Unsere Industrie erneuert sich
Die großen, strukturwandelbedingten Wertschöpfungsverluste in der deutschen Industrie könnten bald nachlassen, während zugleich der Erneuerungsprozess unserer Industrie Fahrt aufnimmt – eine Bestandsaufnahme jenseits der täglichen Horrornachrichten.
Die Hannover Messe ist die weltweit größte Industriemesse. In diesem Jahr hat sie Verteidigungs- und Sicherheitsanwendungen erstmals einen eigenen Bereich gewidmet. Deutsche Unternehmen sind in diesem Wachstumsmarkt bestens positioniert. Foto: picture alliance / AAPimages/Gränzdorfer/Wehnert
Das alte Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft, mit Hilfe günstiger Energie hochwertige Industriegüter zu produzieren und diese dann weltweit zu exportieren (vor allem nach China) ist zerbrochen. Die Konsequenzen prägen die Wirtschaftsnachrichten: Werksschließungen, steigende Insolvenzzahlen und der Verlust von bis zu 15.000 Industriearbeitsplätzen jeden Monat.
Diese Beobachtung ist nicht falsch, aber es gibt auch Hoffnungszeichen, dass der Negativtrend nachlässt: Die Konjunktur erzeugt zumindest keinen Gegenwind mehr, viele „alte“ Industriekonzerne finden neue, wachsende Geschäftsbereiche, und gleichzeitig stürmen Zukunftstechnologien in Richtung Marktreife, bei denen deutsche Unternehmen zu den weltweit innovativsten Marktteilnehmern zählen.
„Deeptech“ ist mehr als ein Hype…
Gerade der letzte Aspekt, die neuen Industrien, oft getrieben vom schon so getauften „New Mittelstand“, erfahren dank hoher Dynamik und aufsehenerregender Deals große Aufmerksamkeit. So wurden im ersten Halbjahr in Deutschland über 3000 Start-ups gegründet, 50 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Die neue Dynamik zeigt sich auch in der Verschiebung der Allokation von Venture Capital: Das Wachstumskapital für deutsche Unternehmen fließt anders als früher nicht mehr hauptsächlich zu Software-, IT- und App-Entwicklern, sondern immer stärker in arbeits- und kapitalintensive Deeptech-Unternehmen, die Hardware entwickeln und produzieren: Neuartige Batterien und Batteriespeicher, Kühl- und Kältetechnik, Raketen und Drohnen, Roboter und Kernfusion, Quantencomputing und Halbleiter aus außergewöhnlichen Materialien. Auf all diesen Feldern zählen deutsche Jungunternehmen zur Speerspitze der globalen Technologieentwicklung.
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Was ist Deeptech?
Deeptech bezeichnet Technologien, die auf wissenschaftlichen oder technischen Durchbrüchen beruhen und sich nicht einfach kopieren lassen. Dazu zählen etwa neue Verfahren in der künstlichen Intelligenz, Robotik, Biotechnologie, Quantencomputing, neuen Materialien oder Energiespeicherung.
Der entscheidende Unterschied zu vielen klassischen Start-ups: Bei Deeptech steht nicht primär eine neue Software oder ein Geschäftsmodell im Mittelpunkt, sondern eine technologische Innovation, die ein konkretes Problem grundlegend anders löst.
Für mittelständische Unternehmen ist Deeptech deshalb besonders relevant: Es kann bestehende Produkte und Prozesse verändern, neue Märkte ermöglichen – oder etablierte Geschäftsmodelle unter Druck setzen. Gleichzeitig sind Entwicklung, Finanzierung und Markteinführung häufig anspruchsvoller und dauern länger.
Europas Deeptech-Unternehmen (inklusive Life Science) sind laut einer aktuellen Studie verschiedener Venture-Capital-Firmen zufolge 690 Milliarden Dollar wert, fast zehnmal so viel wie vor zehn Jahren. Diese Verschiebung der Kapitalzuflüsse ist für Deutschland ein Hoffnungswert, weil Deeptech-Projekte meistens B2B-Charakter haben, Software hingegen in der Regel B2C. Und im B2B-Geschäft haben Unternehmen aus Deutschland grundsätzlich bessere Aussichten als in B2C-Märkten, an die Weltspitze aufzusteigen, weil dort die Produkte nicht so schnell „skaliert“ werden müssen wie im Consumer-Bereich. Dort benötigen Start-ups einen riesigen Heimatmarkt, globale Reichweite und große Finanzierungsrunden – ein Set-up, für das Pioniere aus den USA oder aus China prädestiniert sind und nicht die Player aus Deutschland.
… aber weit entfernt, schon relevant zu sein
Gleichwohl ist Deeptech noch lange nicht in der Lage, einen nennenswerten Beitrag zur Abfederung der Folgen des Strukturwandels in der klassischen Industrie zu leisten. Quantencomputing und Kernfusion sind Zukunftswetten, deren Industrialisierung frühestens in den 30er-Jahren Fahrt aufnehmen wird. Batteriespeicher und orbitale Trägerraketen stehen schon näher vor der Marktreife, dürften aber auch erst mittelfristig an Relevanz gewinnen. Das Gleiche gilt für humanoide Robotik, die viele Experten vor einem Durchbruch wähnen, weil die Hardware jetzt mit KI-Fähigkeiten angereichert werden kann. Mit Neura Robotics verfügt Deutschland auf diesem Feld über einen aussichtsreichen Kandidaten – aber auch dieses Unternehmen beschäftigt derzeit gerade einmal 1.400 Menschen.
In der Skalierungsphase angekommen sind bislang einzig die Drohnenhersteller, die Protagonisten des Defence-Tech-Ökosystems“. Die drei visibelsten Drohnenspezialisten aus Deutschland, Helsing, Quantum und Stark, haben in diesem Frühjahr allesamt neue Finanzierungsrunden abgeschlossen und dabei kumuliert rund 3 Milliarden Euro eingesammelt. Ihr aktueller Unternehmenswert liegt zusammengerechnet bei rund 30 Milliarden Euro.
Das ist schon was. Aber auch sie sind zu klein für das Narrativ „Drohnenproduzenten übernehmen die Fabriken der Autohersteller“. Zusammen beschäftigen die drei Marktführer derzeit kaum mehr als 1.000 Angestellte. Diese Zahl wächst zwar schnell. Aber verglichen mit rund 180.000 Industriearbeitsplätzen, die aktuell im Jahr verloren gehen, ist und bleibt sie winzig.
Autoindustrie 2.0
Doch selbst hier gibt es Hoffnung: Eric Heymann, Industrieökonom bei Deutsche Bank Research, plädiert dafür, auf der Suche nach den neuen Wachstumskernen der deutschen Industrie die prägenden Branchen unseres Landes nicht abzuschreiben. „Ja, wir verlieren seit Jahren signifikant Produktion und Wertschöpfung. Aber die Rückgänge überlagern, dass selbst in der Autoindustrie einzelne Bereiche wachsen.“
Er nennt als Beispiel Elektroautos. Nach Zahlen des Automobilverbands VDA liefen 2025 fast 1,7 Millionen E-Autos und Plug-in-Hybride in deutschen Autofabriken vom Band. Das sind 23 Prozent mehr als 2024 und schon rund 40 Prozent der Gesamtproduktion. Für das laufende Jahr sind erneut signifikante Zuwächse zu erwarten. „Vor nicht allzu langer Zeit gab es einzelne Prophezeiungen, wonach wir in Deutschland von 5 auf 2 Millionen produzierte Autos pro Jahr zurückfallen werden“, erinnert sich Heymann. „Das ist nicht eingetreten. Mit einem höheren Anteil an E-Autos stabilisiert sich die Autoproduktion aktuell im Bereich von gut 4 Millionen. Im besten Fall liegt der Großteil der Rückgänge schon hinter uns.“
„Wir verlieren seit Jahren signifikant Produktion und Wertschöpfung. Aber die Rückgänge überlagern, dass selbst in der Autoindustrie einzelne Bereiche wachsen.“
Eric Heymann
Deutsche Bank Research
Ähnliches gilt für die Chemie. Beispiel Ludwigshafen, wo BASF das größte Chemiewerk Europas betreibt: Dort hat der Dax-Konzern in den vergangenen drei Jahren die Beschäftigtenzahl von 34.000 auf unter 30.000 gedrückt. Das hat dazu beigetragen, dass sich nach Angaben des BASF-Vorstands der Anteil nicht wettbewerbsfähiger Anlagen im Chemiepark von 24 auf 12 Prozent halbiert hat. Auch in Ludwigshafen dürften die tiefsten Einschnitte, die notwendig waren, um den Standort auch bei deutlich höheren Energiepreisen als in der Vergangenheit zukunftsfest zu machen, bereits gesetzt worden sein.
Der Strukturwandel ist nicht überall eine Belastung
Darüber hinaus entdeckt Heymann auch außerhalb der deutschen Kernbranchen strukturelle Wachstumstreiber: „Es gibt eine Menge Branchen, die nicht im Strukturwandel stecken, sondern sogar strukturell wachsen. Ich denke etwa an Unternehmen, die mit ihren Produkten die weltweit massiv boomende Halbleiterindustrie ausrüsten. Bei denen laufen diese Geschäftsbereiche seit Jahren richtig gut, zum Beispiel bei Herstellern optischer Instrumente wie Carl Zeiss oder Jenoptik.“
Ein weiterer Faktor: „Im deutschen Mittelstand erreichen allmählich die Zweit- und Drittrundeneffekte der steigenden Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur die Auftragsbücher. Auch wenn das keine Defence- oder Baufirmen sind, hören wir schon von dem einen oder anderen Unternehmen, dass sie als Zulieferer langsam, aber sicher von diesen Investitionsschüben zu profitieren beginnen.“
Hoffnungswert Unternehmergeist
Heymann glaubt, dass man „den Unternehmergeist in Deutschland nicht unterschätzen darf. Die Unternehmer und Manager in der deutschen Industrie waren schon immer gut darin, ihre Firmen zu erneuern und sich an neue Rahmenbedingungen anzupassen. Viele Unternehmen sind seit Jahrzehnten erfolgreich und haben gute Chancen, den aktuellen Strukturwandel zu bewältigen.“
Aber eine Voraussetzung sieht Heymann als unverzichtbar: „Das geht nur mit Innovation! Und da geht es nicht nur um Produkte und Technologie. Fast überall in der verarbeitenden Industrie werden After-Sales-Service, Planungs- und Beratungsleistungen oder Finanzierungsangebote wichtige Hebel, um den Absatz zu stützen und zusätzliche Ertragsquellen aufzubauen. Dass unsere Unternehmer hier einen guten Job machen, ist für die Erneuerung unserer Industrie mindestens so wichtig wie die erfreulich vielen Finanzierungsrunden bei den Hoffnungsträgern aus dem Deeptech-Universum.“
08/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Autor: Michael Hedtstück. Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.