Das Glas ist halb leer
Sind Pessimisten die besseren Unternehmer? Wer nicht an sich und die Zukunft glaubt, wird selten ein Unternehmen gründen, sollte man glauben. Doch in Zeiten wie diesen kann Optimismus teuer werden. Ein Blick auf die Empirie
Der Erfinder der Kettensägenmethode zeigte im Wahlkampf plastisch, was mit bürokratischen Papierbergen passieren sollte. Tatsächlich hat Argentiniens Präsident Javier Milei den Staat radikal beschnitten. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS
Vier Persönlichkeitstypen hat der Cartoonist Gary Larson anhand eines zur Hälfte gefüllten Wasserglases identifiziert. Typ 1: „Das Glas ist halb voll.“ Typ 2: „Das Glas ist halb leer.“ Typ 3: „Halb voll. Ne, Moment … halb leer! Oder?“ Und Typ 4: „Hey, ich hatte einen Cheeseburger bestellt!“ Über die Verteilung der vier Typen innerhalb der deutschen Gesellschaft liegen keine belastbaren Daten vor. Zumindest unter Unternehmern ist aber Typ 1 – der Optimist – weit verbreitet. Denn wer kein Vertrauen in die eigene Zukunft hat, dürfte kaum ein Unternehmen gründen wollen. Eine im Mai erschienene Studie von Yuxiang Luan und Zixu Zhang zeigt, dass Unternehmer im Vergleich zu Nichtunternehmern tatsächlich etwas optimistischer sind.
Optimismus wird definiert als „die generelle Vorfreude, dass wünschenswerte Ergebnisse eintreten“. Pessimismus dagegen ist „die generelle Befürchtung, dass wünschenswerte Ergebnisse ausbleiben“. Im Umgang mit Schwierigkeiten zeigen sich die unterschiedlichen Verhaltensweisen deutlich. Der US-Psychologe Martin Seligman beschreibt in drei Dimensionen, wie unterschiedlich Pessimisten und Optimisten Erlebnisse einordnen.
- Dauerhaftigkeit: Pessimisten halten die Ursachen negativer Ereignisse für dauerhaft, Optimisten für vorübergehend. Bei positiven Ereignissen hingegen ist es genau umgekehrt: „Ich hatte einen guten Tag“ vs. „Ich bin einfach begabt“.
- Geltungsbereich: Fehlschläge in einem Bereich übertragen Pessimisten eher auf ihr ganzes Leben, während Optimisten die Fehlschläge spezifizieren.
- Personalisierung: Pessimisten suchen die Schuld für Schwierigkeiten bei sich selbst, während Optimisten sie externen Umständen zuordnen.
Optimisten bevorzugt
Seligman hat, so lassen die Titel seiner Bücher wie „Pessimisten küsst man nicht“ oder „Warum Optimisten länger leben“ vermuten, eine klare Präferenz für Optimisten. Damit ist er offenbar nicht allein. Eine Untersuchung von 815 neuen Kreditanträgen von US-Kleinunternehmern zeigte, dass Banken optimistischen Unternehmern lieber Geld leihen – außerdem verlangen sie geringere Zinsen und weniger Sicherheiten als von Pessimisten. Auch Venture-Capital-Investoren bevorzugen zuversichtliche Unternehmer.
Optimisten können Rückschläge besser verkraften, Stress besser bewältigen und erleiden seltener einen Burn-out.
Dafür gibt es gute Gründe. Optimisten haben ein besseres Immunsystem, leiden seltener unter kardiovaskulären Erkrankungen und zeigen gesündere Verhaltensweisen. Sie können Rückschläge besser verkraften, Stress besser bewältigen und erleiden seltener einen Burn-out. Eine Studie von Ajay Subramanian, Yahel Giat und Steven T. Hackman hat außerdem gezeigt, dass optimistische Gründer länger und härter arbeiten und eine höhere Leistungsabhängigkeit bei der Vergütung verlangen. Weil sie sich von Rückschlägen weniger entmutigen ließen, würden sie insgesamt auch längerfristig mit Risikoinvestoren zusammenarbeiten.
Laut Seligman erlebt ein Optimist sogar noch mehr Niederlagen und Tragödien als der Pessimist. Das liege daran, dass er bei Rückschlägen nicht sogleich aufgebe. Dank seiner Beharrlichkeit könne er mehr Rückschläge erleben, aber auch mehr Erfolge. Nach dem Motto: Ich habe doch gewusst, dass ich es hinbekommen werde.
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Stärken werden zu Schwächen
Doch genau diese Verhaltensweisen können teuer werden. Denn wenn Optimisten ihre eigenen Schwächen und Fehler unzureichend reflektieren, lernen sie daraus weniger. Die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler sich wiederholen, kann dadurch wachsen. Keith Hmieleski und Robert Baron haben analysiert, wie sich extremer Optimismus auf die unternehmerische Entwicklung auswirken kann. Sie haben dazu 201 US-amerikanische Start-up-Gründer mit einem Durchschnittsalter von 52 Jahren untersucht. Der Befund ist deutlich: Großer Optimismus korreliert demnach negativ mit Umsatz- und Beschäftigungswachstum. Dieser negative Effekt ist laut der Studie bei erfahrenen Unternehmern sogar noch ausgeprägter. Und in dynamischen Umfeldern zeigten sich die Nachteile besonders deutlich. Am schlechtesten würden erfahrene Optimisten in dynamischen Umgebungen abschneiden.
Eine Untersuchung dreier britischer Universitäten aus dem Jahr 2018 stellt den Optimisten ein noch schlechteres Zeugnis aus: Wenn sie sich selbstständig machen, verdienen sie demnach im Durchschnitt 30 Prozent weniger als Angestellte – obwohl sie ein größeres finanzielles Risiko eingehen und länger arbeiten. Während Realisten und Pessimisten davor zurückscheuten, wenig aussichtsreiche Unternehmen zu starten, hätten Optimisten diesen Selbstschutz offenbar weniger. Sie würden sich selbst und ihre Erfolgschancen überschätzen – und scheitern.
Es klingt wie ein Widerspruch: Optimismus steigert die Leistung, denn er erhöht Ehrgeiz und Durchhaltevermögen und motiviert sogar Dritte, die unternehmerischen Aktivitäten zu unterstützen. Doch zugleich führen Fehlentscheidungen unter anderem durch überzogene Zielsetzung und Ausblendung negativer Informationen dazu, dass die Unternehmungen eher scheitern. Co-Autor Chris Dawson kommentiert: „Pessimismus wird selten als wünschenswerte Eigenschaft angesehen, aber sie schützt Menschen davor, schlechte unternehmerische Projekte zu verfolgen.“ Dawson widerspricht Subramanian und dessen Kollegen: Ausgeprägte Optimisten gründen schneller, aber sie geben auch schneller wieder auf.
Wer ist nun der bessere Unternehmer?
Klar ist: Optimismus hilft, ein unternehmerisches Wagnis zu starten und dafür Finanzierung in Form von Eigen- oder Fremdkapital zu finden. Zu viel Optimismus schadet aber. Es ist eine umgekehrte U-Kurve – nur ein begrenztes Maß an Optimismus ist hilfreich. Die Lösung aus akademischem Munde: ein „dateninformierter Optimismus“ oder wahlweise ein „gepflegter defensiver Pessimismus“. Ersterer nutzt beispielsweise vermehrt Szenarioplanung und externe Benchmarks. Der defensive Pessimist macht sich aktiv auf die Suche nach Gegenargumenten und Worst-Case-Kalkulationen. Damit, so die akademische Empfehlung, könnten die Motivationsvorteile der Zuversichtlichen genutzt werden, ohne in Blindheit umzuschlagen.
Doch wie realistisch ist eine Verbindung des Besten aus beiden Welten? Entweder beginnt der Optimist, sein Worst-Case-Szenario mitzudenken, und hemmt sich dadurch – oder er setzt die Eintrittswahrscheinlichkeit ganz nach unten. Und inwieweit hilft „ein bisschen Zuversicht“ wirklich, sich durch eine sehr schwere Zeit zu kämpfen? In jungen Jahren hat Alibaba-Gründer Jack Ma Rückschlag um Rückschlag verkraften müssen. Hätte er mit gedämpftem Optimismus nicht bald aufgegeben?
Großer Optimismus korreliert negativ mit Umsatz- und Beschäftigungswachstum.
Hmieleski rät zu gemischten Teams aus optimistischen Visionären und realistisch-kritischen Partnern. Das würde das Risiko-Rendite-Profil ausbalancieren. Diese Rolle könnte ein Co-Gründer, ein externer Co-Manager oder mindestens ein kritischer Aufsichtsrat übernehmen. Oder Finanzinvestoren, auch wenn diese ebenfalls zum Optimismus neigen und Optimisten oft bevorzugen. Doch herrscht dabei auch eine gewisse Nüchternheit: Subramanian und seine Kollegen haben errechnet, dass Venture-Capital-Investoren unternehmerischen Optimismus in ihren eigenen Berechnungen mit einem Aufschlag von durchschnittlich 24,6 Prozent einpreisen. So viel ziehen sie in internen Kalkulationen von dem vom Gründer in Aussicht gestellten späteren Verkaufserlös ab.
03/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Michael Hedtstück. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.