Finanzierungskrise nach der Krise?

Viele Mittelständler haben über Kurzarbeit ihre Leute gehalten und sich über Fördermittel mit Liquidität vollgesogen. Sind die Probleme damit gelöst oder nur vertagt?

Wohin mit der Faust? Hoffentlich nur auf den Tisch – EZB-Chefin Christine Lagarde und Finanzminister Olaf Scholz.

Der letzte Schulterschluss von Notenbank und Regierung ist noch gut in Erinnerung: In der Finanzkrise zeigten sie sich demonstrativ geschlossen, um den Euro und das Bankensystem, vor allem aber auch die Solvenz der Euroländer zu sichern. In der Pandemie passiert das Gleiche nun für eine andere Zielgruppe. Das Anleihekaufprogramm der EZB und die Fördermittel des Bundes sind für die Unternehmen heute das, was Mario Draghis „Bazooka“ damals für die Staaten bedeutete: Mit viel billigem Geld wird Zeit erkauft – die genutzt werden muss. Doch in vielen europäischen Ländern sind die Hausaufgaben in den vergangenen zehn Jahren nicht gemacht worden. Die spannende Frage lautet, ob die Unternehmen es besser machen werden.

Das am breitesten eingesetzte, wenn auch selten so genannte Fördermittel ist das Kurzarbeitergeld. Rund 20 Milliarden Euro Kosten erwartet der Staat laut einem Reuters-Bericht in diesem Jahr dafür. Dieser Betrag nimmt sich gegenüber den mehr als 45 Milliarden Euro, die von der KfW an Fördermitteln an Unternehmen ausgeschüttet wurden, zwar relativ bescheiden aus. Die Wirkung auf die Wettbewerbs- und Kreditfähigkeit des deutschen Mittelstands ist aber möglicherweise erheblich.

Ruhekissen Kurzarbeitergeld

Der Ansatz von Kurzarbeit ist ebenso logisch wie simpel: Arbeitnehmer behalten durch Staatshilfen ihren Job in der Hoffnung, dass das Unternehmen sie bald wieder braucht und bezahlen kann. Das wirft zwei Fragen auf: Sind die Unternehmen, die Kurzarbeitergeld beantragt haben, wirklich nur einer temporären Krise ausgesetzt? Und wird mit dem System nicht ein Arbeitsmarkt gelähmt, der eigentlich flexibel sein müsste?

Zum zweiten Punkt zuerst. Natürlich werden sich einige Unternehmen wieder auf das Vorkrisenniveau erholen. Aber viele auch nicht. Gleichzeitig suchen selbst in der Pandemie zahlreiche Unternehmen mit einem funktionstüchtigen Geschäftsmodell händeringend nach Arbeitskräften. Für sie ist es viel schwieriger, aus wenig wechselwilligen Kurzarbeitern (im Mai 2020 mehr als 5,9 Millionen) zu rekrutieren als aus Arbeitslosen (im selben Monat 2,8 Millionen). Volkswirtschaftlich geht die Rechnung nur auf, wenn die Kurzarbeiter nicht dort eingesetzt werden, wo sie am effizientesten arbeiten (das mag qua Erfahrung an der alten Wirkungsstätte sein), sondern wo sie den größten Mehrwert schöpfen (das könnte in einem anderen Unternehmen sein).

„Wir rechnen damit, dass durch die Krise zahlreiche Unternehmen so weit im Rating abrutschen, dass sie nicht mehr ‚bankable‘ sind.“

Dr. Daniel Heine, Managing Director bei Patrimonium

Volkswirtschaftlich noch wichtiger ist die Frage, ob die Unternehmen wirklich nur temporär Geld brauchen. Einige Branchen stehen vor einer tiefgreifenden Transformation – und da kann ein finanzielles Ruhekissen auch schaden. „Man muss Unternehmen dem Druck aussetzen, sich zu verändern“, glaubt Daniel Heine vom Debt-Fonds Patrimonium. Er verweist auf die Erfahrung mit der Aufwertung des Schweizer Franken Anfang 2015. „Über Nacht wurden alle Produkte für ausländische Käufer um 20 Prozent teurer. Die Unternehmen haben die Herausforderung angenommen und über längere Arbeitszeiten und andere Maßnahmen ihre Produktivität so weit erhöht, dass sie weiterhin konkurrenzfähig waren.“ Seine Sorge: Die Fördermittel geben den Unternehmen zwar Zeit und Geld für die Transformation, sie könnten aber den Anpassungsdruck abmildern, sodass die Konsequenz im Umbau fehlt.

Mit Augenmaß vergeben

Das könnte mittelfristig viele Unternehmen in der Existenz bedrohen. Die Rückzahlung der in der Krise vergebenen Mittel dürfte dagegen kein großes Problem werden. Zwar war die Prüfung im März oder April mitten im Lockdown schwieriger als sonst. Aber: „Zu jeder Zeit haben die Banken sorgfältig gearbeitet, daher erwarte ich auch keine größeren Kreditausfälle“, sagt Christian-Hauke Burkhardt, der bei der Deutschen Bank das globale Kreditgeschäft verantwortet. Die KfW habe die Banken hier in die Pflicht genommen und sich bei einem Teil der Programme komplett auf das Urteil der Banken verlassen. „Die wirkungsvollste Maßnahme seitens der KfW war es, die Haftungsfreistellung im KfW-Unternehmerkredit auf 80 bis 90 Prozent auszuweiten, um Banken bei der Risikoteilung entgegenzukommen. Dadurch wurden auch größere Kreditbeträge möglich.“

Gewaltige Ausfälle sind tatsächlich nicht zu erwarten, trotzdem dürfte es in Einzelfällen Probleme geben. Darum versprechen sich Finanzierungsberater und Debt-Fonds durch die auslaufenden Fördermittel zusätzliches Geschäft. „Vor allem Unternehmen, die nachhaltig durch Corona getroffen wurden oder vorher schon strukturelle Probleme hatten, werden Schwierigkeiten mit der Rückführung der Fördermittel haben“, erwartet Johannes Schmittat, Finanzierungsberater bei GCA Altium. „In diesen Fällen wird es eher um Eigenkapital und nachrangige Finanzierungen zur Ablösung der Kredite gehen.“

Vormarsch der Förderbanken

Andere hegen noch größere Hoffnungen: „Wir rechnen damit, dass durch die Krise zahlreiche Unternehmen so weit im Rating abrutschen, dass sie nicht mehr ‚bankable‘ sind“, sagt Debt-Investor Heine. Für diese „gefallenen Engel“ stehen zahlreiche Kreditgeber bereit – wenn auch zu einem deutlich höheren Zinssatz.

Fördern liegt im Trend

Vielleicht werden die Fördergelder ja auch einfach durch Fördergelder ersetzt. Ihr Wachstum ist nämlich kein Corona-Phänomen: Seit der Finanzkrise nehmen die Förderbanken eine immer wichtigere Rolle im deutschen Bankwesen ein. Von 2011 bis 2019 hat sich ihre Bilanzsumme fast verdoppelt, während die des gesamten Kreditgewerbes nur um ein Viertel zugelegt hat. Die addierten Bilanzsummen der wichtigsten Förderinstitute machten 2011 erst gut ein Viertel der privaten Großbanken (Deutsche Bank, Commerzbank und HypoVereinsbank) aus – 2019 war es schon fast die Hälfte.

Realistisch kann niemand sagen, wie lange Kurzarbeitergeld und Fördermittel noch oder wieder gezahlt werden. Die Politik wird sich nach dem weiteren Verlauf der Krise strecken. Und nicht jeder Politiker wird es schlimm finden, wenn die staatliche Rolle im Finanzwesen dauerhaft ausgeweitet wird. Volkswirtschaftlich sinnvoll wäre es nicht, nach dem Zins auch noch das Gewinnstreben in der Kreditvergabe auszumerzen. Jeder Unternehmer weiß schließlich, wie eng Marktkräfte und Wohlstand zusammenhängen.

So müssen die Fördermittel getilgt werden

In Konsortialkrediten ist die KfW flexibel und folgt den Vorgaben der Konsortialpartner. Der deutlich häufiger genutzte Unternehmerkredit hingegen sieht maximal zwei tilgungsfreie Jahre vor, gefolgt von vierteljährigen linearen Tilgungen (alternativ endfällig nach ebenfalls zwei Jahren bei Betriebsmittelkrediten). Bis Mai sah die KfW einen Tilgungsbeginn bereits nach einem Jahr vor, hat dann aber erkannt, dass diese Frist zu kurz ist. Doch auch zwei Jahre könnten einige Unternehmen nun überfordern, sodass über weitere Verlängerungen nachgedacht werden sollte.

01/2021
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.