Warum der Irankonflikt den Mittelstand im Hedging ganz neu fordert

In der Straße von Hormuz ist ein permanenter Krisenherd für die Weltwirtschaft entstanden. Rohstoffe, Zinsen, FX: So versuchen Unternehmen, die Folgen für ihre Finanzen beherrschbar zu machen.

Kommt das Öl, kommt es nicht? Wir werden diese Unsicherheit wohl noch eine ganze Weile verspüren. Wenn aus dem Schwall ein letzter Tropfen wird, haben wir nicht nur an der Tankstelle Probleme. Erdöl ist in unzähligen Produkten unerlässlich, die wir für unsere Leben – und für unser Wachstum – dringend benötigen. Foto: pic4/ai generated

„Das große Problem mit dem Irankonflikt aus Sicht der Unternehmen ist, dass völlig unklar ist, wie lange die Straße von Hormuz noch blockiert bleibt und ob eine mögliche Lösung des Konflikts wirklich auch von Dauer wäre.“ So beschreibt Lukas Lambrecht, Hedging-Experte aus dem Firmenkundenbereich der Deutschen Bank, die Herausforderung, vor der viele CFOs und Treasurer deutscher Unternehmen gerade stehen.

Sie sehen deutliche Preisanstiege und teils sogar Lieferengpässe nicht nur beim Rohöl, sondern auch bei ölbasierten Vorprodukten und anderen, weniger bekannten Stoffen wie zum Beispiel Schwefelsäure, Aluminium oder Düngemittel. Hinzu kommen noch deutlich gestiegene Zinsen und Inflationserwartungen, die die Finanzierungsseite belasten. Und je länger der Konflikt am Golf dauert, auf desto höherem Niveau werden sich bis auf weiteres die Preise und Zinsen einpendeln (Vgl. results-Artikel „Rollt schon wieder ein Zins- und Inflations-Tsunami heran?“). Wie haben die Unternehmen in ihrem Risikomanagement auf diese Herausforderung reagiert?

„Scheinsicherheit“ bei Währungen

Am entspanntesten ist die Lage auf der Währungsseite: „Bei FX sind wir in einer Art Niemandsland“, findet Lambrecht. „Das Umfeld ist erstaunlich ruhig – fast schon zu ruhig.“ Bei fast allen relevanten Währungspaaren, die für Unternehmen in Deutschland relevant sind, seien die Schwankungen gering. „Aus meiner Sicht ist das gefährlich, denn es vermittelt ein falsches Bild von Sicherheit. Ich halte das, was wir gerade sehen, für eine Scheinsicherheit.“

Lambrecht warnt davor, dass die Volatilität jederzeit zunehmen könnte und sich die derzeitige „Ruhe“ schnell ändern kann. Firmenkunden könnten die ruhige Phase zu nutzen, um die für sie entscheidenden Währungen langfristig abzusichern. Die Herausforderung dabei: Es gibt keine eindeutigen Signale, in welche Richtung sich zum Beispiel Euro/Dollar entwickeln könnten. Ökonomen zeigen sich uneinig, welche Währung unter Abwertungsdruck geraten könnte. Lambrecht hält dies aber nicht für problematisch: „Treasurer sollen ja auch nicht spekulieren, sondern Korridore absichern, mit denen ihre Unternehmen noch gut leben können. Und die Grenzen solcher Korridore können auch unter- und oberhalb der aktuellen Werte liegen.“

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Zinserhöhungen sind schon eingepreist – Stand jetzt

Eindeutiger sind die Prognosen bei den Zinsen. Es herrscht Konsens, dass die EZB bis zum Jahresende zwei- bis dreimal die Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte anheben wird. Bei der US-Notenbank Fed gehen die Experten eher von einem Stillhalten aus. Weil der Konsens so klar ist, haben die Märkte das „schon vorweggenommen und eingepreist“, sagt Marc Schattenberg, Volkswirt bei Deutsche Bank Research (Vgl. results-Artikel „Rollt schon wieder ein Zins- und Inflations-Tsunami heran?“).

Quelle: CME Group

Das derzeitige Ausmaß des Zinsanstiegs an den Märkten dürfte für die allermeisten Unternehmen beherrschbar sein. „Zinsen sind nur einer von vielen Beweggründen für oder gegen eine Investition. Bei solchen Preisanpassungen revidieren Unternehmen in der Regel keine Investitionsentscheidungen“, glaubt Lambrecht. Die Gefahr liegt darin, dass die Zinsen noch weiter ansteigen könnten, falls es zu langfristigen oder wiederkehrenden Blockaden der Straße von Hormuz käme. Dies könnte zu dauerhaften Schäden an der Öl- und Gasinfrastruktur in der Region führen. Lambrecht sieht im Dialog mit Treasurern daher verstärkt die Frage nach Zinsabsicherung, falls ihre Unternehmen in absehbarer Zeit Fremdkapital benötigen. „Wann genau habe ich etwas zu (re)finanzieren? Ab diesem Tag bin ich gegenüber dem Zinsrisiko exponiert. Unternehmen sind gut beraten, sich für diese Phase das für sie noch akzeptable Zinsniveau abzusichern.“ Tatsächlich machen das Lambrecht zufolge auch viele so: „Die Unternehmen haben aus dem Zinsschock vor vier Jahren gelernt. Auch jüngere CFOs wissen jetzt, dass Zinsen auch mal kräftig in die Höhe schießen können.“

Rohstoffe: Engpässe und Margin Calls

Die größte Herausforderung durch den Irankonflikt sieht Lambrecht bei den Rohstoffkosten: „Direkt nach dem Kriegsausbruch im Februar ist bei uns die Nachfrage von Unternehmen nach Rohstoffsicherungen stark angestiegen.“ Überrascht hat ihn das nicht, denn er hat beobachtet, dass Unternehmen bei extremen Preisausschlägen am Rohstoffmarkt lieber über Banken absichern als über Broker.

Der Grund: „Bei Transaktionen mit Brokern können Unternehmen die so genannten ‚Margin Calls‘ drohen. Wenn sie zu große negative Marktwerte auf einer Position erleiden, sind sie gezwungen, zusätzliche Sicherheiten zu hinterlegen. Das ist ein erhebliches Liquiditätsrisiko. Wenn Unternehmen über Banken ihre Rohstoffpreisrisiken managen, drohen ihnen in der Regel keine Margin Calls.“

Neben möglichen Margin Calls weist das Risikomanagement bei Rohstoffen noch einen zweiten Unterschied gegenüber Zins- und FX-Hedges auf: „Bei manchen Unternehmen geht es nicht nur um den Preis, sondern auch um die Sicherung des physischen Bezugs von Rohstoffen wie Strom, Diesel oder Benzin. Und während das Treasury die Preisrisiken absichert, kümmert sich der Einkauf um die Bezugsseite.“

„Ich halte das, was wir gerade sehen, für eine Scheinsicherheit.“

Lukas Lambrecht,
Deutsche Bank

Entsprechend eng müssten beide Abteilungen zusammenarbeiten. „Der mögliche Einsatz von Sicherungsinstrumenten sollte genauso miteinander abgestimmt werden wie Termingeschäfte oder Großeinkäufe. Schließlich verändern all diese Schritte die Risiko-Exposition des Unternehmens.“

Lambrechts Schlussfolgerung: Unternehmen sollten sich insbesondere auf der Ölseite nicht dadurch in falscher Sicherheit wiegen, dass es in Europa bei Öl, Diesel oder Kerosin noch nicht zu Engpässen gekommen sei und auch die Preisausschläge am Ölmarkt nicht mehr so stark sind wie noch in den ersten Wochen des Irankonflikts. „Jedes Unternehmen“, rät Lambrecht“, „das Exposure zum Ölpreis hat, sollte durchrechnen, wie sich ein Ölpreis von 150 Dollar je Barrel oder mehr auf die eigene GuV auswirken würde, denn im Extremfall könnten solche Preisniveaus erreicht werden.“ Wenn die Resultate dieser Simulation bedenklich seien, ergebe sich Handlungsbedarf. „Wir dürfen nicht vergessen: Die Lage am Golf ist volatil.“

06/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Michael Hedtstück. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.

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