Wie nachhaltig ist die Erholung?

Kommt jetzt der große Nacherholungseffekt? Im dritten Corona-Jahr ist die Touristikbranche auf die Reiselust der Deutschen angewiesen. Doch Ukraine-Krieg und Inflation könnten diese schmälern. Und was ist eigentlich aus Flugscham geworden?

Die Tourismus-Branche hofft auf volle Strände – und volle Flieger. Dabei soll Reisen zugleich umweltfreundlicher werden.

Die Tourismus-Branche hofft auf volle Strände – und volle Flieger. Dabei soll Reisen zugleich umweltfreundlicher werden. Foto: picture alliance/Jens Koehler

Zwei Jahre lang konnten sich Baumärkte, Fahrradhersteller und TV-Streamingservices über eine starke Nachfrage freuen, doch die Ära der „Stay-at-Home“-Spezialisten scheint mit der Normalisierung der Corona-Pandemie zu verblassen. Stattdessen planen Deutschlands Konsumenten, ihr Geld verstärkt für Urlaubsreisen auszugeben. Immerhin 200 Milliarden Euro wurden während der Corona-Pandemie „ungeplant“ angespart. „Nachholeffekt“ und „Lust auf Fernreisen“ vermeldete Anfang des Jahres optimistisch die Touristikbranche. Inzwischen werden wieder rund 85 Prozent der Vor-Corona-Flugziele angeflogen; auch Kreuzfahrten erfreuen sich wieder großer Beliebtheit.

Doch ob der Tourismus in diesem Jahr tatsächlich den erhofften Aufschwung erlebt, ist fraglich. Der Ukraine-Krieg und ungewohnt kräftig steigende Preise dämpfen derzeit deutlich die Stimmung unter den Konsumenten und verteuern unter anderem Flugreisen. Für anhaltende Unsicherheit sorgt zudem Corona, auch wenn die Pandemie an Präsenz verloren hat. Dennoch bleibt die Unsicherheit, in der Ferne zu stranden, weil Reisebeschränkungen oder Krankheit die Rückkehr erschweren.

Weniger reisen, anders reisen?

Neben diesen kurzfristigen Faktoren könnte vor allem ein gewachsenes Klima- und Umweltbewusstsein die Stimmung der Touristiker wieder trüben. Umfragen zeigen, dass selbst den Reiseweltmeistern langsam die Lust an der Ferne vergeht: Fast zwei Drittel der Deutschen planen, in Zukunft nicht mehr jedes Jahr zu verreisen, sondern den Urlaub auch mal daheim zu verbringen. Vor allem Familien, Singles und Ältere wollen sich künftig manche Reise sparen, hat der „Zukunft-Monitor 2021“ der Stiftung für Zukunftsfragen herausgefunden.
Unklar ist, inwiefern Trends der Corona-Zeit weiter Gültigkeit haben werden: Ferienwohnungen und Caravaning ermöglichten ein Reisen abseits von größeren Menschenansammlungen. Sollten Touristen dauerhaft Lust auf diese Formen des Individualreisens haben, würde das die traditionell wichtigen Segmente der Touristikbranche wie Pauschalreisen oder Kreuzfahrten nachhaltig treffen.

Geschäftsreisen 2022

„Der Markt für Geschäftsreisen wird sich viel langsamer erholen als das Privatsegment“, ist Eric Heymann von Deutsche Bank Research überzeugt. „Während die Erholungsreise oder der Besuch von Familien und Freunden nach Jahren der Pandemie für viele Deutsche sehr wichtig ist, sehen viele Unternehmen bei Geschäftsreisen Einsparpotenzial.“ Nur 28 Prozent der Teilnehmer einer PwC-Befragung unter rund 150 deutschen Unternehmen erwarten, in diesem Jahr das Vor-Corona-Niveau bei Geschäftsreisen zu erreichen. Die Mehrheit rechnet hingegen mit einer Reduzierung ihres Reiseaufkommens um 36 Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Niveau.

Digitale Kommunikationsformen haben sich in vielen Fällen bewährt, sodass Unternehmen und ihre Mitarbeiter mit dem Reiseverzicht nicht nur Kosten, sondern auch Zeit einsparen – und zugleich ihre CO2-Bilanz verbessern. Allerdings berücksichtigen erst 18 Prozent der Unternehmen, die an der Umfrage von PwC Ende 2021 teilgenommen hatten, Nachhaltigkeitsaspekte in ihren Reiserichtlinien. Nur ein Drittel der Befragten ermittelt schon den ökologischen Fußabdruck ihrer Geschäftsreisen. 45 Prozent schließen aus, überhaupt ein Tool zur Messbarkeit einzuführen. Noch zählt vor allem der Preis bei der Wahl des Transportmittels. Allerdings geht bereits jedes zweite Unternehmen davon aus, dass Bonusprogramme der Reiseanbieter in den Hintergrund treten werden – und Anreize für nachhaltigeres Reisen geschaffen werden.

Von Flugscham und Nahreisen

Einzig die Alterskohorte der 18- bis 24-jährigen bleibt laut „Zukunft-Monitor 2021“ nach wie vor reisebegeistert. Doch auch diese Gruppe könnte ihr Reiseverhalten ändern und sich statt zahlreicher Kurztrips wie einem verlängerten Wochenende in Barcelona wieder auf einen längeren Urlaub „am Stück“ zurückbesinnen. Touristikexperte Eric Heymann von Deutsche Bank Research würde diese Entwicklung nicht überraschen: „Steigende Energiekosten und Umweltabgaben werden dauerhaft zu einer Verteuerung der An- und Abreise vor allem mit dem Flugzeug führen. Je kürzer die Reise, desto höher ist der Anteil der Anreisekosten an den Gesamtkosten.“

30%

empfinden Flugscham

Umwelt und Klima spielen schon jetzt eine große Rolle im Tourismus. Der Wunsch nach nachhaltigem Reisen ist laut Eigenauskunft der Touristen groß. Das Buchungsportal Booking.com fand bei einer Befragung von 300.000 Reiseinteressierten weltweit heraus, dass 81 Prozent von ihnen „nachhaltiges Reisen wichtig“ ist, wobei besonders die Nachrichten zum Klimawandel dieses Bewusstsein geschärft haben. Immerhin ein knappes Viertel der Befragten gab an, in den zurückliegenden Monaten nicht mehr ganz so fern gereist zu sein, um den eigenen CO2-Fußabdruck zu verringern. Das ist angesichts der Corona-Einschränkungen wenig erstaunlich. Doch 50 Prozent der Reisenden in Deutschland gaben an, auch in den kommenden zwölf Monaten nachhaltiger reisen wollen. Das sind 20 Prozentpunkte mehr als noch im Vorjahr. Weltweit liegt der Anteil sogar noch deutlich höher, bei 71 Prozent. Das Nachhaltigkeitsbewusstsein äußert sich auch bei der Wahl der Unterkünfte und Verkehrsmittel. Jeder Fünfte gab an, für größere Entfernungen den Zug statt das Auto zu nehmen. Und „Flugscham“ empfindet fast jeder Dritte (30 Prozent). Selbst das knappe Viertel derjenigen, die in der Umfrage angegeben hatten, „Nachhaltigkeitsanstrengungen beeinflussen meine Wahl des Transportmittels nicht“, fühlt sich mit einem nachhaltigeren Reisemittel besser.

Antwort mit vielen Siegeln

Die Touristikbranche hat bereits auf diese Entwicklung reagiert – mit Nachhaltigkeitssiegeln. Booking.com hat mehr als 100.000 Unterkünfte mit einem eigenen Hinweis als nachhaltig ausgewiesen. Weitere Siegel externer Anbieter werden ebenfalls eingebunden. Auch die deutsche Reisewirtschaft ist aktiv geworden. Der Deutsche Reiseverband hat ein aktuelles Positionspapier formuliert, in dem er sich mehr Transparenz verordnet. So soll für alle organisierten Reisen jeweils der CO2-Verbrauch für Anreise und Unterbringung ausgewiesen werden, sodass der Kunde vor der Buchung weiß, wie klimaschädigend seine Reise ist. Bei der Kundenberatung sollen zudem gezielt klimafreundlichere Alternativen angeboten werden.

Siegel sind weder neu noch ein rares Gut, das Siegel-Angebot ist verwirrend groß: Schon 2016 gab es mehr als 140 solcher Siegel, seitdem ist die Situation nicht besser geworden. Unter den Siegeln finden sich auch solche, die soziale Folgen und Aspekte ausblenden, sowie Labels, die sich die Reiseanbieter ohne unabhängige Prüfung selbst verleihen. Die Vielzahl von Siegeln, warnt Touristikexperte Heymann, helfe bei der Entscheidung relativ wenig, weil bislang ein allgemein bekanntes und anerkanntes Siegel fehle. Die Website „fairunterwegs“ listet allein „20 führende touristische Nachhaltigkeitslabel“ auf, die meisten davon sind auf jeweils eine bestimmte Region der Welt beschränkt. In Deutschland ist beispielsweise das TourCert-Siegel respektiert.

Wie nachhaltig kann Reisen sein?

Weitere Siegel dürften nicht die Antwort sein auf das zunehmende Nachhaltigkeitsbewusstsein der Kunden. Hinzu kommt das grundsätzliche Problem, wie nachhaltig bestimmte Formen des Tourismus überhaupt sein können. Auch wenn sich Fluggesellschaften und Kreuzfahrtbetreiber um umweltfreundlichere Treibstoffalternativen und energieeffizientere Technologien bemühen, bleibt die Klimabilanz auf absehbare Zeit schwierig. Laut einer Yougov-Befragung von mehr als 4.000 Deutschen im Auftrag des Urlaubsportals Omio stuft jeder Zweite den Verzicht auf Kreuzfahrten als nachhaltig ein. Ähnlich viele halten Flugreisen nicht für nachhaltig – und etwa jeder Zehnte meint, durch Verzicht auf Flugreisen am ehesten nachhaltig handeln zu können. Darum haben sich zum Beispiel die rund 100 im Forum Anders Reisen e.V. zusammengeschlossenen Reiseveranstalter dazu verpflichtet, keine Kurzflugreisen anzubieten.

„Global gesehen wird der Flugverkehr weiterwachsen, nicht zuletzt, weil er in vielen Staaten als Arbeitsplatz- und Wachstumsfaktor betrachtet wird.“

Eric Heymann, Deutsche Bank

Trotzdem, auch das zeigt die Omio-Befragung, spielt für mindestens ein Drittel der Befragten der Preis eine entscheidende Rolle. Bahn und Bus sind für 36 Prozent zu teuer, um auf klimafreundlichere Transportmöglichkeiten umzusteigen. Allerdings könnte sich das bald ändern. „Allein durch die CO2-Abgaben dürften sich Flugreisen in den kommenden Jahren verteuern“, erwartet Heymann. Aktuell sind in der EU zudem höhere Kerosinsteuern und Quoten für den Einsatz von synthetischen Kraftstoffen im Gespräch. Diese Faktoren könnten Flugreisen für mehr Touristen als bislang zu teuer werden lassen. „Tourismus wird dann zwar nachhaltiger, aber auch kostspieliger, weil Klimaschutz auch im Flugverkehr nicht zum Nulltarif zu haben ist“, sagt Heymann. Diese Entwicklung dürfte vor allem den Tourismus in Europa beeinflussen. „Global gesehen wird der Flugverkehr weiterwachsen, nicht zuletzt, weil er in vielen Staaten als Arbeitsplatz- und Wachstumsfaktor betrachtet wird.“

5/2022
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.


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