Das „Trapped Cash“-Problem im Ausland
Deutschlands Unternehmen wachsen und investieren zunehmend stärker in Ländern außerhalb Europas und Nordamerikas. Dort können sie aber häufig nicht frei über ihr Cash verfügen. Indien hat seine Kapitalverkehrskontrollen nun gelockert. Macht dieses Beispiel Schule?
Die indische Zentralbank hat es ausländischen Unternehmen lange schwer gemacht, Liquidität aus dem Land zu transferieren. Doch seit Kurzem gibt es einen neuen Lösungsweg. Da sich weltweit die Regelungen dauernd ändern, ist der Austausch mit versierten Banken essentiell. Foto: AdobeStock
Eigentlich ist es eine positive Entwicklung: Viele deutsche Unternehmen globalisieren sich weiter, insbesondere in Richtung Asien. Aber auch in Südamerika wachsen die Geschäfte. „Und wir erwarten, dass sich dieser Trend fortsetzen wird“, zeigt sich Frieder Schönthal optimistisch, der die MidCorp Coverage Deutschland & Europa der Deutschen Bank verantwortet. Er verweist auf neue Handelsabkommen mit Südamerika (Mercosur) oder Indien und sich intensivierende Handelsbeziehungen zu Ländern wie Vietnam und Malaysia. „Die Handelskorridore werden breiter, und das ist gut für unseren exportorientierten Mittelstand.“
Treasurer kennen die Problematik
Doch so dynamisch und attraktiv diese Märkte sind, birgt die Expansion dort doch fast überall eine Herausforderung, die insbesondere Treasurer gut kennen: die „Trapped Cash“-Problematik. „Diese entsteht, wenn Länder – zum Beispiel mit Hilfe von Kapitalverkehrskontrollen – verhindern, dass Liquidität von Unternehmen aus ihrem Land auf ausländische Konten abfließt“, erklärt Carsten Thöne, Leiter Cash Management Solution Sales MidCorps Germany der Deutschen Bank.
„Unternehmen können für nicht-indische Gesellschaften bei ausgewählten Banken Rupie-Konten in Auslandslokationen eröffnen.“
Carsten Thöne,
Deutsche Bank
„Dann kann es schnell passieren, dass zwar formal in einem Konzern viel Liquidität vorhanden ist, ein wesentlicher Teil davon außerhalb eines bestimmten Landes aber gar nicht genutzt werden kann. Das Geld ist in diesem Land ‚gefangen‘, daher der Begriff ‚Trapped Cash‘. In vielen Ländern Asiens und Südamerikas, in denen unsere deutschen Mittelständler wachsen und investieren, ist das leider der Fall.“ Die Folge: kein unternehmensweiter Cash Pool, kein zentrales FX-Hedging, unter Umständen auch höhere Finanzierungskosten.
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Erleichterungen in Indien und Südkorea
Eine gute Nachricht kam zuletzt aus Indien. Das bevölkerungsreichste Land der Erde mit gewaltigem Wachstumspotenzial, das immer mehr Handel mit Deutschland betreibt, hat seine Kapitalverkehrskontrollen deutlich gelockert: „Unternehmen können für nicht-indische Gesellschaften bei ausgewählten Banken, zu denen die Deutsche Bank gehört, Rupie-Konten in Auslandslokationen eröffnen, zum Beispiel Deutschland“, freut sich Cash Management-Spezialist Thöne. „Diese Konten können zum Transfer von Liquidität aus und nach Indien genutzt werden. Und damit kann man jetzt die indische Rupie auch in das zentrale FX-Management und die Netting-Strukturen einbeziehen.“
Was ist Trapped Cash?
Der Begriff „Trapped Cash“ bezeichnet liquide Mittel eines Unternehmens, die an einem bestimmten Ort festsitzen und nicht ohne Weiteres dorthin transferiert werden können, wo sie eigentlich benötigt werden. Zahlreiche Länder verbieten mit Hilfe von regulatorischen Hürden oder Devisenkontrollen den freien Abfluss von Geld ins Ausland, um ihre eigene Wirtschaft zu schützen. Die Regelungen sind nicht einheitlich und verändern sich ständig.
Freilich müssen die Unternehmen auch mitbekommen, dass (und wie genau) gelockert wird. Und dann müssen sie auch selbst die nötigen Schritte einleiten, um die neuen Vorteile zu nutzen. „Ohne einen Bankpartner vor Ort ist das nicht einfach“, glaubt Schönthal. „Unter anderem deshalb haben wir in unserem umfangreichen Auslandsnetzwerk in vielen Lokationen deutschsprachige Experten vor Ort, die unter anderem dafür da sind, Veränderungen in der Regulatorik zu erkennen und ihren Kunden, insbesondere aus dem deutschen Mittelstand, die sich daraus ergebenden Möglichkeiten aufzuzeigen.“
Aktuell ist das auch in Südkorea wichtig, wo die Regeln seit Januar 2025 ebenfalls gelockert wurden und der Zugang für ausländische Unternehmen zum lokalen FX-Markt über lokale registrierte Banken wie beispielsweise die Deutsche Bank Korea vereinfacht wird.
Mit lokalem Cash finanzieren
Grundsätzlich gibt es immer verschiedene Optionen, mit der Trapped-Cash-Problematik umzugehen. Thöne: „Wenn ein Unternehmen über viel Liquidität in einem Land verfügt, in dem die Liquidität gefangen ist, kann es insbesondere bei kürzeren Laufzeiten auch eine Überlegung sein, eine lokale Investition oder den Aufbau von Working Capital mit lokalem Cash und lokalem Fremdkapital anstatt mit einem Intercompany-Darlehen zu finanzieren. Die künftigen Cashflows liegen dann nicht ungenutzt auf dem Konto, sondern können genutzt werden, um diese Finanzierung zu bedienen. Das kann unternehmensweit betrachtet die Kapitalkosten optimieren.“
„Man muss sich in jedem Land gemeinsam mit seinen Bankpartnern vor Ort mit den Rahmenbedingungen und den dort möglichen Lösungen auseinandersetzen.“
Frieder Schönthal,
Deutsche Bank
Man sollte immer prüfen, welche Regeln im jeweiligen Land bestehen, unter anderem bezüglich Dokumentationserfordernissen, der Begrenzung von Dividendenausschüttungen, Genehmigungspflichten für grenzüberschreitende Zahlungen oder Restriktionen bei Intercompany-Darlehen“, empfiehlt Thöne.
Große regionale Unterschiede in China
Es gilt: Jedes Land ist anders, und Gesetzgebung ist dynamisch. Schönthal zieht daraus einen klaren Schluss: „Man muss sich in jedem Land, in dem man die Trapped Cash-Thematik begrenzen will, gemeinsam mit seinen Bankpartnern vor Ort mit den Rahmenbedingungen und den dort möglichen Lösungen auseinandersetzen.“ Das gelte nicht nur dann, wenn man bereits vor Ort tätig sei, sondern auch vor dem Beginn einer Expansion, damit gleich zum Start die Strukturen richtig aufgesetzt werden könnten.
Warum das sinnvoll sein kann, zeigt ein Blick nach China, wo es große Unterschiede zwischen den potentiellen Zielregionen einer Investition gibt. „Dort“, so berichtet Thöne, „gibt es – nachdem 2013 mit Shanghai gestartet wurde – inzwischen schon 23 Freihandelszonen. In diesen gelten teilweise andere Regeln als im Rest des Landes, und Themen werden häufig dort pilotiert. Damit bieten sich eventuell auch andere Spielräume.“ Treasurer und CFOs sollten sie kennen.
09/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Michael Hedtstück. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.