Das Geschäft mit der Maske

Was haben ein Matratzenhersteller, ein TV-Produzent, ein Autozulieferer und ein Schlittenfabrikant gemeinsam? Richtig: Sie sind in der Pandemie in die Maskenproduktion eingestiegen. Wird das auch „nach Corona“ Bestand haben?

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Während Continental für die eigene Belegschaft Masken produziert, nutzen viele Mittelständler die neue Produktion als zusätzliches Geschäftsbein. Foto: picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg

Vor rund einem Jahr ging es los. Jeder wollte Masken haben. Nicht nur in Deutschland, weltweit. Entsprechend schossen die Preise in die Höhe: um bis zu 3.000 Prozent binnen weniger Wochen. Vormalige Cent-Produkte wurden nun für mehrere Euro das Stück angeboten. Diplomatische Konflikte unter Bundesgenossen entbrannten gar – besonders die USA wurden bezichtigt, vorbestellte Kontingente ins eigene Land umzuleiten. Der Engpass bei den vor allem in China hergestellten Masken machte Deutschland und vielen anderen Ländern die Abhängigkeit von chinesischen Medizinprodukten deutlich.

Wo die Nachfrage so rasant steigt, während sie in anderen Bereichen schlagartig wegbricht, reagieren findige Unternehmer schnell. In der ersten Phase nutzte sogar manch Solarunternehmer seine Fernost-Sourcing-Kontakte aus, um auf eigene Rechnung Schutzmasken zu importieren. Der Staat war ein dankbarer und zahlungskräftiger Kunde. Die Schattenseiten dieser Zeit werden aktuell auch juristisch aufgearbeitet. In der zweiten Phase stampften aber auch etliche deutsche Unternehmen eine eigene Maskenproduktion aus dem Boden. Am bekanntesten ist davon wahrscheinlich der Hemdenhersteller Van Laack, dessen Stoffmasken 2020 fester Bestandteil des deutschen Straßenbildes waren. Auch andere „Schneider“ wie Mey, Trigema, Cove und Eterna schwenkten um. Der Wäschefabrikant Triumph ging dazu eine Kooperation mit dem Autozulieferer Mahle ein. Mehr als 40 Prozent der Mode- und Textilhersteller in Deutschland waren schon im April in die Produktion von Masken und Schutzausrüstung eingestiegen. Dieser Strategiewechsel lag nahe, weil der geschlossene Einzelhandel zum einen den Modeverkauf deutlich einschränkte und zum anderen die Maschinen vorhanden waren und Stoffe sowieso – und zwar viel, da im Home Office Jogginganzüge deutlich stärker gefragt sind als feine Oberhemden.

Um 3.000% 

waren die Preise für Masken in der Spitze gestiegen


Neues Geschäftsfeld: Masken gegen Corona

Aber auch völlig branchenfremde Unternehmen stellten auf die Produktion von Masken um, meist der auch heute noch nachgefragten „OP-Masken“. Continental und BMW zum Beispiel bauten eigene Maschinen für die Verarbeitung der neuen, dünnen Stoffe auf. Bei BMW kamen die Maschinen von Pia Automation, das sowohl im Automobil- als auch im Healthcare-Bereich tätig ist. Den Stoff lieferte der Vliesstoffhersteller Sandler. Continental vermeldete eine Tagesproduktion von 80.000 Masken, BMW konnte bis zu 200.000 OP-Masken am Tag produzieren. Die Masken sollten allerdings nicht verkauft werden. Es ging darum, ihre Belegschaft, die nicht im Home Office arbeiten konnte, vor Ansteckungen zu schützen. Mit der Eigenproduktion konnten die Großkonzerne ihren Eigenbedarf fast vollständig decken.

Anders bei Technisat, hierzulande bekannt für TV-Geräte und Digitalradios. Unterschiedliche Maskentypen werden auf der Webseite zum Verkauf angeboten. Das Unternehmen erklärt dort auch, warum ein Unterhaltungselektronikhersteller jetzt auch Masken produziert: Technisat ist Teil der Techniropa Holding, die wiederum im Besitz der Lepper Stiftung ist. Diese Stiftung hat sich unter anderem der Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens verpflichtet.

Bei vielen anderen branchenfremden Neu-Masken-Herstellern gibt es ebenfalls Bezüge zum Thema, wenngleich nicht immer offenkundig: Zühlsdorf, ein 35-Mitarbeiter-Mittelständler, hat sich vor dem Aufbau der MNS- und OP-Maskenproduktion im Herbst 2020 vor allem auf die Wartung und Installation von Klima-, Abfallabwurf- und Rauchabzugsanlagen spezialisiert. Der mittelständische Schlittenhersteller KHW Kunststoff- und Holzverarbeitungswerk Geschwenda hat sein Kunststoff-Know-how genutzt und gemeinsam mit einem Münchener Unternehmen wiederverwendbare MNS-Masken hergestellt.

Hohe Hürde: FFP2-Masken-Zertifizierung

Längst nicht jedem Unternehmen gelingt es allerdings, für die eigenen Masken auch die begehrte FFP2-Zertifizierung zu erlangen. Der sächsische Hersteller Norafin hatte im Frühjahr aus Vliesstoff rasch eigene Masken hergestellt, doch erst gegen Jahresende 2020 die FFP2-Zertifizierung erhalten. Van Laack bietet mittlerweile ebenfalls FFP2-Masken an, allerdings aus Drittproduktion. Die Verbindung zum Ursprungsprodukt, dem Hemdenstoff, gibt es bei den neuen Masken nicht mehr. Van Laack, Eterna & Co. fungieren offenbar als Zwischenhändler, indem sie ihren Online-Shop für den Maskenverkauf nutzen.

„Unser Anspruch liegt in der langfristigen Produktion von medizinischen Atemschutzmasken hier in Deutschland.“

Reinhard Zettl, Gründer Autozulieferer Zettl

So beeindruckend die Geschwindigkeit vieler Unternehmen bei der Umstellung und Errichtung ganz neuer Produktlinien war, so unklar ist die Nachhaltigkeit des Masken-Geschäfts für die Neulinge. Der Autozulieferer Zettl Group ist offenbar überzeugt, dass die eigens gegründete Zettl BHC GmbH auch in Zukunft eine Rolle spielen wird. Gründer Reinhard Zettl lässt sich jedenfalls mit der Äußerung „Unser Anspruch liegt in der langfristigen Produktion von medizinischen Atemschutzmasken hier in Deutschland“ zitieren. Das Unternehmen wirbt mit einer innerdeutschen Lieferkette, PIA und Sandler sind Kooperationspartner. Für die von der Mobilitätstransformation gebeutelten Automobilzulieferer scheint die Medizinmasken-Herstellung ein willkommenes neues Betätigungsfeld.

Markteinschätzungen gehen weit auseinander

Studien gehen in ihren Schätzungen zur künftigen Marktentwicklung weit auseinander. Global Market Insights erwartet für 2026 ein Volumen von 2,8 Milliarden US-Dollar, Research and Markets rechnet für 2027 hingegen mit 32 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: 2020 betrug der Umsatz mit Einweg-Gesichtsmasken schätzungsweise knapp 75 Milliarden US-Dollar – allein im ersten Quartal. Noch 2019 lag der Umsatz mit Schutzmasken bei nur 1 Milliarde US-Dollar, in Europa waren es lediglich 135 Millionen US-Dollar. Auch wenn der akute Bedarf sinkt, könnte ein gestiegenes Hygienebewusstsein auch hierzulande zu einer grundlegend höheren Nachfrage zum Beispiel für den Schutz vor Grippeviren führen.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. In China wurde die Maskenproduktion binnen eines Jahres verzwanzigfacht. Wie auch hierzulande sind zahlreiche Branchenfremde eingestiegen, zum Beispiel Handyhersteller, Windelproduzenten oder Schuhfirmen. Der weltweit größte Maskenhersteller ist aktuell BYD, der chinesische Mischkonzern, hierzulande vor allem als Automobilhersteller bekannt. BYD kann täglich 5 Millionen Masken herstellen. Auch in anderen Ländern mit hohem Maskenbedarf wurden Kapazitäten aufgebaut, ob bei Prada oder FiatChrysler. Und natürlich haben auch die Medizinproduktehersteller ihre Kapazitäten aufgerüstet. Dräger hat die Maskenherstellung in Schweden und Südafrika hochgefahren sowie in Frankreich, den USA und Großbritannien neu aufgebaut.

Es wird schwer werden, preislich gegen die Konkurrenz aus Fernost dauerhaft mithalten zu können. Stückpreise von 6 Euro, wie sie Zettl vor rund einem Jahr mit dem bayerischen Wirtschaftsminister für die Lieferung von 1 Million Masken vereinbart hatte, dürften künftig nicht im Ansatz mehr zu erzielen sein. Darum äußern sich Unternehmen wie Norafin eher zurückhaltend, was die Perspektive der Maskenherstellung betrifft. Auch wenn es nur ein kurzlebiges Geschäft gewesen sein sollte, haben die Unternehmen in dreierlei Hinsicht profitiert: Sie haben ihre Innovationskraft gezeigt, waren als hilfreiche Marke in der Krise präsent, und sie haben ihren Mitarbeitern eine sinnvolle Aufgabe gegeben, wo sonst oft Kurzarbeit drohte.

03/2021
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