskrankheiten, Augenheilkunde und Erkrankungen des zentralen Nervensystems anbietet. Das Unternehmen versteht sich als globaler Pionier im Bereich Pharmazeutika und Diagnostika, der sich darauf konzentriert, die Wissenschaft voranzutreiben, um das Leben der Menschen zu verbessern.

Das Unternehmen hat bereits vor mehr als einem Jahrzehnt eine Supply Chain Finance-Beziehung mit der Deutschen Bank aufgebaut. „Wir haben eine dreistellige Zahl von Lieferanten auf der ganzen Welt, mit Fokus auf größere Lieferanten, und diese Zahl steigt wöchentlich", reflektiert Head of Treasury Operations Martin Schlageter.

Schlageter ergänzt, dass Roche in den letzten vier Jahren als Reaktion auf das Feedback seiner Lieferanten gemeinsam mit der Deutschen Bank nach einem Weg gesucht hat, Liquidität aus der Lieferantenfinanzierung auf die frühe Phase der Lieferkettenbeziehung auszuweiten. „In dem Moment, in dem sie eine Rechnung stellen, haben sie das Geld für den Verkauf an Roche bereits ausgegeben, damit benötigen sie eine Vorfinanzierung", erklärt Schlageter. Wäre ein Lieferant auf seine eigene Hausbank als Anbieter von Auftragsfinanzierung beschränkt, könnte das in bestimmten Fällen ziemlich einschränkend sein. Das Netzwerk kann dem Lieferanten helfen, Zugang zu zusätzlichen Finanzierungsmöglichkeiten bei anderen Banken zu bekommen.

Jens Noffke, Working Capital Lead, Global Procurement bei Roche, stimmt dem zu: „Die Bestellung, die wir aufgeben, bedeutet zunächst einen Mittelabfluss für den Lieferanten, daher ist es sehr attraktiv, etwas zu günstigen Konditionen auf dem Tisch zu haben, das hilft." Er fügt hinzu, dass das Netzwerk die Nachhaltigkeit der Partnerschaft zwischen Roche und dem Lieferanten unterstützt und es ermöglicht, „Liquidität an verschiedenen Punkten der Lieferkette zur Verfügung zu stellen". Ohne eine solche Vereinbarung müsste der Käufer möglicherweise Vorauszahlungsoptionen prüfen, da einige Lieferanten behaupten könnten, sie könnten das Projekt ohne Vorab-Liquidität nicht starten.

Das Netzwerk, so Schlageter weiter, „unterstreicht die Bereitschaft der Banken, Zeit und Ressourcen in die Auftragsfinanzierung zu investieren". Es bietet dem Lieferanten viel mehr Flexibilität, wie er Aufträge (Bestellungen) und Rechnungen finanziert; der Käufer lädt den Auftrag einfach in das sichere Netzwerk hoch. Nur die Banken, denen der Käufer Zugang zu den Auftragsdaten gegeben hat, können diese prüfen und nur die Bank, die der Lieferant auswählt, erhält die Finanzierungsanfrage.

Die Gespräche zwischen Roche, Targos und der Deutschen Bank begannen im November 2020. Die Vorbereitung des Pilotprojekts dauerte etwas länger als erwartet, da jede beteiligte Partei besonders gut vorbereitet sein wollte.

Während die Durchführung der ersten Transaktion sehr gut funktionierte, bot sie auch Raum für weitere Ideen, die die Erfahrung für andere Nutzer verbessern werden. Das Netzwerk griff diese sofort auf und nahm die notwendigen Änderungen vor.

Eine weitere Hürde, die zu einer leichten Verzögerung führte, bestand darin, die Lieferanten daran zu gewöhnen, mit Roche statt mit einem Finanzinstitut über die Auftragsfinanzierung zu sprechen und Roche zu erlauben, mit ihnen ein ausführlicheres Gespräch über Finanzierungs- und Kreditaspekte zu führen - in der gleichen Weise, wie eine Bank eine Due-Diligence-Prüfung eines Lieferanten für die Anmeldung auf einer Supply Chain Finance-Plattform durchführt. „Wir haben viel darüber gelernt, wie Banken die Finanzierung ansprechen und wie sie prüfen", sagt Schlageter.

Der Lieferant


„Das Netzwerk stellt einem früh Liquidität zur Verfügung und stärkt die Geschäftsbeziehung”

Thomas Henkel, CEO, Targos Molecular Pathology GmbH – ein Unternehmen der Discovery Life Sciences


Targos bietet seit 2005 die standardisierte Entwicklung und Anwendung von klinischen Biomarkern für die internationale Pharma- und Diagnostikindustrie an. „Wir haben bereits ein erfolgreiches Factoring/Lieferantenfinanzierungs-Programm mit der Deutschen Bank und Roche, eine Beziehung, die seit 17 Jahren besteht", erklärt CEO Thomas Henkel.

Er fügt hinzu: „Wenn ein so großes Unternehmen wie Roche einem vertrauenswürdigen Lieferanten ein Angebot zur Supply Chain-Finanzierung macht, wären wir verrückt, nein zu sagen, unabhängig davon, ob die Vorab-Liquidität tatsächlich benötigt wird oder nicht".

Targos wurde am 18. Mai 2021 von Discovery Life Sciences3  übernommen, aber die erste Transaktion auf dem Netzwerk fand vor dem Eigentümerwechsel statt. Hierbei, fügt Henkel hinzu, bestand die Möglichkeit, „die bestehende Geschäftsbeziehung zu stärken, was durch diese Plattform, zusätzlich zu den Refinanzierungsmöglichkeiten, ermöglicht wurde". Ein Beispiel dafür war ein weitreichender Zugang zum Roche-Einkaufsteam – in diesem Fall über die Teilnahme von Jens Noffke bei den regelmäßigen Status-Meetings.

Natürlich gibt es keine einheitliche Lösung für alle; Der Biomarker-Service umfasst klinische Studien, die nicht einfach in ein Paket gepackt und geliefert werden können. Es kommt immer wieder vor, dass Studien auf Eis gelegt werden, während Nebenwirkungen behandelt werden, bevor sie in die nächste Phase eintreten können. „Hier handelt es sich um eine Studie, die sich über ein bis fünf Jahre streckt, und bei der man nicht genau weiß, bis wann sie abgeschlossen sein wird - was es schwierig macht, die Finanzierungshöhe für den Auftrag zu berechnen", sagt Henkel. Manche Projekte laufen über 12 Jahre, die Verträge werden entsprechend verlängert. „Wir haben uns im Laufe der Zeit angepasst, aber wir finanzieren ohnehin nie 100 % eines Auftrags. Wir würden das Netzwerk auf jeden Fall weiterempfehlen - es stellt einem früh Liquidität zur Verfügung und stärkt die Geschäftsbeziehung", fügt er hinzu. Da Targos inzwischen zu Discovery Life Sciences gehört und eine völlig andere Treasury-Strategie verfolgt, konnte Henkel zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht bestätigen, ob weitere Aufträge folgen werden.

Die Bank

Zunächst lud Roche die Auftragsdaten auf die Plattform des Trade Information Network hoch. Das Unternehmen erteilte dann der Deutschen Bank im Netzwerk die Erlaubnis, diesen spezifischen einzelnen Auftrag und alle anderen Aufträge einzusehen. Targos wurde von der Plattform benachrichtigt, dass Roche den Auftrag hochgeladen hatte und konnte diesen überprüfen, bestätigen und eine Finanzierungsanfrage für diesen Auftrag an die Deutsche Bank stellen. Die Bank konnte die Aufträge von Roche und das Ergebnis der Prüfung von Targos sowie die Finanzierungsanfrage einsehen.

Die Deutsche Bank holte die Finanzierungsanfrage über eine API-Anbindung aus dem Netzwerk ab und führte die Finanzierung auf ihrer Supply-Chain-Finance-Plattform aus. „Als Ergebnis der Überprüfung im Netzwerk konnten wir die Vorabfinanzierung erfolgreich beantragen und erhalten", sagte Thomas Henkel von Targos. Nach dieser erfolgreichen Auftragsfinanzierung über das Netzwerk entschied sich Targos, direkt im Anschluss einen zweiten Auftrag folgen zu lassen.


„Das Netzwerk ist eine großartige Möglichkeit, unsere großen internationalen Firmenkunden und deren Lieferanten früher in der Lieferkette zu unterstützen.“

Kirsten Kunz, Head of Trade Flow Product & Process Management, Deutsche Bank


Fazit

  • Wie beschrieben, konnte die Deutsche Bank die vom Käufer und Lieferanten bestätigten Auftragsdaten und den Finanzierungsstatus durch die Nutzung des Netzwerks überprüfen.
  • Sowohl Roche als auch Targos konnten die Auftragsdaten einfach auf die Plattform hochladen und aktualisieren.
  • Targos war dank der Nutzung des Netzwerks in der Lage, die Finanzierung des Auftrags vor dem Versand durchzuführen.
  • Wie von beiden, Roche und Targos, bestätigt, hat der Pilot zu einer weiteren Stärkung der bereits soliden Geschäftsbeziehung geführt.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Plattform einfach, sicher und transparent ist und die Ansprüche aller Parteien - Käufer, Lieferanten und deren Banken - erfüllt.

Wie geht es weiter?

„Wir sind vom Erfolg der ersten Transaktionen begeistert, und vor allem freut uns zu sehen, wie effektiv die APIs die Parteien mit dem Netzwerk verbinden. Das Netzwerk ist eine großartige Möglichkeit, unsere großen internationalen Firmenkunden und deren Lieferanten früher in der Lieferkette zu unterstützen", ist sich Kirsten Kunz sicher.

Nun geht es darum, Akzeptanz und Skalierbarkeit auszubauen. „Die effektive Verwaltung und Finanzierung globaler Lieferketten ist für ein nachhaltiges Wachstum unerlässlich. Die ersten Transaktionen bestätigen den ursprünglichen Business Case für Trade Information Network und werden die Grundlage sein, um eine große Anzahl von Unternehmen und Banken zu gewinnen. Diese Transaktion ist die erste von vielen, die für die kommenden Monate anstehen, um weiter den Mehrwehrt der Plattform aufzuzeigen“, sagt Sudhir Dole.

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels (Mai 2021) haben sich bereits vier weitere Finanzinstitute dem Netzwerk angeschlossen und sind aktiv - und unterstützen damit das Ziel, eine branchenweite Multi-Banken-Plattform zu etablieren. Die Aussichten sind gut, angesichts der Reaktionen der involvierten Parteien und der von den Banken auf dem Netzwerk geplanten weiteren Transaktionen.

„Ich denke, nachdem wir nun diesen Piloten durchgeführt haben, ist es viel einfacher, einen Lieferanten in das Netzwerk aufzunehmen", sagt Schlageter. „Wir sind mit vielen Lieferanten in Gesprächen und die Banken werden immer mehr darüber nachdenken, wie sie das Netzwerk weiter etablieren können. Sobald die Plattform an Zugkraft gewinnt, werden mehr teilnehmen wollen, aber diese Dinge passieren nicht über Nacht." Er ist jedoch zuversichtlich, dass bis zum Ende des Jahres noch mehr Unternehmen und Banken das Netzwerk nutzen werden und Roche plant, weitere eigene Lieferanten und Aufträge auf die Plattform zu bringen.

1 https://www.weforum.org/agenda/2020/02/exporters-mind-trade-finance-gap/

2 https://www.tradeinformationnetwork.com

3 http://www.targos-gmbh.de/press-release-may-18-2021/