Wer baut die schmutzigen Firmen um?

ESG-konforme Unternehmen sind begehrte Arbeitgeber. Dabei sind es die „schmutzigen Firmen“, die die besten Köpfe brauchen, weil in ihnen der größte Hebel zur Dekarbonisierung steckt. Wie begeistert man Talente und Topmanager für die undankbare Aufgabe?

Zementhersteller Schwenk nimmt die Energiewende ernst: Die Ziele im Werk Mergelstetten sind sehr ambitioniert.

Zementhersteller Schwenk nimmt die Energiewende ernst: Die Ziele im Werk Mergelstetten sind sehr ambitioniert. Grafik: Flughafen Stuttgart

Die Luftfahrt und die Zementindustrie gehören zu den größten Klimasündern. Im Südwesten Deutschlands wollen der Flughafen Stuttgart und der Ulmer Familienkonzern Schwenk Zement in einem Pilotprojekt aus grünem Wasserstoff und Kohlendioxid (CO2), das bei der Zementproduktion in riesigen Mengen anfällt, klimaschonendes synthetisches Kerosin herstellen. Im Zementwerk Mergelstetten soll die Anlage entstehen.

Bis 2050 will die deutsche Zementindustrie klimaneutral werden. Das Problem: Es ist der Stoff selbst, der die größten Emissionen verursacht.

„Für die Zementwirtschaft ist das Projekt von enormer Bedeutung“, betont Schwenk-CEO Thomas Spannagl. Er steht wie die gesamte Branche unter erheblichem Druck. Bis 2050 will die deutsche Zementindustrie klimaneutral werden. Das Problem: Es ist der Stoff selbst, der die größten Emissionen verursacht. Kalkstein, Sand und Ton werden bei mehr als 1400 Grad gebrannt, dabei entsteht jede Menge klimaschädliches CO2. Im Register der Deutschen Emissionshandelsstelle über emissionshandelspflichtige Anlagen in Deutschland sind daher die vier deutschen Werke von Schwenk aufgeführt. 2020 wurden an diesen Standorten zusammengenommen 2,57 Millionen Tonnen CO2 in die Luft gepustet – über 20 Prozent mehr als 2013. Schwenk hat also ein enorm dickes Brett zu bohren. Immerhin: Das Unternehmen hat die Zeichen der Zeit erkannt und arbeitet an verschiedenen Projekten, um Zement und Beton mit einer besseren CO2-Bilanz zu entwickeln.

Dafür braucht es jede Menge kluge Köpfe. Doch wie kann man Ingenieure und Manager für die undankbare Aufgabe begeistern, ihre berufliche Perspektive, ihre Energie und ihren Einfallsreichtum in Unternehmen und Branchen zu stecken, deren ökologisches Image nicht das beste ist? Wer übernimmt die Verantwortung für den Umbau der „schmutzigen Firmen“, wo doch ESG-konforme Unternehmen die begehrteren Arbeitgeber sind?

Spannende Kärrnerarbeit

Katharina von Frankenberg von der Personalberatung Egon Zehnder möchte nicht von einer „undankbaren Aufgabe“ sprechen und rückt die Fragestellung etwas zurecht: „Es ist viel eher eine Herausforderung, Kärrnerarbeit.“ Von Frankenberg beobachtet, dass viele Firmen – nicht nur aus sogenannten schmutzigen Branchen – aktuell der Frage nachgehen, in welchem Ökosystem sie sich künftig wiederfinden. Wie kann ihr Geschäftsmodell angesichts der neuen klimapolitischen Realitäten und sich dadurch verändernder Wertschöpfungs- und Lieferketten funktionieren? „Das heißt Neuland betreten und ist für viele doch um einiges spannender, als für etablierte, gut laufende Unternehmen zu arbeiten.“

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„Wenn wir mit Topmanagern und Topmanagerinnen über Besetzungen sprechen, wollen sie wissen, welchen Beitrag sie für alle Stakeholder oder Gesellschaft und Umwelt leisten können.“

Katharina von Frankenberg, Egon Zehnder

Felix Holz, Leiter des Expertenteams Greentech der Deutschen Bank, macht eine einfache Rechnung auf: „Entweder die Unternehmen finden einen Weg, CO2-arm zu produzieren, oder sie werden dauerhaft im Wettbewerb verlieren.“ Manager könnten den Umbau hin zu einer kohlenstofffreien Wirtschaft gar nicht ignorieren; und für jeden Ingenieur sei das eine „hochinteressante und intellektuell anspruchsvolle Herausforderung“, der sich keiner verschließe.

Holz skizziert die Herausforderung am Beispiel der deutschen Stahlindustrie: „Sobald die ersten Wettbewerber mit nennenswerten Mengen grünem Stahl auf den Markt kommen, werden immer weniger Kunden den konventionellen Stahl der deutschen Stahlkocher nachfragen.“ Für die Autobauer zum Beispiel werde grüner Stahl zwar teurer, doch der Anteil von Stahl an den Materialkosten eines Fahrzeugs sei überschaubar. Holz glaubt, dass Hersteller und Kunden das akzeptieren, wenn dadurch mit dem Label „grüner Stahl“ geworben werden kann.

„Nachhaltigkeitschefs müssen ab Tag eins mit am Tisch sitzen und Vetorechte haben, wenn bei Produktentwicklungen oder Prozessänderungen Emissionsziele aus den Augen verloren werden.“

Fabian Kienbaum, Kienbaum Consultants International

„Ich kann Ihnen versichern, dass in den Managementetagen und Forschungsabteilungen der Stahlkocher fieberhaft an Lösungen gearbeitet wird, wie man mit diesen Herausforderungen umgeht“, sagt Holz. Das Spannende für die Entwickler: „Denkverbote gibt es dabei nicht.“ Und das ist nicht nur bei den Stahlkochern so. Schwenk-Chef Spannagl schreibt in seinem Nachhaltigkeitsbericht, dass man konsequent und mit hohem Qualitäts- und Innovationsanspruch an der Entwicklung klimafreundlicher Prozesse, Produkte und Lösungen arbeite. „Hoch qualifizierte und leistungsbereite Mitarbeiter sind dabei ein entscheidender Garant für den Unternehmenserfolg und für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung.“

Aber wie kriegt man sie?

Um diese Treiber zu gewinnen, muss einiges stimmen. „Wollen die Firmen den Umbau überhaupt – und wenn ja, gibt es eine klare Agenda, und wie wird die abgearbeitet? Wenn das transparent und klar formuliert wird, ist das Recruiting auch in sogenannten schmutzigen Branchen keine Hürde“, sagt Katharina von Frankenberg. Florian Kienbaum betont, dass zum einen der Vorstand entsprechende Strategien und Ziele erarbeiten und diese auch glaubhaft umsetzen müsse. Zum anderen gehe es um eine Anpassung der Struktur im Unternehmen. „Das heißt beispielsweise, dass Nachhaltigkeitschefs ab Tag eins mit am Tisch sitzen und Vetorechte haben, wenn bei Produktentwicklungen oder Prozessänderungen Emissionsziele aus den Augen verloren werden“, sagt der Geschäftsführer der Personal- und Managementberatung Kienbaum Consultants International. Das kommt in vielen Unternehmen einem Paradigmenwechsel gleich.

Aber es hilft: „Wenn wir mit Topmanagern und Topmanagerinnen über Besetzungen sprechen, wollen sie wissen, welchen Beitrag sie über die reine Shareholder-Orientierung hinaus für alle Stakeholder oder Gesellschaft und Umwelt leisten können“, berichtet von Frankenberg. Und Kienbaum stellt fest, dass sich „immer mehr Führungskräfte und Ingenieure die Frage nach dem Sinn ihrer Tätigkeit stellen“.

„Entweder die Unternehmen finden einen Weg, CO2-arm zu produzieren, oder sie werden dauerhaft im Wettbewerb verlieren.“

Felix Holz, Deutsche Bank

Natürlich zählt im Kampf um die besten Köpfe auch das Geld. Daran scheitert es aber nicht: Die Personalberater beobachten steigende Gehälter. Visibilität und Anerkennung des Geleisteten sind natürlich ebenfalls wichtig. Ein zweischneidiges Schwert ist für von Frankenberg allerdings die zunehmende Regulierungsdichte und frequenz bei Klimaschutzvorgaben. „Da merkt man auf C-Level-Ebene immer öfter echte Verzweiflung und einen erhöhten Beratungsbedarf. Andererseits erzwingt das Innovation. Und wenn wir ehrlich sind, motiviert wenig so sehr wie gelungene Innovation“, sagt die Beraterin.

Bei Schwenk ist man bereit: „Die globale Reduktion von CO2-Emissionen sehen wir als zentrale Herausforderung unserer Zeit“, sagt CEO Thomas Spannagl. Man sei fest entschlossen, ein Teil der Lösung zu sein. Aber: „Entwicklungen im Baustoffbereich sind ein Marathon – kein Sprint!“ Und klar ist auch, nur mit den richtigen Leuten kann man überhaupt ins Ziel kommen.

08/2022
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Andreas Knoch. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.


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