Fehlbare Wiederholungstäter

Auch die erfolgreichsten Unternehmer machen Fehler. Das mag niemand – ärgerlich ist es jedoch, sie zu wiederholen. Dabei wollten wir unbedingt aus unseren Fehlern lernen. Aktuelle Studien zeigen, dass genau hier das Problem liegen könnte.

Die Gefahren für den nächsten Fehler lauern überall. So langsam können wir uns gar nicht bewegen und so gut gar nicht aufpassen, dass wir keine mehr machen - und sogar alte wiederholen.

Die Gefahren für den nächsten Fehler lauern überall. So langsam können wir uns gar nicht bewegen und so gut gar nicht aufpassen, dass wir keine mehr machen - und sogar alte wiederholen. Illustration: Eva Hillreiner

Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten, wusste schon Konfuzius. Der Schriftsteller Jean Paul wiederum erkannte, dass die schlimmsten Fehler in der Absicht gemacht werden, einen begangenen Fehler wiedergutzumachen. Darum möchten wir Fehler möglichst vermeiden. Da dies aber selten gelingt – oder nur um den Preis, wenig Neues zu wagen –, versuchen wir zumindest, den gleichen Fehler nicht noch einmal zu begehen. In den USA sind Gründer und Manager, die schon viele Fehler gemacht haben, daher besonders beliebt. Das Vertrauen ist groß, dass sie daraus gelernt haben und somit bessere Entscheidungen treffen als Unerfahrene. Nur: Oft genug lernen wir offenbar gar nicht aus unseren Fehlern, denn so sehr wir uns auch anstrengen, manche wiederholen wir immer und immer wieder.

Warum wir Fehler machen

Viel ist darüber geforscht und geschrieben worden, warum auch sehr kluge Menschen Fehler machen. Bei der Geldanlage beispielsweise, obwohl sie es eigentlich besser wissen. Die Ursachen sind problematische Verhaltensmuster wie Selbstüberschätzung, Verlustaversion, Überbetonung von kurz zurückliegenden Erfahrungen oder eine isolierte Betrachtung der Wirklichkeit. So lassen sich ökonomisch irrationale Entscheidungen zumindest im Nachhinein erklären.

„Wir sind so sehr mit unserem vorherigen Fehler beschäftigt, dass wir uns zu wenig um die aktuelle Entscheidung kümmern.“

Roozbeh Kiani, Center for Neural Science an der New York University

Andere Erklärungen setzen bei der Heuristik an. Zwar hilft uns unsere Intuition, in vielen Situationen überraschend gute Ergebnisse zu erzielen – beispielsweise dabei, einen zugeworfenen Ball sicher aufzufangen, ganz ohne mathematische Kurvenberechnung. Doch oft genug führt uns dieses schnelle Denken, wie es der Nobelpreisträger Daniel Kahneman nennt, auf die falsche Fährte. Der Mensch ist faul, auch beim Denken, und darum begnügt er sich oft mit unvollständigen Daten, um daraus ein Ergebnis abzuleiten. So wird zwischen teilweise zufälligen Verbindungen eine Kausalität hergestellt, die einer empirischen Überprüfung gar nicht standhielte.

All dies erklärt Fehler, gibt jedoch noch keine Antwort, warum wir als solche erkannte Fehler wiederholen. Kahneman empfiehlt zur Fehlervermeidung, „langsamer“ zu denken. Genauer nachzudenken und Sachverhalte zu durchdringen helfe, gar nicht erst einen Fehler zu machen.

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„Wir betrachten Fehler als Bedrohung fürs Ego und möchten uns darum nicht mit ihnen befassen.“

Lauren Eskreis-Winkler und Ayelet Fishbach, Booth School of Business an der University of Chicago

Auch wenn die Frage offenbleibt, ob wir uns mit dem alten Fehler zu sehr oder zu wenig beschäftigen – Kianis Studien haben gezeigt, dass wir weniger schlechte Entscheidungen treffen, wenn wir unsere Fehler vergessen haben. Allerdings gelingt uns das nicht immer. Dann sind unsere Fehler ins Gehirn „eingebrannt“, und es geht den gleichen Weg für die Antwort wie beim ersten Mal. Karin Humphreys von der McMaster University im kanadischen Hamilton ließ Probanden Wörter finden. Manch eines lag ihnen auf der Zunge, wollte ihnen aber partout nicht einfallen. Hatten sie die Lösung gehört, waren sie überzeugt, sie nie wieder zu vergessen. Doch im Gegenteil: Schon wenige Tage später scheiterten sie erneut an diesen Begriffen. Das Gehirn hatte sich die langwierige Suche, nicht aber die „kurze“ Antwort eingeprägt.

Helfen können nur andere

Um dieser Falle zu entgehen, raten Experten, sich stärker mit den Folgen der anstehenden Aufgabe und weniger mit den Umständen vor dem gemachten Fehler zu beschäftigen. Die Psychologin Alice Boyes gibt den Ratschlag, sich damit abzufinden, dass wir Fehler wiederholen. Statt uns vorzunehmen, einen Fehler nicht zu wiederholen, sollten wir uns darauf konzentrieren, nicht (so häufig) in die gleiche Situation zu kommen. Und falls dies schwierig ist, sollten wir zumindest Strategien entwickeln, die Folgen einer Fehlentscheidung zu reduzieren.

Manchmal genügt es, dafür die Umgebung zu verändern oder die Entscheidungsgeschwindigkeit zu reduzieren – damit sich das Gehirn nicht so einfach an den vorhergehenden Fehler erinnert fühlt. Erfolgversprechender dürfte jedoch sein, bestimmte Entscheidungen zu delegieren oder eine zweite Meinung einzuholen. Das setzt aber unsere Einsicht voraus, dass wir oft genug eben nicht aus Fehlern lernen werden. Außenstehende gehen „unvorbelastet“ in die Entscheidung. Für Unternehmen könnten die Erkenntnisse der „Fehlerforschung“ sein: zumindest wichtige Entscheidungen besser auf mehrere Schultern zu verteilen und eine faire Fehlerkultur zu etablieren, die die Lehre aus dem Fehler stärker betont als die „Niederlage“ der Fehlentscheidung. Aus Fehlern selbst lernen zu wollen ist ein hehrer Vorsatz – aber er scheint uns Menschen schlicht zu überfordern.

09/2022
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.


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