Stablecoins im Zahlungsverkehr: im Dienst von Migranten und Mittelständlern

An den US-Dollar gekoppelten Kryptowährungen wird von vielen Experten – auch durch die Unterstützung der US-Regierung – eine goldene Zukunft vorhergesagt. Aber wer nutzt Stablecoins heute schon, um damit Zahlungen durchzuführen?

Eine Überweisung von Vietnam auf die Philippinen kann ganz schön teuer sein – und dauern. Stablecoins versprechen kostengünstige und blitzschnelle Transfers in einer Währung, die beide Seiten mögen. Foto: pic4 / ai generated

Der Iran verlangte laut Medienberichten im April 2026 von Öltankern, die die Straße von Hormus passieren wollten, eine Durchfahrtsgebühr, die entweder in chinesischen Yuan oder Stablecoins wie Tether bezahlt werden sollte (auch Bitcoin wurde angeblich akzeptiert). Ob auf diese Weise je ein Stablecoin den Besitzer gewechselt hat, ist aktuell nicht bekannt. Technisch wäre es aber problemlos möglich – und auch noch kostengünstig in einer stabilen Währung, weil fast alle Stablecoins an den Wert des US-Dollars gekoppelt sind.

Für solche Transfers in kleiner Millionenhöhe taugt der Stablecoin-Markt gut, aber viel größer sollte es nicht werden, um den Preis der Tokens nicht in die Höhe zu treiben: Anfang 2026 lag die gesamte Marktkapitalisierung aller Stablecoins bei lediglich 270 Milliarden Dollar – und hat sich innerhalb von vier Jahren nur etwa verdoppelt. Echte Dynamik sieht anders aus. Trotzdem sieht eine Großbank den Stablecoin-Markt bis Ende 2028 auf 2 Billionen Dollar anwachsen, US-Finanzminister Scott Bessent prognostiziert bis 20230 sogar 3 Billionen Dollar Marktvolumen.

„Wenn die an den US-Dollar gekoppelten Stablecoins rasant wachsen, wird auch die Nachfrage nach US-Staatsanleihen zur Unterlegung dieser Assets stark ansteigen.“

Marion Laboure,
Deutsche Bank Research

Ist das viel oder wenig? Das hängt vom Blickwinkel ab. Aktuell sind etwa 1,6 Billionen Euro – oder umgerechnet knapp 1,9 Billionen US-Dollar – Bargeld im Umlauf. Die Geldmenge M1 allerdings, die neben Bargeld auch Sichtguthaben auf dem Girokonto und Tagesgeld umfasst, beläuft sich auf rund 11 Billionen Euro – oder umgerechnet knapp 13 Billionen Dollar.

Die aktuellen 270 Milliarden Dollar sind also vor allem angesichts einer geschätzten globalen Geldmenge 1 von umgerechnet weit über 40 Billionen Dollar nicht die Welt. Warum nun aber glauben Großbank und US-Regierung an einen plötzlichen massiven Aufschwung? Bei der Trump Administration mag auch ein bisschen Hoffnung mitschwingen: „Wenn die an den US-Dollar gekoppelten Stablecoins rasant wachsen, wird auch die Nachfrage nach US-Staatsanleihen zur Unterlegung dieser Assets stark ansteigen“, erwartet Marion Laboure, Stablecoin-Expertin bei Deutsche Bank Research. Das wäre ein mehr als ein willkommener Nebeneffekt in Zeiten, in denen sich die klassischen ausländischen Investoren nach Alternativen umschauen.

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Eine Nische – aber eine wachsende

Klar ist: Die Hoffnung der US-Regierung ist mehr als Wunschdenken, sie hat guten Grund und sogar einen Namen: Genius Act (siehe Kasten). Dieses im Juli 2025 von Präsident Trump unterzeichnete Gesetz soll den Weg für den Durchbruch der Stablecoins ebnen (siehe Kasten). Tatsächlich gab es nach der Unterzeichnung einen ordentlichen Schub – die Marktkapitalisierung der Stablecoins wuchs bis Oktober 2025 kräftig. Seitdem ist aus der Wachstumskurve zwar eine Gerade mit einer Steigung von Null geworden, doch langfristig dürfte das Volumen der Stablecoins deutlich zunehmen.

Allerdings ist die Marktkapitalisierung nicht die wesentliche Größe, um die Bedeutung der Stablecoins für die Wirtschaft einzuschätzen. Viel wichtiger ist die Frage, ob die Kryptowährungen auch für Zahlungen eingesetzt werden. Eine gemeinsame Studie von McKinsey und Artemis Analytics zeigt für das Jahr 2025 Transaktionen über Stablecoin-Netzwerke in Höhe von 80 Billionen US-Dollar. Das klingt gewaltig, schrumpft aber bei näherer Betrachtung radikal zusammen: Die Studienautoren fanden nämlich heraus, dass lediglich 390 Milliarden US-Dollar auf tatsächliche Zahlungen entfielen – der Rest besteht aus Krypto-Handel, internen Transfers und protokollbedingten Transaktionen.

Bemerkenswert ist aber: Von diesen 390 Milliarden US-Dollar entfallen etwa 60 Prozent auf B2B-Zahlungen, also auf Zahlungen zwischen zwei Unternehmen. Allerdings gehören auch diese 234 Milliarden US-Dollar wieder in die richtige Perspektive gerückt, denn das sind nur 0,015 Prozent des gesamten Zahlungsverkehrs. Betrachtet man allerdings nur die grenzüberschreitenden B2B-Zahlungen in Höhe von rund 32 Billionen US-Dollar (2024), dann machen Stablecoins immerhin fast ein Prozent dieser Zahlungen aus.

B2B-Zahlungen machen den Löwenteil aus. Stablecoin-Zahlungen, Gegenwert in USD. Quelle: Artemis-Analytics

Und tatsächlich sind grenzüberschreitende Zahlungen der richtige Vergleichsmaßstab, denn hier entfalten Stablecoins ihre größten Stärken. Im privaten Bereich werden sie vor allem für Überweisungen von Migranten in ihre Heimatländer genutzt. Traditionelle Transfers sind zwischen vielen Ländern langsam und vor allem sehr teuer, Stablecoins dagegen sind sicher, schnell und günstig. Vor Ort nutzen die Empfänger die Stablecoins, um nach einem Umtausch ihren Lebensunterhalt zu bestreiten – oder um Vermögen aufzubauen: Laut einer Studie von Visa nutzt fast die Hälfte der Besitzer von Kryptowährungen in großen Schwellenländern wie Brasilien, Indonesien, Nigeria, Indien oder der Türkei Kryptowährungen, um in US-Dollar zu sparen. Nicht alle haben die Stablecoins von Verwandten aus reichen Ländern erhalten, auch die eigenen Ersparnisse werden gern in das Dollar-Äquivalent gesteckt.

Noch wichtiger als die Überweisungen von Migranten ist allerdings schon heute das B2B-Geschäft. Dabei wird in diesem Fall die Treppe nicht von oben gekehrt: Große Unternehmen befinden sich eher noch im Stadium der Experimente. Um manch einen Riesen wie Amazon oder Walmart, denen Ambitionen nachgesagt wurden, eigene Stablecoins emittieren zu wollen, ist es in dieser Hinsicht ruhig geworden. Mittelfristig dürften zwar auch Treasury-Abteilungen die Kryptowährungen als Alternative nutzen, aber First Mover sind sie nicht.

Wirklich verwendet werden die Stablecoins heute von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Allerdings nicht bei uns: Vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika werden Stablecoins gern im internationalen Zahlungsverkehr genutzt. Die Gründe sind dieselben, die auch die Migranten überzeugen: eine rasche und kostengünstige Abwicklung in einer stabilen Währung, die in den meisten Ländern auch leicht in lokales Geld umgetauscht werden kann. Und weil in vielen Ländern mehr Menschen Smartphones weiter verbreitet sind als Bankkonten, ist das mobile Wallet eine attraktive Option (siehe auch „Kein Cash, kein Candy“).

Für Löhne, Freelancer und Lieferanten

Wenn also der vietnamesische Kunde seinen philippinischen Freelancer bezahlt, dann geschieht das mittlerweile häufig in Form von Stablecoins. Manche Unternehmen, die Mitarbeiter in der ganzen Wel verstreut beschäftigen, zahlen auch die Löhne in Stablecoins. Und Lieferanten schätzen die Zahlung in de-facto-Dollar oft deutlich mehr als die eigene Währung oder die des Kunden.

Booster für Stablecoins: der Genius Act

Der Genius Act soll den Stablecoins in den USA zum Durchbruch verhelfen und die Vormachtstellung des US-Dollar in der Krypto-Welt zementieren. Das im Juli 2025 von Präsident Trump unterzeichnete Gesetz legt fest, dass Emittenten Stablecoins vollständig durch liquide Mittel decken müssen. Als Deckung erlaubt sind US-Dollar, Einlagen bei der amerikanischen Zentralbank und kurzlaufende US-Staatsanleihen. Die Reserven werden regelmäßig, oft monatlich, überprüft. Und ab Juli 2028 wird die Herausgabe eines Stablecoins in den USA ohne Genehmigung verboten.

Der Genius Act gibt dem Markt Unterstützung und eine gewisse Sicherheit. Allerdings ist nicht alles laissez-faire, in Bezug auf Geldwäsche und KYC werden die Emittenten wie Finanzinstitute behandelt. Und noch ist nicht alles rund: Eigentlich dürfen Emittenten auf Stablecoins keine Zinsen zahlen, damit die Bankeinlagen nicht rapide schrumpfen. Ein Schlupfloch ermöglicht Zinszahlungen de facto aber doch. Ein Clarity Act soll die Verwirrung beenden – damit könnten aber auch die Belastungen für die Emittenten weiter steigen. Unreguliert sind die Stablecoins in den USA also keineswegs, aber absolut unangefochten: Im März dieses Jahres hatte der US-Dollar bei den Stablecoins nach Angaben der Datenplattform Artemis Analytics einen Marktanteil von 99,76 Prozent.

In Argentinien, das nach Jahrzehnten gewaltiger Inflation nun eine wirtschaftliche Rosskur durchläuft und an chronischem Dollarmangel leidet, sind Stablecoins schon fest in die Wirtschaft integriert. Das Land führt den Stablecoin Readiness Index mit perfekten von 100 von 100 möglichen Punkten an. Sogar Steuern können zum Teil mit Stablecoins bezahlt werden, und auch im B2B-Zahlungsverkehr sind sie eine feste Größe geworden.

All das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Stablecoins heute eine Nische im globalen Zahlungsverkehr sind. Und in Zeiten, in denen viele Staaten ihre digitalen Währungen vorantreiben und das internationale Bankensystem immer effizienter wird, dürften sie auch eine Nische bleiben. Für manche Unternehmen sind sie aber aktuell ein echter Helfer, um im globalen Wettbewerb vertrauenswürdig, schnell und kostengünstig agieren zu können.

04/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.

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