Ginge es ganz ohne US-IT?

Ob Server, KI oder Business-Software: US-Unternehmen dominieren auch in Europa den IT-Markt. Um sich aus der Abhängigkeit zu lösen, soll unsere IT „souveräner“ werden. Klar ist: Die Kosten wären sehr hoch, in mehrfacher Hinsicht.

Gar nicht so einfach mit der digitalen Souveränität in Europa. Das neue KI-Rechenzentrum wird zwar in Deutschland gebaut – aber vom US-Unternehmen Microsoft. Foto: picture alliance / Panama Pictures

Mit Spannung war das neue KI-Modell „Mythos“ von Anthropic erwartet worden. Weil es so mächtig war, dass es unzählige bislang unbekannte Sicherheitslücken aufdecken konnte, wurde es anfangs weitgehend unter Verschluss gehalten. Unter dem Namen „Fable 5“ wurde dann eine Variante veröffentlicht – doch in Europa hatten Nutzer nur kurz Zugriff. Denn die US-Regierung hat Anthropic die Nutzung durch Nicht-US-Bürger untersagt. Schon in der Vergangenheit hatte die Regierung die mächtigen US-IT-Unternehmen als Druckmittel eingesetzt, um nationale Interessen durchzusetzen. Die Lehre für Deutschland und andere europäische Staaten daraus: Europas IT muss unabhängiger von den US-Software- und Rechenzentren-Giganten werden. Doch das ist keine einfache Aufgabe. Allein im Cloud-Infrastrukturmarkt kommen laut Synergy Research europäische Anbieter auf heimischem Terrain gerade einmal auf rund 15 Prozent Marktanteil. Ohne Cloud-Dienste wären knapp zwei Drittel der deutschen Unternehmen nicht mehr arbeitsfähig, hat der Branchenverband Bitkom ermittelt. Und es ist nicht allein die Privatwirtschaft betroffen: Öffentliche Verwaltung, Justiz, staatsnahe Einrichtungen, auch Gesundheitswesen und Krankenhäuser hängen an den US-Systemen. Energie und Versorger, Finanzen und Handel – die Abhängigkeiten sind branchen- und größenübergreifend. „Wir kaufen Zukunft ein, statt sie selbst zu bauen“, konstatierte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger Anfang des Jahres.

Der Wunsch nach Souveränität

Das Problem ist erkannt, der Wunsch nach mehr Souveränität eint Regierung und Wirtschaft, Dienstleister und Produzenten. 80 Prozent der Unternehmen wünschen sich laut Bitkom europäische Hyperscaler. Schwarz Digits, Teil der Schwarz Gruppe (u.a. Lidl), T-Systems, Ionos und andere positionieren sich in Erwartung eines Nachfrageschubs als deutsche Cloud-Anbieter. Auch in anderen IT-Bereichen gibt es längst europäische Lösungen, unter anderem von Siemens, proALPHA, PSI, Mistral, Aleph Alpha, DeepL – und natürlich SAP. Hinzu kommen Anbieter wie Cohere aus Kanada, Zoho aus Indien oder Ubuntu aus Großbritannien, die eine Alternative zu den US-Platzhirschen anbieten.

Allerdings: Nicht überall, wo ein europäischer Anbieter „draufsteht“, ist auch kein US-Anbieter drin. DeepL gilt zwar als deutsches Unternehmen und verarbeitet seine Dienste in Europa – nutzt dafür allerdings nicht nur eigene Infrastruktur, sondern setzt auch auf Amazons AWS. AWS hat, wie beispielsweise auch Microsoft, spezielle Angebote, die in Europa ansässig sind und sich den Datenschutzstandards unterwerfen. Gerade im Bereich der Hyperscaler sind US-Unternehmen kaum zu umgehen. Das liegt weniger an der überlegenen Technologie oder Software, sondern an der Finanzierungskraft von Amazon, Google oder Oracle. Diese kaufen die benötigte Hardware in Größenordnungen ein, mit denen die Konkurrenz nicht mithalten kann. Diese Hardwarekapazitäten wiederum sind eine wichtige Voraussetzung für die Weiterentwicklung von führenden KI-Modellen. Lagen in den vergangenen Jahren chinesische oder französische Modellanbieter noch (fast) gleichauf mit Anthropic oder OpenAI, haben sich seit Jahresanfang die beiden Großen deutlich abgesetzt. Wer auf diese Sprachmodelle verzichten will oder muss, riskiert möglicherweise Produktivitätsnachteile.

„Wir kaufen Zukunft ein, statt sie selbst zu bauen.“

Karsten Wildberger, Bundesdigitalminister

Technologischer Anschluss gefährdet

Zugleich beeinflusst KI die Leistungsfähigkeit anderer IT-Segmente. IT Security – siehe Mythos – wird ohne den Einsatz von KI schlechtere Chancen gegen Cyber-Angriffe haben. Arbeitsplatzsoftware, Kollaborationstools, auch Manufacturing Execution Systems (MES) in der Produktion werden immer weiter von KI durchdrungen, um Daten noch besser zu analysieren oder Arbeitsschritte zu automatisieren. Das bedeutet, dass eine europäische Souveränität zunehmend riskiert, sich vom technologischen Fortschritt abzukoppeln – sollte es den Nicht-US-KI-Modellen nicht gelingen, wieder Anschluss an OpenAI und Anthropic zu finden.

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Abgesehen von der KI-Thematik wird die Lossagung von den Marktgrößen Kosten für Unternehmen haben. Denn bei aller Abhängigkeit von teils De-facto-Monopolen hat diese Welt einen Vorteil: Es gibt Standards. Keine Textverarbeitung kann auf Kompatibilität mit Microsoft-Word-Dateien verzichten. Fällt der Standardanbieter für Europa weg, könnten neue Formate entstehen, die aber nicht automatisch miteinander kompatibel sind. Das gilt auch für das Thema Ökosystem: Um die großen Softwareanwendungen haben sich zahllose Speziallösungen gruppiert, die die Basissoftware ergänzen. Die Kosten für die Einrichtung von Schnittstellen sind für die Spezialhäuser nicht unerheblich; sich gleich an mehrere Plattformanbieter anzudocken, ist damit häufig unrealistisch, auch wenn KI die Kosten senken dürfte.

In einigen Bereichen, siehe SAP, wird es dennoch schnell Europa-Marktführer geben; in anderen Bereichen droht aber ein längerer Prozess, bis ein neuer Standard durch den Markt etabliert worden ist. Zwar neigt insbesondere die EU zur Standardisierung, wie etwas im Fall der USB-C-Vorgabe für Apple. Allerdings zeichnet sich eine solche Regulierung selten durch Geschwindigkeit aus.

Auch offene Standards helfen nicht unbedingt weiter, das hat die langwierige Entwicklung im Bereich Industrie 4.0 beispielsweise gezeigt. Die Notwendigkeit zur Abstimmung unter mehreren Marktteilnehmern kann die Entwicklung ausbremsen, sodass zwischenzeitlich Akteure versucht sein werden, ihre proprietären Formate durchzusetzen.

Priorität 1: Notfallbetrieb absichern

Und selbst wenn … selbst wenn all diese Herausforderungen gelöst wären, weil Europa selbst viel Geld in die Hand nimmt, um leistungsfähige Strukturen aufzubauen; weil die Unternehmen in Europas Markt mit immerhin mehr als 300 Millionen Einwohnern gesammelt auf „made in Europe“ setzen; weil sich neue Standards etablieren oder bestehende weitergenutzt werden können – dann wäre es für jedes einzelne Unternehmen immer noch ein Kraftakt, sich umzustellen. In vielen Bereichen sind IT-Anwendungen fest in die Gesamtstruktur integriert. Und auch zwischen den Anbietern gibt es enge Verbindungen und Abhängigkeiten, wie der CrowdStrike-Vorfall 2024 zeigte: Microsoft hatte dem IT-Sicherheitsanbieter weitgehende Zugriffsrechte genehmigt. Als CrowdStrike ein fehlerhaftes Update hatte, wurde dieses automatisiert ausgespielt und 8,5 Millionen Microsoft-Rechner waren lahmgelegt.Eine Loslösung von US-Anbietern kann daher immer nur in Schichten erfolgen. Das Ziel ist es zu verhindern, dass ein US-Anbieter ein kritischer „Single Point of Failure“ in den Kernbereichen wie Produktion, Unternehmensdaten oder Kommunikation sein kann. Den Anfang machen die besonders betriebskritischen, datensensiblen Bereiche. Umgehend sollte dann eine Alternativlösung für alle relevanten Back-ups außerhalb von US-Anbietern gewählt werden; auf diese zugreifen zu können, ermöglicht einen relativ schnellen Wiederhochlauf der Systeme. Entscheidend ist dabei weniger eine vollständige Kopie, sondern das „Bare Minimum“ sicherzustellen – den Notbetrieb des Unternehmens (siehe auch „Resilienz: Doppelt hält besser – aber reicht das?“).

Eine zweite Maßnahme ist die Absicherung „kritischer Identitäten“, also der zentralen Zugangskontrolle zur IT. Fällt das Zugangssystem im Unternehmen aus, kommt niemand mehr an seine Daten – egal, wo gehostet – heran. Darum sollten Notfallkonten für Administratoren angelegt werden, die nicht auf der bisherigen Lösung basieren. Auch sollten bestehende Verträge mit US-Anbietern gegebenenfalls nachverhandelt werden, damit Daten zum Beispiel vollständig in offenem Format exportiert werden können.

Ein hoher Preis

Das alles ist nur der Anfang. Die Schwierigkeiten kommen dann, wenn es um den Aufbau einer Zielarchitektur geht und um die Migration der Infrastruktur und Daten. Außerdem muss Standardsoftware für Office und Kommunikation im laufenden Betrieb ersetzt werden. Anschließend kommen sensible Systeme wie ERP und CRM auf die Liste, danach Produktions- und Konstruktionssoftware. Und ganz am Ende erst wird Windows ersetzt.

All das wird die IT in einem mittelständischen Unternehmen mehrere Jahre beschäftigen. Unternehmen gewinnen damit zwar mehr Souveränität, zahlen aber wahrscheinlich einen hohen Preis dafür – sowohl für den Ressourceneinsatz für die Umstellung selbst als auch aufgrund möglicherweise weniger leistungsstarker IT-Lösungen.

Niemand kann absehen, ob sich in fünf Jahren die transatlantische Kluft wieder geschlossen haben wird. Die Chancen für eine Wiederannäherung stehen aus IT-Sicht nicht so schlecht. Denn vergessen werden sollte auch nicht: Ohne den riesigen EU-Markt (und China) wird das Geschäft für die US-Unternehmen schwierig. Die Kosten der KI-Modell-Anbieter für die Weiterentwicklung ihrer Modelle sind gigantisch. Die Ökonomin Philippa Sigl-Glöckner macht folgende Rechnung auf: Haben nur die 70 Millionen White-Collar-Arbeiter in den USA Zugang zu Anthropic & Co., müssten die US-KI-Modell-Anbieter 2.300 US-Dollar pro Person und Monat verdienen, um die bisherigen Investitionen wieder einzuspielen. Solche Abogebühren sind nicht realistisch; aktuell sind es rund 46 US-Dollar. Die US-KI-Unternehmen können auf den Markt Europa nicht verzichten. Vielleicht gibt das ein wenig Zuversicht, dass nicht nur Europa schwer ohne die USA auskommt – sondern auch umgekehrt.

07/2026
Chefredaktion: Bastian Frien und Boris Karkowski (verantwortlich im Sinne des Presserechts). Der Inhalt gibt nicht in jedem Fall die Meinung des Herausgebers (Deutsche Bank AG) wieder.

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