07.10.2026
Zwischen Wachstumschance und Währungsfalle
Emerging Markets bieten deutschen Unternehmen enorme Chancen. Die finanziellen Risiken dieser Märkte sind Treasurern jedoch oft nicht bewusst. Wer sie kennt, ist klar im Vorteil.
Dieser Artikel wurde in der Print-Ausgabe von DerTreasurer als Gastbeitrag von Lukas Lambrecht am 25. September 2026 erstmalig veröffentlicht.
Der Trend ist eindeutig: Immer mehr deutsche Unternehmen – traditionsbewusste Mittelständler und New Economy Player eingeschlossen, bauen ihre Präsenz in Märkten wie Indien, den ASEAN-Staaten, Afrika und Lateinamerika aus beziehungsweise auf. Oft folgen sie hierbei globalen Konzernen, als Zulieferer, Produktionspartner oder Dienstleister. Wenn in Ghana Agrarprodukte verarbeitet, in Nigeria Maschinen gewartet oder in Bangladesch Industriekomponenten gefertigt werden, erscheint das operativ naheliegend und im globalen Wettbewerb durch Lohnkostenvorteilegerechtfertigt.
Auf der Finanzseite aber birgt diese Logik oft zusätzliche Risiken, die im Treasury nicht bekannt sind oder zumindest unterschätzt werden. Ein Beispiel: Sprechen Treasurer und CFOs über Emerging Markets, stehen das klassische Währungsrisiko oder Absicherungskosten im Fokus. Diese Perspektive greift jedoch zu kurz. In vielen Frontier-Märkten, von Nigeria und Angola über Kenia und Tansania bis hin zu Teilen Lateinamerikas, gibt es zwei weitere Faktoren, die Treasurer oft übersehen: Konvertibilitäts- und Transferrisiken.
Konvertibilitätsrisiko bedeutet, dass lokale Währungsbestände nicht zwingend in frei handelbare Devisen umgetauscht werden können. Transferrisiko impliziert, dass selbst mögliche Konvertierungen durch regulatorische Auflagen, Kapitalverkehrskontrollen oder politische Einflussnahmen blockiert sein können. Beides kann Cashflows empfindlich stören und die finanzielle Planungssicherheit eines (Tochter-)Unternehmens erheblich beeinträchtigen.
Kleine Losgrößen
Einzelne Exposures erscheinen im Konzernkontext oft marginal: ein Zahlungseingang aus Lagos, ein Projekterlös aus Nairobi. Auf Treasury-Ebene werden sie deshalb häufig nicht priorisiert. Dabei können auch kleinere Beträge in volatilen Märkten im Krisenfall vollständig illiquide werden – mit unmittelbaren Folgen für den operativen Betrieb undglobale Wertschöpfungsketten. Das gilt wohlgemerkt branchenübergreifend.
Die Herausforderung ist, dass viele Treasurer keinen Überblick darüber haben, wie das Tochterunternehmen im jeweiligen Land aufgestellt ist. Was brauchen Unternehmen in dieser Situation? Zunächst eine ehrliche Bestandsaufnahme: Welche Märkte sind betroffen, welche Währungen und wie groß ist das tatsächliche Exposure? Bei der Risikoanalyse müssen neben Wechselkurs- und Hedging-Überlegungen auch die Konvertier- und Transferierbarkeit berücksichtigt werden. Lokale Währungen sollten dabei nicht reflexartig abgesichert oder aus dem Risikoportfolio gestrichen werden. Sie können einen echten Wettbewerbsvorteil darstellen. Wichtig ist, Absicherungskosten sauber zu kalkulieren und in Relation zur erwarteten Abwertung zu setzen. Liegen beide Größen über den operativen Margen, stellt sich die Frage nach der ökonomischen Sinnhaftigkeit und nach alternativen Strukturierungsansätzen.
Innovative und intelligente Lösungen gibt es auch für illiquide Währungen. Was Unternehmen dafür brauchen, ist kein Patentrezept, sondern ein offener Dialog mit erfahrenen Partnern, die diese Märkte kennen und Risiken wie Chancen realistisch einschätzen können.
Lukas Lambrecht ist Leiter Risikomanagement für Commercial Clients bei der Deutschen Bank.