Nicht so seltene Erden

Die Sorge ist groß, dass China seine Dominanz im Bereich seltene Erden, die essenziell für viele moderne Technologien sind, ausnutzen könnte. Dabei sind die Vorkommen allein in Vietnam und Brasilien zusammengerechnet ebenso groß. Doch abgebaut werden sie kaum. Warum eigentlich nicht?

Die Umweltbelastung des Seltene-Erden-Abbaus ist massiv – und schreckt viele Staaten ab.

Die Umweltbelastung des Seltene-Erden-Abbaus ist massiv – und schreckt viele Staaten ab. Foto: Picture Alliance / REUTERS

Halbleiter und Monitore, Hybridautos, Windkraftturbinen, Raketen, Akkus: Sie alle – und viele weitere industrielle Anwendungen – benötigen seltene Erden. Yttrium, Neodym, Cer & Co. werden zwar nur in geringen Mengen eingesetzt, doch kaum eine Zukunftstechnologie kommt ohne sie aus. Anders als der Name vermuten lässt, sind die seltenen Erden gar nicht einmal so selten. Auf knapp 116 Millionen Tonnen wird das weltweite Vorkommen geschätzt. Zum Vergleich: In der langen Geschichte des Goldes wurden bislang rund 200 000 Tonnen gefördert, weitere rund 50 000 Tonnen sind als Vorkommen bekannt.

Dennoch bereitet das Thema Wirtschaftsstrategen und Industriekapitänen gleichermaßen Sorge. Denn von den knapp 244 000 Tonnen, die 2020 weltweit gefördert worden sind, entfallen 140 000 Tonnen auf China. Vizeweltmeister USA fördert gerade einmal 38 000 Tonnen, europäische Länder sind in den typischen Statistiken gar nicht erst einzeln ausgewiesen. Im globalen Wettbewerb um Zukunftstechnologien hat Europa damit einen empfindlichen Nachteil. Und da China längst nicht mehr nur Werkbank der Welt sein will, sondern selbst Technologieführer werden möchte, fürchtet mancher um den Zugang Europas zu seltenen Erden.

Der Seltene-Erden-Konflikt

Der Konflikt ist nicht neu. Schon 2006 legte China Ausfuhrquoten fest, 2010 wurden diese dann plötzlich um 40 Prozent gesenkt. Entsprechend groß war der Preisanstieg für die magnetischen und leitfähigen Mineralien – außerhalb Chinas. Schnell wurde der Vorwurf laut, China betreibe Protektionismus und missbrauche seine Vormacht, um politischen Druck auszuüben. So war Japan, das 2010 mit China über Territorialansprüche in Konflikt geraten war, inoffiziell von Lieferungen seltener Erden ausgeschlossen worden. Denn sie sind nicht zuletzt für die moderne Rüstungsindustrie unerlässlich. Erst 2014, zwei Jahre nachdem die Obama-Regierung Beschwerde bei der WTO gegen China eingelegt hatte, entschied diese tatsächlich im Sinne der USA und anderer betroffener Staaten. 2015 ließ China die Exportquoten fallen, doch die Sorge vor einem neuerlichen Embargo ist seitdem nicht geschwunden. Der „Seltene-Erden-Konflikt“ hat es sogar als zentrale Storyline in die populäre TV-Serie „House of Cards“ und in ein beliebtes Videospiel geschafft.

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116 Millionen Tonnen

seltene Erden dürfte es geben. Doch 2020 wurden nur 0,24 Mio. Tonnen gefördert, davon fast 60 Prozent in China.

2010 begannen viele Länder, intensiver nach alternativen Quellen seltener Erden zu suchen. China ist zwar mit Abstand größter Förderer, doch auch andere Länder verfügen über beachtliche Vorkommen. Allein Vietnam und Brasilien beherbergen zusammengerechnet so viele seltene Erden wie China (siehe Grafik). Doch sie förderten zuletzt in Summe nur rund ein Siebzigstel der chinesischen Menge. Dabei gibt und gab es immer wieder Versuche, die Förderung auszuweiten und ein Gegengewicht zu China zu schaffen. Ohne großen Erfolg, wie das Beispiel Japans in Vietnam zeigt.

Ende Oktober 2010 hatten Japan und Vietnam eine strategische Partnerschaft verabredet. Dabei sicherte sich Japan Abbaurechte in Nordwestvietnam. Gemeinsam sollten dort jährlich 3000 Tonnen seltene Erden gefördert werden – etwa ein Zehntel des jährlichen Bedarfs Japans. 2020 waren es in ganz Vietnam aber nur 1000 Tonnen. Warum nicht mehr?

Vietnam enttäuscht

Zum einen sind die vietnamesischen Vorkommen seltener Erden zwar umfangreich, doch sind es vor allem sogenannte leichte seltene Erden, die deutlich weniger begehrt sind als die „schweren“ Mineralien, wie sie vor allem in China vorkommen. Da die Förderung der Mineralien zudem mit massiven Umweltbelastungen einhergehen, gibt es in vielen Regionen Widerstand gegen den Abbau. Außerdem sind die Kosten zur Verarbeitung hoch, sodass sich der Aufwand aus Förderlandsicht häufig nicht lohnt. Denn seit der Aufhebung der Exportquoten Chinas 2015 sind die Preise weltweit wieder gesunken. Und schließlich fehlt Vietnam trotz japanischem Kooperationspartner das Know-how: Die Verarbeitungstechnik ist veraltet, der Abbau geschieht überwiegend manuell. Die seltenen Erden werden ineffizient gefördert und nicht vollständig separiert.

China hat durch laxe Umweltregeln, staatliche Unterstützung, günstige Löhne und Technologie nicht nur einen Preisvorsprung. Denn mit der reinen Förderung aus der Erde ist es bei den seltenen Erden nicht getan, sie müssen aufwendig aufbereitet werden, bevor sie zum Endprodukt verarbeitet werden können.

Chinas konkurrenzloser Mix

80 Prozent aller neuen internationalen Patentanmeldungen rund um Seltenerdtechnologie stammen aus China. Selbst Staaten wie die USA, die selbst diese Mineralien fördern, verschiffen sie zur Aufbereitung nach China. 90 Prozent der Weiterverarbeitung entfallen auf chinesische Anlagen, außerhalb Chinas gibt es nur ganz wenige konkurrenzfähige Weiterverarbeiter. Zu den seltenen Ausnahmen gehört das australische Unternehmen Lynas Corp. mit einer Anlage in Malaysia. Doch der Betrieb ist umstritten: Malaysia drohte bereits, den Australiern die Lizenz zu entziehen, wenn die mehr als 450 000 Tonnen radioaktiven Wassers, die bereits bei der Verarbeitung angefallen sind, nicht entsorgt werden.

So viel seltene Erden liegen in der Erde

Europa verfügt über eine Anlage zum Trennen der seltenen Erden, die das kanadische Unternehmen Neo in Estland betreibt. Eines der wenigen europäischen Unternehmen, die die so begehrten Permanentmagneten herstellen kann, ist die deutsche Vacuumschmelze. Um die chinesische Übermacht zu brechen, werden derzeit wieder vermehrt Allianzen geschmiedet. So ist Lynas nicht nur dabei, eine Weiterverarbeitungsanlage in Australien aufzubauen, sondern zudem in Texas. Neo und das US-Unternehmen Energy Fuels wiederum gaben im März 2021 eine gemeinsame Initiative der USA und Europas bekannt. In den USA – beispielsweise Utah oder Colorado – geförderte seltene Erden sollen dann in Estland weiterverarbeitet werden.

In Zukunft sollen entsprechende Anlagen auch in den USA direkt aufgebaut werden. Die European Raw Materials Association (ERMA) hat 14 Projekte – vom Abbau in Skandinavien über die Trennung in Polen, Weiterverarbeitung in Estland und Recycling in Belgien und Frankreich bis hin zur Magnetherstellung in Deutschland und Slowenien – benannt, die eine innereuropäische Lieferkette ermöglichen könnten. Investitionshöhe: 1,7 Milliarden Euro mindestens. Damit könne, so ERMA, die bisherige Magnetproduktion in Europa von 500 Tonnen bis 2030 auf 7000 Tonnen jährlich vervielfacht werden. Damit wäre aber nur etwa ein Fünftel des europäischen Bedarfs gedeckt. Und die europäischen Magnete wären geschätzt 20 bis 30 Prozent teurer als die der chinesischen Konkurrenz.

Die Mühen der anderen

All diese Bemühungen, den eigenen Bedarf an seltenen Erden möglichst unabhängig von China zu decken, werden nur mit umfangreichen Staatssubventionen zu stemmen sein. Dabei ist vollkommen unklar, wie realistisch diese politisch umzusetzen sind angesichts der massiven Umweltbelastung von Abbau und Aufbereitung. Und: China hat in der Vergangenheit gezeigt, wie es mit Billigpreisen ausländische Bemühungen zum Aufbau alternativer Ressourcen gezielt torpedieren kann. Das bekam unter anderem die US-Mine Mountain Pass in Nevada zu spüren. 2002 geschlossen, weil notwendig gewordene Umweltauflagen den Betrieb unrentabel machten, wurde sie 2008 an einen neuen Investor verkauft. Der eröffnete sie angesichts der geringeren außerhalb Chinas verfügbaren Kapazitäten 2010 wieder. Doch schon 2013 mussten die ambitionierten Pläne einer eigenen Wertschöpfungskette angesichts fallender Preise ad acta gelegt werden, 2015 meldete der Eigentümer Insolvenz an. 2017 wurde die Mine wiedereröffnet – mit dem mittelfristigen Ziel, eine eigene Wertschöpfungskette aufzubauen. Ob es diesmal gelingen wird, ist noch unklar. Minderheitsinvestor ist übrigens ein chinesisches Unternehmen, das teilweise in Staatsbesitz ist.

China hat weit mehr als einen Preisvorsprung: laxe Umweltregeln, Staatshilfe, Technologie

Klar ist jedoch, dass der Vorsprung Chinas nicht einfach aufzuholen sein wird. Ob Initiativen zum Aufbau eigener Wertschöpfungsketten von der Förderung bis zur Magnetproduktion oder Versuche, den Anteil seltener Erden in wichtigen Produkten zu reduzieren oder zu substituieren – das alles wird noch eine ganze Weile brauchen bis zur Marktreife. So lange ist die Welt auf das Wohlwollen Chinas angewiesen. Denn die riesigen Vorräte in den USA, Vietnam oder Brasilien nutzen nichts, wenn Bereitschaft, Technologie und Erfahrung fehlen, die seltenen Erden auch weiterzuverarbeiten.

07/2022
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.


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