Donald Trump macht den Freihandel für den Verlust amerikanischer Arbeitsplätze verantwortlich. Darum hat der US-Präsident ausländischen Unternehmen mit Strafzöllen gedroht. Bei Handelspartnern in aller Welt geht die Sorge vor verschärftem Protektionismus um.

Gleich zu Beginn seiner Präsidentschaft hat Trump ein Signal gesetzt. Als eine seiner ersten Amtshandlungen kündigte er TPP, das Freihandelsabkommen für den asiatisch-pazifischen Raum. Die Gespräche zum europäisch-amerikanischen Pendant TTIP ließ er monatelang ruhen, bis sich seine Regierung Ende Mai zu weiteren Verhandlungen bereit erklärte. Das nordamerikanische Handelsabkommen NAFTA soll nach dem Willen des Präsidenten ebenfalls neu verhandelt werden.

Aufgrund des hohen US-Handelsdefizits von 481 Milliarden Dollar lässt Trump sämtliche Handelsbeziehungen überprüfen. Und er scheint gewillt zu sein, einen massiven Handelsstreit mit wichtigen Wirtschaftspartnern – darunter Deutschland und China – zu riskieren.

Bei Stahlimporten sind bereits erste protektionistische Maßnahmen eingeleitet worden. Der für die Rüstungsindustrie so wichtige Werkstoff werde zu Dumpingpreisen eingeführt, bemängelt der US-Präsident. Es sei gerechtfertigt, Strafzölle zwischen 3,62 und 148,02 Prozent des Importwerts zu verhängen, hieß es aus dem US-Handelsministerium. Grobblechimporte des deutschen Stahlkonzerns Salzgitter AG sollen zum Beispiel mit einem Zoll von 23 Prozent belegt werden.

Finanz- und Wirtschaftsthemen auf einen Blick

Wiederholt hat Trump das massive Handelsdefizit mit Deutschland kritisiert, das seiner Auffassung nach eine Folge deutscher Politik ist, und wiederholt beteuert: Das wird sich ändern. Konkrete Maßnahmen hat er bisher nicht genannt. Besonders die deutschen Automobilexporte sind ihm ein Dorn im Auge. Dabei ging Trump nicht näher auf die Umstände ein, dass europäische Länder ihre Handelspolitik über Brüssel steuern und Deutschland den schwachen Kurs des Euro, der die deutschen Waren seit einigen Jahren so günstig macht, nicht selbst bestimmt. Denn schließlich liegt die Steuerung der Euro-Geldpolitik in der Hand der Europäischen Zentralbank.

Die Stärke der deutschen Exportwirtschaft ist historisch gewachsen, argumentiert Eric Heymann, Volkswirt bei Deutsche Bank Research. Über Jahrzehnte haben sich in verschiedenen Ländern unterschiedliche Geschäftsmodelle entwickelt. Die Vereinigten Staaten sind zum Beispiel stark im Bereich IT, Asien in der Konsumelektronik und die Briten haben sich stark auf den Finanzsektor konzentriert. In Deutschland wiederum hat sich eine mittelständische Struktur entwickelt, die zu einer internationalen Spitzenposition im Ingenieurswesen führte.

„Grund für den Außenhandelsüberschuss Deutschlands mit den USA ist vor allem die hohe Qualität der exportierten Güter“, sagt Heymann. Durch niedrige Löhne „erkauft“ werde dies auf jeden Fall nicht, denn die Vergütungen in den drei wichtigsten Exportbranchen Automobil, Maschinenbau und Elektrotechnik liegen deutlich über dem deutschen Lohndurchschnitt, argumentiert Heymann. Auch im internationalen Vergleich liegen die Löhne und Gehälter der deutschen Exportbranchen über dem Durchschnitt. In der deutschen Automobilindustrie fallen beispielsweise durchschnittliche Lohnkosten in Höhe von mehr als 52 Euro die Stunde an – deutlich mehr als bei der internationalen Konkurrenz: In Frankreich liegen die Lohnkosten dieser Branche bei durchschnittlich 41 Euro pro Stunde und Mitarbeiter, in den USA sind es umgerechnet sogar nur 36 Euro die Stunde, so Heymann.

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Auch der brancheninterne Wettbewerb im eigenen Land trägt laut Heymann dazu bei, dass deutsche Unternehmen ihre Produktivität und Produktqualität verbessern und so im Ausland erfolgreich sind. Beispielsweise investieren die deutschen Autohersteller und ihre Zulieferer stetig in neue Technologien und Maschinen, weil sie sonst schon gegenüber der heimischen Konkurrenz zurückfallen würden. „Der Wettbewerb innerhalb Deutschlands führt dazu, dass Unternehmen ihre Waren trotz der vergleichsweise hohen Löhne zu attraktiven Preisen am Weltmarkt anbieten können“, resümiert Heymann.

Ohnehin dürfte der deutsche Außenhandelsüberschuss in den kommenden Jahren strukturell schrumpfen. „Dafür sprechen unter anderem höhere Investitionen deutscher Industrieunternehmen im Ausland“, so Heymann. Seit 2013 steigen die deutschen Direktinvestitionen jenseits des Atlantiks bereits kontinuierlich und erreichten 2015 mit 255,5 Milliarden US-Dollar einen vorübergehenden neuen Rekord. Das bedeutet: Firmen bauen in Amerika Fabriken und schaffen Arbeitsplätze – und die dort produzierten Güter sind nicht nur für den heimischen Markt bestimmt, sondern werden auch exportiert. So ist BMW beispielsweise größter Autoexporteur der USA. Das Unternehmen baut mehr Wagen im Land als es dort verkauft. Auch die Chemiesparte investiert wegen der niedrigen Energiekosten vermehrt in den USA, sagt Heymann.

Der Experte sieht diesen Trend trotz der protektionistischen Maßnahmen des Präsidenten fortbestehen. Denn die Wachstumsaussichten für die USA sind weiterhin positiv – schon allein wegen des Bevölkerungswachstums. „Es ist nicht zu erwarten, dass deutsche Unternehmen auf den Wachstumsmarkt verzichten. Sowohl als Absatzmarkt als auch als Produktionsstandort bleibt Amerika attraktiv. Stärkere Handelsbeschränkungen könnten sogar dazu führen, dass eher noch mal eine Fabrik zusätzlich in den USA gebaut wird, um höhere Zölle oder nicht-tarifäre Handelsbeschränkungen zu umgehen“, erwartet Heymann.

Ob es aber zu weiteren Handelsbeschränkungen kommt, ist fraglich. Schließlich sind die USA Gründungsmitglied der Welthandelsorganisation WTO und haben sich damit zum freien Handel verpflichtet. Sollte Trump weitere Importe mit Zöllen belegen, dürften andere Staaten dagegen klagen und hätten sehr gute Aussichten, in einem Schiedsgerichtsverfahren zu gewinnen. „Am Ende würden alle Güter teurer werden. Verlieren würden alle Seiten“, so Heymann.

Internationalität birgt Herausforderung.

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Die wichtigsten Abkommen im Überblick:

Europäischer Binnenmarkt EU

Als Nachfolge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft besteht die Europäische Union seit 1992. Zurzeit besteht der Verbund aus 28 Mitgliedsstaaten. Nach dem britischen Referendum zum Brexit („British Exit“) und den auf zwei Jahre angelegten Austrittsverhandlungen wird erstmals ein Land aus der Gemeinschaft austreten. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist die EU der größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt. Für Deutschland sind die EU-Länder wichtigster Handelspartner: Die Importe aus den übrigen 27 Ländern lagen 2016 bei 552,43 Milliarden Euro. Die Exporte lagen bei 707,69 Milliarden Euro.

NAFTA

Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) zwischen den USA, Kanada und Mexiko trat 1994 in Kraft. Zahlreiche Zölle wurden abgeschafft, ein Abkommen für Umweltfragen abgeschlossen und das Arbeitsrecht zwischen den drei Staaten angeglichen. Der Binnenmarkt umfasst rund 444 Millionen Menschen. Im Mai 2017 stieß US-Präsident Donald Trump eine Neuverhandlung des Abkommens an. In den kommenden Monaten sollen sich die zuständigen Gremien im US-Repräsentantenhaus und Senat auf eine gemeinsame Verhandlungsposition verständigen.

TPP

Das 2016 vereinbarte Transpazifische Handelsabkommen TTP sollte eigentlich zwölf Staaten umfassen, darunter neben den USA auch Australien, Kanada, Mexiko, Japan, Neuseeland, Singapur, Malaysia, Chile, Peru, Vietnam und Brunei. Im Januar 2017 ordnete Trump jedoch als eine seiner ersten Amtshandlungen an, dass sich die USA an die Vereinbarungen nicht mehr gebunden fühlen. Neuverhandlungen seien angeraten. Die übrigen elf Staaten kündigten an, allein weiterzumachen. Die Tür bleibe offen für die USA. Der damalige US-Präsident Barack Obama hatte gehofft, durch dieses Abkommen ein Gegengewicht zu dem wachsenden Einfluss Chinas schaffen zu können.

TTIP

Die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft TTIP sollte zwischen den USA und der EU geschlossen werden. Die Verhandlungen hatten 2013 begonnen, aber in den ersten Monaten der Präsidentschaft von Donald Trump brach gelegen. Im Mai 2017 signalisierte das US-Handelsministerium, offen für eine Wiederaufnahme der Gespräche zu sein.