15.06.2026
Volle Kontrolle, voller Durchblick
Der Umgang mit Trapped Cash gewinnt für Treasurer in diesen Zeiten weiter an Bedeutung. In einigen regulierten Märkten können sie nun von Lockerungen profitieren.
Dieser Artikel wurde in der Print-Ausgabe von DerTreasurer als Gastbeitrag von Christof Hofmann am 12. Juni 2026 erstmalig veröffentlicht.
Je automatisierter und zentralisierter eine Treasury-Abteilungen ist, desto resilienter ist sie in Krisenzeiten. Denn wer den Überblick über und den Zugriff auf das konzernweite Cash hat, der kann in stürmischen Zeiten schneller reagieren – etwa Liquiditätspuffer hochfahren oder fundierte Entscheidungen über Verlagerungen treffen.
Daher ist es wenig überraschend, dass Treasurer im Angesicht der zahlreichen geopolitischen Verwerfungen ihr Augenmerk derzeit verstärkt auf ein altbekanntes Problem legen: den Umgang mit Trapped Cash.
Viele Unternehmen erzielen hohen Margen in den wachstumsstarken, aber hochregulierten Märkten in Asien. Kapitalverkehrskontrollen und Dokumentationsvorschriften verhindern jedoch oft, dass sie diese überschüssige Liquidität in das zentrale Cash Management integrieren können. In einigen Märkten stehen die Zeichen nun auf Öffnung.
Lockerungen in Indien
So erlaubt es etwa die indische Zentralbank seit Januar 2025, dass Unternehmen Konten in indischen Rupien (INR) im Ausland halten. Sie können mit diesem Geld indische und ausländische Lieferanten bezahlen, aber auch konzerninterne Zahlungen abwickeln.
Vor allem für Unternehmen, die Waren und Dienstleistungen mit ihren lokalen Tochtergesellschaften handeln, bietet das viele Vorteile: Sie können auf den INR als interne Fakturierungswährung umstellen und so das FX-Risiko auf Konzernebene bündeln. Zugleich können Treasury-Abteilungen die indischen Gesellschaften in ihre Payment Factory oder die Inhouse-Bank integrieren und für das konzerninterne Netting nutzen. Das erhöht die Effizienz und die Transparenz im Liquiditätsmanagement, verbessert die Kontrolle dieser Zahlungsströme durch die zentrale Treasury und ermöglicht höhere Flexibilität bei der Absicherung des Währungsrisikos.
Bislang haben erst wenige deutsche Unternehmen ein Offshore-INR-Konto eröffnet. Doch in Zukunft dürfte die Möglichkeit, die indische Rupie ins Liquiditätsmanagement einzubetten, für viele Treasury-Abteilungen an Bedeutung gewinnen. Denn Ende Januar haben die EU und Indien ein umfassendes Freihandelsabkommen beschlossen. Demnach sollen in den kommenden Jahren Zölle auf 96,6 Prozent der EU-Warenausfuhren in das bevölkerungsreichste Land der Welt gesenkt oder vollständig abgeschafft werden – insbesondere bei Maschinen, Chemikalien, Autoteilen und Arzneimittel. Die EU-Kommission rechnet mit einer Verdopplung der Warenexporte der EU nach Indien bis zum Jahr 2032.
Der Subkontinent ist für deutsche Unternehmen schon jetzt ein wichtiger Absatz- und Beschaffungsmarkt: Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2025 einen Rekordwert von 31,3 Milliarden Euro. Dank des Freihandelsabkommens dürfte die Bedeutung des indischen Marktes nun weiter steigen – und damit auch die der indischen Rupie für das Treasury.
Auch Südkorea lockert
Indien ist nicht das einzige Land, dass es ausländischen Unternehmen einfacher macht, Gelder zentral zu managen: Auch in Südkorea – ebenfalls ein wichtiger Auslandsmarkt für deutsche Firmen – lockern die Behörden die Regeln für den Zugang sogenannter Registered Foreign Institutions (RFI) zum inländischen Markt. Das soll den geschlossenen Devisenmarkt öffnen, ausländische Investitionen erleichtern und den Handel mit koreanischen Won (KRW) wettbewerbsfähiger machen. Konkret ermöglicht das Treasurern, am lieferbaren Won-Markt Hedges abzuschließen – mit ähnlichen Vorteilen wie bei der indischen Rupie.
Diese beiden Beispiele zeigen: In vielen regulierten Märkten lassen sich Wege finden, um Zahlungsströme und die FX-Absicherung zu zentralisieren. Und die weiterhin bestehenden Dokumentationsvorschriften können Treasurer mit Hilfe digitaler Lösungen ihrer Banken deutlich effizienter gestalten. All das dient dazu, die Kontrolle über das lokale Cash zu verbessern und die Resilienz im Treasury zu erhöhen.
Christof Hofmann ist Global Head of Cash Management bei der Deutschen Bank.