Die Verhandlungen über den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs stehen erst am Anfang. Aber eine Prognose gibt Deutsche Bank Research schon ab: Das Ergebnis wird eine Lose-lose-Situation für beide Seiten sein. Mittelständler sollten daher nicht untätig bleiben.

Nachdem die Regierung der britischen Premierministerin Theresa May deutlich geschwächt aus den Wahlen hervorgegangen ist, hoffen viele Briten wie Europäer auf einen „soften“ Brexit. Frankreich und Deutschland signalisierten unisono: Die Tür steht den Briten weit offen, wenn sie ihre Meinung ändern und lieber Teil der Europäischen Union bleiben wollen. Aber Theresa May denkt nicht im Traum daran. Entsprechend müssen sich Unternehmer dies- und jenseits des Ärmelkanals auf eine zweijährige politische Hängepartie einstellen, die vor allem eines bedeutet: Unsicherheit.

Die Immigration war bei der Entscheidung über den EU-Austritt eine der großen Sorgen der Brexit-Befürworter. Europa ist ihnen zu durchlässig, sie wollen wieder Kontrolle über die Grenzen ihres Staates haben. Entsprechend nimmt das Thema einen wichtigen Teil in der Brexit-Debatte ein. Allerdings ist die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit auch einer der Grundpfeiler der EU. Was bedeutet der Austritt demnach für EU-Unternehmen mit Dependancen in UK, die dort EU-27-Arbeitnehmer beschäftigen? Und was bedeutet der EU-Austritt für Unternehmen im EU-27-Raum, die hier britische Staatsbürger beschäftigen? Wichtige Fragen, die noch offen sind.

Internationalität birgt Herausforderung.

Nutzen Sie die Experten vor Ort!

Wird es Einfuhrzölle geben?

Ein anderer Grundpfeiler der EU ist der auf Freihandel ausgerichtete europäische Binnenmarkt. Er sieht vor, dass Güter frei von Zöllen und sonstigen Einfuhrbeschränkungen von einem Land ins andere ein- und ausgeführt werden können. Während Wirtschaftsvertreter auf beiden Seiten dafür plädieren, die Freizügigkeit im Warenverkehr so weit wie möglich beizubehalten, ist noch völlig offen, welchen Verlauf die bis 29. März 2019 terminierten Verhandlungen nehmen werden. Gibt es am Ende ein Abkommen mit Einfuhrbeschränkungen nach Großbritannien, Deutschlands drittwichtigstem Exportmarkt? Bei über 2.000 Unternehmen der deutschen Wirtschaft, die dort mit Beteiligungen oder Niederlassungen Geschäfte machen und insgesamt 200 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften, gehen solche Befürchtungen um.

Mittelstand überprüft Investitionspläne

Deutsche Bank Research beobachtet seit dem Brexit, dass im deutschen Mittelstand manche Unternehmen bereits ihre Investitionspläne überprüfen. „Die Investitionsneigung der Unternehmen – in Deutschland, aber auch anderen Teilen der EU – leidet unter den Unsicherheiten des Brexit“, sagt Barbara Böttcher, Europa-Expertin bei Deutsche Bank Research. Und die Prognosen für das Wachstum der Wirtschaft auf der Insel fallen eindeutig schlechter aus als für Euroland. Waren es 2016 noch 1,8 Prozent, werden für 2017 noch 1,6 Prozent und für 2018 gar nur noch 1,2 Prozent erwartet.

Gleichzeitig steigt im Vereinigten Königreich die Inflation. Hauptauslöser ist das fallende Pfund. Seit der Volksabstimmung im Juni 2016 ist die Währung gegenüber dem Euro um rund 16 Prozent gefallen. Dies dämpft noch einmal die heimische Nachfrage, denn die Preissteigerungen werden an die britischen Kunden durchgereicht, die Löhne stagnieren aber. Dies dürfte im Laufe des Jahres zu sinkenden britischen Konsumausgaben führen. Der Preisverfall bereitet auch Firmeneinkäufern in Großbritannien Probleme, weil sie nun mehr Pfund aufbringen müssen, wenn sie Kaufverträge in Euro abgeschlossen haben.

Besonders betroffen von diesen negativen Entwicklungen sind die deutsche Automobil- und Pharmabranche mit hohen Exportquoten von 13 bzw. 10 Prozent. Durchschnittlich gehen 4,4 Prozent aller deutschen Exporte nach Großbritannien. „Beide Branchen haben seit der Brexit-Entscheidung zu spüren bekommen, dass die Perspektiven auf dem britischen Markt schwieriger geworden sind“, sagt Barbara Böttcher.

Lassen Sie sich von Experten beraten.

Jetzt Termin vereinbaren

Geschäftsprozesse überprüfen

Aus all diesen Unsicherheiten erwachsen für Mittelständler mit Expansionsplänen ins Ausland zahlreiche Risiken – insbesondere bei der Absatzprognose, aber auch bei der Ausgestaltung von Regulierungen bis hin zum Arbeits- und Steuerrecht. Eine sehr komplexe Problemstellung. Auch wenn die politischen Lösungen für ein Abkommen zwischen EU-Ländern und Großbritannien noch ausstehen, könnten Mittelständler schon heute handeln, sagt Barbara Böttcher: „Sie sollten Geschäftsprozesse überprüfen, Lieferketten anschauen und sich fragen: Wo sind wir verwundbar?“

Egal, wie „soft“ oder auch weniger soft der Brexit am Ende ausfallen wird: Nach Einschätzung von Deutsche Bank Research werden die Folgen alle Beteiligten schlechter stellen als das bisherige Freihandelsabkommen: „Das ist eine Lose-lose-Situation für beide Seiten.“

Neue EU-Geldwäscherichtlinie

In indirektem Zusammenhang mit dem Brexit steht die sogenannte 4. EU Geldwäscherichtinie, die gerade in Kraft getreten ist. Sie verschärft die Regulierung im internationalen Finanzsystem und verlangt unter anderem strikte Abfragen hinsichtlich „Know your customer“ (KYC). Hier stellt sich die Frage, ob auch die Banken im Vereinigten Königreich künftig ihre Kunden ähnlich strikt abfragen werden wie die Institute in den EU-27. Was bedeutet das letztlich für Mittelständler, wenn sie nach Vollzug des Brexit internationalen Zahlungsverkehr tätigen wollen? Was, wenn sie gerade erst ein Konto eröffnen wollen, um in den Markt dort einzusteigen?

„Die Deutsche Bank als Globale Hausbank hat vor Ort die lokalen Marktbedingungen und regulatorischen Anforderungen im Blick. Zentraler Ansprechpartner bleibt aber Ihr Firmenkundenberater in Deutschland, der sich mit der Filiale in London und unseren Spezialisten für internationale Fragen abstimmt“, sagt Dr. Patrik Pohl, Leiter Produktvertrieb Mittelstand, Global Transaction Banking, bei der Deutschen Bank. Die Londoner Kollegen helfen zum Beispiel, dass alle KYC-Anforderungen erfüllt sind, wenn ein deutscher Mittelständler in der britischen Hauptstadt ein Konto eröffnen will. Dabei müssen unter anderem Art der Gesellschaft, Tätigkeit, Branchencode, Besitzverhältnisse und Firmenstruktur sowie die wichtigsten Finanzkennziffern erfasst werden.

Die Globale Hausbank

Nutzen Sie die Experten vor Ort!