Tausche Freiheit gegen … was genau?
Wann sind wir bereit, auf unsere demokratischen Rechte zu verzichten? Die Vergangenheit zeigt: wenn wir uns fürchten, gierig werden oder uns nach Ruhe sehnen.
Geschürte Angst vor Terror und die Furcht vor der Armee des Kanzlers lassen in „Star Wars“ die Demokratie untergehen. Foto: picture alliance / Photoshot
Auch in der fernen Zukunft stirbt die Demokratie: „So geht die Freiheit zu Grunde: mit donnerndem Applaus“, resümiert Padmé Amidala, als der Galaktische Senat dem finsteren Kanzler Palpatine die Notstandsvollmachten einräumt, die das Ende der Republik besiegeln und das Imperium aus der Taufe heben. Doch man muss nicht „Star Wars“ schauen, um zu erleben, wie Menschen politische Rechte aufgeben und Einzelnen große Macht übertragen. Auch der Blick in den Rückspiegel zeigt Fälle in sämtlichen Zeitaltern.
Was alle eint: Die Freiheit wird vermeintlicher Sicherheit oder Verheißungen geopfert – mal wird der Feind im Innern, mal außerhalb der Grenzen verortet. Manchmal auch beides: Zehn Jahre nach der Französischen Revolution übernahm Napoleon Bonaparte in einem Staatsstreich die Alleinherrschaft. Die Revolution hatte in Teilen tatsächlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gebracht – aber auch Terror und Bürgerkrieg, Inflation und Zwangsrekrutierungen für die Koalitionskriege. Ruhe und Stabilität, die der junge Korse versprach, standen auf der Wunschliste vieler Franzosen ganz oben. So blieb die Pariser Stadtbevölkerung nach dem Putsch ruhig – und es sollte bis zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 dauern, bis die Monarchie wieder abgeschafft wurde.
Kein Fundament, keine Stabilität
Auch unsere eigene Geschichte zeigt, wie demokratische Strukturen ohne Gegenwehr einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft geopfert werden. Das geht umso leichter, je weniger die Vorteile der Demokratie in den Überzeugungen einer Gesellschaft verankert sind. Das Kaiserreich kannte zwar Wahlen, aber am Ende wenig Mitbestimmung. Und 14 Jahre Erfahrung mit Demokratie reichten nicht aus, um eine Nation – geprägt von einer tiefen Wirtschaftskrise, Angst vor dem Kommunismus und offenen Rechnungen mit den Nachbarn aus einem fürchterlichen Krieg – vor Demagogen zu schützen. Das Fundament war 1933 noch nicht gebaut.
Manchmal schleicht sich der Niedergang auch langsam von oben ein – ein Paradebeispiel dafür ist das spätmittelalterliche Florenz, das die Medici über mehr als 100 Jahre von der Republik in ein Fürstentum verwandelten. Auf Reichtum und Einfluss des Vaters aufbauend, platzierte Cosimo de’ Medici Vertraute in den politischen Gremien, gewann die Unterstützung der Handwerker und Ladenbesitzer und kehrte nach einem Jahr Verbannung stärker als zuvor zurück. Sein Enkel Lorenzo hatte kein Amt inne und war dennoch de facto der Entscheider. Nach seinem Tod wurden die Medici 1494 aus Florenz vertrieben, kehrten aber 1512 mit spanischen Truppen zurück und errichteten das erbliche Herzogtum Toskana. Erst 1737 starb die Linie der Medici aus.
In Zeiten der inneren und äußeren Bedrohung sind wir besonders anfällig, unsere Freiheiten und Rechte als Bürger abzutreten.
Wie konnte es zur Abkehr von der Republik kommen? Welche Stützen stabilisieren das freiheitliche System? Reiche und alte Demokratien sterben nicht, postulierten zwei Politikwissenschaftler 1997. Die Argumente: Reiche Demokratien bieten weniger Anlass für Umstürze, alte Demokratien verfügen über gefestigte Institutionen. Doch beide Argumente hinken. Reichtum ist immer relativ – wenn subjektiv ein Niedergang einsetzt, werden politische Systeme anfällig. Und das Alter einer Demokratie kann auch bedeuten, dass die Belastbarkeit von Institutionen nie ernsthaft getestet wurde.
Auch ein Blick in die Antike stimmt nicht hoffnungsvoll, dass die Attribute „reich“ und „alt“ Demokratien retten. Die römische Republik war zwar gewiss keine lupenreine Demokratie, aber der reichste Staat ihrer Zeit. In Rom wurde gewählt und nach Gesetzen regiert, Verstöße von Politikern wurden hart geahndet. Dennoch kannte die römische Republik Alleinherrscher – der vielleicht bemerkenswerteste war Sulla, der im Bürgerkrieg als Militärführer in einem nach Stabilität dürstenden Rom einen legitimen Weg zur Alleinherrschaft fand. Der Diktator änderte die Verfassung, schob die Entscheidungsgewalt von den Volkstribunen in den Senat, regierte grausam gegen seine Gegner – und gab nach nur drei Jahren seine Macht wieder ab. Er zog aufs Land und starb dort eines natürlichen Todes. Letztlich bereitete Sulla aber den Weg für die Alleinherrschaft Julius Caesars, von der sich die römische Republik nie mehr erholte.
Alter schützt vor Torheit nicht
Reichtum schützt Demokratien also nicht – Alter leider ebenso wenig. Erfunden wurde die Demokratie im antiken Athen, wo sie zwischen 508 und 262 v. Chr. zu einer besonderen Blüte kam und fast so lange währte wie bislang in den USA. Die Athener versuchten, ihre Mitbestimmung zu schützen. So durfte jedes Jahr ein Bewohner der Stadt per Scherbengericht für zehn Jahre verbannt werden. Dafür konnte es ausreichen, in den Augen der Mitmenschen zu beliebt, zu reich oder zu mächtig und damit eine Gefahr für die Gemeinschaft zu sein.
... mich für den monatlichen Newsletter registrieren.
Spannende Informationen und relevante Themen aus der Wirtschaft und Finanzwelt in kompakter Form für Ihren unternehmerischen Alltag und für Ihre strategischen Entscheidungen.
Wir machen Wirtschaftsthemen zu einem Erlebnis.
Eine kriegerische Demokratie
Anführer Perikles hält eine Ansprache im demokratischen Athen kurz nach Beginn des Peloponnesischen Krieges. Der langjährige Strategos des Stadtstaats war eine prägende Figur und ein verantwortungsvoller Chef, doch es gab – wie Alkibiades – auch Demagogen, die das Volk verführten. Und das Losverfahren bestimmte nicht immer die geeignetsten Köpfe zu Anführern.
Foto: Adobe Stock / Vkilikov
Doch die attische Demokratie stand aus zwei Gründen unter Druck. Erstens wurden die meisten Ämter per Losverfahren zugeteilt, wodurch auch Unfähige Verantwortung erhielten. Zweitens ermöglichten die Abstimmungen der Volksversammlung über wichtige Fragen wie Krieg und Frieden es guten Rednern und radikalen Visionären, spontan breite Unterstützung für große Risiken zu finden. Das wurde per se nicht negativ gesehen: Der „Demagoge“ war als Anführer des Volkes bei politischen Entscheidungen hoch angesehen – erst die Herrscher der frühen Neuzeit brachten den Begriff in Verruf.
Die Folge war aber, dass die Athener Demokratie nach außen keineswegs friedfertig war – sie führte Kriege gegen Feinde wie Sparta und Korinth und unterjochte ihre Verbündeten im Attischen Seebund. Da sich die ärmere Bevölkerung von einer expansiven Eroberungspolitik viel versprach, konnten sich Spielernaturen wie Alkibiades durchsetzen, der Athen in seinem Bestand gefährdete. Und in Zeiten der größten Krise schlug auch in Athen die Stunde der Demokratiekritiker: Es war der Oligarchenfreund Theramenes, der nach der Niederlage im Peloponnesischen Krieg die Kapitulation mit den Spartanern aushandelte und den Weg für die Schreckensherrschaft der dreißig bereitete.
Die Geschichte gibt uns also kein Rezept für den Erhalt einer Demokratie – nur eine Warnung, dass wir in Zeiten der inneren und äußeren Bedrohung besonders anfällig sind, unsere Freiheiten und Rechte als Bürger abzutreten. Das gilt leider auch, wenn die Bedrohungen objektiv gar nicht existieren, aber trotzdem von vielen empfunden werden.
01/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.