Zumindest für Sparer sind es derzeit wahrlich historische Zeiten, denn noch nie in der Geschichte der Menschheit waren die Zinsen so niedrig wie heute. Noch nie? Eine gewagte Aussage, schließlich wurden schon unter den Babyloniern vor rund 5.000 Jahren Zinsen erhoben. Für den Chef-Ökonomen der englischen Notenbank Andy Haldane war die Sache aber offenbar sonnenklar, als er diese These sogar vor einem Parlamentsausschuss vortrug – mit ungeahnten Folgen. Denn der offen geäußerten Skepsis eines Abgeordneten schloss sich eine langwierige Recherche zur Zinsgeschichte an.

Einige „erschöpfte Forschungsassistenten“ später dann das für Haldane beruhigende Ergebnis: Tatsächlich schienen in den vergangenen 5.000 Jahren die Zinsen noch nie niedriger gewesen zu sein als heute.

Weit weniger beruhigend dürfte die Tatsache historisch niedriger Zinsen dagegen auf alle Sparer und Anleger wirken. Schließlich dient der Zins seit jeher auch als Ertragsquelle, um sich finanziell für die Zukunft abzusichern. Nach der Theorie des 1914 verstorbenen österreichischen Ökonomen Eugen von Böhm- Bawerk beispielsweise unterschätzen viele Menschen ihre zukünftigen Bedürfnisse und geben ihr Geld daher lieber gleich aus. Erst ein Zins, also eine spätere Belohnung für den Verzicht auf sofortigen Konsum, ließe sie sparen.

Der Vorteil solch vorausschauenden Handelns liegt auf der Hand: Spare in der Zeit, so hast du in der Not, lautet ein bekannter deutscher Aphorismus, der eines der Hauptmotive für das Sparen treffend umschreibt. Doch was, wenn es gar keinen Zins mehr gibt? Zumindest keinen für als sicher geltende Anlagen wie zum Beispiel deutsche Staatsanleihen – was also, wenn dieser sogenannte risikolose Zins null beträgt? Lohnt sich Sparen dann überhaupt noch?

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Zinsen hängen an den Notenbanken und die schauen auf die Wirtschaft

Zunächst einmal: Sparen lohnt sich nicht nur, sondern ist darüber hinaus weiterhin notwendig, um zukünftigen finanziellen Herausforderungen nach den eigenen Vorstellungen zu begegnen – sei es eine Reise, die Ausbildung der Kinder oder die individuelle Lebensplanung im Rentenalter. Doch das Umfeld für Sparer hat heute nur noch wenig mit dem von früher gemein. Um zu verstehen, wie dramatisch sich das Zinsumfeld tatsächlich verändert hat und welche möglichen Auswege aus dem Zinstief Sparern offenstehen, muss man zunächst verstehen, warum die Zinsen aktuell überhaupt so niedrig sind.

FinanzCheck starten

Als ein wesentlicher Auslöser für die aktuelle Situation kann die jüngste Finanzkrise angesehen werden. Nach einer Zeit des stark kreditgetriebenen Wirtschaftswachstums brach ab dem Jahr 2008 die Dynamik der Volkswirtschaften insbesondere in den Industrieländern ein. Die Folge waren eine große Verunsicherung unter den Marktteilnehmern, eine zunehmende Investitionszurückhaltung und damit ein Rückgang des Wirtschaftswachstums.

Das rief die Notenbanken auf den Plan: Um die Kreditvergabe und damit Investitionen anzukurbeln, senkte zum Beispiel die Europäische Zentralbank (EZB) in einer ersten Maßnahmenphase zunächst ihre Leitzinsen schrittweise bis auf null. So gelang es ihr, die mit den Leitzinsen eng in Verbindung stehenden Renditen für kurzlaufende Staatsanleihen zu drücken. Als sich die erhoffte Stimulierung der Konjunktur im Euroraum dennoch nicht einstellte, begann sie, Staatsanleihen längerer Laufzeiten direkt anzukaufen („Quantitative Easing“), um auch die Zinsen am langen Laufzeitende abzusenken. In einer dritten Phase kauft sie schließlich seit einigen Monaten zusätzlich auch Unternehmensanleihen.

Perspektiven am Morgen

Erreicht hat die EZB damit vor allen Dingen eins: Die Zinsen über alle Laufzeiten und selbst von Anleihen geringerer Bonität sind extrem gesunken. Der Stimulus für die europäische Konjunktur hingegen hält sich in Grenzen – von einer spürbaren Dynamisierung der Wirtschaft kann bis heute keine Rede sein.

Derzeit ist keine Trendwende in Europa in Sicht

Dieser Zusammenhang aus wirtschaftlicher Dynamik und Notenbankpolitik macht auch deutlich, wann es wieder zu steigenden Zinsen in der Eurozone kommen kann: Erst dann nämlich, wenn sich das wirtschaftliche Umfeld nachhaltig verbessert. Betrachtet man die drei Faktoren, die das langfristige Wirtschaftswachstum maßgeblich beeinflussen, gibt es dafür in absehbarer Zeit jedoch kaum Anzeichen.

Die ungünstige demografische Entwicklung in der Eurozone führt bereits seit Jahren zu einer steten Abnahme der Erwerbsbevölkerung, also des Anteils von Menschen im erwerbsfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung. Hinzu kommt, dass es seit dem Computer und dem Internet keine bahnbrechenden Innovationen mehr gab, die die Produktivität spürbar gesteigert hätten.

Und schließlich sind auch die Aussichten für ein Anziehen der Investitionen eher mau: Viele Staaten legen ihren Fokus gezwungenermaßen derzeit eher auf die Konsolidierung ihrer zum Teil noch immer hoch defizitären Haushalte, statt größere Ausgaben zu tätigen. Und auch die deutschen Privatanleger sparen trotz Niedrigzinsen immer weiter, statt stärker zu konsumieren.

Niedrigzinsen sind ein unterschätztes Risiko

Doch warum sparen viele Deutsche scheinbar unbeeindruckt weiter, obwohl sie unter Berücksichtigung der Inflation sogar teilweise reale Kaufkraftverluste erleiden? Zum einen, weil sie vermehrt für das Alter vorsorgen müssen und kein Risiko eingehen wollen. Zum anderen aber auch, weil sie die niedrigen Zinsen allzu oft gar nicht als konkrete Bedrohung wahrnehmen. Stattdessen drängen medial omnipräsente geopolitische Risiken in den Vordergrund. Das Zinstief bleibt abstrakt: Tatsächlich werden Sparer meist erst nach Laufzeitende einer Sparanlage, also bei der Wiederanlage, mit der Zinsproblematik konfrontiert. Dann allerdings kann es unter Umständen schon zu spät sein, um noch gegenzusteuern: Während für Anlagen mit höherem Risiko die Restlaufzeit etwa bis zum Renteneintritt häufig nicht mehr lang genug ist, um zeitweilige Verluste langfristig auszugleichen, lassen sich mit vermeintlich sicheren Anlagen keine Renditen mehr erzielen. Das Dilemma für den Sparer ist perfekt.

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Aus dem risikolosen Zins wird das zinslose Risiko

Dass eine solche Problematik insbesondere in Deutschland akut ist, lässt sich nicht leugnen. Im angelsächsischen Raum spricht man sogar von der „German Angst“, also der als charakteristisch empfundenen Furcht der Deutschen vor zu viel Risiko. Auf die Geldanlage bezogen hat diese ihren Ursprung nicht zuletzt in den traumatischen Erfahrungen und den Verlustängsten während der Hyperinflation in den 1920er-Jahren. Schon damals verbannten die Menschen allerdings nicht ihren Sparstrumpf – welcher der Inflation am schutzlosesten ausgeliefert ist –, sondern reagierten mit der Abkehr von allen als riskant empfundenen Geldanlagen, zum Beispiel Aktien. An dieser Einstellung hat sich bis heute nur wenig geändert: Im internationalen Vergleich legen die Deutschen nach wie vor wenig Kapital in vermeintlich riskante Aktien an, dafür aber überproportional viel in klassischen Sparanlagen. So beträgt laut der OECD der Anteil von Aktien am Vermögen privater Haushalte in Deutschland derzeit gerade einmal 9,9 Prozent. In den USA beispielsweise liegt er bei mehr als 35 Prozent.

Zur Verteidigung der deutschen Sparer kann man sagen: Auch wenn über längere Zeiträume Aktien schon früher die höheren Renditen abwarfen, hat auch das Sparen lange gut funktioniert. Doch das ist vorbei. Denn in Zeiten, in denen der „risikolose Zins“ bei null oder zeitweise sogar darunter liegt, wird er automatisch zum zinslosen Risiko: Keine Aussicht auf Renditen, stattdessen mit Sicherheit reale Kaufkraftverluste.

Neubewertung der Anlagemöglichkeiten scheint sinnvoll

Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Lohnt sich Sparen überhaupt noch?, könnte die Antwort also lauten: Ja, derzeit aber nicht mit klassischen Sparanlagen, sondern im Sinne eines langfristigen Vermögensaufbaus. Dafür jedoch bedarf es eines Umdenkens bei vielen Sparern und einer Neubewertung der Anlagerisiken unter Berücksichtigung aller Facetten des Kapitalmarktes: also nicht nur Aktien, sondern zum Beispiel auch Fremdwährungsanleihen, Immobilien oder Rohstoffen. Eine entscheidende Rolle dabei spielt die ganz individuelle Situation des Sparers – beispielsweise seine Risikobereitschaft oder in welcher Lebensphase er sich aktuell befindet.

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Die Deutsche Bank steht ihren Kunden bei diesen weichenstellenden Entscheidungen auf Wunsch jederzeit zur Seite, um mit ihrer globalen Kapitalmarktexpertise und ihren Beratern stets individuelle Wege aus der Zinslosigkeit zu finden.

Redaktionsschluss: 21.09.2016