Chinas Appetit auf mehr

Bei Zukunftstechnologien wie Solar und E-Mobilität hat sich China an die Weltspitze gesetzt. Könnte sich das jetzt bei alternativen Nahrungsmitteln wie Fleischersatz wiederholen? Noch liegen andere Länder vorn.

Fleisch, aber aus dem Labor: CellX arbeitet in seiner Pilotfabrik an der Züchtung von Fisch, Rind- und Hühnerfleisch.

Fleisch, aber aus dem Labor: CellX arbeitet in seiner Pilotfabrik an der Züchtung von Fisch, Rind- und Hühnerfleisch. Foto: Picture Alliance/Reuters/Ali song

Speckstreifen auf Myzelbasis – also aus den fadenförmigen Zellen eines Bakteriums, hergestellt durch Fermentation – statt aus Schweinefleisch. Das dürfte, so sachlich beschrieben, den wenigsten Appetit machen. Auch Aktionären ist die Lust auf Fleischalternativen weitgehend vergangen: Der Aktienkurs des ehemaligen Börsenlieblings Beyond Meat ist nur noch ein Schatten seiner selbst.

Dennoch gelten Lebensmittel, die konventionelle tierische Produkte ersetzen sollen, weiterhin als Nahrung der Zukunft mit großem Wachstumspotenzial. Dafür gibt es neben gesundheitlichen Aspekten vor allem zwei Gründe. Erstens steigt mit zunehmenden Einkommen in aufstrebenden Wirtschaften wie China oder Indien die Nachfrage bei proteinreicher Nahrung. Doch – und das ist der zweite Grund – die bislang dafür genutzte Viehwirtschaft strapaziert Flächen und Klimabudgets. Auf die globale Landwirtschaft entfällt mehr als ein Siebtel der CO2-Emissionen. Eine ressourcenschonendere Versorgung mit alternativen Nahrungsmitteln würde das Klima entlasten.

Chinesen verzehren rund ein Drittel des globalen Fleischangebots.

Bislang waren es vor allem US-Unternehmen, die weltweit für Schlagzeilen gesorgt haben. Neben den bekannten Marken Beyond Meat und Impossible Foods mischen auch traditionelle Lebensmittelkonzerne wie Kellogg’s mit seiner Sparte MorningStar Farms und weniger bekannte Start-ups wie Upside Foods und Eat Just den Nahrungsmittelmarkt auf. Doch auch europäische und asiatische Unternehmen von Unilever bis Global Bugs oder das südafrikanische AgriProtein positionieren sich im Markt. Aus China sind bislang nur Haocheng Mealworm und Joes Future Food (eigentlich: Jiaxing Zhouzi), Starfield und CellX Kennern ein Begriff. Aber anders als beispielsweise Chinas Automobil-, Solarpaneel- oder Batteriespeicher-Hersteller spielen die chinesischen Produzenten von Würmern, kultiviertem Fleisch oder pflanzenbasierten Fleischalternativen bislang nur eine untergeordnete Rolle auf dem wachsenden Weltmarkt für neuartige Nahrung. Könnte sich das ändern?

Größter Fleischkonsument der Welt

Die Strategie wurde in den vergangenen Jahren in anderen Bereichen erfolgreich angewendet: Zuerst wird die nationale Nachfrage adressiert, die eigene Industrie mit staatlicher Hilfe geschützt. Mit mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern ist der Binnenmarkt groß genug, Produktionskapazitäten in großem Stil aufzubauen. Für China ist es attraktiv, sich von Importen weniger abhängig zu machen – so wie es auch beim Energieträger Gas seit Langem Maßgabe ist. Chinesen verzehren rund ein Drittel des globalen Fleischangebots, müssen aber einen erheblichen Teil davon im Ausland einkaufen. 2023 importierte das Land 2,74 Millionen Tonnen Rindfleisch und führte 2024 für 2,1 Milliarden US-Dollar Schweinefleisch ein.

Heimat des Tofu

Fleischalternativen wie Tofu sind in der chinesischen Küche seit Jahrhunderten etabliert. Doch noch ist unsicher, ob sich auch „Novel Food“ durchsetzen wird.

Foto: ADOBE STOCK/AISYAQILUMAR

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In einem Fünfjahresplan (2021 bis 2025) für Landwirtschaft und Bioökonomie wird die Forschung und Entwicklung von kultiviertem Fleisch und anderen neuartigen Lebensmitteln gefordert. Der „Bioökonomie-Entwicklungsplan“ sieht die Erforschung künstlicher Proteine als Schlüssel für eine nachhaltige Lebensmittelindustrie. Die Definition konkreter Forschungsschwerpunkte (zum Beispiel Zellkulturtechniken, Fermentationsprozesse) zeigt, dass die Regierung es ernst meint. Präsident Xi Jinping rief 2022 sogar persönlich zur Steigerung der Selbstversorgung bei Nahrungsmitteln auf, um Chinas Abhängigkeit von Soja- und Fleischimporten zu verringern.

Gezielte Förderprogramme

Die politischen Vorgaben haben zur Förderung ausgesuchter Projekte geführt. Ende 2020 wurde eine „grüne Biomanufaktur“ ins Leben gerufen, inklusive 2,8 Millionen US-Dollar Fördergeld für die gezielte Entwicklung alternativer Proteine. Im Jahr darauf startete ein Dreijahresprojekt zur künstlichen Fleischherstellung an der Jiangnan-Universität in Wuxi im Osten Chinas. Anfang dieses Jahres wurde zudem in Peking das erste Forschungszentrum für Fermentation und kultiviertes Fleisch eröffnet. Als gemeinsame Initiative der Lokalregierung und des Fleischverarbeiters Shounong Food Group soll es die Lücke zwischen Laborforschung und industrieller Produktion schließen sowie die Kommerzialisierung von kultiviertem Fleisch beschleunigen.

Dieser Top-down-Ansatz erinnert stark an das Vorgehen in anderen Technologiesegmenten wie Batterien und Solarpaneele. Noch ist der Markt für Fleischersatz überschaubar. Eine Studie von Mordor Intelligence schätzt den weltweiten Markt für 2025 auf 10,36 und bis 2030 auf 18,07 Milliarden US-Dollar. Für China nennt Statista ein aktuelles Volumen von 2,47 Milliarden Euro mit Wachstumspotenzial auf 4,05 Milliarden Euro bis 2030 – inklusive beispielsweise Sojaprodukten. Das wären aktuell 1,73 Euro je Einwohner. Zum Vergleich: 2025 dürfte der chinesische Fleischmarkt rund 260 Milliarden US-Dollar groß sein.

Verbraucher müssen noch überzeugt werden

Eine entscheidende Frage wird – neben den technologischen Herausforderungen – sein: Werden die Chinesen sich vom „Novel Food“ überzeugen lassen? Einerseits sind Fleischersatzprodukte wie Tofu fester Bestandteil der Küche. In China gibt es eine lange, im Buddhismus wurzelnde Tradition, sich von pflanzlichen proteinreichen Produkten wie Tofu, Seitan und Jackfruit zu ernähren. Auch ist es in einigen Regionen üblich, bestimmte Insekten zu essen. Allerdings begrenzt sich dies meist auf traditionelle Medizin oder exotische Snacks. Die Konsumenten schätzen Frische und Natürlichkeit in der Küche – neuartige Fleischalternativen werden längst nicht so selbstverständlich auf den Speisekarten oder im Lebensmittelhandel angeboten wie hierzulande. Ein breiter Markterfolg ist daher nicht ausgemacht. Außerdem gibt es noch kein klares gesetzliches Rahmenwerk mit Vorgaben für Kennzeichnung und Sicherheitstests, auch wenn China bereits an Normen arbeitet.

Trotz öffentlicher Bekundungen über die Bedeutung alternativer Fleischprodukte scheint China weniger Wert auf einen raschen Marktdurchbruch zu setzen.

Schon im Jahr 2000 hatten zahlreiche Start-ups wie Hey Maet und Zhenmeat den Marktstart versucht. Heute sind ihre Websites verwaist, offenbar haben sie sich nicht durchsetzen können. Doch es gibt noch zahlreiche andere wie Good Food Tech oder Starfield, die mit einigen der größten Handels- und Gastronomieketten Chinas zusammenarbeiten. Vielleicht gelingt es ihnen, die chinesischen Konsumenten von den Nahrungsalternativen zu überzeugen.

Angesichts mancher Eigenart der chinesischen Küche ist zwar nicht sicher, ob sich später auch Kunden außerhalb der Region als Käufer gewinnen lassen. Doch bei Batterien und E-Autos made in China gab es ebenfalls lange Zweifel am Erfolg. Allerdings waren die öffentlichen Gelder, mit denen Unternehmen in diesen Branchen – und notwendige Rohstoffe – gefördert wurden, deutlich höher dimensioniert. Zudem gibt es keine staatliche „Kaufsubventionierung“ im Markt, die den Herstellern neuartiger Lebensmittel Rückenwind im Vergleich zu Fleisch gibt. Trotz öffentlicher Bekundungen über die Bedeutung alternativer Fleischprodukte scheint China weniger Wert auf einen raschen Marktdurchbruch zu setzen. Das könnte auch einen globalen Siegeszug für „Novel Food made in China“ erschweren.

03/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.

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