So finanziert man in China

Der chinesische Markt spielt für den Anlagenbauer Siempelkamp eine große Rolle. Mit dem Ausbau des Produktionsstandorts in Qingdao hat das Familienunternehmen aus Krefeld seine chinesische Tochtergesellschaft auch finanziell auf eigene Beine gestellt.

Produziert wird vor Ort, aber finanziert wird daheim: So halten es viele Mittelständler. Siempelkamp dagegen macht in China beides.

Produziert wird vor Ort, aber finanziert wird daheim: So halten es viele Mittelständler. Siempelkamp dagegen macht in China beides. Foto: G. Siempelkamp GmbH & Co. KG

Schlüsselfertige Anlagen für die Produktion von Holzwerkstoffen können nur wenige Anbieter bauen. Einer davon ist das 1883 gegründete Krefelder Familienunternehmen Siempelkamp, das sich in fast 14 Dekaden zu einem der führenden Systemanbieter für die Holzindustrie entwickelt hat. Mit einer neuartigen Presse zur Herstellung von Holzfaserplatten, der Contiroll, revolutionierte Siempelkamp Mitte der 1980er-Jahre die Branche. „Wir bauen für unsere Kunden komplette Werke, in denen aus einem Baumstamm eine Span-, MDF- oder OSB-Platte wird“, erklärt Elisabeth Bienbeck, CFO der Siempelkamp-Gruppe.

Seit vielen Jahren ist das Unternehmen auch in China vertreten. Wurde der Markt anfangs noch über die Fertigung in Deutschland heraus bedient, entschloss sich Siempelkamp 2014 für den Aufbau einer lokalen Produktion im Reich der Mitte. Lohnkosten und Stahlpreise sowie die Nähe zu den asiatischen Kunden sprachen für das Engagement vor Ort. Mit der jüngst erfolgten Erweiterung des Standorts in Qingdao vollzog das Unternehmen nicht nur strategisch einen Richtungswechsel, auch bei der Finanzierung der Investition brach Siempelkamp mit Altbewährtem.

Die Besonderheiten des chinesischen Investitionsrechts

„Künftig wollen wir an unserem Standort in China nicht mehr nur die Komponenten für unsere Werke in Asien fertigen, sondern sie dort auch selbst entwickeln und konstruieren. Deshalb sollte unsere chinesische Tochtergesellschaft auch finanziell eigenständiger werden“, sagt Bienbeck. Das Mittel der Wahl waren bis dahin intern gewährte Finanzierungen, doch Siempelkamp hatte die Grenze für Intercompany Loans – eine Besonderheit des chinesischen Investitionsrechts – bereits ausgeschöpft.

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„Bei einer Finanzierung aus Deutschland heraus wäre der Abschluss eines Währungsswaps notwendig geworden.“

Elisabeth Bienbeck, Siempelkamp

Ohnehin ist eine komplette Fremdfinanzierung in China nicht möglich. Ausländische Investoren müssen sowohl bei Neugründungen als auch bei Käufen und Investitionen einen festgelegten Teil der Investitionssumme als Eigenkapital einbringen. Die Differenz zwischen Stammkapital und der Gesamtinvestition wird im chinesischen Investitionsrecht „Borrowing Gap“ genannt. Diese Quote liegt in Abhängigkeit von der Größe des Investments zwischen 30 und 70 Prozent und ist für viele Mittelständler eine große Hürde.

Dazu gesellen sich komplexe nationale Steuergesetze, Zinsdifferenzen und vor allem ein nicht unerhebliches Fremdwährungsrisiko. „Bei einer Finanzierung aus Deutschland heraus wäre der Abschluss eines Währungsswaps notwendig geworden“, erklärt Finanzchefin Bienbeck. Das hätte die Transaktion aufwendiger und teurer gemacht.

Manchmal lohnt daher die dezentrale Lösung. „Ein lokaler Kredit kann oft sinnvoller sein als ein Intercompany-Darlehen“, erklärt Kerstin Schwan, Produktspezialistin im Bereich Trade Finance & Lending bei der Deutschen Bank. Vor allem in Asien und dort insbesondere in China verändern sich regulatorische Anforderungen häufig, und nicht immer ist die Auswirkung einer unternehmerischen Entscheidung auf die Finanzierung sofort deutlich. Grundsätzlich gilt: Je mehr Regularien existieren, desto eher müssen Unternehmen lokal entscheiden und finanzieren. Oder anders ausgedrückt: Unternehmen sollten nicht mehr Geld in stark regulierte Märkte schieben als notwendig – sie bekommen es vielleicht nur mühsam und unter hohen Kosten zurück.

Der chinesische Kreditmarkt ist besonders

Foto Lampion: Trango

Andere Länder, andere Marktusancen

Allerdings bedeutet eine lokale Finanzierung mit chinesischen Banken in der Regel einen langen Weg durch eine fremde Sprache und Kultur. Hinzu kommen Marktusancen, die sich hinsichtlich Kreditlaufzeiten, Sicherheiten oder Kündigungsrechten von Deutschland unterscheiden. Auch das Rechtsverständnis ist in China ein anderes: Die Bank hat eine sehr viel stärkere Position gegenüber dem Kreditnehmer als in Deutschland.

„Ein lokaler Kredit kann oft sinnvoller sein als ein Intercompany-Darlehen.“

Kerstin Schwan, Deutsche Bank

Finanziert wurde die Investition schließlich in lokaler Währung (Renminbi) mit einem über fünf Jahre laufenden Festsatzkredit, den die Deutsche Bank China für Siempelkamp arrangierte. Die erfolgreiche Debüttransaktion brach gleich in mehrfacher Hinsicht mit den geltenden Marktusancen. „Bindende Darlehenszusagen für Festzinskredite mit Laufzeiten von mehr als einem Jahr sind in China nämlich unüblich“, weiß Tim Onkelbach, Marktgebietsleiter Düsseldorf bei der Deutschen Bank, der die Transaktion für Siempelkamp maßgeblich mitgestaltet hat.

Chinesische Banken geben nur sehr selten langfristige Kreditzusagen für deutsche Mittelständler. Doch Siempelkamp wollte Finanzierungssicherheit, wollte langfristig gebundenes Anlagevermögen auch mit einem langfristigen Kredit finanzieren und sich nicht der Gefahr einer plötzlichen Kreditkündigung aussetzen.

Entgegenkommen von beiden Seiten

Herausforderungen gab es aber auch aufseiten des Kreditgebers. Für Auslandsbanken ist es in einem stark regulierten Markt wie China durchaus problematisch, die (politischen) Risiken einer langfristigen Kreditzusage richtig einzuschätzen. Was passiert, wenn das Investment enteignet oder Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden? Und wie verhält es sich mit Cashflows und Annuitäten, wenn China die eigene Währung drastisch abwertet?

Diese Risiken hat Siempelkamp mit einer Garantie der Muttergesellschaft reduziert – durchaus zu beiderseitigem Vorteil. „Denn dadurch haben wir auch die gute Bonität der Gruppe in die Transaktion eingebracht“, sagt Finanzchefin Bienbeck. Was sich im Nachhinein so rational und schlüssig anhört, war jedoch ein aufwendiges und zeitintensives Unterfangen – und für das Siempelkamp-Finanzierungsteam ein Lernprozess. Der Kreditvertrag musste Paragraf für Paragraf unter Hinzuziehung eines chinesischen Anwalts verhandelt werden. Und nicht selten war Sand im Getriebe.

„Bindende Darlehenszusagen für Festzinskredite mit Laufzeiten von mehr als einem Jahr sind in China unüblich.“

Tim Onkelbach, Deutschen Bank

Schlussendlich aber gelang es in enger Abstimmung mit den Finanzierungsteams in China und Deutschland, die komplexen Spielregeln der chinesischen Finanzmarktregulierung zu verstehen und mit den Wünschen von Siempelkamp bestmöglich zu vereinbaren. Nach den positiven Erfahrungen der Debüttransaktion ist eine lokale Finanzierung für Siempelkamp auch künftig das Mittel der Wahl in China. Die Expansionspläne des Krefelder Anlagenbauers im Reich der Mitte lassen vermuten, dass das schon bald der Fall sein dürfte.

05/2023
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Andreas Knoch. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.


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