Stablecoins: zwischen Vision und Realität
Stablecoins versprechen eine Revolution im internationalen Zahlungsverkehr. Doch wie realistisch ist ihre Nutzung im Treasury? Ein Blick auf Status und Hürden.
Dieser Artikel wurde in der Print-Ausgabe von DerTreasurer als Gastbeitrag von Christof Hofmann am 18. Dezember 2025 erstmalig veröffentlicht.
Im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr steigt das Bedürfnis nach effizienteren, 24/7-verfügbaren Echtzeittransaktionen. Zwar werden laut Studien von Swift rund 90 Prozent der Zahlungen innerhalb einer Stunde abgewickelt, die endgültige Gutschrift beim Endkunden erfolgt jedoch teils mit Verzögerung. Blockchain-basierte Zahlungsplattformen wie Partior, das Projekt Agorá der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich oder die Blockchain-Initiative von Swift arbeiten daran, Übertragungen von Bankeinlagen effizienter über Grenzen und mehreren Banken hinweg zu ermöglichen.
Neue digitale Geldform
Neben diesen Abwicklungsplattformen zieht eine neue digitale Geldform die Aufmerksamkeit auf sich: Stablecoins sollen Corporate Treasurern eine Alternative für internationale Zahlungen liefern. Doch wie realistisch ist ihr Einsatz im Unternehmenszahlungsverkehr?
Ähnlich wie physisches Bargeld können Stablecoins von jeder Person oder Unternehmen als digitale Inhaberinstrumente gehalten und übertragen werden. Bankkonten sind dafür nicht erforderlich. Im Gegensatz zu Bankeinlagen, die nur von Kunden der herausgebenden Bank gehalten werden können, lassen sich Stablecoins somit direkt zwischen Wallets global transferieren. Das unterscheidet Stablecoin-Transfers vom klassischen Korrespondenzbankgeschäft, bei dem oft mehrere Buchungen auf Konten bei unterschiedlichen Banken erforderlich sind.
Trotz des Potentials steht die Verwendung von Stablecoins im Zahlungsverkehr noch am Anfang. Laut einer Studie von Artemis, in der Zahlungsabwicklungen der 30 größten Stablecoin-Zahlungsinstitute analysiert wurden, entfällt derzeit weniger als ein Prozent des weltweiten Stablecoin-Transaktionsvolumens auf tatsächliche Zahlungen. Dominiert wird der Markt von Transfers in der Krypto-Branche. Doch der Zahlungsbereich wächst – insbesondere durch neue Regulierungen und Bankenkonsortien sowie große Zahlungsdienstleister, die großes Interesse an Stablecoins zeigen.
Dass Stablecoins bisher nur selten für Unternehmenszahlungen verwendet werden, liegt vor allem an fehlender Marktinfrastruktur. Nutzer halten ihre Liquidität weiterhin vor allem in klassischen Bankeinlagen. Um Stablecoins nutzen zu können, müssen Treasurer somit zuerst ihre Bankeinlagen in Stablecoins umwandeln. Auch der Zahlungsempfänger muss sie häufig nach der Transaktion wieder zurück in Bankeinlagen in der lokalen Währung tauschen, auch um Einlagezinsen von der Bank zu erhalten. Das erzeugt Reibungsverluste bei der Schnelligkeit und Effizienz von Stablecoin-Transfers und macht Unternehmen abhängig von Dienstleistern, die das sogenannte Onund Offramping durchführen. Derzeit wird diese Funktion meist von Krypto-Börsen angeboten, die nur selten von Treasurern genutzt werden.
Hürden für die Adoption
Eine weitere Herausforderung sind die noch fehlenden internationalen rechtlichen Rahmenbedingungen, die Stablecoin-Emittenten und die Übertragung dieser neuen Geldform regulieren. Auch die Einbindung in bestehende ERP- und Treasury-Systeme ist bisher nicht verbreitet. Fehlende globale ISO-20022-Messaging-Standards und die eingeschränkte Interoperabilität mit traditionellen Bankensystemen erschweren derzeit noch die Nutzung im Unternehmenszahlungsverkehr.
Um Stablecoins flächendeckend für den Zahlungsverkehr nutzbar zu machen, müssen daher bank- und unternehmensgerechte Infrastrukturen etabliert werden. Einige Banken bieten bereits regulierte Krypto-Verwahr- und Transferlösungen an und arbeiten an On- und Offramping Services. Banken werden insofern eine kritische Rolle spielen, um das Potential von Stablecoins mit den etablierten Treasury-Prozessen und Compliance-Anforderungen im Zahlungsverkehr zu vereinen.
Christof Hofmann ist Global Head of Cash Management bei der Deutschen Bank.