Finanzstress macht Mitarbeiter krank
Jedes Pfund, das britische Unternehmen in die „Financial Wellness“ ihrer Mitarbeiter investieren, soll sich dreifach auszahlen. Sollten auch deutsche Unternehmen mehr fürs finanzielle Wohlergehen ihrer Belegschaft tun?
So entspannt sind beim Thema Finanzen nur die wenigsten Mitarbeiter. Umso wichtiger, übermäßigen Stress zu vermeiden, denn der schadet der Produktivität. Foto: pic4 / ai generated
Finanzstress ist der wohl am meisten unterschätzte Produktivitätskiller in Unternehmen. Zumindest zeigen aktuelle Untersuchungen aus Großbritannien: Finanzielle Sorgen verursachen 19 Prozent aller Fehltage, senken die Produktivität um 23 Prozent und verdoppeln die Kündigungswahrscheinlichkeit. Wenn Unternehmen hingegen in Financial-Wellness-Programme, also in das finanzielle Wohlergehen ihrer Mitarbeiter investieren, verdreifachen sie ihr Investment.
Die Befunde stammen unter anderem vom britischen Versicherer MetLife und der Building Societies Association, einer Art Spitzenverband der britischen Volks- & Raiffeisenbanken, Sparkassen und Bausparkassen. Es geht um einen Wachstumsmarkt: Bis 2033 soll sich der Markt für „Financial Wellness Benefits“ gegenüber 2024 auf 7,2 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppeln, prognostizieren die Marktforscher von Market Research Intellect.
Zwar lassen diese Ergebnisse manche Frage offen und die Situation in Großbritannien ist auch nicht direkt auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Allerdings zeigte bereits 2020 eine repräsentative Studie von Aon und Statista, dass bei mehr als einem Drittel der befragten Arbeitnehmer aus Deutschland die Arbeitsleistung unter finanziellen Sorgen leidet. Insbesondere jüngere Mitarbeiter sind betroffen. Sie suchen laut der Studie während der Arbeitszeit nach Lösungen für ihre Finanzprobleme und haben Konzentrations- und Entscheidungsschwierigkeiten.
In Deutschland ist aktuell trotz umfangreicher sozialer Sicherungssysteme jeder Achte von Überschuldung betroffen. Einer Erhebung der Wirtschaftsauskunftei CRIF zufolge sorgten sich 2025 rund 80 Prozent der Deutschen um ihre finanzielle Situation in den kommenden zwölf Monaten.
Mehr Prophylaxe als Akuthilfe
Unternehmen steht ein breites Instrumentarium zur Verfügung, um das finanzielle Wohlergehen ihrer Mitarbeiter zu verbessern. Diese Tools lassen sich grob in drei Kategorien unterteilen:
- Vorsorgemaßnahmen
- finanzielle Aus- und Weiterbildung
- konkrete Hilfen im finanziellen Notfall
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Vorsorgemaßnahmen wie die betriebliche Altersversorgung – ein Weg, finanzielle Sorgen vor einer unzureichenden Finanzlage im Alter zu mindern – sind zwar gesetzlich verankert und Arbeitnehmer haben einen Anspruch auf Entgeltumwandlung. Doch das Angebot wird in vielen Betrieben nur von einer Minderheit genutzt, weil Mitarbeiter davon zu wenig wissen.
Darum sind Angebote zur Finanzbildung der Mitarbeiter umso wichtiger. Diese sind mittlerweile weitverbreitet. Dabei werden häufig spezialisierte Anbieter engagiert. Finanztip bietet B2B-Workshops zu den Themen Sparen, Investieren, Altersvorsorge und mehr an. Einer der Kunden ist Airbus; das Unternehmen will das Finanzwissen seiner Azubis und dual Studierenden damit stärken. Der Energieversorger Vattenfall ließ den Anbieter FinMarie Workshops für weibliche Mitarbeitende unter anderem zu den Bereichen Alltagsfinanzen, Budgetierung und zum Umgang mit Schulden ausrichten. Auch SAP und eBay werden als Referenzen für Finanzbildungsworkshops genannt.
„Gerade jüngere Menschen überblicken die Folgen von Finanzprodukten wie ‚Buy now, pay later‘ nicht und tappen dann in die Verschuldung.“
Jürgen Schmitt,
Deutsche Bank
Jürgen Schmitt von der Deutschen Bank, der gerade ein Sachbuch für Kinder zum Thema Geld schreibt, unterstützt auch in seiner Freizeit immer wieder Unternehmen wie Globus Markthallen bei Finanzbildungsprojekten. „Gerade jüngere Menschen überblicken die Folgen von Finanzprodukten wie ‚Buy now, pay later‘ nicht und tappen dann in die Verschuldung“, hat er beobachtet. „Oft herrscht das Prinzip ‚Wird schon irgendwie gutgehen‘ vor.“ Er begrüßt, dass immer mehr Unternehmen bereit sind, in die Finanzbildung der Mitarbeiter zu investieren, damit diese ihre Einnahmen und Ausgaben in Balance halten und Schulden nur eingehen, deren Rückzahlung geplant werden kann.
Wirken die Initiativen überhaupt?
Doch während der Bedarf an besserem Finanzwissen unbestritten ist, ist die Wirkung der Maßnahmen nur unzureichend evaluiert. Knapp ein Viertel der Initiativen, zeigt die OECD-Bestandsaufnahme zur Finanzbildung in Deutschland, stützt sich nach eigenen Aussagen nicht auf Daten und Forschungsarbeiten. Nur wenige Initiativen testen das Finanzwissen – und eine einzige von 120 befragten führte Tests sowohl vor als auch nach der Bildungsmaßnahme durch.
Die meisten Initiativen richten sich an Kinder und Jugendliche; nicht einmal jede Dritte hat auch Angebote für erwerbstätige Erwachsene im Programm. Ver- und überschuldete Menschen sind noch seltener im Fokus der Anbieter. Dabei dürften gerade sie besonders unter Finanzstress leiden.
Helfen könnten individuelle Gesprächs- und Beratungsangebote, beispielsweise eine betriebliche Schuldnerberatung. Diese kann sehr effektiv helfen – doch ist der Zugang zu Betroffenen schwierig. Börsenhändler, erinnert sich Jürgen Schmitt, der früher auf dem Parkett tätig war, könnten sich an einen Ombudsmann wenden, wenn sie in finanzielle Schieflage geraten seien. Zu früherer Zeit habe es auch klare Regeln gegeben, um große persönliche Risiken zu vermeiden – der Besuch einer Spielbank sei tabu gewesen. Doch solche Strukturen sind in Unternehmen außerhalb des Finanzsektors selten.
Mögliche Vertrauenspersonen im Unternehmen wie zum Beispiel der Betriebsrat kennen sich bislang in diesen Themen wenig aus. Aber Unternehmen können sich damit auch in rechtliche Schwierigkeiten bringen, weil sie sowohl dem Gläubiger als auch dem Mitarbeiter gegenüber zur korrekten Abwicklung der Zwangsvollstreckung verpflichtet sind. Bei falscher Anwendung der Vorschriften kann der Arbeitgeber schadensersatzpflichtig gemacht werden. Die Evangelische Gesellschaft Stuttgart bietet daher eine betriebliche Schuldnerberatung an, von der Analyse der Situation des Mitarbeiters bis zur Hilfe bei der Erstellung eines Insolvenzantrags.
Finanzielle Nothilfe noch selten
Unternehmen können ihren Mitarbeitern aber nicht nur mit Beratung und Vermittlung, sondern auch finanziell bei einer Notlage helfen. Flexible-Pay-Lösungen wie ein Zugriff auf den Lohn schon vor dem Monatsende – auch als Vorschusszahlung oder Earned Wage Access (EWA) bezeichnet – können helfen, kurzfristige Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Solche Lösungen bieten spezielle Dienstleister an. Aber EWA-Angebote werden zum Problem, wenn die Gebühren hoch und intransparent oder auf häufige Nutzung angelegt sind. Das ILO Global Centre on Digital Wages hat weltweit 69 EWA-Dienstleister untersucht und festgestellt, dass EWA seltener für Notfälle, sondern vielmehr für laufende, reguläre Haushaltsausgaben genutzt wird. Dennoch werden gerade in Entwicklungsländern solche Angebote von Mitarbeitern geschätzt, weil sie teurere Kredite ersetzen können und Diskretion bieten.
Das Gegenstück sind „Rest-Cent-Initiativen“: Hierbei spenden Mitarbeiter regelmäßig einen kleinen Teil ihres Gehalts an einen Unterstützungsfonds. Bei Bedarf können sie dafür im Gegenzug finanzielle Hilfe erhalten. Der technische Dienstleister SPIE bewirbt beispielsweise in seinen Stellenanzeigen diesen Unterstützungsfonds. Auch Everllence, ehemals MAN Energy Solutions, hat 2013 eine Rest-Cent-Initiative zur Unterstützung von Mitarbeitern und Angehörigen eingeführt: Das Geld fließt auf ein separates Konto; über die Verwendung entscheidet eine standortübergreifende Kommission aus Betriebsrats- und Arbeitgebervertretern. Dabei steht allerdings schnelle Hilfe im Katastrophenfall wie nach den Hochwasserereignissen 2024 bei Augsburg im Vordergrund.
Mehr als nur Finanzbildung
Von der finanziellen Aus- und Weiterbildung bis zur individuellen Beratung und Finanzhilfe – in vielen Unternehmen steht Financial Wellness erst am Anfang der Möglichkeiten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Wirksamkeit und die harten Vorteile der Investitionen in diese Angebote schwierig zu belegen sind. Neben persönlicher Scham erschweren auch datenschutzrechtliche Vorgaben eine systematische Erfassung von Ausgangslage und Fortschritten. Dennoch ist es sinnvoll, angesichts der Kosten, die Finanzstress verursachen kann, den Mitarbeitern früh Unterstützung anzubieten. Prophylaktische Initiativen sind dabei nur ein Baustein, auch die Linderung akuter Krisenlagen sollte dazugehören. Dies ist allerdings ein deutlich schwierigeres Feld: Bevor in EWA-Angebote investiert wird, sollten erst ausgewählte, messbare Pilotprojekte gestartet werden. Ein guter Anfang kann die Verankerung einer Vertrauensperson sein, die dann gezielt Hilfen und Bildungsangebote vermitteln kann.
05/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.