27. März 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die fiskalischen Risiken in den USA steigen, die Löhne in Japan entwickeln sich robust, und viele Naphtha-Cracker drosseln wegen des Nahostkonflikts ihre Produktion.
Bleiben die USA fiskalisch handlungsfähig?
Die Entwicklung der US-Staatsverschuldung zeigt einen deutlichen Wandel im politischen Umgang mit fiskalischen Risiken. Im Jahr 1990 lag die Schuldenquote noch bei 43 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Das Haushaltsdefizit betrug vier Prozent und sollte laut Schätzung des Haushaltsbüros des US-Kongresses (CBO) bis 1995 auf 1,8 Prozent sinken. Trotz dieser moderaten Ausgangslage setzte Präsident George Bush Senior ein Konsolidierungspaket von rund 500 Milliarden US-Dollar durch. Im Jahr 2025 betrug die Schuldenquote hingegen nahezu 100 Prozent des BIP, während das Defizit bei 5,5 Prozent lag (CBO-Prognose: 5,9 Prozent bis 2030). Dennoch verabschiedeten Präsident Donald Trump und der US-Kongress ein Ausgabenpaket von circa zwei Billionen US-Dollar.
Zwei außergewöhnlich große Schocks – die Finanzkrise 2008/09 und die Corona-Pandemie – hatten zuvor die Einnahmen einbrechen und die Ausgaben massiv steigen lassen. Hinzu kam eine starke politische Polarisierung, die parteiübergreifende Konsolidierungsbemühungen verhinderte, wie sie beispielsweise 2010 vom Simpson-Bowles-Komitee vorgeschlagen wurden. Die lange Phase fallender Zinsen verschleierte fiskalische Risiken. Obwohl sich die Schuldenquote im Zeitraum von 2001 bis 2021 verdreifachte, sank der Schuldendienst im selben Zeitraum von 2,0 auf 1,5 Prozent des BIP. Heute steigen die Zinsen und der Schuldendienst jedoch wieder deutlich. Ohne politische Einigung droht bei weiter zunehmender Verschuldung ein allmählicher oder plötzlicher Verlust fiskalischer Handlungsfähigkeit. Um es mit den Worten einer Figur aus Ernest Hemingways Roman The Sun Also Rises zu sagen, die gefragt wird, wie sie bankrott ging: „Auf zwei Arten. Allmählich, dann plötzlich.“
Aktien Japan: Binnenmarkt im Fokus
Die Ergebnisse der jährlichen Shunto-Frühjahrs-Lohnverhandlungen für 2026 bestätigen eine anhaltend robuste Lohnentwicklung in Japan. Die erste Erhebung zeigt erneut einen kräftigen Lohnanstieg und damit den dritten aufeinanderfolgenden Abschluss oberhalb der Marke von fünf Prozent. Die in den vergangenen zwei Jahren entstandene Dynamik verfestigt sich. Bemerkenswert ist, dass selbst kleinere Gewerkschaften spürbare Zuwächse erzielen, was auf eine breitere Verankerung der Lohnimpulse hindeutet. Damit rücken binnenmarktorientierte Aktien stärker in den Fokus. Ein stabileres Einkommensumfeld dürfte den Konsum stützen. Entsprechend hat der binnenmarktorientierte Nikkei Domestic Exposure 50 den exportorientierten Nikkei Global Exposure 50 im vergangenen Jahr deutlich übertroffen – mit einem Kurszuwachs von rund 44 gegenüber 31 Prozent. Dieser Trend könnte sich angesichts der aktuellen Lohnentwicklung fortsetzen.
Naphtha-Preisanstieg trifft viele Branchen
Seit Beginn des Irankriegs sind die Preise für Naphtha, ein leichtes Erdölprodukt und ein zentraler petrochemischer Rohstoff, deutlich gestiegen. Die Blockade der Straße von Hormus und die gedrosselte Produktion vieler regionaler Naphtha-Cracker – petrochemische Anlagen, in denen Ethylen und Propylen als Basis für Kunststoffe, synthetische Fasern und Harze erzeugt werden – wirken weit über die globale Chemieindustrie hinaus. Betroffen sind zahlreiche Branchen, die auf naphthabasierte Vorprodukte angewiesen sind, darunter die Automobil-, Elektronik-, Bau- und Verpackungsindustrie sowie Produzenten von Bekleidung und Sportartikeln. Asien ist weltweit am stärksten betroffen; Rund zwei Drittel des Naphtha-Bedarfs der Region stammen aus dem Nahen Osten. Entsprechend haben sich in Asien die Naphtha‑Preise seit Beginn der Golfkrise nahezu verdoppelt. Kurzfristig dürften große multinationale Unternehmen die Produktions- und Kostenrisiken durch Lagerbestände entlang der Lieferketten sowie durch etablierte Recyclingprozesse besser abfedern als kleinere Produzenten und Unternehmen mit niedrigen Recyclingquoten. Sollten die Störungen anhalten, dürfte Naphtha allerdings zu einem Engpass werden – mit spürbaren Folgen für Preise, Margen und Produktionsplanung weit über die Chemieindustrie hinaus.
Anlagestrategien gegen die aktuelle Krise
Welche Anlagestrategien helfen gegen die aktuelle Krise? Value, Quality, Momentum, Dividend, Size: Mit diesen Strategien verbinden viele Investoren die Hoffnung, langfristig besser als der Markt abzuschneiden. Funktioniert das? Kann man den Markt wirklich schlagen? Welche Modelle und Hypothesen, Chancen und Risiken es gibt, analysieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts PERSPEKTIVEN To Go.
Was diese Woche wichtig wird
Im Laufe der Woche, Berichtssaison
- USA | Aus dem S&P 500 berichten Carnival, Cintax und Paychex.
- Europa | Aus dem STOXX 600 legen 16 Unternehmen ihre Geschäftsberichte vor, darunter H&M, Terna, CTS Eventim und NEXT.
- Asien | Aus China berichten unter anderem Ping An Insurance, Industrial & Commercial Bank, Petrochina, Meituan, BYD und Xiaomi.
Zahl des Tages: 0,15
Vor dreieinhalb Jahren prallte eine NASA-Sonde im Weltall auf den Asteroidenmond Dimorphos. Der gezielte Einschlag veränderte die Flugbahn des Körpers wie geplant. Doch neueste Beobachtungen zeigen, dass auch der viel größere Asteroid, um den Dimorphos kreist, vom Aufprall beeinflusst wurde. Wie Rahil Makadia von der University of Illinois und Kollegen berechneten, hat sich die Umlaufzeit des Asteroidenpaares um die Sonne um 0,15 Sekunden verändert. Eine solche minimale Abweichung könnte ausreichen, um künftig das Risiko eines Einschlags auf die Erde abzuwenden. Von Dimorphos und seinem Asteroiden Didymos geht aber vorerst keine Gefahr aus: In den nächsten hundert Jahren kommen die beiden uns nicht näher als sechs Millionen Kilometer.
Ich wünsche Ihnen einen treffsicheren Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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Soweit hier von Deutsche Bank die Rede ist, bezieht sich dies auf die Angebote der Deutsche Bank AG. Wir weisen darauf hin, dass die in dieser Publikation enthaltenen Angaben keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung darstellen, sondern ausschließlich der Information dienen. Die Information ist mit größter Sorgfalt erstellt worden. Bei Prognosen über Finanzmärkte oder ähnlichen Aussagen handelt es sich um unverbindliche Informationen. Soweit hier konkrete Produkte genannt werden, sollte eine Anlageentscheidung allein auf Grundlage der verbindlichen Verkaufsunterlagen getroffen werden. Aus der Wertentwicklung in der Vergangenheit kann nicht auf zukünftige Erträge geschlossen werden.
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