Redaktionsschluss: 28. Juli 2026

Eine Pipettenspitze tropft Flüssigkeit in eine Reihe transparenter Reagenzgläser in einem Labor.

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Venture Capital (VC) ist eine Anlageklasse des privaten Kapitalmarkts, die junge, wachstumsstarke Unternehmen finanziert – häufig bereits in einer Phase, in der diese noch keine Gewinne erzielen. Im Gegensatz zu Private Equity, das typischerweise in etablierte Unternehmen mit stabilen Umsätzen und Cashflows investiert, unterstützt Venture Capital Unternehmen in frühen Entwicklungsphasen durch aufeinanderfolgende Finanzierungsrunden. Dadurch erhalten diese die notwendigen Mittel, um zu wachsen, ihre Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln und wichtige Meilensteine auf ihrem Weg zur Marktreife zu erreichen.

Diese umfassen typischerweise die Pre-Seed- und Seed-Phase, in denen Unternehmer bei der Entwicklung einer Geschäftsidee und der Gründung ihres Unternehmens unterstützt werden. Darauf folgt die Series-A-Finanzierung, die der ersten Kommerzialisierung dient. Anschließend folgen Series-B-, Series-C- und weitere Finanzierungsrunden, die darauf abzielen, das Wachstum zu beschleunigen und die Skalierung des Unternehmens voranzutreiben. Unternehmen, die durch Venture Capital finanziert werden, sollen in der Regel schnell wachsen. Investoren streben dabei an, ihre Rendite über einen sogenannten Exit zu realisieren, beispielsweise durch den Verkauf an einen anderen privaten Investor oder durch einen späteren Börsengang (IPO).

Europas VC-Markt wächst: Deep Tech, KI und Verteidigung ziehen Kapital an – trotz Risiken und anspruchsvoller Exits.

Für Investoren in Venture-Capital-Fonds besteht in der Regel eine zeitliche Verzögerung zwischen der Kapitalzusage während der Fundraising-Phase und den späteren Kapitalabrufen, wenn das Kapital tatsächlich investiert wird. Abhängig vom Marktumfeld und der Anlagestrategie des Fonds kann dieser Zeitraum mehrere Monate oder sogar Jahre betragen. Die Rückführung des investierten Kapitals zuzüglich erzielter Erträge an die Investoren wird häufig als Distribution bezeichnet.

Zu den wichtigsten Kennzahlen für Investoren zählen das Multiple on Invested Capital (MOIC), das die Wertsteigerung des investierten Kapitals misst, das Distribution to Paid-In Capital (DPI), das die bereits an Investoren zurückgezahlten Mittel ins Verhältnis zum eingezahlten Kapital setzt, sowie das Total Value to Paid-In Capital (TVPI), das sowohl realisierte als auch noch nicht realisierte Werte berücksichtigt. Weitere Informationen zu den Merkmalen dieser Anlageklasse finden sich in unserem PERSPEKTIVEN-Spezial „Venture-Capital-Investitionen: Renditen und Diversifikation“.

Venture Capital gilt allgemein als eines der risikoreichsten Segmente der privaten Kapitalmärkte, da insbesondere bei Unternehmen in frühen Entwicklungsphasen erhebliche Unsicherheit über den langfristigen Geschäftserfolg besteht. Zudem sind die Anlagezeiträume im Venture-Capital-Bereich selbst bei erfolgreichen Beteiligungen häufig lang und führen nicht selten zu Haltedauern von sechs Jahren oder mehr.

Darüber hinaus ist der europäische Kapitalmarkt geografisch stärker fragmentiert als der US-amerikanische Markt. Unternehmen, die über einen Börsengang größere Eigenkapitalbeträge aufnehmen möchten, prüfen daher oftmals zunächst eine Notierung in den USA, bevor sie einen Börsengang an einer der führenden europäischen Börsen in Betracht ziehen.

Gleichzeitig ist das gesamte Transaktionsvolumen im europäischen Venture-Capital-Markt im vergangenen Jahr gestiegen, während die Anzahl der abgeschlossenen Transaktionen zurückging. Wie in Abbildung 1 dargestellt, spiegelt dies einen allgemeinen Trend in den privaten Kapitalmärkten wider: Es werden weniger Beteiligungen eingegangen, dafür jedoch mit höheren Investitionsvolumina.

Abbildung 1: Der europäische Venture-Capital-Markt gewinnt an Dynamik

Liniendiagramm zur Entwicklung des europäischen Venture-Capital-Marktes von Q1 2024 bis Q1 2026. Beide Reihen sind auf Q1 2024 gleich 100 indexiert. Der Transaktionswertindex stieg bis Q1 2026 auf 157 und damit um 57 Prozent. Der Index der Transaktionsanzahl fiel im selben Zeitraum auf 58 und damit um 42 Prozent. Die Grafik zeigt somit höhere Investitionsvolumina bei gleichzeitig weniger Transaktionen.

Quelle: KPMG, Deutsche Bank AG; Datenstand: 31. März 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.

Europäisches Venture Capital: Die Investitionstätigkeit hat angezogen

Während die USA weiterhin der weltweit größte Venture-Capital-Markt sind, hat sich Europa zu einem bedeutenden Innovationszentrum entwickelt. Europäische Start-ups stehen inzwischen für rund 20 Prozent der weltweiten Venture-Capital-Aktivitäten, verglichen mit etwa 5 Prozent vor zwei Jahrzehnten. Das wachsende Interesse der Investoren zeigt sich auch in der zunehmenden Zahl von Venture-Capital-finanzierten Unicorns in Europa. Im ersten Quartal 2026 überschritten 11 Start-ups die Bewertungsgrenze von 1 Mrd. Euro und damit mehr als doppelt so viele wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Die Mehrheit dieser Unternehmen stammt aus den Bereichen (physische) AI und Verteidigungstechnologie.

Der europäische Venture-Capital-Markt zeichnet sich zudem häufig durch eine höhere Bewertungsdisziplin sowie eine breitere sektorale und geografische Diversifikation aus als beispielsweise der US-Markt. Gleichzeitig bestehen weiterhin Herausforderungen bei der Skalierung von Unternehmen und beim Ausbau von Finanzierungsmöglichkeiten für spätere Entwicklungsphasen.

Im ersten Quartal 2026 belief sich das europäische Venture-Capital-Investitionsvolumen auf rund 25 Mrd. Euro. Gegenüber 23 Mrd. Euro im vierten Quartal 2025 entspricht dies einem Anstieg und markiert zugleich den höchsten quartalsweisen Transaktionswert seit dem zweiten Quartal 2022. Gleichzeitig stieg das globale Venture-Capital-Investitionsvolumen von rund 130 Mrd. Euro im vierten Quartal 2025 auf 330 Mrd. Euro im ersten Quartal 2026. Dies spiegelt den weltweiten Trend einer zunehmenden Risikobereitschaft der Investoren sowie des wachsenden Interesses an innovativen Unternehmen wider.

Rund 60 Prozent des europäischen Venture-Capital-Transaktionsvolumens entfielen auf den Bereich Künstliche Intelligenz, verglichen mit etwa 37 Prozent im Jahr 2025. Dies spiegelt den globalen Trend einer stark steigenden Zahl von KI-bezogenen Transaktionen und Finanzierungsrunden wider. Darüber hinaus zeigte sich eine zunehmende Dynamik bei Unternehmensbeteiligungen, insbesondere in den Bereichen Industrie und Verarbeitendes Gewerbe, die traditionell eher als weniger KI-orientierte Sektoren gelten. Die Exit-Aktivitäten starteten dagegen verhalten in das Jahr 2026. Insgesamt wurden mehr als 240 Exits mit einem kombinierten Exit-Wert von rund 16 Mrd. Euro verzeichnet. Obwohl dies weniger als 25 Prozent des gesamten Exit-Volumens des Jahres 2025 entspricht, blieb die Exit-Aktivität im Vergleich zum vierten Quartal 2025 weitgehend stabil.

Der Anteil KI-bezogener Transaktionen am europäischen Venture-Capital-Markt lag weiterhin deutlich unter dem Niveau der USA, wo rund 88 Prozent der gesamten Venture-Capital-Aktivität auf den Bereich Künstliche Intelligenz entfielen. Dieser Unterschied deutet darauf hin, dass der europäische Venture-Capital-Markt ausgewogener aufgestellt ist als sein US-amerikanisches Pendant. Diese breitere Aufstellung kann als eine der Stärken des europäischen VC-Marktes angesehen werden. Sie bietet Investoren ein vielfältigeres Spektrum an Anlagemöglichkeiten über verschiedene Branchen hinweg und trägt zu einer höheren Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Schocks bei. Sollte der Anteil KI-bezogener Transaktionen jedoch weiter steigen, könnten auch die mit einer stärkeren Marktkonzentration verbundenen Risiken zunehmen. Dies würde die Diversifikation verringern und die Abhängigkeit des Marktes von der Entwicklung eines einzelnen Technologiesektors erhöhen.

Der europäische Venture-Capital-Markt ist geografisch breit diversifiziert, wobei sich die Investitionsaktivitäten auf mehrere regionale Zentren mit gut etablierten Start-up- und Venture-Capital-Ökosystemen verteilen. Im Jahr 2025 entfiel rund ein Drittel des gesamten Venture-Capital-Volumens auf das Vereinigte Königreich und Irland, während Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen etwa 20 Prozent ausmachten. Die nordischen Länder zogen weniger als 10 Prozent der Gesamtinvestitionen an, während auf Mittel- und Osteuropa weniger als 5 Prozent des gesamten Investitionsvolumens entfielen.

In den vergangenen Jahren haben mehrere europäische Länder Initiativen aufgelegt, um innovative und wachstumsorientierte Unternehmen im eigenen Land – insbesondere im Technologiesektor – gezielt zu fördern. Diese Programme zielen in der Regel darauf ab, zusätzliches privates Kapital zu mobilisieren, um Start-ups während ihrer Wachstums- und Skalierungsphase zu finanzieren. Auch die Europäische Kommission hat verschiedene länderübergreifende Initiativen ins Leben gerufen, um kleinen Unternehmen den Zugang zu Venture Capital zu erleichtern. Dazu zählen Programme wie InvestEU sowie Fonds wie die European Tech Champions Initiative, die darauf abzielt, private Investitionen von mehr als 372 Mrd. Euro zu mobilisieren.

In Frankreich wurde 2020 die sogenannte Tibi-Initiative ins Leben gerufen. Ziel des Programms ist es, die Entwicklung des heimischen Technologiesektors zu fördern, indem private Ersparnisse in Frühphasenfonds und bahnbrechende Innovationen gelenkt werden. Bis September 2025 hatte die Initiative dazu beigetragen, mehr als 34 Mrd. Euro an privaten Mitteln über entsprechende Fonds einzuwerben. Davon waren bereits 16 Mrd. Euro investiert worden.

Auch die deutsche Bundesregierung startete im April 2026 eine Initiative, die darauf abzielt, Start-ups den Zugang zu Venture Capital und damit zu Wachstumsfinanzierungen zu erleichtern.

Insgesamt deuten diese Entwicklungen darauf hin, dass der europäische Venture-Capital-Markt weiter wächst. Eine robuste Transaktionsaktivität, die zunehmende Beteiligung institutioneller Investoren – darunter Unternehmen, Pensionsfonds und vermögende Privatkunden – sowie der Ausbau staatlicher Förderprogramme sprechen für ein deutlich weiterentwickeltes Finanzierungsumfeld als noch vor einigen Jahren. Die entscheidende Bewährungsprobe für den Markt in den kommenden Jahren wird jedoch sein, ob sich die hohe Investitionstätigkeit in erfolgreiche Exits umwandeln lässt – etwa durch Börsengänge (IPOs), Unternehmensübernahmen oder Sekundärtransaktionen. Solche Exits sind essenziell, um nachhaltige Renditen zu erzielen, Kapital an die Investoren zurückzuführen und dieses anschließend erneut im Innovationsökosystem zu investieren. Obwohl die Kapitalrückflüsse weiterhin unter dem historischen Durchschnitt liegen und damit die nach wie vor anspruchsvollen Exit-Bedingungen widerspiegeln, gibt es Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Die steigenden Transaktionsvolumina sowie die schrittweise Erholung der öffentlichen und privaten Kapitalmärkte deuten auf eine Verbesserung der Finanzierungsbedingungen hin und unterstützen einen konstruktiven Ausblick für den europäischen Venture-Capital-Markt.

Wichtige Investmentthemen und Trends

In den vergangenen Quartalen haben zwei zentrale Themen einen zunehmend größeren Anteil der europäischen Venture-Capital-Investitionen auf sich vereint. Es ist davon auszugehen, dass sie auch im kommenden Jahr den Großteil der Investitionen anziehen werden:

  • Deep Technologies umfassen verschiedene Teilbereiche und Zukunftstrends, insbesondere Quantencomputing, Physical AI, Clean Technology sowie Biotechnologie.
  • Defence Technologies – darunter Cybersicherheit und Drohnentechnologien – sind vor dem Hintergrund der gestiegenen geopolitischen Unsicherheit zunehmend in den Fokus von Investoren gerückt.

Beide Themen besitzen das Potenzial, Europas Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und langfristiges Wirtschaftswachstum zu stärken. Die folgenden Abschnitte beleuchten die wichtigsten Entwicklungen, Investmenttrends und Chancen in diesen dynamischen und sich schnell entwickelnden Bereichen.

Thema 1: Deep Tech – steigende Transaktionsvolumina und neue Chancen

Deep Tech bezeichnet innovative Unternehmen, die grundlegende wissenschaftliche Durchbrüche in praktische und wirtschaftlich tragfähige Lösungen umsetzen. Im Gegensatz zu klassischen Start-ups, die sich auf schrittweise Softwareverbesserungen konzentrieren, widmet sich dieser Sektor komplexen technologischen Herausforderungen. Dies erfolgt durch forschungs- und kapitalintensive Entwicklungsarbeit mit dem Ziel, Lösungen von globaler Bedeutung zu schaffen.

Die europäische Deep-Tech-Landschaft wird von wenigen strategisch bedeutenden Innovationszentren geprägt. Obwohl Europa nur 5,7 Prozent aller Deep-Tech-Start-ups weltweit stellt, zieht die Region dennoch erhebliche Risikokapitalinvestitionen an. Dabei führen das Vereinigte Königreich, Frankreich und Deutschland den Kontinent regelmäßig beim gesamten Finanzierungsvolumen an. Diese starke Stellung basiert auf erstklassigen Forschungseinrichtungen, gut entwickelten Venture-Capital-Ökosystemen sowie gezielten staatlichen Förderprogrammen für Forschung und Entwicklung. Auf Stadtebene ist Stockholm das führende europäische Zentrum für Deep-Tech-Finanzierungen. Zwischen 2015 und 2024 wurden dort rund 25 Mrd. USD investiert. Dieses außergewöhnlich hohe Finanzierungsvolumen ist vor allem auf den erheblichen Kapitalbedarf großer industrieller Transformations- und Nachhaltigkeitsprojekte zurückzuführen. Dadurch liegt die schwedische Hauptstadt deutlich vor dem zweitplatzierten London, das im gleichen Zeitraum ein Finanzierungsvolumen von rund 10 Mrd. USD verzeichnete.

Obwohl die Anzahl der Transaktionen in den vergangenen fünf Quartalen tendenziell rückläufig war, ist das Investitionsvolumen seit Anfang letzten Jahres deutlich gestiegen. Dies entspricht dem allgemeinen Trend an den privaten Kapitalmärkten hin zu weniger, dafür aber größeren Finanzierungsrunden.

Europas Engagement für zukunftsweisende Innovationen spiegelt sich in einer erheblichen Kapitalallokation wider. Die Venture-Capital-Finanzierungen im Deep-Tech-Sektor stiegen im Jahresvergleich um 86 Prozent und erreichten im ersten Quartal 2026 ein Volumen von 8 Mrd. USD, nach 4 Mrd. USD im ersten Quartal 2025. Dieser Trend dürfte sich künftig weiter verstärken. Dazu tragen unter anderem Initiativen wie der 5 Mrd. EUR schwere „Scaleup Europe Fund“ des Europäischen Innovationsrates (European Innovation Council) bei, der gezielt europäische Venture-Capital-Gesellschaften in der Spätphase ihrer Entwicklung in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Cleantech unterstützt.

Die Europäische Union verfolgt das Ziel, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, wie auch im Bericht von Mario Draghi aus dem September 2024 beschrieben wird. Das Bestreben, Europa zu einem Vorreiter im globalen Wettbewerb um technologische Führungspositionen zu machen, wird durch umfangreiche staatliche Fördermaßnahmen unterstützt. Davon profitiert der Deep-Tech-Sektor erheblich und es entstehen attraktive Wachstums- und Investitionschancen.

Trend 1: Quantencomputing – die nächste Generation der Datenverarbeitung

Ein Teilbereich der Deep-Tech-Branche, der derzeit besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist das Quantencomputing. Während herkömmliche Computer Informationen mithilfe von Bits speichern, die entweder den Wert 0 oder 1 annehmen können, nutzen Quantencomputer sogenannte Quantenbits (Qubits), die gleichzeitig eine Vielzahl von Zuständen einnehmen können. Diese mehrdimensionale Eigenschaft verleiht Quantencomputern eine exponentiell höhere Rechenleistung.

Der Übergang des Quantencomputings von der theoretischen Forschung hin zu praktischen Anwendungen schafft zunehmend konkrete wirtschaftliche Mehrwerte. In der Pharmaindustrie revolutioniert die Technologie die Wirkstoffentwicklung, indem hochkomplexe Molekülstrukturen direkt simuliert werden können. Dadurch lassen sich Zeit- und Kapitalaufwand für die Entwicklung lebensrettender Medikamente deutlich reduzieren. Auch die Luft- und Raumfahrtindustrie nutzt die enorme Rechenleistung für anspruchsvolle aerodynamische Simulationen sowie die Entwicklung von Batterietechnologien der nächsten Generation. Dies sind nur zwei Beispiele für Branchen, die durch Quantencomputing nachhaltige Wettbewerbsvorteile erzielen und langfristigen Unternehmenswert schaffen können.

Weltweit fließt bereits erhebliches Kapital in diesen Zukunftsmarkt. Im Jahr 2025 wurde mit 4 Mrd. USD Finanzierungsvolumen bei 127 Transaktionen ein neuer Rekord erreicht. Europäische Quantencomputing-Start-ups konnten 2025 rund 1,5 Mrd. Euro einwerben, was einem Anstieg von 170 Prozent gegenüber 2024 entspricht. Allein eine Finanzierungsrunde in Finnland mit einem Volumen von 320 Mio. USD im ersten Quartal 2025 verdeutlicht, dass Europa in diesem Technologiefeld zunehmend zu einem bedeutenden Innovations- und Investitionsstandort wird.

Trend 2: physische KI – die Verschmelzung von Industrie und Künstlicher Intelligenz

Europäische Venture-Capital-Investitionen fließen zunehmend in Unternehmen aus dem Bereich der sogenannten Physical AI (physische Künstliche Intelligenz). Dabei werden Technologien der Künstlichen Intelligenz mit Robotik, humanoiden Robotern und autonomen Fahrzeugen kombiniert. Mehrere neu entstandene europäische Einhörner (Start-ups mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar) entwickeln bereits Lösungen in diesem Bereich und unterstreichen damit die wachsende Bedeutung von Physical AI innerhalb der europäischen Innovationslandschaft.

Europas starke industrielle Basis könnte dem Kontinent einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den USA bei der Entwicklung und Einführung von Physical-AI-Technologien verschaffen. Bereits heute verfügt Europa über umfangreiche industrielle Datensätze, etablierte Fertigungs- und Lieferketten sowie eine große potenzielle Kundengruppe. Rund 15–16 Prozent aller Beschäftigten in der Europäischen Union arbeiten im Verarbeitenden Gewerbe, verglichen mit etwa 8 Prozent in den Vereinigten Staaten.

Darüber hinaus nimmt Europa auch in der Forschung zu Künstlicher Intelligenz eine starke Stellung ein – ein weiterer wichtiger Baustein für die Weiterentwicklung von Physical AI. Laut einem Bericht des Joint Research Centre der Europäischen Kommission beschäftigen sich rund 13 Prozent der europäischen Forschungsinstitute, öffentlichen Einrichtungen und wissenschaftlichen Verlage mit KI-bezogenen Themen. In den USA liegt dieser Anteil bei lediglich 4 Prozent. Diese Kombination aus industrieller Stärke und ausgeprägter Forschungskompetenz schafft günstige Voraussetzungen für die Entwicklung und den erfolgreichen Einsatz von Physical-AI-Anwendungen in Europa.

Insbesondere die Robotik gewinnt in Europa zunehmend an Dynamik. Laut dem IFR World Robotics Report 2025 ist Deutschland der fünftgrößte Robotikmarkt der Welt. Die zunehmende Verbreitung von Robotern in der Industrie, kombiniert mit Fortschritten in der Künstlichen Intelligenz, schafft die Grundlage für die nächste Generation intelligenter Automatisierungslösungen. Dadurch eröffnen sich erhebliche Chancen zur Steigerung von Produktivität, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit in zahlreichen Industriezweigen.

Trend 3: Biotechnologie – wissenschaftliche Führungsposition in wirtschaftlichen Erfolg umwandeln

Laut PitchBook haben die Venture-Capital-Investitionen in europäische Biotechnologie-Start-ups bereits im ersten Halbjahr 2026 mehr als drei Viertel des gesamten Investitionsvolumens des Jahres 2025 erreicht. Mit über 800 Mio. EUR, die in den vergangenen sechs Monaten in den Sektor geflossen sind, befindet sich das jährliche Transaktionsvolumen auf dem besten Weg, den höchsten Stand seit acht Jahren zu erreichen – vorausgesetzt, die aktuelle Dynamik hält an.

Der Sektor profitiert zudem von einer zunehmenden staatlichen Unterstützung. Initiativen wie der Scaleup Europe Fund sollen europäischen Innovatoren dabei helfen, ihre Geschäftsmodelle erfolgreich zu skalieren und internationale Wettbewerbsfähigkeit aufzubauen. Gleichzeitig verbessern sich die Bedingungen für Unternehmensverkäufe und Börsengänge schrittweise. Europa verzeichnete zuletzt bereits das dritte Quartal in Folge mit einer höheren Exit-Aktivität, was das Vertrauen von Investoren insbesondere in Biotechnologie- und Deep-Tech-Unternehmen in fortgeschrittenen Entwicklungsphasen stärkt.

In Kombination mit Europas ausgeprägter Forschungsstärke und seiner leistungsfähigen industriellen Basis festigen diese Entwicklungen die Position der Biotechnologie als eine der attraktivsten langfristigen Chancen im europäischen Venture-Capital-Markt.

Trend 4: Cleantech

Cleantech bezeichnet Unternehmen, die Technologien für die Energiewende, die Dekarbonisierung der Industrie, die Elektrifizierung, eine effizientere Ressourcennutzung sowie widerstandsfähigere und kohlenstoffarme Wertschöpfungsketten entwickeln. Die jüngsten Aktivitäten am privaten Kapitalmarkt deuten darauf hin, dass Investoren Energieinfrastruktur zunehmend als strategische Anlageklasse betrachten – nicht nur im Hinblick auf die Dekarbonisierung, sondern auch für Energiesicherheit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und die stark steigende Stromnachfrage. Auf diese Entwicklung haben wir bereits in einer kürzlich veröffentlichten Studie hingewiesen.

Europa entwickelte sich im ersten Quartal 2026 zum weltweit führenden Markt für Venture-Capital-Investitionen im Bereich Klimatechnologien. Mit einem Investitionsvolumen von mehr als 6,5 Mrd. USD zog die Region rund 20 Prozent mehr Kapital an als Nordamerika und mindestens dreimal so viel wie Asien. Erneuerbare Energien bleiben dabei ein strategischer Schwerpunkt. Gleichzeitig wächst das Interesse von Investoren an Technologien zur Stärkung der Energieversorgungssicherheit, darunter KI-gestützte Energiemanagementsysteme und Lösungen zur Optimierung von Stromnetzen.

Auch wenn Unternehmen unterschiedliche Prioritäten setzen müssen, bleibt das Management von Klimarisiken ein langfristig relevantes Thema. Daraus könnten sich attraktive Chancen für langfristig orientierte Investoren ergeben, da Kapital verstärkt in Technologien fließt, die die Energiesicherheit, die Stabilität der Stromnetze und die Widerstandsfähigkeit industrieller Wertschöpfungsketten verbessern.

Aus Venture-Capital-Sicht konzentrieren sich Investitionen in Europa zunehmend auf die Elektrifizierung, die Flexibilisierung der Energieversorgung und die Stärkung der industriellen Widerstandsfähigkeit. Die Aktivitäten sind weiterhin vor allem in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden gebündelt, was deren starke industrielle Ökosysteme und die politische Unterstützung widerspiegelt. Gleichzeitig verdeutlicht dies das erhebliche Wachstumspotenzial im übrigen Europa, da neue europäische Industrie- und Elektrifizierungsinitiativen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Der kürzlich angekündigte Scaleup Europe Fund dürfte das Ökosystem zusätzlich stärken, indem er Wachstumsfinanzierungen für strategisch wichtige Technologiesektoren – darunter saubere Energietechnologien – bereitstellt und erfolgreichen Unternehmen die Skalierung innerhalb Europas erleichtert.

Der entscheidende Prüfstein wird jedoch sein, ob Europa seine Innovationskraft auch unter Bedingungen anhaltenden Importdrucks und eines asymmetrischen Marktzugangs erfolgreich ausbauen kann.

Abbildung 2: Zentrale Anlagethemen und Trends

Infografik mit zwei Themenbereichen. Thema 1 sind Tiefentechnologien mit vier Investmenttrends: Quantencomputertechnologie, physische Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Cleantech. Als Chancen werden wissenschaftliche Durchbrüche, industrielle Anwendungen, die Energiewende und eine höhere Versorgungssicherheit genannt. Thema 2 sind Verteidigungstechnologien mit vier Schwerpunkten: strategische Bedeutung, Cybersicherheit und autonome Systeme, politische und finanzielle Unterstützung sowie technologische Souveränität. Die Grafik hebt damit Deep Tech und Defence Tech als zentrale europäische Venture-Capital-Themen hervor.

Quelle: Deutsche Bank AG, Stand: 24. Juli 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.

Thema 2: Verteidigungstechnologien – strategische Autonomie und Modernisierung der Verteidigung

Defence Tech hat sich zu einem zentralen Treiber für die Neugestaltung der nationalen Sicherheit entwickelt. Geopolitische Konflikte sowie die Notwendigkeit, veraltete Verteidigungssysteme zu modernisieren, sorgen für ein starkes Wachstum des Sektors. Dieser umfasst neue Technologien für Verteidigungsoperationen, den Grenzschutz, die nationale Sicherheit und die Stärkung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit. 

Häufig wird der Bereich Verteidigung gemeinsam mit der Luft- und Raumfahrtindustrie betrachtet, da letztere neben Raumfahrzeugen auch fortschrittliche Satellitenkonstellationen und logistische Lösungen für den Erdorbit entwickelt. Diese Technologien spielen eine wichtige Rolle, um Europas technologische Souveränität und Handlungsfähigkeit im Weltraum langfristig zu sichern.

Viele dieser Innovationen entstehen als sogenannte Dual-Use-Technologien, bei denen ursprünglich für zivile Anwendungen entwickelte Software und Technologien auch für verteidigungsbezogene Zwecke eingesetzt werden können. Umfangreiche Förderprogramme lenken inzwischen erhebliche finanzielle Mittel in das wachsende europäische Ökosystem für Verteidigungs- und Sicherheitstechnologien.

Besonders hervorzuheben ist die von der Europäischen Kommission im März 2025 vorgestellte „ReArm Europe“-Strategie mit einem Volumen von 800 Mrd. EUR. Ziel ist es, durch umfangreiche Investitionen die Verteidigungsbereitschaft und Verteidigungsfähigkeiten Europas bis 2030 deutlich zu stärken und gleichzeitig die Abhängigkeit von externen Verbündeten zu verringern.

Europäische Start-ups im Bereich der Verteidigungstechnologien verzeichneten im vergangenen Jahr ein außergewöhnlich starkes Wachstum. Zusätzlichen Rückenwind erhält der Sektor durch staatliche Förderprogramme wie das EU Defence Innovation Scheme (EUDIS), das Verteidigungs- und Dual-Use-Start-ups mit Zuschüssen von bis zu 120.000 EUR unterstützt. Darüber hinaus fördert der Europäische Verteidigungsfonds (European Defence Fund, EDF) die Entwicklung des Sektors mit einem Budget von rund 1 Mrd. EUR.

Diese umfangreichen staatlichen Förderinitiativen dürften sich langfristig als fester Bestandteil der europäischen Innovationslandschaft etablieren und dem Bereich der Verteidigungstechnologien dauerhaft erhebliche finanzielle Mittel zuführen.

Die europäische Verteidigungslandschaft ist derzeit stark fragmentiert. Durch eine stärkere Abstimmung der dezentralen Investitionen ihrer Mitgliedstaaten bündelt die Europäische Union ihre regionalen Kompetenzen, um eine echte technologische Souveränität zu erreichen. Darüber hinaus kann Europa seine technologische Unabhängigkeit deutlich stärken, indem vorhandene Expertise gezielt vernetzt und grenzüberschreitende Partnerschaften aufgebaut werden.

Frankreichs Führungsrolle in der Luft- und Raumfahrt basiert auf einem hochintegrierten, staatlich unterstützten Ökosystem global führender Unternehmen und bietet Investoren dadurch ein vergleichsweise resilientes Marktumfeld. Auch das Vereinigte Königreich und Deutschland haben ihre Verteidigungsausgaben deutlich erhöht. Großbritannien hat ein Technologie-Investitionsprogramm im Umfang von 5 Mrd. GBP aufgelegt, von denen 4 Mrd. GBP gezielt in autonome Systeme fließen sollen.

Deutschland profitiert insbesondere vom Sondervermögen Bundeswehr, einem schuldenfinanzierten Fonds in Höhe von 100 Mrd. EUR, der außerhalb des regulären Haushalts eingerichtet wurde. Ziel ist es, veraltete militärische Ausrüstung rasch zu modernisieren und die NATO-Vorgabe von Verteidigungsausgaben in Höhe von 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erfüllen. Dies spiegelt den grundlegenden Wandel der sicherheitspolitischen Ausrichtung wider, der durch die aktuellen geopolitischen Spannungen ausgelöst wurde.

Ein wichtiger Schwerpunkt innerhalb des Defence-Tech-Sektors ist die Entwicklung von Lösungen, die öffentlichen und privaten Institutionen umfassende Cybersicherheitsfähigkeiten ermöglichen. Da sowohl die Verteidigungsinfrastruktur als auch kritische Einrichtungen der Daseinsvorsorge stark vernetzt und in hohem Maße von Software abhängig sind, haben Cybersicherheitslösungen die Aufgabe, staatliche Netzwerke und verteidigungsrelevante Systeme vor digitaler Sabotage zu schützen.

Moderne Technologien bieten zahlreiche Vorteile, darunter Automatisierung, schnelle Reaktionsfähigkeit, hohe Flexibilität sowie ein Lagebild in Echtzeit. Gleichzeitig sind diese Systeme anfällig für Spionage, Datenmanipulation und Kommunikationsausfälle. Fortschritte in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Quantencomputing verändern die Bedrohungslage im Cyberraum kontinuierlich. Um neuen und zunehmend komplexeren Gefahren wirksam begegnen zu können, sind daher laufende Innovationen und eine permanente Anpassung der Sicherheitsmaßnahmen erforderlich.

Darüber hinaus revolutionieren autonome Systeme wie Drohnen die moderne Verteidigungslandschaft und ziehen zunehmend Investitionen sowie öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Sie nutzen modernste Technologien wie Künstliche Intelligenz, um den Luftraum kontinuierlich zu überwachen, und ergänzen oder ersetzen damit traditionelle Überwachungs- und Aufklärungssysteme. Dadurch können sie sowohl die nationale Sicherheit als auch die öffentliche Sicherheit unmittelbar verbessern.

Gleichzeitig entfalten autonome Systeme eine indirekte Wirkung, indem sie durch ihre Präsenz und Einsatzfähigkeit eine glaubwürdige Abschreckung schaffen. Ihre hohe Reaktionsgeschwindigkeit, Skalierbarkeit und technologische Leistungsfähigkeit machen sie zu einem wichtigen Baustein zukünftiger Sicherheits- und Verteidigungskonzepte.

Die Rolle des makroökonomischen Umfelds

Im Allgemeinen bestimmen sechs makroökonomische Treiber die globale Kapitalallokation in privaten Märkten: Zinsniveau, verfügbare Liquidität, Konjunkturzyklen, geopolitische Entwicklungen, Wirtschaftswachstum und Marktstimmung. Diese Faktoren beeinflussen, wo Kapital investiert wird, in welchem Umfang, in welcher Unternehmensphase und mit welcher Geschwindigkeit Investitionen erfolgen. 

Darüber hinaus wirken sie sich auf die Risikoprämien sowie auf den Zeitpunkt von Kapitalzusagen und Investitionsentscheidungen aus. Eine detaillierte Erläuterung dieser Einflussfaktoren finden Sie in unserer Studie „PERSPEKTIVEN Spezial – Alternative Anlagen: Privatmarktanlagen – Ausblick auf das kommende Jahr“.

Die europäischen Venture-Capital-Investitionen legten im ersten Halbjahr 2026 trotz zunehmender geopolitischer Spannungen weiter zu. Diese robuste Entwicklung zeigt, dass viele der kapitalstarken Sektoren – darunter Deep Tech und Defence Tech – eng mit den europäischen Bestrebungen verknüpft sind, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, die technologische Souveränität auszubauen und die langfristige wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu erhöhen.

Die Wiederöffnung der Straße von Hormus bleibt von entscheidender Bedeutung, da sie dazu beitragen würde, die globalen Inflationsrisiken zu verringern und gleichzeitig die Wachstumsaussichten zu verbessern.

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Analyse rechnen wir damit, dass sich das globale Wirtschaftswachstum im Jahr 2026 auf rund 3,1 Prozent abschwächt – ein Niveau, das mit einem sogenannten Soft-Landing-Szenario vereinbar wäre –, bevor es sich 2027 wieder auf 3,3 Prozent beschleunigt. Die Inflation dürfte kurzfristig jedoch zunächst auf einem erhöhten Niveau verharren und erst allmählich zurückgehen, wenn sich die Angebotsbedingungen weiter normalisieren.

In den USA sollte sich das Wirtschaftswachstum trotz der vorübergehenden inflationsfördernden Auswirkungen des Nahostkonflikts als robust erweisen. Die Binnennachfrage wird weiterhin vor allem durch Deregulierungsmaßnahmen und eine hohe Investitionstätigkeit gestützt, insbesondere im Bereich der KI-bezogenen Infrastruktur. Der jüngste energiepreisbedingte Anstieg der Gesamtinflation mahnt jedoch zur Vorsicht. Die US-Notenbank dürfte daher in den kommenden Monaten zunächst abwarten und eingehende Wirtschaftsdaten sorgfältig analysieren, um die vorübergehende Natur des Inflationsdrucks zu bestätigen. Zinssenkungen würden erst dann wahrscheinlicher, wenn überzeugende Hinweise vorliegen, dass die Inflation nachhaltig zurückgeht.

Im Euroraum bleibt das makroökonomische Umfeld verhaltener. Das Wachstum dürfte kurzfristig nur moderat ausfallen, da höhere Energiepreise die realen Einkommen, den Konsum und die Investitionstätigkeit zeitweise belasten. Gleichzeitig überraschten die Inflationsdaten im Juni positiv: Die Gesamtinflation (CPI) sank auf 2,8 Prozent, die Kerninflation auf 2,4 Prozent. Dies deutet darauf hin, dass der jüngste energiebedingte Inflationsimpuls möglicherweise weniger nachhaltig ist als zuvor befürchtet. Die Europäische Zentralbank erhöhte im Juni erwartungsgemäß die Zinsen und musste dabei zwischen schwachem Wachstum und erneutem Inflationsdruck abwägen. Für die Zukunft wird erwartet, dass sie ihren datenabhängigen Ansatz beibehält und gleichzeitig einen leicht restriktiven Kurs verfolgt, um die Inflationserwartungen zu stabilisieren. Dies steht im Einklang mit der Erwartung einer weiteren Zinserhöhung bis Ende Mai 2027, möglicherweise bereits im September 2026.

In Asien bleiben die Wachstumsaussichten vergleichsweise robust und stützen weiterhin die globale Wirtschaftsleistung. Unterstützt wird dies durch gezielte wirtschaftspolitische Maßnahmen, insbesondere in Japan und China, sowie durch strukturelle Wachstumstreiber wie die fortschreitende Digitalisierung und den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Weitere Einschätzungen enthält unsere Studie „PERSPEKTIVEN Makro- und Anlageklassenausblick Juni 2026“.

Zu den wichtigsten Abwärtsrisiken zählen geopolitische „bekannte Unbekannte“ wie die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten, zusätzliche Handelshemmnisse sowie Herausforderungen bei der Umsetzung von KI-Technologien, darunter Engpässe bei der Energieversorgung und bei kritischen Rohstoffen. Weitere Risiken ergeben sich aus steigenden langfristigen Renditen infolge hoher Vermögenspreise und wachsender Sorgen über die Staatsverschuldung sowie aus möglichen geldpolitischen Fehlentscheidungen der Zentralbanken.

Vor diesem Hintergrund dürften attraktive Investitionschancen weiterhin mit Phasen erhöhter Volatilität einhergehen. Dies unterstreicht die Bedeutung einer disziplinierten Positionierung, einer breiten Diversifikation und eines aktiven Risikomanagements. Bei Anlagen in Private Markets kommen darüber hinaus Risiken durch eine geringere Liquidität und Transparenz hinzu.

Auch wenn der weitere Verlauf voraussichtlich nicht geradlinig sein wird, sprechen die anhaltend hohe Innovationsdynamik, unterstützende politische Maßnahmen sowie die sich schrittweise verbessernden Kapitalmarktbedingungen für einen konstruktiven mittelfristigen Ausblick auf den europäischen Venture-Capital-Markt.

Abbildung 3: Venture-Capital-Finanzierungen europäischer Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungs-Start-ups

Liniendiagramm zur Entwicklung der Venture-Capital-Finanzierungen europäischer Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungs-Start-ups von 2021 bis 2026, wobei 2021 als Basisjahr mit 100 indexiert ist. Der Index des Transaktionsvolumens stieg bis 2025 auf etwa 205 und lag 2026 zuletzt bei 202. Das entspricht einem Anstieg von 102 Prozent gegenüber 2021. Der Index der Transaktionsanzahl fiel 2022 auf etwa 70, stieg bis 2025 auf rund 210 und lag 2026 zuletzt wieder bei 101. Das Transaktionsvolumen hat sich damit gegenüber 2021 etwa verdoppelt, während die Zahl der Transaktionen nahezu auf das Ausgangsniveau zurückgekehrt ist.

Quelle: PitchBook, Deutsche Bank AG, Datenstand: 19. Juni 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.

Fazit

Europäisches Venture Capital profitiert weiterhin von einer robusten Innovationsdynamik, steigenden Investitionen institutioneller Anleger und vermögender Privatkunden sowie zunehmenden Kapitalzuflüssen in strategisch wichtige Zukunftstechnologien. Verbesserte Finanzierungsbedingungen, anhaltende Investitionen in Bereiche wie Deep Tech und Defence Tech sowie die schrittweise Erholung der Exit-Märkte schaffen ein unterstützendes Umfeld für diese Anlageklasse.

Vor diesem Hintergrund bleiben die mittelfristigen Perspektiven für den europäischen Venture-Capital-Markt konstruktiv. Die Kombination aus technologischer Innovationskraft, politischer Unterstützung und einer zunehmenden Kapitalverfügbarkeit dürfte das Wachstum des Ökosystems weiter fördern und attraktive Investitionsmöglichkeiten eröffnen.

Gleichzeitig bleiben geopolitische Unsicherheiten und fragmentierte Kapitalmärkte wichtige Einflussfaktoren. Dennoch scheint Europa zunehmend gut positioniert zu sein, seine Rolle als globales Innovationszentrum weiter auszubauen. Unterstützt wird dies durch die starke industrielle Basis des Kontinents sowie den politischen Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und strategische Unabhängigkeit.
Für langfristig orientierte Investoren, die bereit sind, die mit dieser Anlageklasse verbundenen Risiken einzugehen, liegt die Chance darin, gezielt in innovative Unternehmen zu investieren, die von diesen strukturellen Wachstumstrends profitieren. Dabei sollte der Fokus konsequent auf Skalierbarkeit, nachhaltigem Wachstum und attraktiven Exit-Perspektiven liegen.

Glossar

  • Autonome Systeme/Drohnen nutzen etwa KI zur Überwachung, Aufklärung und Reaktion und sind ein Schwerpunkt moderner Verteidigungstechnologien.
  • Biotechnologie bezeichnet die Anwendung biologischer Forschung für medizinische, industrielle oder technologische Innovationen.
  • Börsengang (IPO) ist der erste öffentliche Verkauf von Unternehmensanteilen an einer Börse.
  • Cleantech bezeichnet Technologien für Energiewende, Dekarbonisierung, Elektrifizierung, Ressourceneffizienz und CO₂-ärmere Wertschöpfungsketten.
  • Cybersicherheit schützt Netzwerke, Systeme, Daten und digitale Infrastruktur vor digitalen Bedrohungen, Sabotage und Datenmanipulation.
  • Deep Tech/Tiefentechnologien setzen wissenschaftliche Durchbrüche in wirtschaftlich nutzbare Lösungen mit hoher Forschungs- und Kapitalintensität um.
  • Defence Tech/Verteidigungstechnologien umfassen Technologien für Verteidigungsoperationen, Grenzschutz, nationale Sicherheit und Resilienz.
  • Distribution to Paid-In Capital (DPI) misst bereits an Investoren ausgeschüttetes Kapital im Verhältnis zum eingezahlten Kapital.
  • Diversifikation bezeichnet die Streuung von Anlagen über Anlageklassen, Regionen und Sektoren zur Risikoreduktion.
  • Dual-Use-Technologien können sowohl für zivile als auch für verteidigungsbezogene Zwecke genutzt werden.
  • EU Defence Innovation Scheme (EUDIS) fördert Verteidigungs- und Dual-Use-Start-ups, u. a. mit Zuschüssen.
  • EUR ist der Währungscode für den Euro.
  • Euroraum bezeichnet die EU-Länder, die den Euro als gemeinsame Währung verwenden.
  • Europäische Kommission (EK) ist das Exekutivorgan der Europäischen Union und initiiert u. a. Förder- und Verteidigungsprogramme.
  • Europäische Union (EU) ist ein politischer und wirtschaftlicher Zusammenschluss von 27 Mitgliedstaaten.
  • Europäische Zentralbank (EZB) ist die Zentralbank des Euroraums und verantwortet die Geldpolitik.
  • Europäischer Innovationsrat (EIC) unterstützt bahnbrechende Technologien und Scale-up-Finanzierung in Europa.
  • Europäischer Verteidigungsfonds (EDF) finanziert gemeinsame Verteidigungsforschung und Fähigkeitsentwicklung in der EU.
  • European Tech Champions Initiative soll privates Kapital für europäische Technologieunternehmen mobilisieren.
  • Exit bezeichnet die Realisierung einer Beteiligung, etwa durch Börsengang, Verkauf oder Sekundärtransaktion.
  • Federal Reserve (Fed) ist die Zentralbank der Vereinigten Staaten.
  • Finanzierungsrunden reichen typischerweise von Pre-Seed- und Seed- über Series-A- bis zu späteren Wachstumsrunden.
  • Französische Tibi-Initiative soll private Ersparnisse in Frühphasenfonds und bahnbrechende Innovationen lenken.
  • Fundraising bezeichnet die Einwerbung von Kapitalzusagen für Fonds oder Unternehmen vor späteren Kapitalabrufen.
  • GBP ist der Währungscode für das britische Pfund/Sterling.
  • InvestEU mobilisiert Investitionen in strategischen Bereichen, darunter Innovation und KMU-Finanzierung.
  • Kerninflation (Core CPI) bezeichnet die Inflation ohne besonders volatile Komponenten wie Energie und Nahrungsmittel.
  • Klimatechnologien (Climate Tech) mindern Klimawandel, unterstützen Klimaanpassung oder reduzieren Treibhausgasemissionen.
  • Künstliche Intelligenz (KI) bezeichnet Systeme, die Aufgaben wie Mustererkennung, Analyse, Automatisierung oder Entscheidungsunterstützung übernehmen.
  • Multiple on Invested Capital (MOIC) misst den Gesamtwert einer Investition als Vielfaches des investierten Kapitals.
  • NATO steht für North Atlantic Treaty Organization, das nordatlantische Verteidigungsbündnis.
  • Physische KI (Physical AI) verbindet KI mit Robotik, humanoiden Robotern, autonomen Fahrzeugen und industrieller Automatisierung.
  • Private Equity bezeichnet Investitionen in private, nicht börsennotierte Unternehmen, meist in reiferen Unternehmensphasen.
  • Private Markets/private Märkte umfassen nicht börsengehandelte Anlagen wie Private Equity, Private Credit, Infrastruktur und Venture Capital.
  • Quantencomputing nutzt Qubits und kann für bestimmte Probleme eine sehr hohe Rechenleistung bereitstellen.
  • ReArm Europe ist eine Strategie der Europäischen Kommission zur Stärkung von Verteidigungsbereitschaft und Fähigkeiten.
  • Rendite bezeichnet den Ertrag einer Anlage, etwa aus Wertsteigerungen, Zinsen, Dividenden oder Ausschüttungen.
  • Risikoprämien sind erwartete Mehrerträge gegenüber risikofreien Anlagen als Ausgleich für zusätzliches Risiko.
  • Robotik bezeichnet Entwicklung, Produktion und Einsatz von Robotern in Industrie, Logistik, Gesundheit und Verteidigung.
  • Scaleup Europe Fund soll Wachstumskapital für strategische Technologiesektoren in Europa bereitstellen.
  • Sekundärtransaktionen sind Verkäufe bestehender Anlegeranteile oder Vermögenswerte an andere Investoren.
  • Soft Landing/weiche Landung beschreibt eine Konjunkturabkühlung ohne Rezession bei zugleich nachlassender Inflation.
  • Sondervermögen Bundeswehr ist ein außerbudgetärer deutscher Fonds zur Modernisierung der militärischen Ausrüstung.
  • Start-up ist ein junges Unternehmen, das ein neues Produkt, eine Dienstleistung oder ein Geschäftsmodell skalieren will.
  • Straße von Hormus ist eine strategisch wichtige Wasserstraße für globale Energie- und Handelsrouten.
  • Technologische Souveränität bezeichnet die Fähigkeit, Schlüsseltechnologien eigenständig zu entwickeln, zu kontrollieren und einzusetzen.
  • Total Value to Paid-In Capital (TVPI) misst Ausschüttungen plus verbleibenden Portfoliowert im Verhältnis zum eingezahlten Kapital.
  • Unicorn bezeichnet ein privat gehaltenes Start-up mit einer Bewertung von mindestens 1 Mrd. USD oder EUR.
  • USD ist der Währungscode für den US-Dollar.
  • Venture Capital (VC) ist Wagniskapital für junge, wachstumsstarke Unternehmen, häufig vor Profitabilität und in mehreren Finanzierungsrunden.
  • Verbraucherpreisindex (CPI/VPI) misst die Preisentwicklung eines typischen Waren- und Dienstleistungskorbs privater Haushalte.
  • Volatilität bezeichnet das Ausmaß von Preisschwankungen im Zeitverlauf.

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Redaktionsschluss: 28.07.2026, 15 Uhr

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