Finanzierungs-Kauderwelsch: Venture Debt

Venture Debt ist ein Finanzierungsprodukt aus der Start-up-Szene, das Unternehmern dabei hilft, bei den einzelnen Finanzierungsrunden nicht zu früh zu viele Anteile abgeben zu müssen. Wie das Produkt funktioniert und warum sich konventionelle Banken mit dieser Finanzierungsform schwertun.

Eine Gruppe junger Menschen sitzt um einen Tisch und trägt teilweise VR-Brillen

Mit Hilfe von Venture Debt können Start-ups die nächste Finanzierungsrunde hinauszögern. Foto: adobe stock

Sie sind jung, dynamisch und innovativ – vor allem aber verbrennen sie Geld und benötigen regelmäßig frisches Wachstumskapital: Start-ups. Finanziert werden diese Jungunternehmen von Wagniskapitalgebern, die den Unternehmen über mehrere Finanzierungsrunden hinweg Eigenkapital zur Verfügung stellen. Am Anfang sind das oft Business Angels, später dann professionelle Venture-Capital-Investoren und Family Offices.

Die Kehrseite der Eigenkapitalspritzen: Die Unternehmer müssen mit jeder Finanzierungsrunde weitere Anteile des eigenen Unternehmens abgeben. Um nicht zu schnell zu stark zu verwässern, können Gründer die Eigenkapitalzufuhr mit einer Fremdkapitalfinanzierung flankieren – sogenanntes Venture Debt.

Wie funktioniert Venture Debt?

Venture Debt wird von spezialisierten Banken oder Debt Funds zur Verfügung gestellt, die kein Problem damit haben, auch Unternehmen zu finanzieren, die noch rote Zahlen schreiben. Venture Debt zielt auf Unternehmen ab, die die Seed-Phase bereits hinter sich haben, aber noch nicht reif genug für klassische Private-Equity-Investoren oder einen Börsengang sind.

Venture Debt stellt im Gegensatz zur konventionellen Bankenfinanzierung also nicht auf den Cashflow oder bestimmte Assets ab, die als Sicherheit dienen könnten. Venture-Debt-Investoren beurteilen ihre Investitionsentscheidung danach, wie schnell ein Unternehmen in Zukunft wachsen wird und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass das Start-up in drei oder vier Jahren erneut frisches Eigenkapital einsammeln kann, mit dem das Venture Debt zurückbezahlt wird.

Diese Wette können die meisten konventionell denkende Banken schwer eingehen. Die Deutsche Bank ist in diesem Geschäft aktiv. „Die Relevanz von und der Zugang zu Venture Debt hat seit dem Ausbruch der Coronakrise zugenommen“, meint Erdem Ustaoglu, der bei der Deutschen Bank im Bereich für strukturierte Finanzierungen in der Investmentbank tätig ist.

Venture Debt in Europa: Ein kleiner Markt bald ganz groß?

Der perfekte Zeitpunkt für Venture Debt ist kurz nach einer erfolgreichen Equity-Runde, wenn die Liquiditäts- und Bonitätslage des Start-ups am besten ist und das Unternehmen für die nächsten ein bis zwei Jahre durchfinanziert ist. Ist das Equity bereits größtenteils verbraucht, wird Venture Debt teuer. Da die Liquidität unmittelbar nach der Equity-Runde oft noch nicht benötigt wird, kann Venture Debt zunächst als Kreditlinie strukturiert werden. Anschließend beginnt in der Regel die sogenannte „Interest-Only-Phase“ während der das Start-up für das Venture Debt zwar Zinsen bezahlen, jedoch keine Tilgung leisten muss, um den Cashflow zu entlasten und das Wachstum nicht zu bremsen. Die dritte Phase enthält dann meistens auch eine Tilgungskomponente.

Venture Debt hat seinen Preis

Für den Venture-Debt-Investor besteht immer das Risiko, dass es das Start-up weder bis zur nächsten Finanzierungsrunde schafft noch den Kredit aus dem Cashflow zurückführen kann. Das macht das Geschäft schwieriger als für die Eigenkapitalgeber, für die hohe Ausfallquoten Teil des Geschäftsmodells sind. Sie setzen auf einen breiten Portfolioansatz mit einigen wenigen Überperformern, die die Ausfälle überkompensieren. Der Venture-Debt-Investor trägt zwar nicht das gleiche Ausfallrisiko wie die Eigenkapitalinvestoren, profitiert als Fremdkapitalgeber jedoch zunächst auch nicht vom Erfolg der Über-Performer.

Dennoch hat die zusätzliche Risikobereitschaft ihren Preis, der in der Regel drei Komponenten hat: eine Upfront-Zahlung beim Abschluss des Deals, laufende Zinsen während der Kreditlaufzeit und einen sogenannten „Equity-Kicker“ in Form von „Warrants“. Das sind Optionen, über die der Venture-Debt-Investor unter bestimmten Bedingungen Anteile am Unternehmen erhalten kann.

„Venture Debt ist ein zweischneidiges Schwert.“

Erdem Ustaoglu

Wie hoch die Finanzierungskosten ausfallen, hängt von mehreren Faktoren ab. Üblicherweise bewegen sich die Zinssätze im hohen einstelligen bis mittel zweistelligen Prozentbereich. Venture-Debt-Investoren achten auf die sogenannte „Burn-rate“. Sie zeigt, wie schnell das Unternehmen das eingesammelte Geld wieder verbrennt. Je mehr Finanzierungsrunden ein Start-up durchlaufen hat, desto bessere Konditionen kann es durchsetzen.

Verfügt ein Unternehmen noch über keine Historie, kommt es in erster Linie auf die Qualität der Venture-Capital-Investoren an, die hinter dem Unternehmen stehen. Venture-Debt-Investoren hängen sich gerne an die Due Diligence der Venture-Capital-Häuser. Es gilt die einfache Faustregel: Je wahrscheinlicher es ist, dass der Venture-Debt-Investor sein Geld zurückbekommt, desto aggressiver (günstiger) kann er auch preisen. Venture Debt für Early-Stage-Unternehmen ist teurer als Venture Debt für Later-Stage-Unternehmen.

Achtung vor der Schuldenfalle

Venture Debt bringt viele Vorteile, ist Erdem Ustaoglu zufolge aber ein zweischneidiges Schwert: „Wenn ein Unternehmen Fremdkapital aufnehmen kann, zeugt das auch von einer gewissen Reife, was dazu beitragen kann den Kreis von potentiellen Investoren zu erweitern.“

Dennoch sollten Unternehmer darauf achten, dass sie ihr Unternehmen nicht mit Schulden überfrachten – zum einen aus dem ganz banalen Grund, dass Schulden im Gegensatz zum Eigenkapital irgendwann zurückbezahlt werden müssen. Zum anderen kann zu viel Venture Debt zukünftige Equity-Runden behindern. Venture-Capital-Investoren gefällt es überhaupt nicht, wenn ihr frisches Geld überwiegend in die Schuldentilgung anstatt in weiteres Unternehmenswachstum fließt.

Im besten Fall begleiten Venture-Capital- und Venture-Debt-Investoren mehrere Finanzierungsrunden, bis für die Eigenkapitalinvestoren der Exit ansteht. Dann wird in der Regel auch das Venture Debt refinanziert – durch konventionelle Banken, Debt Funds oder den Kapitalmarkt.

10/2021
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Philipp Habdank. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.