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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden.
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13. Juni 2024

Liebe Leserinnen und Leser,

die US-Währungshüter erwarten für 2024 weniger Zinssenkungen, Aktien französischer Banken geben nach der Europawahl nach, und die britische Wirtschaft legt eine Verschnaufpause ein.


US-Währungshüter erwarten weniger Zinssenkungen 2024

Die US-Notenbank Fed hat ihre Zinsen erwartungsgemäß nicht verändert. Nachdem die US-Währungshüter im März im Median noch drei Zinssenkungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte bis zum Jahresende erwartet hatten, stellen sie nun mehrheitlich nur noch maximal eine in Aussicht. Elf von 19 Ratsmitgliedern erwarten nicht mehr als eine Zinssenkung, vier davon erwarten gar keine. Die acht anderen rechnen mit zwei Zinsschritten. Dafür projizieren die FOMC-Mitglieder für 2025 nun im Schnitt vier anstelle von drei Leitzinssenkungen. Das von der Fed bevorzugte Inflationsmaß – die Kernrate der persönlichen Konsumausgaben (PCE) – dürfte laut der neuen Schätzung 2024 bei 2,8 Prozent liegen, nachdem im März noch 2,6 Prozent erwartet wurden. Die Prognosen zum Wirtschaftswachstum wurden nicht verändert – die Wirtschaftsleistung dürfte 2024 um 2,1 Prozent zulegen, in den beiden Folgejahren um jeweils 2,0 Prozent. Die Zinsprognosen der Fed hätten tendenziell die Erwartungen einer Zinssenkung im September dämpfen können. Allerdings wurde gestern Abend an den Zinsterminmärkten eine Zinswende im September mit einer höheren Wahrscheinlichkeit eingepreist als zu Handelsbeginn. Dies dürfte unter anderem darauf beruhen, dass Gouverneur Jerome Powell in seiner Pressekonferenz darauf hinwies, dass die Inflationsrate sich in Richtung der Zielrate von zwei Prozent bewege und zudem der überhitzte Arbeitsmarkt nun etwas abkühle.

Ausschlaggebend hierfür waren zudem die US-Verbraucherpreisdaten für Mai: Im Monatsvergleich stagnierten die Verbraucherpreise, im Jahresvergleich stiegen sie um 3,3 Prozent – jeweils 0,1 Prozentpunkte weniger als von Analysten zuvor im Schnitt erwartet worden war. Auch die um Energie- und Nahrungsmittelpreise bereinigte Kerninflationsrate lag mit 0,16 Prozent zum Vormonat – dem niedrigsten monatlichen Anstieg seit August 2021 – beziehungsweise 3,4 Prozent zum Vorjahresmonat jeweils 0,1 Prozentpunkte unter den Prognosen. In einer unmittelbaren Reaktion auf diese am Nachmittag veröffentlichten Inflationsdaten fielen die Renditen zwei- bis fünfjähriger US-Staatsanleihen um mehr als 0,15 Prozentpunkte. Der handelsgewichtete U.S. Dollar Index gab um 1,0 Prozent nach, wohingegen die US-Aktienleitindizes starken Rückenwind erhielten. Im Anschluss an die Fed-Sitzung und die Pressekonferenz legten die Renditen von ihren Tagestiefs moderat zu, der U.S. Dollar Index machte die Hälfte seiner Verluste wieder wett und die Aktienbörsen verteidigten ihre Gewinne. Marktteilnehmer messen den Inflationsdaten somit größeres Gewicht bei als den Erwartungen der Fed von bis zu einer Zinssenkung 2024.


Europawahl setzt französische Bankaktien unter Druck

Aktien französischer Banken gaben seit Ende vergangener Woche nach und zogen den STOXX 600 Banks Index zwei Prozent ins Minus. Grund war der Rechtsruck bei den Europawahlen, der Parlamentsneuwahlen zur Folge hat.

Die Aussicht auf anhaltende politische Unsicherheit in Frankreich ließ den Renditeabstand zwischen zehnjährigen französischen und deutschen Staatsanleihen zwischenzeitlich auf über 0,6 Prozentpunkte steigen – der höchste Stand seit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020. Schlechtere Finanzierungskonditionen könnten nicht nur Frankreichs Wachstum hemmen, sondern auch die Zinsen erhöhen, für die sich dort ansässige Banken am Kapitalmarkt Geld beschaffen können. Mit der Korrektur dürften diese Aussichten aber bereits weitestgehend eingepreist sein; denn die französischen Kreditinstitute erzielen lediglich 20 bis 40 Prozent ihrer Umsätze im Inland. Ihr Anteil am europäischen Sektor liegt zudem bei lediglich zehn Prozent. In Anbetracht ihrer robusten Fundamentaldaten und des niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnisses von 7,2 halte ich Rücksetzer bei europäischen Bankaktien für Kaufgelegenheiten.


Großbritannien: Wirtschaft legt Verschnaufpause ein

Das Wachstum in Großbritannien kam im April im Monatsvergleich zum Stillstand, nachdem es im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal noch 0,6 Prozent betragen hatte. Die Industrieproduktion ging dabei mit minus 0,9 Prozent deutlich stärker zurück als von Analysten prognostiziert; die Arbeitslosenquote stieg entgegen den Erwartungen einer Stagnation um 0,1 Prozentpunkte auf 4,4 Prozent. Dennoch legten die Arbeitseinkommen exklusive Boni mit sechs Prozent in den drei Monaten bis Ende April weiterhin kräftig zu. Auch die Dienstleistungsinflation – die eng mit den Lohnsteigerungen verknüpft ist – fiel im April im Jahresvergleich nur leicht von 6,0 auf 5,9 Prozent. Die jährliche Inflationsrate – die im April auf 2,3 Prozent und damit auf den niedrigsten Wert seit Juli 2021 gefallen war – im Mai wird am kommenden Mittwoch veröffentlicht. Obwohl die Inflation zuletzt recht gering ausfiel und die Konjunktur sich schwach entwickelte, bestehen weiterhin Reflationsrisiken, vor allem mit Blick auf die Zahlen zur Lohnentwicklung. Daher erwarten die Zinsterminmärkte, dass die Bank of England ihren Leitzins nächste Woche Donnerstag nicht verändern wird.


Zinswende: EZB kommt der Fed zuvor

Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen gesenkt – ein Schritt, der erwartet worden war. Sinken die Zinsen in den kommenden Monaten weiter? Meinen Ausblick für die Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantiks fasse ich im Gespräch mit Finanzjournalistin Jessica Schwarzer zusammen.


Was diese Woche wichtig wird

    Freitag, Japan | Zinsentscheid der Bank of Japan. Das Leitzinsband dürfte bei 0,0 bis 0,1 Prozent belassen werden. Der Übergang von einer lockeren hin zu einer restriktiveren Geldpolitik dürfte ein längerfristiger werden, um ein Abgleiten in die Deflation zu verhindern. Sollten die Währungshüter den Leitzins wider Erwarten straffen, könnte der Yen zulegen und die Volatilität am Aktien- und Rentenmarkt zunehmen.


    Zahl des Tages: 1.500

    In der Antarktis tummelten sich einst Dinosaurier, bevor der Kontinent vor gut 30 Millionen Jahren abkühlte und von einer dicken Eisschicht bedeckt wurde. Darüber, wie der äußerste Süden vor der Vereisung ausgesehen hat, ist aber kaum etwas bekannt. Maximilian Zundel von der Universität Bremen hat mit seinem Team jetzt Sedimentbohrkerne von der Westküste der Antarktis untersucht. Die Forscher fanden heraus: Das Gestein stammt wohl aus dem etwa 1.500 Kilometer entfernten Transantarktischen Gebirge. Das spricht für die Existenz eines ausgedehnten Flusssystems, das die Sedimente an die Küste transportiert hat. Weite flache Ebenen könnten dort in ein sumpfiges Flussdelta übergegangen sein. Heute ist von einem Fluss nichts mehr zu sehen: Die Landschaften der Kreidezeit sind längst im Meer versunken. 

    Bohren Sie heute tiefer. 

    Herzlichst

    Ihr Ulrich Stephan

    Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden


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