10. September 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
eine dauerhafte Hormus-Schließung würde vor allem die Golfstaaten belasten, Europas breiter Aktienmarkt erscheint bislang robust gegenüber dem starken Gaspreisanstieg, und Add-on-Zukäufe dominieren den weiterhin gedämpften Private-Equity-Markt.
Studie: Hormus-Schließung belastet Golfregion besonders stark
Selbst eine dauerhafte Schließung der Schiffspassage durch das Rote Meer oder der Straße von Hormus dürfte die Weltwirtschaft nur begrenzt belasten – zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Banque de France, die die Folgen gestörter Schifffahrtsrouten modelliert. Die Autoren zeigen, dass komplette Schließungen an maritimen Nadelöhren ohne praktikable Ausweichrouten – wie der Straße von Hormus – deutlich größere wirtschaftliche Schäden für die Golfregion verursachen als an Routen mit Alternativen wie dem Suezkanal. Im Fall einer dauerhaften kompletten Schließung der Straße von Hormus würde das reale Einkommen in Katar um 3,9 Prozent und in Kuwait um 2,7 Prozent sinken. Die Analyse berücksichtigt jedoch ausschließlich den Seeverkehr. Können Öl- und Gasexporte über Pipelines, Züge oder Lastwagen umgeleitet werden, dürften die tatsächlichen wirtschaftlichen Kosten für die Golfregion geringer ausfallen als von der Studie geschätzt.
Trotz Gaspreissprung: Breites Gewinnrisiko für Europas Aktienmarkt scheint begrenzt
Die europäischen Gaspreise sind seit Ende Juni um mehr als 90 Prozent gestiegen. Treiber des Anstiegs dürften vor allem der anhaltende Konflikt im Persischen Golf, die zunehmende Konkurrenz um Flüssiggaslieferungen und die niedrigen Füllstände europäischer Gasspeicher sein.
Für den breiten europäischen Aktienmarkt erscheinen die Auswirkungen jedoch überschaubar: Energiekosten entsprechen bei STOXX-600-Unternehmen im Durchschnitt nur rund einem Prozent der Umsätze. Energieunternehmen und Teile des Versorgersektors profitieren sogar von höheren Gaspreisen. Gegen ein breites Gewinnrisiko spricht zudem, dass Analysten im vergangenen Monat ihre Gewinnerwartungen für neun der elf STOXX-600-Sektoren angehoben haben. Ob steigende Gaspreise den positiven Gewinntrend bremsen können, wird sich allerdings erst mit den Unternehmensberichten zum dritten Quartal Ende Oktober genauer beurteilen lassen.
Steigende Löhne untermauern geldpolitische Normalisierung in Japan
Japans Wirtschaft entfernt sich weiter von ihrem langjährigen disinflationären Umfeld – darauf deuten die Lohndaten für Juli hin. Die nominalen Löhne stiegen gegenüber dem Vorjahr um 4,7 Prozent und damit so stark wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr. Gleichzeitig legten die Reallöhne um 2,4 Prozent zu. Die Daten stützen die Erwartung, dass die Bank of Japan ihre geldpolitische Normalisierung im September fortsetzen wird. Davon dürfte insbesondere der Finanzsektor profitieren, der rund ein Fünftel des MSCI Japan ausmacht, da höhere Zinsen die Nettozinsmargen stützen könnten. Für japanische Aktien insgesamt bleibe ich konstruktiv. Unterstützend wirken Investitionen in Künstliche Intelligenz, fiskalische Impulse sowie ein robustes Gewinnwachstum von 19 Prozent 2026 und 12,8 Prozent 2027.
Add-on-Zukäufe dominieren globale Private-Equity-Transaktionen
Investitionen in private Unternehmen mittels Private Equity bleiben im aktuellen Marktumfeld weiterhin gedämpft. Investoren setzen zunehmend auf kleinere Zukäufe für bestehende Beteiligungen, um für diese Unternehmen Größe, Marktanteile und Effizienzen auszubauen. Im ersten Halbjahr 2026 sind rund 60 Prozent aller Private-Equity-Transaktionen weltweit auf solche Zukäufe entfallen – ein Höchststand der vergangenen zehn Jahre. Ziel ist es, durch Größenvorteile, neue Kundengruppen und zusätzliche Kompetenzen den Unternehmenswert zu steigern. Für Anleger mit langem Anlagehorizont könnten künftig vor allem diejenigen Private-Equity-Manager interessant sein, die nachweislich Unternehmen weiterentwickeln und integrieren können, anstatt vorwiegend günstigere Marktbedingungen für eine Veräußerung mit Gewinn abzuwarten.
Effiziente Märkte: Mythos oder Realität?
Kapitalmärkte sollen Informationen möglichst schnell und effizient in Preise übersetzen. Gleichzeitig gibt es Unterschiede zwischen hochliquiden Börsenplätzen und weniger effizienten Marktsegmenten, in denen aktive Anleger Chancen suchen. Wie Bewertungen entstehen und welche Rolle Hochfrequenzhandel und Liquidität spielen, analysiere ich im Gespräch mit Finanzjournalistin Jessica Schwarzer.
Zahl des Tages: 33
Tabakschwärmer sind Schmetterlinge, die in Nord- und Südamerika leben. Sie legen ihre Eier gern auf Blättern von Nachtschattengewächsen ab, von denen sie sich auch ernähren. Aber wie finden die Falter zu ihren Lieblingspflanzen? Sonja Bisch-Knaden vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena und Kollegen haben die Flügel der Tabakschwärmer analysiert und Botenmoleküle für 33 Geschmacks- und Geruchsrezeptoren gefunden. Dies weist darauf hin, dass die Schwärmer mit ihren Flügeln „riechen“ können. Bei weiteren Tests reagierten die Flügel besonders auf zwei Gerüche: Pyrrolidin und Piperidin, zwei Amine, die in den Blättern einer bestimmten Pflanzenfamilie vorkommen – der Nachtschattengewächse.
Ich wünsche Ihnen einen zielorientierten Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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