Der Leverage: mehr Schulden für mehr Gewinn

Finanzinvestoren wissen genau: Fremdkapital ist ein wunderbarer Hebel, um Rendite zu maximieren. In der Theorie funktioniert das stets reibungslos. Sollte auch der Mittelstand mehr Risiko in der Finanzierung wagen?

Wenn es läuft, steigt der Unternehmenswert überproportional. Aber genauso geht der Wert in den Keller, wenn sich die Zahlen nicht wie geplant entwickeln – und dann kann sogar die Existenz bedroht sein.

Wenn es läuft, steigt der Unternehmenswert überproportional. Aber genauso geht der Wert in den Keller, wenn sich die Zahlen nicht wie geplant entwickeln – und dann kann sogar die Existenz bedroht sein. Illustration: Adobestock; Quelle Grafik: ChatGPT

Schon im Grundkurs Betriebswirtschaftslehre lernt der Zuhörer die Verheißungen des Leverage kennen: Je mehr Fremdkapital eingesetzt wird, desto höher ist die Eigenkapitalrendite. Die Formel ist einfach, und Finanzinvestoren bedienen sich dieser Hebelwirkung seit Jahren. Sinnvoll eingesetzt, beschleunigt Fremdkapital das Wachstum, neue Ausgaben können getätigt und Chancen ergriffen werden, die mit Eigenkapital allein nicht zu stemmen gewesen wären. Ein höherer Leverage bedeutet dann einen Wettbewerbsvorteil (die neue Maschine erhöht die Produktion, die eingekaufte Software ist ein Gamechanger).

In der Theorie klingt das wunderbar – und in der Praxis? Stand heute nutzen vor allem Finanzinvestoren die Hebelwirkung des hohen Leverage. Der Mittelstand ist dagegen oft gering verschuldet und wenig bereit, das zu ändern. Zu Recht?

Bei vielen Unternehmen sind hohe Investitionen unabwendbar, um die Zukunft zu sichern. Wer dafür nicht selbst Eigenkapital aufbringen kann oder möchte und keinen Co-Gesellschafter an Bord holen will, der kommt um mehr Kredit und damit einen höheren Leverage nicht herum. Mit all den Risiken, die das birgt: Steigen die Zentralbankzinsen, wird die Finanzierung teurer, und die Kalkulation kann kippen. Mehr Kredit geht zudem oft einher mit strengeren Covenants, eventuell einer Ratingverschlechterung mit der Folge höherer Zinsmargen und der Forderung nach mehr Mitsprache durch die Geldgeber. Ein größerer Teil des Cashflows muss aufgewendet werden, um das Fremdkapital zu bedienen, und im Fall einer sich verschlechternden Marktlage wird die Liquidität bei hoher Verschuldung schnell knapp – es droht die Zahlungsunfähigkeit.

„Ich kenne keinen Mittelständler, der durch bewusstes Financial Engineering das Risiko erhöhen würde, sein Unternehmen in schlechtem Zustand der Folgegeneration zu übertragen.“

Stephan Beil, Deutsche Bank

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Stephan Beil leitet bei der Deutschen Bank den Bereich Akquisitionsfinanzierung. Er mahnt zur Vorsicht: „Finanzierungsrisiken steigen aktuell ohnehin, weil vielfach die Ertragskraft geringer ist als früher, aber leistungswirtschaftliche Herausforderungen fortbestehen, Beispiel Zollthematik. Dazu verschärfen steigende Importe aus China den Wettbewerb, und ein schwächerer US-Dollar schmälert Exporterlöse.“

Doch Finanzinvestoren nehmen Fremdkapital nicht nur zur Wachstumsfinanzierung, sondern um gezielt die Eigenkapitalrendite zu hebeln. Unter dem Stichwort „Dividend Recap“ schütten sich die Gesellschafter Geld aus, das sie zuvor über das Unternehmen von einer Bank geliehen haben. Dadurch kann die Rendite auf das eingesetzte Eigenkapital gewaltig in die Höhe schießen – zur Freude der Investoren, die den Private-Equity-Häusern ihr Geld anvertraut haben.

Allerdings kann das auch schiefgehen. Und hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zum Unternehmer: Für den Finanzinvestor ist jedes Unternehmen wichtig, aber am Ende immer nur Teil eines Portfolios – und Mittel zum Zweck; nämlich eine möglichst hohe Rendite zu erzielen. Eine Pleite ist ein Problem für die Rendite, aber akzeptierter Teil des Risikokalküls. Unternehmer haben nur ihr Unternehmen, und das ist mehr als eine Geldmaschine.

„Der Mittelstand sollte auf eine langfristige, stabile und diverse Kapitalstruktur achten. Begleitet von Transparenz und überzeugender operativer Performance reduziert das Finanzierungsrisiken“, sagt Stephan Beil und ergänzt: „Ich kenne keinen Mittelständler, der durch bewusstes Financial Engineering das Risiko erhöhen würde, sein Unternehmen in schlechtem Zustand der Folgegeneration zu übertragen.“

01/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Isabella-Alessa Bauer. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.

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