PERSPEKTIVEN am Morgen

Starten Sie gut informiert
in den Tag

Aktuelle Einschätzungen zu Märkten und Branchen.
Jetzt lesen oder jeden Morgen um 7.00 Uhr in Ihrem E-Mail-Postfach.

30. September 2022

Liebe Leserinnen und Leser,

die Verbraucherpreise in Deutschland steigen im September vermutlich zweistellig, der Leitindex der Börse in Istanbul lässt in diesem Jahr alle anderen Aktienindizes weit hinter sich, und in Brasilien steht ein wichtiger Urnengang bevor.


Energie treibt Deutschlands Verbraucherpreise

Der Preisdruck in Deutschland hat im September weiter zugenommen. Nach einer ersten Schätzung lag die Verbraucherpreisinflation bei zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat und erreichte damit einen Jahreshöchststand. Mit 43,9 Prozent machten die Energiepreissteigerungen erneut den größten Teil der Verbraucherpreisinflation aus. Der dramatische Umfang der angekündigten Entlastungsprogramme – immerhin gut sechs Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands – führt bei Ökonomen und Anlegern jedoch richtigerweise zu Stirnrunzeln. Denn mittelfristig könnten die umfangreichen fiskalischen Stimuli sogar inflationär wirken, da sie die Nachfrage weiter anheizen. Nach einem zwischenzeitlichen Rückgang am Mittwoch sind die Renditen längerfristiger Staatsanleihen in Deutschland am gestrigen Handelstag gestiegen. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten wieder über der Marke von 2,2 Prozent. Ähnliche Überraschungen bei der Inflationsrate der Eurozone – die heute veröffentlicht wird – dürften die Renditen weiter anziehen lassen.


Türkei: Lira bleibt unter Druck

Der Leitindex der Börse in Istanbul lässt in diesem Jahr alle anderen Aktienindizes weit hinter sich – das Kursplus beträgt 71 Prozent in Lira und 43 Prozent in Euro. Die türkische Wirtschaft profitiert unter anderem von einer sehr erfolgreich verlaufenden Tourismussaison. Im August bereisten knapp 60 Prozent mehr ausländische Touristen das Land am Bosporus als im Vorjahr. Der heimische Konsum wurde zudem durch eine erneute Mindestlohnerhöhung gestützt. Problematisch bleibt jedoch die sehr hohe Inflationsrate: Für September erwarten Analysten im Durchschnitt einen weiteren Anstieg auf 83,5 Prozent. Dennoch hat die türkische Notenbank in den vergangenen beiden Monaten die Leitzinsen um jeweils einen Prozentpunkt auf aktuell zwölf Prozent gesenkt. Präsident Recep Tayyip Erdoğan forderte nun in einem TV-Interview, die Leitzinsen bis zum Jahresende in den einstelligen Bereich zu senken, was auf den drei noch bevorstehenden Notenbanksitzungen drei weitere Zinssenkungen um jeweils einen Prozentpunkt bedeuten würde. Sinkende Leitzinsen bei steigenden Inflationsraten könnten jedoch weiteren Abwertungsdruck auf die Türkische Lira zur Folge haben, die zum US-Dollar kürzlich auf ein Rekordtief gefallen ist. Wegen des Risikos einer plötzlichen und schnellen Abwertung der Türkischen Lira rate ich von einem Engagement in der Türkei ab.


Preise für Aluminium deutlich im Plus

Gestern legten die an der Londoner Metallbörse (LME) notierten Industriemetalle Nickel, Zink und Aluminium deutlich zu. Aluminium verzeichnete im Intraday-Handel ein bemerkenswertes Plus von 8,5 Prozent. Grund waren Berichte über ein mögliches Handelsverbot von Metallen aus russischer Produktion, die offenbar einige Marktteilnehmer, die auf ein Anhalten des rückläufigen Preistrends von Aluminium gesetzt hatten, auf dem falschen Fuß erwischten. Bis dato hatte Aluminium seit Jahresbeginn mehr als 25 Prozent abgegeben – trotz vorübergehend stillgelegter Produktionskapazitäten infolge knapper und teurer Energie in Europa und in China. Der dennoch starke Preisverfall von Aluminium ist neben globalen Rezessionssorgen auch der Immobilienkrise in China geschuldet, die die Aluminiumnachfrage des dortigen Bausektors hat einbrechen lassen. Zudem drückt der weltweit rückläufige Absatz von Kraftfahrzeugen mit Verbrennungsmotor die Aluminiumnachfrage. Auch deshalb dürfte das Preispotenzial bei Aluminium zunächst überschaubar bleiben. Eine Entspannung in Chinas Bausektor, die mit der Energiewende verbundenen hohen Infrastrukturinvestitionen sowie eine globale Wachstumserholung könnten jedoch mittelfristig die Aluminiumnachfrage beleben und bei weiterhin hohen Energiekosten den Aluminiumpreis treiben.


Brasilien vor Präsidentschaftswahlen

Am kommenden Sonntag sind gut 156 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer aufgefordert, unter anderem den neuen Präsidenten zu wählen. Jüngste Umfragen sehen den linksgerichteten Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva mit rund 46 Prozent etwa 14 Prozentpunkte vor dem Amtsinhaber, dem rechtspopulistischen Jair Bolsonaro. Erhält am Sonntag kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen, käme es am 30. Oktober zu einer Stichwahl. Insgesamt handelt es sich bei den beiden aussichtsreichsten Kandidaten um bekannte politische Größen mit limitiertem Überraschungspotenzial für Brasiliens Kapitalmärkte. Von einer zweiten Amtszeit Bolsonaros wäre unter anderem eine Fortführung bisheriger Privatisierungsbestrebungen zu erwarten, während eine von Lula da Silva geführte Regierung neben einer engagierteren Umweltpolitik auch die Stärkung des öffentlichen Sektors sowie staatliche Investitionen verfolgen dürfte. Radikale Reformen könnten hingegen am Widerstand des voraussichtlich auch zukünftig Mitte-rechts-dominierten Kongresses scheitern. 

Auch deshalb dürften sich die direkten Auswirkungen des Wahlausgangs auf die Börse in São Paulo – dessen Bewertung mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 8,4 aktuell rund 30 Prozent unter dem langfristigen Mittel liegt – in Grenzen halten.


Steigende Zinsen: Das sind die Folgen

Die Zinsen steigen. Was Sparer freut, ist mit Blick auf Finanzierungen eher unerfreulich. Die Folgen der Zinswende fasse ich in der aktuellen Folge meines Börsenpodcasts zusammen.


Was diese Woche wichtig wird

    Freitag

    • Japan | Die Industrieproduktion könnte im August angesichts der langsamen, aber fortschreitenden Wirtschaftserholung in China leicht gewachsen sein. Dies dürfte sich auch in den Unternehmenszahlen zum dritten Quartal bemerkbar machen.
    • China | Einkaufsmanagerindizes im September. Zwischen neuen und endenden Lockdowns, einer durch extreme Hitze hervorgerufenen Energiekrise sowie fiskalischen und monetären Impulsen dürfte das Verarbeitende Gewerbe stagniert haben und der Dienstleistungssektor solide gewachsen sein.
    • Indien | Zinsentscheid der Reserve Bank of India. Die Indische Rupie erreichte gegenüber dem US-Dollar zuletzt ein Allzeittief. Um eine weitere Abwertung zu vermeiden und die Inflationsrate von sieben Prozent einzufangen, könnte eine Zinsanhebung von 0,5 Prozentpunkten anstehen.
    • Deutschland | Der Einzelhandelsumsatz wird im August um einen Prozentpunkt tiefer erwartet als im Vormonat. Besonders zyklische Konsumgüter könnten von dem Rückgang betroffen sein. 
    • Deutschland, Eurozone | Die Arbeitslosenquote sollte auf dem Niveau des Vormonats verharren. In der Eurozone befindet sich die Arbeitslosigkeit mit 6,6 Prozent auf einem Rekordtief, was die Auswirkungen der konjunkturellen Verlangsamung dämpfen sollte.
    • Eurozone | Verbraucherpreise im September. Die Inflation könnte weiter auf 9,7 Prozent gestiegen sein, was die Anleiherenditen weiter antreiben würde. Zwar sollten staatlichen Maßnahmen den Preisdruck in den kommenden Monaten deckeln, allerdings besteht die Befürchtung, dass diese eine Rückkehr zum Zwei-Prozent-Ziel der EZB weiter hinauszögern. 
    • USA | Der PCE Core Deflator, das bevorzugte Inflationsmaß der Fed, dürfte im August auf eine leichte Wiederbeschleunigung der Preisdynamik hindeuten, unter anderem weil die Preise für Behausung deutlich anzogen. Aufgrund der bereits veröffentlichten Verbraucherpreisdaten sollte dies die Märkte aber nicht überraschen.


          Zahl des Tages: 12.000.000.000.000

          Die Grüne Transformation der Energiewirtschaft kostet sehr viel Geld, oder nicht? Ein Team um Rupert Way von der Smith School of Enterprise and the Environment der Universität Oxford macht eine andere Rechnung auf. Basierend auf tausenden Szenarien und historischen Daten zu den Kosten Erneuerbarer Energien sagen Way und Kollegen: Die Dekarbonisierung des globalen Energiesystems bis 2050 sollte mindestens zwölf Billionen US-Dollar einsparen. In der Vergangenheit seien die Kosten sauberer Energie massiv überschätzt worden, so die Forscher. Und plädieren für einen beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren – auch aus wirtschaftlichen Gründen.

          Tun Sie heute etwas für Ihre Umwelt.

          Herzlichst

          Ihr Ulrich Stephan

          Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden


          "PERSPEKTIVEN am Morgen" - Newsletter

          Erhalten Sie jeden Morgen den Marktkommentar als E-Mail direkt in Ihren Postkorb.

          Anrede

          Mit der Registrierung habe ich die Datenschutzbestimmungen der Deutschen Bank zur Kenntnis genommen.

          Dr. Ulrich Stephan

          Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

          Sie erhalten nach der Registrierung eine E-Mail an die von Ihnen angegebene Adresse. Bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung mit dem dort enthaltenen Link.

          Sie können sich jeder Zeit, zum Beispiel in jeder E-Mail-Ausgabe von "PERSPEKTIVEN am Morgen", wieder abmelden. Es besteht kein Rechtsanspruch auf den täglichen Erhalt des Newsletters.

          Soweit hier von Deutsche Bank die Rede ist, bezieht sich dies auf die Angebote der Deutsche Bank AG. Wir weisen darauf hin, dass die in dieser Publikation enthaltenen Angaben keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung darstellen, sondern ausschließlich der Information dienen. Die Information ist mit größter Sorgfalt erstellt worden. Bei Prognosen über Finanzmärkte oder ähnlichen Aussagen handelt es sich um unverbindliche Informationen. Soweit hier konkrete Produkte genannt werden, sollte eine Anlageentscheidung allein auf Grundlage der verbindlichen Verkaufsunterlagen getroffen werden. Aus der Wertentwicklung in der Vergangenheit kann nicht auf zukünftige Erträge geschlossen werden.

          HINWEIS: BEI DIESEN INFORMATIONEN HANDELT ES SICH UM WERBUNG. Die Texte sind nicht nach den Vorschriften zur Förderung der Unabhängigkeit von Anlage- oder Anlagestrategieempfehlungen (vormals Finanzanalysen) erstellt. Es besteht kein Verbot für den Ersteller oder für das für die Erstellung verantwortliche Unternehmen, vor bzw. nach Veröffentlichung dieser Unterlagen mit den entsprechenden Finanzinstrumenten zu handeln. Die Deutsche Bank AG unterliegt der Aufsicht der Europäischen Zentralbank und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)