Verteidigungsfähigkeit finanzieren: Banken als Partner der Zeitenwende

Die geopolitische Lage hat unsere Verteidigungspolitik grundlegend verändert. Rüstungsfinanzierung rückt stärker in den Fokus von Banken. Wie die Weltlage Geld für Waffen salonfähig macht.

Die Weltlage macht die Produktion von Verteidiungsgütern heute wieder salonfähig. Foto: picture alliance / SvenSimon

Knapp 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich mit Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 auch in Europa wieder ein Bedrohungsgefühl entwickelt. Das geopolitische Umfeld zwingt Europa umzudenken, um sich zukünftig eigenständig verteidigen zu können. Regierungen investieren stärker in Verteidigungsfähigkeit, Resilienz und die Modernisierung ihrer Streitkräfte.

Deutschland ist in einer neuen Zeit aufgewacht. Die Regierung verabschiedete gleich 2022 das Sondervermögen für die Bundeswehr, das 100 Milliarden Euro umfasst und unter anderem „die Bündnis- und Verteidigungsfähigkeit des Landes stärken und Fähigkeitslücken der Bundeswehr schließen“ soll, „indem bedeutsame Ausrüstungsvorhaben finanziert werden“.

Die Weltlage ist seither nicht entspannter geworden, ganz im Gegenteil – und Rüstung ist die neue Boombranche. Um die riesigen staatlichen Aufträge zu stemmen, müssen Unternehmen ihre Produktion steigern, Standorte erschließen, Fabriken bauen. Dafür brauchen sie Kapital, das geeignet ist, die besonderen Anforderungen der Branche zu adressieren: lange Vertragslaufzeiten und hohe Volumina.

Deutsche Kreditinstitute haben sich bis zum Ausbruch des Ukrainekriegs bedeckt gehalten. „Die Debatte ist heute sachlicher geworden. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wir die Verteidigungsfähigkeit Europas verantwortungsvoll stärken und Unternehmen bei notwendigen Investitionen begleiten können“, sagt Julian Mömesheim, der sich in der Corporate Bank der Deutschen Bank als Experte mit dem Thema beschäftigt. Er betont aber auch, dass sein Haus die Branche stets finanziert habe – nach genauer Prüfung und in Übereinstimmung mit den Richtlinien der Bank. „Verändert hat sich die Kommunikation zum Thema. Das Bekenntnis der Bundesregierung schafft Akzeptanz“, ergänzt Lothar Meenen, der in der Corporate Bank der Deutschen Bank den Bereich Unternehmenskunden in Europa leitet.

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Heute signalisieren die Finanzierer frei: Wir sind bereit, die Rüstungsbranche über die gesamte Wertschöpfungskette mit Kapital und Knowhow zu unterstützen. Der durch Finanzierung ermöglichte Ausbau der Verteidigungsbranche gilt als Voraussetzung für wirtschaftliche und gesellschaftliche Resilienz.

Der Bedarf an Kapital ist riesig, vom Start-up über den mittelständischen Zulieferer bis zum Konzern. Alle wollen einen Teil des Sondervermögens und der steigenden Verteidigungsausgaben, alle erkennen die günstige Marktdynamik und benötigen frisches Kapital.

In der Deutschen Bank wurde bereits vor mehr als einem Jahr eine bereichsübergreifende Arbeitsgruppe für Verteidigung eingerichtet, um Expertise über Produktgruppen und Märkte hinweg zu bündeln und Kunden entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu begleiten.

„Verteidigungsfähigkeit entsteht nicht allein durch öffentliche Aufträge. Entscheidend ist, dass Unternehmen investieren, skalieren und ihre Lieferketten stabilisieren können. Wir verstehen die Anforderungen der Industrie und bringen Finanzierungskompetenz, Marktzugang und ein internationales Netzwerk zusammen.“

Lothar Meenen,
Deutsche Bank

Gerade junge Firmen tun sich schwer, Banken zu überzeugen: (noch) kaum Umsatz, dafür hohe Entwicklungskosten. Start-ups unterstützt ein Kreditgeber entsprechend seltener mit Fremdkapital, öfter über Kontakte und das eigene Ökosystem. „Wir nutzen unser Netzwerk bis in unsere Asset-Management-Tochter DWS, um Kapitalgeber auf Innovationen aufmerksam zu machen“, erklärt Lothar Meenen. Auch kann die Bank als Bindeglied zu Förderinstituten wie der KfW oder der EIB wirken.

Selbst finanziert die Deutsche Bank gerne mittelständische Zulieferer. „Unternehmen haben in uns einen Partner, der alle Möglichkeiten und Optionen kennt und berät“, verdeutlicht Meenen. „Wir verstehen die Industrie und haben den unbedingten Willen, hier mehr zu finanzieren.“ Dabei geht die Bank auch in die Führungsrolle, so beispielsweise bei der im Sommer 2026 von Deutz übernommenen FFG Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft, die unter Federführung der Deutschen Bank ihr Wachstum über eine syndizierte Avallinie sichern konnte.

Hier finden Sie Details zur Finanzierung von FFG

Und die ganz Großen? Sie erhalten Aufträge und entsprechende Anzahlungen direkt von der Regierung. „Geld ist da“, unterstreicht Meenen. „Es fließt von oben nach unten – nur leider stockt es auf dem Weg mitunter.“ Die Konzerne nutzen das frische Kapital für Zukäufe, geben aber keine Liquidität an Zulieferer weiter, die so schnell zum Nadelöhr werden: Sie sagen Aufträge zu – es ist schließlich ein umkämpftes Geschäftsfeld – können aber nicht liefern. Julian Mömesheim weiß, dass es auch anders geht: Ein Konzern, den er begleitet, gibt einen Teil seiner Vorfinanzierung an die Lieferkette weiter. Die Zulieferer können dadurch entsprechend mitwachsen und passen dadurch erheblich besser zum Risikoappetit der Banken.

Insgesamt stehen die Banken in allen Bereichen der Rüstungsfinanzierung als Ansprechpartner der Unternehmen zur Verfügung. Von Forschung und Entwicklung über Produktion von Rohmaterialien bis zu kleinen und großen Lieferanten und schließlich in der Endproduktion: Die Kreditinstitute haben Rüstung längst aus der Tabuzone geholt. Doch auch in der neuen Weltlage, die Rüstungsfinanzierung nicht nur salonfähig macht, sondern eine solide Verteidigungsindustrie als Geschäftsfeld und Wachstumsfaktor etabliert, wird nicht blind alles finanziert.

Die Kreditgeber halten sich selbstverständlich an alle geltenden Regularien, wie beispielsweise die der Vereinten Nationen (UN) und haben zudem strenge eigene Richtlinien. „Jede Finanzierung ist eine individuelle Entscheidung“, erklärt Julian Mömesheim, „unsere Richtlinien werden fortlaufend an aktuelle Entwicklungen angepasst und aktualisiert.“

International geächtete Waffen (UN)

  • Antipersonenminen (Ottawa-Konvention von 1997): Sprengkörper, die durch die Anwesenheit, Annäherung oder Berührung von Personen ausgelöst werden und oft noch viele Jahre nach einem Konflikt eine Gefahr für die Zivilbevölkerung darstellen.
  • Streumunition (Übereinkommen über Streumunition von 2008): verteilt zahlreiche kleine Sprengkörper über ein großes Gebiet, von denen viele nicht sofort explodieren und dadurch langfristige Risiken für Zivilisten verursachen.
  • Chemische Waffen (Chemiewaffenübereinkommen): setzen giftige chemische Stoffe ein, um Menschen zu töten, zu verletzen oder kampfunfähig zu machen, weshalb ihre Entwicklung, Herstellung und Nutzung international verboten sind.
  • Biologische Waffen (Biowaffenübereinkommen): verwenden Krankheitserreger oder biologische Toxine, um Krankheiten zu verbreiten und Menschen, Tiere oder Pflanzen gezielt zu schädigen.

Aber ist die Rüstungsfinanzierung auch gekommen, um zu bleiben? Es sieht so aus. Zum einen haben die Unternehmen sehr lange Planungs – und Entwicklungszyklen von 20 bis 30 Jahren. Wer heute finanziert, ist langfristig gebunden. Zum anderen ist die Verteidigungsfähigkeit wichtig wie selten. Die Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Mitglieder sollen sich von 570 Milliarden US-Dollar 2025 auf über 1,8 Billionen US-Dollar 2035 mehr als verdreifachen. Ist das eine schöne Entwicklung? Nein. Die Utopie bleibt der Wunsch – eine Welt, in der Waffen nicht salonfähig sind, sondern leider draußen bleiben müssen. Allein: Wunsch und Wirklichkeit sind unterschiedliche Dinge. Und an der Finanzierung wird es bei der Verteidigung nicht mangeln.

10/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Isabella-Alessa Bauer. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.

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