Rollt schon wieder ein Zins- und Inflations-Tsunami heran?
Ein Kriegsausbruch Ende Februar lässt die Energiepreise explodieren: Viele fühlen sich an das Jahr 2022 erinnert. Warum uns diesmal (anders als damals) ein Zins- und Inflations-Tsunami wahrscheinlich erspart bleiben wird – und in welchem Szenario sich die Geschichte doch wiederholen könnte.
Allzu lange darf die Erdölförderung am Persischen Golf nicht stillstehen. Die Produktion an Standorten wie hier in Bahrain lässt sich nicht einfach herunter- und wieder hochfahren. Gasfelder sind sogar noch empfindlicher. Foto: Adobe Stock
Geschichte wiederholt sich? Sollte das beim Thema „geopolitische Erschütterungen und Inflation“ so sein, könnte Unternehmen und Verbrauchern in Deutschland ein heißer Herbst drohen. Vor vier Jahren brach Ende Februar der Ukrainekrieg aus, in dessen Folge die Energiepreise massiv anzogen.
In diesem Jahr begann fast taggenau zur gleichen Zeit der Irankrieg. Droht auch jetzt wieder ein Inflationsschub, auf den die Zentralbanken mit harschen Zinserhöhungen reagieren müssen? Viele Unternehmen würde das vor erhebliche Herausforderungen bei der Refinanzierung ihrer Verbindlichkeiten stellen.
Was 2026 anders als 2022 ist
Auf den ersten Blick sind die Parallelen verblüffend: In beiden Jahren sprang die Inflationsrate in Deutschland von Februar auf April um rund die Hälfte an – allerdings von einem viel niedrigen Niveau aus. 2022 lag die Teuerung bereits bei 4,3%, bevor Russlands Invasion in der Ukraine die Energiepreise explodieren ließ. Im April waren es dann schon 6,3%.
2026 sprang die Inflation von 1,9% auf 2,9%. Hielte die Parallelität an – 2022 ging es bis Oktober bis auf fast 9% hoch – könnte die Teuerungsrate im Herbst dieses Jahres auf über 4% klettern. Das wäre deutlich über der Zielmarke der Europäischen Zentralbank von 2%, aber lange nicht so hoch wie vor vier Jahren. Und selbst das Erreichen solcher Inflationswerte halten die meisten Ökonomen für unwahrscheinlich. Marc Schattenberg, Volkswirt bei Deutsche Bank Research, nennt dafür drei Gründe.
Erstens: Anders als 2022 gibt es in Europa noch keine nennenswerte echte, physische Energieknappheit, sondern „nur“ steigende Weltmarktpreise insbesondere bei Rohöl.
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Zweitens: 2022 setzte der Energieschock just zu dem Zeitpunkt ein, an dem sich eine über zwei Jahre lang aufgestaute Konsumentennachfrage zu entladen begann. Die Sparguthaben wurden teilweise deutlich abgeschmolzen, die Menschen holten jenen Konsum nach, auf den sie während der Coronapandemie so lange verzichten mussten.
Drittens: Zu allem Überfluss standen damals auch noch die Staaten und die Notenbanken voll auf dem Gaspedal: Leitzinsen nahe null, üppige Anleihekaufprogramme und mächtige Fiskalimpulse in Europa und den USA öffneten die Schleusen für die heranrauschende Inflationswelle.
2026 ist die Ausgangslage Schattenberg zufolge anders: „Wir haben es mit einer schwachen Konjunktur, geringer Konsumneigung und spürbaren Sparbemühungen der privaten Haushalte zu tun. Die Notenbanken bauen ihre in der Nullzinsphase erworbenen Anleihebestände ab, und der Leitzins befindet sich eher im neutralen Bereich. Er wirkt derzeit also weder stimulierend noch bremsend. 2022 war der Zins sehr stimulierend.“
Zinserhöhungen werden kommen
Dennoch – da sind sich die meisten Ökonomen einig – werden die Notenbanken auf den Inflationsanstieg reagieren müssen: „Wir erwarten, dass die EZB ihre Leitzinsen im Juni und im September um jeweils 25 Basispunkte auf dann 2,5% anheben wird“, sagt Schattenberg.
„Der Leitzins befindet sich eher im neutralen Bereich. Er wirkt derzeit also weder stimulierend noch bremsend. 2022 war der Zins sehr stimulierend.“
Marc Schattenberg,
Deutsche Bank Research
Die gute Nachricht für Unternehmen: „Der Kapitalmarkt hat diese Entwicklung bereits vorweggenommen und preiste Mitte Mai sogar Zinserhöhungen von gut 70 Basispunkten bis Jahresende ein“, sagt Schattenberg. „Dadurch sind bei den Fremdkapitalzinsen für Unternehmen keine nennenswerten Anstiege mehr zu befürchten, wenn die Notenbanken in den nächsten Monaten tatsächlich zur Tat schreiten – zumindest solange sie in dem bislang erwarteten Rahmen bleiben.“
Die Geologie ist der Elefant im Raum
Was könnte passieren, wodurch es trotzdem zu einem größeren Zins- und Inflationsschub kommt als in dem derzeitigen allgemeinen Basisszenario moderater und bereits weitgehend eingepreister Leitzinserhöhungen? „Das hängt vor allem stark davon ab, wie lange die Straße von Hormus noch blockiert sein wird“, erklärt Schattenberg. Die Folgen einer längeren Blockade wären erheblich: „Sollte die Blockade noch im Mai enden, erwarten wir, dass die Ölpreise wohl nicht mehr höher als auf 120 Dollar je Barrel steigen werden. Kommt es beispielsweise erst im Juni zu einem Ende der Blockade, liegt unsere Prognose schon bei 130 Dollar je Barrel.“
Richtig problematisch würde es werden, wenn sich die inflationstreibende militärische Pattsituation am Golf selbst dann nicht auflösen würde: „Je länger die Schließung dauert, desto größere Schwierigkeiten würden die Golfstaaten unter anderem beim Wiederhochfahren ihrer Öl- und Gasförderung haben.“
Der Grund liegt in der Geologie: Wird die Förderung einer Ölquelle länger unterbrochen, verändern sich die Gegebenheiten in der Lagerstätte selbst. Außerdem verschmutzen die Bohrlöcher und die Leitungssysteme. Bei den Gasquellen am Golf ist diese Problematik noch stärker ausgeprägt. Aufgrund dieser nicht komplett vermeidbaren natürlichen Prozesse könnte es selbst nach einer kompletten Beilegung des Konflikts am Golf mehrere Quartale dauern, bis die Öl- und Gasproduktion wieder das Vorkrisenniveau erreicht – wenn das überhaupt gelingt.
Ausblick: Eine Welle, kein Tsunami
„Aber dort sind wir noch lange nicht“, meint Schattenberg. Ähnlich wie die Akteure am Finanzmarkt glauben auch die Rohstoffanalysten der Deutschen Bank, dass der Ölpreis der Sorte Brent bis Jahresende wieder auf 80 Dollar oder sogar leicht darunter sinken könnte. Dann bliebe der gefürchtete Inflations-Tsunami aus. Was durchrauscht, wäre eine Welle – keine kleine, aber eine, die sich beherrschen ließe.
05/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Michael Hedtstück. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.