
M/Kein Vorbild, der Unternehmer
Beamte sind in Deutschland inzwischen fast so angesehen wie Unternehmer. In anderen Ländern hingegen ist der soziale Status von Unternehmern viel höher. Woran liegt’s? Und helfen die Erkenntnisse dabei, das deutsche Unternehmertum wiederzubeleben?

Unternehmer im Rampenlicht: eine ehemalige Jury aus der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ Foto: RTL/Bernd-Michael Maurer
In 27 Ländern, von Afghanistan bis in die USA, gibt es inzwischen Varianten der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“. Erfunden wurde das Format ausgerechnet in Japan. Dort hielt es sich allerdings nur wenige Jahre – und wirklich gestiegen ist das geringe Ansehen von Unternehmern in dem Land nicht. Massenmedien, die vor rund 20 Jahren auf der Suche nach neuen Stars auch Unternehmer entdeckt haben, scheinen wenig Einfluss auf deren sozialen Status zu haben. Doch was sorgt stattdessen dafür, dass in einigen Staaten Unternehmer verehrt, in anderen dagegen wenig respektiert werden?
Zur Ermittlung des gesellschaftlichen Status von Unternehmern gibt es unterschiedliche Methoden. International bekannt sind Bevölkerungsumfragen, wie sie der „Global Entrepreneurship Monitor“ (GEM) jährlich durchführt. Dabei wird ermittelt, wie viele Menschen in einem Land der Aussage zustimmen, dass erfolgreiche Gründer hohes Ansehen genießen oder dass eine Firmengründung eine gute Karrierewahl darstellt. Ein anderer Ansatz ist die Frage nach dem Prestige der Berufsgruppen. Hierzulande rangieren Feuerwehrleute meist ganz oben und Versicherungsvertreter ziemlich weit unten. Andere Analysen erfassen beispielsweise, wie häufig und mit welcher Konnotation die Medien über Unternehmer berichten.
Mittelmaß
Die Ergebnisse können im Einzelnen voneinander abweichen, doch für Deutschland lässt sich festhalten: Um das Ansehen von Unternehmern steht es nicht wirklich schlecht, aber auch nicht besonders gut. Laut „Monitor öffentlicher Dienst“ 2024 erreichen Unternehmer Rang 16 von 25. Nur bei einer Bevölkerungsminderheit von 41 Prozent sind sie hoch oder sehr hoch angesehen. Beamte liegen lediglich zwei Ränge hinter den Unternehmern, bei 35 Prozent. Lucio Fuentelsaz, Juan Maicas und Javier Montero haben die Daten des GEM zwischen 2003 und 2020 ausgewertet. Nach ihrer Analyse bewerten 60 Prozent der Befragten den sozialen Status von Unternehmern in Deutschland als positiv – ein ordentlicher Wert (USA 67, Schweiz 58, Frankreich 57, Japan 46 Prozent). Allerdings können diese Werte schnell schwanken. Eine Finanzkrise schädigt das Ansehen, manchmal reicht dafür schon ein prominenter Unternehmensskandal.
Unsicherheitsvermeidung und Individualismus eines Landes werden häufig von Religion und Geschichte geprägt.
In Entwicklungsländern wie Äthiopien, Togo oder Guatemala erreichen Unternehmer häufig ein deutlich höheres Ansehen. Ein überraschender Befund, denn Unternehmertum ist in diesen Staaten wenig glamourös. Viele Menschen sind mangels Arbeitsplätzen selbstständig, ein Dasein als Unternehmer ist Lebensnotwendigkeit. Allerdings schätzt man in diesen Ländern den Mut zur Selbstständigkeit und idealisiert erfolgreiche Gründer: Sie haben geschafft, was man selbst noch nicht erreicht hat. In wirtschaftlich stärker entwickelten Ländern gibt es dagegen viele Wege zum finanziellen Aufstieg, weil der formale Beschäftigungssektor stark ist. Konzerne bieten Aufstiegsmöglichkeiten und Sicherheit zugleich.
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Unsicherheit aushalten
Um Unterschiede innerhalb der industrialisierten Staaten besser zu erklären, bietet die Forschung eine ganze Reihe von Erklärungsansätzen. Zwei wichtige Aspekte scheinen Unsicherheitsvermeidung und Individualismus zu sein. Länder mit hoher Unsicherheitsvermeidung – zu denen Deutschland gezählt wird – sehen Unternehmer tendenziell negativ: Diese gehen Risiken ein, treiben Innovationen voran. Beides wird in solchen Ländern nicht sehr geschätzt. Individualismus hingegen ist kein Ansehenstreiber, manchmal sogar im Gegenteil. In kollektivistischen Gesellschaften wie Singapur oder China können Unternehmer einen außerordentlich hohen sozialen Status erreichen. Voraussetzung ist aber, dass sie einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten und zum nationalen Fortschritt beitragen. Ihr Erfolg wird dann als Kollektivgewinn geschätzt. Ein Gedanke, der in individualistischen westlichen Gesellschaften – siehe die Kontroversen um Mäzene wie George Soros oder Bill Gates – deutlich weniger ausgeprägt zu sein scheint.
Religion und Historie
Unsicherheitsvermeidung und Individualismus eines Landes werden häufig von Religion und Geschichte geprägt. Auch wenn mit dem Rückgang der Religiosität die klassische Zweiteilung zwischen Protestanten und Katholiken an Gewicht verloren hat – das Ansehen von Unternehmern erreicht relativ niedrige Werte in Südeuropa und Polen, was zeigt, dass katholisch geprägte Skepsis gegenüber Handel und Gewinnstreben nicht ganz ausgestorben ist. In den protestantisch geprägten USA oder Niederlanden werden Arbeits- und Gründerethos offenbar höher gehalten.
Hinzu kommen gemeinsame historische Erfahrungen, die über Generationen weitergetragen werden. Die jahrzehntelange Planwirtschaft sorgte dafür, dass es in bestimmten Regionen (Ostdeutschland, Osteuropa) eher an Unternehmervorbildern und kultureller Verankerung fehlt. In Westdeutschland hingegen waren die Unternehmer als Motor des Wohlstands ein wichtiger Faktor für den Wiederaufstieg des Landes. Jahrzehnte später können diese Erfahrungen immer noch den Blick auf Unternehmer prägen.
Mehr Ansehen, mehr Gründer
Eine solche Analyse ist nicht nur eine Sozialstudie. Zu verstehen, was das Ansehen von Unternehmern erhöht, kann der Gründungsaktivität eines Landes helfen. Denn die Empirie zeigt: In vielen Ländern, in denen Unternehmer ein hohes Prestige genießen, wagen mehr Menschen den Schritt zur Gründung – und umgekehrt. Bestes Beispiel sind die USA, wo die Gründungsaktivität, oft schon in jungem Alter, viel ausgeprägter ist als hierzulande. Viele erfolgreiche Neugründungen können positive Effekte auf Arbeitsplätze und Wohlstand haben. Das wiederum hilft dem Ansehen des Unternehmers.
In vielen Ländern, in denen Unternehmer ein hohes Prestige genießen, wagen mehr Menschen den Schritt zur Gründung – und umgekehrt.
Europa, inklusive Deutschland, scheint hingegen in einer Abwärtsspirale zu stecken. Es gibt immer weniger begeisternde Unternehmer-Aufstiegsgeschichten, die Vorteile des Unternehmertums sind im eigenen Leben kaum präsent. Hinzu kommt, dass das Mäzenatentum hierzulande nicht so ausgeprägt ist wie in den USA und anderen Ländern. Der Unternehmer, der großzügig für das Gemeinwohl spendet, wird vom Bild des Steuervermeiders überlagert.
Abwärtsspirale durchbrechen
Es wird nicht leicht werden, das Ansehen des Unternehmers in Deutschland zu erhöhen. Kulturelle und religiöse Faktoren lassen sich nicht einfach verändern. Doch all das galt auch, als es eine Blütezeit der Unternehmensgründungen gab. Vielleicht ist die Notwendigkeit, dass sich Europa emanzipiert, der entscheidende Anstoß – und die Erkenntnis, dass weniger Gründerbürokratie, frühere Ausbildung und Praxiserfahrung sowie eine leichtere Finanzierung möglich werden müssen.
Aber auch Maßnahmen, die das Ansehen von Unternehmern erhöhen können, sind gefragt. Gefordert sind Unternehmer, die sich öffentlichkeitswirksam zusammenschließen, um gemeinsam das Gemeinwohl zu steigern. Die ihr Unternehmen nicht nur als Arbeitgeber in Schulen und Hochschulen vorstellen, sondern Werbung für ihren Beruf machen. Gefordert sind ebenso Politiker, die Unternehmer als Treiber von Innovation, als Problemlöser für konkrete Herausforderungen erkennen und nicht auf ferne, unausgereifte Technologien setzen. Die sich fragen: Wie können wir als Staat dazu beitragen, bei allen notwendigen Grenzen die Entwicklung von Unternehmen zu befördern, ohne uns auf einzelne Unternehmer zu beschränken? Es gilt, die Vielfalt des Unternehmertums ins Rampenlicht zu rücken, nicht nur in einer TV-Sendung.
08/2025
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.