»Macht ist wie eine Droge«

Macht ergreift uns mehr als wir sie: Sie verändert uns, und wir geben sie ungern wieder her. Wirtschaftspsychologe Carsten Schermuly kennt ihre Tücken – und wünscht sich einen offeneren Umgang.

Carsten Schermuly

Foto: Privat

Herr Professor Schermuly, in der Weltgeschichte kämpfen Menschen immer um Macht. Ist Machtstreben unsere wichtigste Triebfeder?

Es muss nicht immer ein Kampf sein, weil das Ringen um Macht nicht zwangsläufig mit Aggression einhergeht. Aber tatsächlich ist Macht eine der beiden großen sozialpsychologischen Dimensionen – die andere ist Zuneigung. Die Machtverteilung ist häufig das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses, und zwar nicht nur in der großen Geschichte, sondern auch in unserem Alltag.

Macht wird gewonnen und wieder verloren – warum ist sie so instabil?

Das liegt in ihrer Natur. Wir definieren Macht als Zugriffsrecht auf Ressourcen, die asymmetrisch verteilt sind und wertgeschätzt werden. Diese Präferenzen können sich ändern, und dann ändert sich auch die Dynamik der Macht. Die Kaninchen meiner Kinder zum Beispiel sind sehr folgsam, wenn sie hungrig sind. Sind sie aber satt, lassen sie sich kaum führen. Außerdem beanspruchen auch andere das Zugriffsrecht auf Ressourcen, das führt ebenfalls zu Instabilität.

Täuscht der Eindruck, dass Männern Macht und Machtausübung wichtiger ist als Frauen?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Männlichkeit immer noch der beste Prädiktor für Macht ist. Das hat aber vor allem mit Netzwerken zu tun und der Tatsache, dass Ähnlichkeit mit den Mächtigen beim Aufstieg hilft.

„Geierperlhühner lassen ihren Anführer einfach stehen und ziehen weiter, wenn er sich zu viel herausnimmt. Das tun Menschen auch.“

Verstanden – aber diese Struktur fiel ja nicht vom Himmel. Sind Männer machtversessener?

Grundsätzlich hat jeder Mensch ein Machtmotiv. Die Unterschiede in Bezug auf Machtstreben sind zwischen einzelnen Männern und Frauen viel größer als zwischen den beiden Geschlechtern. Und wo Macht nicht erobert oder von oben verteilt wird, sondern von Gleichgestellten verliehen, stehen Frauen keineswegs zurück, wie Studien zeigen.

Auf jeden Mächtigen kommen viele andere, die seine Macht akzeptieren. Warum tun wir das?

Zunächst einmal ist das nicht immer der Fall. Geierperlhühner lassen ihren Anführer einfach stehen und ziehen weiter, wenn er sich zu viel herausnimmt. Das tun Menschen auch. Macht wird dann akzeptiert, wenn viele Menschen im Umfeld der Mächtigen auch selbst profitieren.

Was macht Macht mit Menschen – verändert sie uns?

Absolut. Wer an der Macht schnuppert, wird davon infiziert. Schuldgefühle und negative Gefühle nehmen ab, die positiven Empfindungen nehmen zu. Wir können biologisch nachweisen, dass Macht wie eine Droge regelrecht abhängig macht.

Das klingt doch erst mal nett, solange es anderen nicht schadet. Tut es das?

Auf jeden Fall. Menschen mit stabiler Macht werden weniger empathisch, das ist in Studien nachweisbar. Außerdem reden sie erheblich mehr und kontrollieren ihr impulsives Verhalten weniger – das lässt sich an Kleinigkeiten ablesen: In Experimenten nehmen Mächtige häufiger den letzten Keks vom Teller, und sie krümeln mehr.

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Kurzporträt Carsten Schermuly

Macht ist überall, weiß Wirtschaftspsychologe Carsten Schermuly – und bedauert, dass sie bei uns so kritisch gesehen wird, obwohl sie richtig eingesetzt zu einer sehr positiven Kraft werden kann. In seinem aktuellen Buch „Die Psychologie der Macht“ untersucht der Professor der Berliner SRH University, wie Macht entsteht und wirkt und welche Rolle sie in Unternehmen spielt.

Das ist unschön, aber noch nicht gefährlich …

Ein weiterer Aspekt aber schon: Menschen in einer Machtposition sind erheblich korrupter. Das zeigt sich auch auf Staatsebene. Je stärker Macht in einem Land konzentriert ist, desto ausgeprägter ist die Korruption. Der britische Historiker Lord Acton postulierte schon im 19. Jahrhundert: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“ – und das können wir in Studien immer wieder zeigen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Macht als stabil empfunden wird.

Das ist sie aber nicht. Was passiert mit Menschen, die den Verlust ihrer Macht fürchten?

Es gibt durchaus eine emotionale Abhängigkeit von Macht. Niemand verzichtet gern darauf, sich mehr herausnehmen und authentisch die eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Darum beginnen viele Machtmenschen zu rechtfertigen und zu rationalisieren, warum sie die Position weiterhin verdient haben. Wer um seine Macht fürchtet, ist gestresst und hat oft auch Angst.

Manchmal wird Überzeugungskraft für den Machterhalt nicht ausreichen. Ist das der Grund, warum wir auf allen Kontinenten Machthaber erlebt haben, die mit guten Vorsätzen gestartet und am Ende zu gewaltbereiten Despoten verkommen sind?

Da kommen zwei Dinge zusammen. Zum einen die Gewöhnung an die Annehmlichkeiten der Macht. Zum anderen ist der Wechsel in autoritären Regimen im Unterschied zu demokratischen Strukturen auch mit Gefahr für Leib und Leben des bislang Mächtigen verbunden. Auch darum klammern sich Herrscher an die Macht.

Auch Familienunternehmen können autoritäre Machtstrukturen sein …

Das stimmt. Familienunternehmen funktionieren, böse gesagt, über Nepotismus, die Herkunft sticht das Leistungsprinzip aus. Dazu kommt noch, dass Konflikte in der Familie oft zu Machtkämpfen im Unternehmen führen. Trotzdem kann das gut funktionieren, wenn nämlich eine geeignete Person in der Familie gefunden und frühzeitig auf eine Rolle vorbereitet wird. Umgekehrt hieven auch demokratische Prozesse oder Entscheidungsstrukturen in Konzernen nicht immer geeignete Menschen in die Machtposition.

„In Experimenten nehmen Mächtige häufiger den letzten Keks vom Teller, und sie krümeln mehr.“

Macht ist ein negativ behafteter Begriff – zu Recht?

Überhaupt nicht, aber leider kommt er aus der Schmuddelecke nicht heraus. Wir diskutieren Organisationsformen, ohne darüber nachzudenken, wessen Macht dadurch beschnitten oder erweitert wird – und was das mit den Menschen macht. Auch darum gehen viele Transformationsprozesse schief. Umgekehrt wird freiwilliger Machtverzicht bei uns zu wenig anerkannt. Und auch die Umwandlung von Macht in Status gelingt viel zu selten – mit Helmut Schmidt als rühmlicher Ausnahme.

Wenn ich erkannt habe, dass Macht mich weniger empathisch, korrupt und abhängig macht – wie kann ich mich selbst prüfen, ob ich meine Aufgabe noch gut erfülle?

Mächtige Menschen brauchen in ihrem sozialen System Menschen, die nicht von ihnen abhängig sind und ehrliches Feedback geben. Manchmal hilft es, denselben Witz den Mitarbeitern und zu Hause zu erzählen. Wenn das Gelächter im Büro deutlich lauter ist, wird es nicht ehrlich sein. Und man sollte sich der Frage stellen, warum man Macht haben möchte: um andere zu kontrollieren, um Status zu bekommen – oder um eine Aufgabe erfüllen zu können?

02/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.

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