14. April 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die ungarische Tisza-Partei sollte eine konstruktivere EU-Politik verfolgen, die Berichtssaison für das erste Quartal beginnt, und Private-Equity-Investoren in Europa konzentrieren sich auf Folgefinanzierungen.
Ungarn: Erdrutschsieg der Proeuropäer
Bei den Parlamentswahlen in Ungarn errang die Tisza‑Partei nach Auszählung von 99 Prozent der Stimmen mit 138 Sitzen einen unerwartet klaren Wahlsieg. Sie erreicht damit sowohl die absolute Mehrheit als auch eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Die bisherige Regierungspartei Fidesz kommt auf rund 55 Sitze, die MHK-Partei auf 6. Tisza trat mit einer klar proeuropäischen Agenda an. Entsprechend ist mit einer konstruktiveren Beziehung zur Europäischen Union (EU) zu rechnen, was die Freigabe bislang blockierter EU‑Mittel in zweistelliger Milliardenhöhe erleichtern sollte. Auf mittlere Sicht bleibt außerdem die Einführung des Euro ein zentrales Ziel der Tisza‑Partei. Dank der Zwei-Drittel-Mehrheit wäre eine Verfassungsänderung nun politisch möglich, jedoch erfüllen die fiskalischen Kennzahlen derzeit noch nicht die Maastricht‑Kriterien. Kurzfristig deutet das Wahlprogramm auf eine lockerere Fiskalpolitik hin, mit Steuersenkungen sowie höheren Ausgaben für Verteidigung, Soziales und Infrastruktur. Die Finanzierung soll über die zukünftig freigegebenen EU‑Mittel, eine Vermögensteuer und Effizienzgewinne erfolgen. Trotz dieser Ausrichtung hält Tisza am Ziel eines Haushaltsdefizits von 3,0 Prozent bis 2030 fest. Die Notenbank dürfte ihren vorsichtigen Kurs fortsetzen. Zinssenkungen werden nicht vorgezogen, dürften aber 2027 wieder ins Auge gefasst werden. Der ungarische Forint wertete gestern um rund drei Prozent zum Euro auf ein Vier-Jahres-Hoch auf. Setzt sich die Forint-Stärke weiter fort, dürfte dies Inflationsrisiken aus den höheren Erdöl- und Erdgaspreisen teilweise kompensieren. Dies sehen auch die Anleihemärkte so: Die Rendite zehnjähriger ungarischer Staatsanleihen gab spürbar nach.
Der ungarische Leitindex BUX reagierte auf die Wahlen trotz einer insgesamt verhaltenen Marktstimmung freundlich und legte um etwa fünf Prozent zu, in Euro um rund acht Prozent. Seit Jahresbeginn summiert sich das Plus in Euro damit auf rund 32 Prozent. Rückenwind könnte das Wahlergebnis für Bankaktien bedeuten, die rund zwei Drittel der Marktkapitalisierung des BUX ausmachen. Ähnlich wie bei polnischen Banken nach den Wahlen 2023 könnten sinkende Risikoprämien die Eigenkapitalkosten reduzieren. Zugleich ist der Kreditmarkt in Ungarn im europäischen Vergleich wenig entwickelt, was mittelfristig Wachstumsspielraum für Banken eröffnet. Auch andere Sektoren könnten profitieren, da eine stärkere Annäherung an die EU die Planungssicherheit erhöhen dürfte. Mit einem erwarteten Kurs‑Gewinn‑Verhältnis für die kommenden zwölf Monate von rund acht, nahe dem Zehn-Jahres-Durchschnitt, bleibt der ungarische Aktienmarkt für erfahrene Anleger einen Blick wert. Risiken bleiben die geringe Markttiefe sowie die hohe Anfälligkeit gegenüber steigenden Ölpreisen aufgrund des hohen Energiehandelsdefizits des Landes.
STOXX 600: leichtes Gewinnplus im Blick
In Europa legt bis Ende April knapp die Hälfte der berichtenden Unternehmen des STOXX 600 ihre Zahlen für das erste Quartal vor. Analysten erwarten im Jahresvergleich ein Gewinnwachstum von gut vier Prozent, nachdem die Gewinne im Vorquartal noch leicht rückläufig waren. Das erwartete Plus soll sich dabei auf drei Sektoren konzentrieren: Energie, Finanzen und Technologie. In den übrigen Bereichen fallen die Erwartungen gemischt aus, wenngleich Analysten insbesondere bei zyklischen Sektoren von einer Eindämmung der Gewinnrückgänge ausgehen. Im Fokus dieser Berichtssaison dürfte die Entwicklung der Energiepreise stehen. Der Energiesektor profitiert von den stark gestiegenen Öl- und Gaspreisen im Zuge des Irankonflikts. Für viele andere Unternehmen bedeuten höhere Energiepreise dagegen potenziellen Druck auf Margen und Konsumklima. Entsprechend richten sich die Blicke auf das Management und mögliche Anpassungen der Jahresprognosen. Die Berichtssaison dürfte damit Impulse für die Gewinnschätzungen liefern. Zwar stiegen die Gewinnerwartungen für 2026 im STOXX 600 im vergangenen Monat um gut einen Prozentpunkt auf 11,5 Prozent, getragen ist dieser Anstieg jedoch weniger von einer breiten Verbesserung als von der Anhebung der Gewinnschätzungen im Energiesektor um knapp 23 Prozentpunkte.
Private Equity Europa: Irankrieg bremst Investoren
Erwartungsgemäß hat der Krieg im Iran den Schwung bei europäischen privaten Eigenkapital-Investitionen (Private Equity) gebremst. Investoren fokussieren sich aktuell auf gezielte Risikosteuerung: Sie führen weniger neue Investitionen durch, sondern tätigen eher kleinere und risikoärmere Folgefinanzierungen in bestehende Investitionen. Im ersten Quartal gab es knapp 2.200 Investitionen in Höhe von circa 140 Milliarden Euro. Damit sind das Volumen um 22,5 Prozent niedriger und die Anzahl um 12,4 Prozent geringer als im Vorquartal. Der allgemeine Rückgang wurde durch 15 Transaktionen mit jeweils über einer Milliarde Euro ein Stück weit abgefedert, allerdings wurden diese vermutlich bereits vor Ausbruch des Krieges verhandelt. Der Anteil von Folgefinanzierungen könnte damit ein besserer Indikator für die derzeitigen Marktbedingungen sein. Bis zu einer dauerhaften Verbesserung der Situation um die Straße von Hormus dürften Private-Equity-Investoren vorsichtig bleiben; erst dann dürften Transaktionen mit fundamental oft starken europäischen Unternehmen wieder zunehmen.
Edelmetalle: Was kommt nach dem Preisanstieg?
Edelmetalle haben zuletzt kräftig zugelegt – starke Schwankungen inklusive. Welche Rolle spielen geopolitische Konflikte, Zölle und Lieferketten für Silber, Kupfer, Platinmetalle und andere Rohstoffe – und welche Branchen trifft das besonders? Worauf Anleger bei dieser Anlageklasse achten sollten, darüber diskutieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts PERSPEKTIVEN To Go.
Was diese Woche wichtig wird
Im Laufe der Woche, Berichtssaison
- USA | Aus dem S&P 500 berichten 28 Unternehmen, darunter Bank of America, Citigroup, JPMorgan Chase, Morgan Stanley, Blackrock, Abbott Laboratories, Netflix, PepsiCo und Johnson & Johnson.
- Europa | Aus dem STOXX 600 legen sechs Unternehmen Ergebnisse vor, darunter ASML und Tesco.Asien | Aus China berichtet Contemporary Amperex Technologies (CATL). Aus Indien berichten ICICI Bank und HDFC Bank.
- Dienstag China | Handelsbilanz im März. Analysten erwarten für die chinesischen Exporte einen Anstieg um 8,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nachdem diese in den beiden Auftaktmonaten dieses Jahres insgesamt um 39,6 Prozent zugelegt hatten. Die Importe dürften um 15 Prozent im Jahresvergleich steigen, nach 13,8 Prozent im Zeitraum Januar und Februar. Zudem dürfte die am Donnerstag anstehende Veröffentlichung zum BIP-Wachstum im ersten Quartal auf großes Interesse stoßen. Erwartet wird ein Anstieg auf 4,8 Prozent im Jahresvergleich, folgend auf einen Zuwachs um 4,5 Prozent im vierten Quartal 2025. Zudem werden die Daten zur Industrieproduktion und zum Einzelhandel einen Einblick in die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft nach der Eskalation im Nahen Osten geben.
- USA | Einzelhandelsumsätze und Erzeugerpreisindex im März. Der Marktkonsens geht davon aus, dass der Erzeugerpreisindex im März um 1,2 Prozent zum Vormonat gestiegen ist, nach 0,7 Prozent im Februar. Grund ist, dass die höheren Energiepreise den Preisdruck auf Produzentenebene stark erhöht haben dürften. Darüber hinaus werden am Donnerstag die Daten zur Industrieproduktion für März veröffentlicht. Hier wird ein Rückgang des monatlichen Wachstums von 0,2 Prozent im Februar auf 0,1 Prozent erwartet.
- Freitag, Großbritannien | BIP-Wachstum im Februar. Laut Konsens rechnen Analysten damit, dass das monatliche BIP-Wachstum im Februar auf 0,1 Prozent gestiegen ist, nachdem die Wirtschaft im Januar stagniert hatte. Die Industrieproduktion dürfte im Februar um 0,2 Prozent zugelegt haben. Die höheren Energiepreise sowie mögliche Auswirkungen von Lieferkettenstörungen infolge des eskalierten Konflikts im Nahen Osten werden sich in diesen Daten jedoch noch nicht widerspiegeln.
Zahl des Tages: 40
Sie bügeln Wäsche, tragen Tabletts, reinigen Tische und verpacken Dinge: Humanoide Roboter lernen in chinesischen Roboterschulen, einfache Arbeiten im Haushalt oder in der Firma zu erledigen. Das ist durchaus eine Herausforderung, denn die zugrunde liegenden Daten lassen sich nicht einfach aus dem Internet ziehen, sie müssen praktisch erarbeitet werden. Berichten zufolge wurden in China bislang mehr als 40 Zentren für das Sammeln von Roboterdaten mit staatlicher Unterstützung gegründet. Dort eignen sich die Maschinen das nötige „Wissen“ zum Beispiel über Bewegungsabläufe, Geschwindigkeit, Kraftaufwand und die Verarbeitung visueller Informationen an – um sich künftig vielleicht als autonome Haushaltshilfe oder am Fließband nützlich zu machen.
Lernen Sie heute etwas dazu.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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