20. Juli 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die deutsche Automobilindustrie kämpft mit strukturellem Gegenwind, der Ausbau der KI-Infrastruktur in den USA stößt auf Hürden, und das Pfund Sterling profitiert von einer schwindenden politischen Risikoprämie.
Deutschlands Autoindustrie: Strukturwandel mit offenem Ausgang
Die deutsche Automobilindustrie kämpft mit strukturellem Gegenwind: Seit den Höchstständen der Jahre 2017/2018 sind Produktion, Aufträge und Beschäftigung spürbar zurückgegangen – das hat auch die deutsche Wirtschaft insgesamt belastet. Zwar haben sich Lieferketten normalisiert und die Nachfrage teilweise erholt, doch die wachsende Konkurrenz aus China stellt eine langfristige Herausforderung dar. Deutsche Hersteller haben zwischen 2018 und 2025 in China sowie in anderen wichtigen Exportmärkten außerhalb der Europäischen Union Marktanteile verloren. Hinzu kommt der Wandel zur Elektromobilität, der den Anpassungsdruck auf die Branche erhöht. Ein erheblicher Teil der Batteriewertschöpfung wird bislang im Ausland erzielt. Letztlich hängen die Perspektiven der deutschen Wirtschaft und der Autobauer eng zusammen: Entscheidend wird sein, ob deutsche Hersteller ihre Marktposition behaupten und zugleich einen größeren Teil der Wertschöpfung in Europa halten können. Der Markt zeigt sich skeptisch. Die Aktien der großen deutschen Autobauer werden derzeit im Schnitt mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter sechs gehandelt – ein historisch hoher Abschlag zum DAX. Gleichzeitig liegt die erwartete Dividendenrendite für die kommenden zwölf Monate bei über 7,5 Prozent.
KI-Fantasie trifft auf reale Grenzen
Der Ausbau der KI-Infrastruktur stößt in den USA zunehmend auf lokale Hürden: Sorgen über Stromverbrauch, Wasserbedarf und die Belastung regionaler Infrastruktur führen zu strengeren Genehmigungsverfahren und Projektverschiebungen. Schätzungen zufolge wurden seit Anfang 2025 bereits Rechenzentrumsprojekte im Volumen von mehreren hundert Milliarden US-Dollar verschoben oder gestrichen. New York verhängte zuletzt sogar ein einjähriges Moratorium für neue Rechenzentren. Analysten rechnen dennoch eher mit einer zeitlichen Streckung des Ausbaus als mit einer Gefährdung des KI-Investitionszyklus, da sich viele Initiativen auf zusätzliche Auflagen beschränken. Dabei entwickeln sich Stromversorgung und Netzanschlüsse zum Engpass – in einigen Regionen betragen die Wartezeiten für neue Anschlüsse bereits mehrere Jahre. Davon könnten Anbieter dezentraler Energielösungen profitieren, da Betreiber verstärkt auf Brennstoffzellen, Gasturbinen und lokale Stromversorgungssysteme setzen, um neue Kapazitäten schneller ans Netz zu bringen. Während die Nachfrage nach Rechenkapazität hoch bleibt, dürften sich die Rahmenbedingungen für den KI-Ausbau verändern. Neben Rechenleistung werden künftig Energieversorgung, Netzinfrastruktur und lokale Akzeptanz zu entscheidenden Erfolgsfaktoren.
Pfund Sterling profitiert von schwindender Risikoprämie
Das Pfund Sterling zeigt sich stark und notiert bei rund 0,845 Britischen Pfund je Euro auf einem 13-Monats-Hoch. Seit Jahresbeginn hat es etwa drei Prozent zugelegt.
Rückenwind kam vor allem vom Rückgang der innenpolitischen Risikoprämie, die zuvor im Wechselkurs eingepreist war. Nach den Kommunalwahlen Anfang Mai galt ein Wechsel an der Regierungsspitze als wahrscheinlich. Andy Burnham, seit Freitag Vorsitzender der Regierungspartei und ab heute Ministerpräsident, hatte im Herbst 2025 in einem Interview gesagt: „Wir müssen davon wegkommen, in der Abhängigkeit der Anleihemärkte zu stehen.“ Die Finanzmärkte sorgten sich, dass er als Premierminister eine kräftig steigende Staatsverschuldung tolerieren könnte. Daraufhin stieg die Risikoprämie für britische Staatsanleihen und für das Pfund Sterling. Inzwischen betonte er jedoch mehrfach, die bestehenden Fiskalregeln zu respektieren und einen Schuldenabbau zu unterstützen. Entscheidend wird nun die Besetzung des Schatzkanzleramts. Werten die Märkte diese Personalie als Signal für mittelfristige Haushaltsdisziplin, könnte die Pfund-Stärke anhalten.
Ruthenium auf Höhenflug: Datencenter-Boom treibt den Preis
Neben Platin und Palladium gehören auch Rhodium, Ruthenium und Iridium zu den Metallen der Platingruppe. Zuletzt entwickelte sich vor allem Ruthenium beeindruckend: Nachdem die Preise noch Ende 2024 unter 500 US-Dollar je Feinunze gelegen hatten, setzte im vergangenen Jahr eine starke Rally ein, die den Preis auf 1.500 bis 1.600 US-Dollar je Feinunze anschob. Innerhalb von drei Jahren stieg der Preis um rund 240 Prozent. Verantwortlich hierfür ist eine kräftig steigende Nachfrage aus dem Datencenter-Bereich – Ruthenium wird unter anderem für den Bau von Hochleistungsfestplatten eingesetzt. Das Angebot bleibt strukturell begrenzt, da Ruthenium nicht eigenständig gefördert wird, sondern als Nebenprodukt der Platinproduktion gewonnen wird. Die Förderung findet nahezu ausschließlich in Südafrika und Russland statt. Analysten erwarten ein anhaltendes Angebotsdefizit – somit könnten die Preise hoch bleiben. Mögliche Risiken für diesen Ausblick bestehen in einer globalen Konjunkturschwäche sowie in potenziell schwächeren Investitionsausgaben der Hyperscaler in Rechenzentren.
ETF ist nicht gleich ETF
ETFs galten lange als einfache Indexfonds. Heute haben Anleger allein in Deutschland die Wahl aus rund 2.800 börsengehandelten ETFs – von klassischen Welt-ETFs über Themen wie Künstliche Intelligenz, Rüstung und Raumfahrt bis hin zu aktiv gemanagten Strategien. Hilft diese Vielfalt bei der Geldanlage oder macht sie diese komplizierter? Worauf Sie achten sollten, erfahren Sie von Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und mir in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.
Zahl des Tages: 20,04
Im Studium Papierflieger zu basteln, kann durchaus sinnvoll sein, wie Studierende der Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität Pisa gezeigt haben. Die angehenden Ingenieure konstruierten das größte Papierflugzeug der Welt – mit einer Spannweite von 20,04 Metern und über sieben Metern Länge. Nach monatelanger Arbeit, mehreren Simulationen und Prototypen bestand der Flieger in einem Hangar in der Nähe von Bologna seinen Praxistest. Von einem Stahlgerüst abgeworfen, übertraf er die angestrebte Flugstrecke von 15 Metern mit Leichtigkeit. Und das, obwohl sein Name Schlimmes ahnen ließ: Die Konstrukteure hatten ihr Fluggerät Icarus getauft, nach dem legendären Jüngling der Antike, der bei einem Flugversuch ins Meer stürzte und ertrank.
Ich wünsche Ihnen einen konstruktiven Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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