1. Politik: Zwischen berechtigten Sorgen und Verführung der Massen

Nicht zuletzt mit seinen Plänen für eine restriktivere Einwanderungs- sowie eine protektionistische Wirtschaftspolitik hat Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl gewonnen. Auch in Europa sind solche zum Teil populistischen Positionen auf dem Vormarsch. Sie finden insbesondere bei Menschen Zustimmung, die sich zu den Verlierern der Globalisierung zählen oder fürchten, bald zu ihnen zu gehören. Und das nicht ganz unberechtigt: Denn Teile der Mittelschicht in vielen Industrieländern haben in den vergangenen Jahrzehnten von der Globalisierung zu wenig profitiert – ihre Reallöhne sind mitunter sogar gesunken. Die 2017 anstehenden Wahlen in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland beinhalten daher erhebliches Konfliktpotenzial. Eine zunehmende Abkehr von offenen Gesellschaften und dem freien Warenhandel könnte die Weltwirtschaft vor zusätzliche Herausforderungen stellen.

2. Volkswirtschaft: Hausgemachte Stagnation aus Angst vor Rezession

Seit dem Beginn der Finanzkrise leidet die Weltwirtschaft unter einer hartnäckigen Wachstumsschwäche. Doch statt dringend notwendige Strukturreformen anzugehen, versuchen Regierungen weltweit, die größten Probleme mit geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen zu überdecken – auch aus Furcht vor kurzfristig weiteren Wachstumseinbußen und einer vorübergehenden Zunahme der Arbeitslosigkeit. Doch diese Maßnahmen initiieren einen Teufelskreis: Wenn wenig produktive Unternehmen künstlich am Leben gehalten und Strukturreformen auf die lange Bank geschoben werden, führt das langfristig dazu, dass die Wirtschaft stagniert und populistische Positionen an Akzeptanz gewinnen. Für die Weltwirtschaft erwartet die Deutsche Bank 2017 ein Wachstum von 3,4 Prozent.

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3. Staatsanleihen: Auslaufender Bullenmarkt ist noch lange kein Bärenmarkt

Nachdem die US-Zinsen in den vergangenen 35 Jahren kontinuierlich sanken, stieg die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen direkt nach der US-Wahl auf mehr als 2 Prozent. Für 2017 rechne ich eher mit moderaten Zinsbewegungen. Zwar könnten fiskalpolitische Maßnahmen die Zinsen treiben – in welchem Umfang Konjunkturprogramme jedoch umgesetzt werden, ist aktuell noch fraglich. In Europa deckeln die demografische Entwicklung sowie mangelnder fiskalischer Spielraum einen Zinsanstieg. Damit dürften jenseits des Atlantiks weiterhin deutlich höhere Anleiherenditen als etwa in Deutschland zu erzielen sein. Zum Jahresende 2017 erwarte ich in den Vereinigten Staaten ein Kapitalmarktzinsniveau von 3,1 Prozent. Das sollte den Euro langfristig schwächen und der kriselnden Eurozone wirtschaftlich weiter auf die Beine helfen.

4 Immobilien: Nachvollziehbarer Boom statt Blasenbildung

Das weltweit interessante Zinsumfeld für Immobilieninvestitionen dürfte 2017 bestehen bleiben. Ein mögliches Anlageziel könnte aufgrund des robusten US-Konsums und des intakten Arbeitsmarktes der Gewerbeimmobiliensektor in den Vereinigten Staaten sein. In Europa dürften deutsche Immobilien weiterhin im Anlegerfokus stehen: Bei fortschreitender Urbanisierung und zu geringer Bautätigkeit sollten Zuwanderung und steigende Einkommen den Markt stützen. International scheinen dagegen einige Märkte bereits heiß gelaufen zu sein – beispielsweise in China.

5. Chance am Rentenmarkt: Richtig Rendite, aber nur mit richtig Risiko

Sollte an den weltweiten Rentenmärkten wieder etwas Ruhe einkehren, könnten sich zahlreiche Anleger erneut auf die Suche nach höheren Renditen machen – und dabei zum Beispiel in den USA fündig werden. Denn neben einer interessanten Verzinsung bieten US-Anleihen für Euroanleger die Möglichkeit auf zusätzliche Währungsgewinne, sollte der US-Dollar zum Euro aufwerten. Auch Schwellenländeranleihen könnten nach überwundenem Schock über den Zinsanstieg in den Vereinigten Staaten für Anleger im kommenden Jahr wieder interessanter erscheinen – vorausgesetzt Trumps Pläne für eine US-Abschottungspolitik werden nicht vollumfänglich umgesetzt.

6. Aktien global: Der Zyklus kommt und geht, die Dividende zahlt sich aus

Nach dem Chinaschock zum Jahresanfang 2016 und der anschließenden Konsolidierungsphase legten die Aktienmärkte der Industrieländer nach der US-Wahl zum Teil deutlich zu. Für 2017 rechne ich mit immer wieder auftretenden Schwierigkeiten bei der Umsetzung der angekündigten US-Reformen.
In Kombination mit der unsicheren Lage in Europa – etwa bezüglich der anstehenden Wahlen oder des Brexit-Themas – könnte dies zu spürbaren Marktschwankungen führen. Während ich in diesem Umfeld für zyklische Sektoren nur phasenweise Potenzial sehe, dürften defensive Aktien und Dividendentitel als langfristige Basisanlage für viele Anleger interessant sein.

7. Aktien regional: „America first“, danach der Rest der Welt

Steuererleichterungen, Konjunkturprogramme, Deregulierung: Sollte Donald Trump seine Wahlversprechen zumindest in Teilen in die Tat umsetzen, könnte der US-Aktienmarkt profitieren. Aussichtsreich erscheinen zum Beispiel Finanztitel sowie der Gesundheitssektor. Für den US-Leitindex S&P 500 erwarte ich zum Jahresende 2017 einen Stand von 2.350 Punkten. Auch die Aktienmärkte der Schwellenländer könnten wieder stärker in den Anlegerfokus rücken. Für den deutschen Aktienmarkt rechne ich mit einem schwankungsintensiven Jahr: Die Jahresendprognose für den DAX liegt bei 11.800 Punkten.

8. Rohstoffe: Kampf ums Gleichgewicht statt schnelles Comeback

Trotz erwarteter Konjunkturprogramme in den USA und China dürften die Rohstoffpreise unter Druck bleiben. Das gilt auch für Öl: So ist weiter fraglich, ob die OPEC ihre Fördermenge wie angekündigt tatsächlich drosselt – zumal US-Förderer bereitstünden, um eventuelle Lücken zu schließen. Ich rechne 2017 daher weiter mit einem Überangebot am Ölmarkt. Zusätzlicher Gegenwind für den Ölpreis könnte aus einer Aufwertung des US-Dollar resultieren. Andererseits könnte Trump das Iran-Abkommen aufkündigen und damit zu einer Angebotsreduktion beitragen. Das scheint zwar wenig wahrscheinlich, verdeutlicht jedoch die Unsicherheit am Ölmarkt. Ein starker US-Dollar dürfte auch Gold für Anleger weniger interessant machen: Die Deutsche Bank sieht zwar moderates Preispotenzial, aufgrund des vergleichsweise kleinen Marktes für das Edelmetall aber auch Risiken hinsichtlich eines möglichen Zinsanstiegs in den USA.

9. Megatrends: Alternativen abseits des Kapitalmarktalltags

Insbesondere in Zeiten schwankender Märkte kann sich für Anleger ein Blick auf langfristige Entwicklungen lohnen – etwa in der Automobilindustrie: Beim „Auto der Zukunft“ zum Beispiel dürften Tech-Unternehmen ihren Anteil an der Wertschöpfungskette deutlich erhöhen. Ein weiterer Trend ist das Internet der Dinge, also die intelligente Vernetzung alltäglicher Gebrauchsgegenstände. Schließlich dürfte die Bedeutung der Bereiche Gesundheit und Biotechnologie in vielen alternden Gesellschaften weiter steigen. Von diesen Entwicklungen könnten die Branchen Biotechnologie und Pharma, Gesundheitsausrüstung, Softwaredienstleister sowie die Halbleiterindustrie besonders stark profitieren.

10. Risiko & Portfolio: Es kann auch gut ausgehen!

Das größte Risiko für die weltwirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2017 ist aus meiner Sicht ein möglicher ungeordneter Zinsanstieg in den USA. Zunehmender Protektionismus sowie die Wachstumsschwäche des Welthandels könnten zusätzliche Belastungsfaktoren darstellen. In Kombination mit einer anziehenden Inflation würde ein schwaches Wirtschaftswachstum in einigen Ländern sogar zu Stagflationstendenzen führen. Positive Impulse für die Finanzmärkte dürften die in den USA, aber auch in China sowie Japan zu erwartenden Fiskalprogramme geben. Anleger sollten insgesamt flexibel agieren: Eine dynamische Steuerung des Portfolios scheint ratsam. Ein besonderes Augenmerk könnten entsprechend risikobereite Anleger dabei – auch aufgrund der erwarteten Aufwertung des US-Dollar – auf US-Investments richten: Seien es Aktien, Anleihen oder Immobilien.

* 2016 war ein herausforderndes Jahr für Anleger: Die Abwertung der chinesischen Währung, der Ölpreisanstieg, die Brexit-Diskussion und der Wahlkampf in den USA sorgten für Unruhe an den Märkten. In diesem Umfeld erwiesen sich die meisten Prognosen der Deutschen Bank als voll zutreffend. Von Ruhe in den USA war jedoch kaum etwas zu spüren und die Aktienmärkte in Japan und Europa schwankten stärker als erwartet. Überraschend war zudem der deutliche Preisanstieg beim Öl – einem Markt, der sich genauen Prognosen ohnehin entzieht.


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