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27. Mai 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

der öffentliche Schuldenstand der Europäischen Union könnte laut Internationalem Währungsfonds bei unveränderter Politik eine „explosive“ Dynamik annehmen, der Subindex des S&P 500 für US-Basiskonsum startet stark ins Jahr, und höhere Ölpreise treiben Saudi-Arabiens Börse.

EU sucht langfristige Antwort auf wachsenden Finanzdruck

Die Finanzminister der Europäischen Union (EU) treffen sich in Nikosia auf Zypern, um über die langfristige Finanzplanung zu sprechen. Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis fasste die Diskussion mit der Frage „Wie kann Europa für Dinge bezahlen, die es sich nicht leisten kann?“ gut zusammen. Laut einer Analyse des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom Mai 2026, die den Finanzministern für ihr informelles Treffen vorgelegt wurde, droht der öffentliche Schuldenstand der EU, bei unveränderter Politik eine „explosive“ Dynamik anzunehmen. Unter Status-quo-Bedingungen würde die Durchschnittsverschuldung der EU-Staaten bis 2040 auf etwa 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen – eine Verdopplung gegenüber dem heutigen Niveau. Der IWF identifiziert strukturell steigende Ausgabenlasten in den Bereichen Verteidigung, Energieversorgung und Alterssicherung als zentrale Herausforderung der kommenden 15 Jahre. Die bisherige Strategie des „Muddling-Through“ stoße zunehmend an ihre Grenzen.

Erforderlich sei eine strategische Gesamtantwort, die eine Kombination aus strukturellen Reformen, fiskalischer Konsolidierung, Anreizen zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung sowie einer weiteren Integration der Kapital- und Energiemärkte umfasst. Besonders hervorgehoben werden Reformen der Rentensysteme inklusive einer Anhebung des Renteneintrittsalters, die Förderung von Innovation, Energieinfrastruktur und Verteidigung als europäische öffentliche Güter sowie die Möglichkeit gemeinsamer EU-Verschuldung. Letztere bleibt innerhalb der Union hochumstritten. Dombrovskis betonte, dass „mehr Wachstum und bessere Ausgabenpriorisierung“ unerlässlich seien. Der Europäische Rechnungshof bestätigte die Notwendigkeit entschlossener Konsolidierungsmaßnahmen. Aktuell notieren zehnjährige Bonds der Europäischen Union bei 3,41 Prozent. Auch vor dem Hintergrund der Staatsschulden könnten die Renditen hoch bleiben.

US-Konsumsektor: Renditeplus maskiert deutliche Unterschiede

Der Subindex des S&P 500 für US-Basiskonsum ist stark ins Jahr gestartet und liegt mit einer Gesamtrendite in Euro von rund zwölf Prozent vor dem US-Gesamtmarkt. Unter der Oberfläche zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede in der Entwicklung. Getragen wird die Performance vor allem von den Indexschwergewichten im Einzelhandel, die unter anderem von Skalierung, Onlinehandel und Effizienzgewinnen durch den Einsatz neuer Technologien profitieren. Gleichzeitig konnte die durchschnittliche Aktie des Sektors im selben Zeitraum nur etwa fünf Prozent zulegen. Diese Divergenz hat sich insbesondere seit Ausbruch des Irankonflikts entwickelt, da dieser erneut steigende Inputkosten für Anbieter von Lebensmitteln und Haushaltsprodukten ausgelöst hat. In diesem Umfeld rücken Margendisziplin und Preissetzungsmacht stärker in den Fokus der Marktteilnehmer. Genau diese Preissetzungsmacht könnte jedoch unter Druck geraten, da höhere Energiepreise insbesondere bei einkommensschwächeren Haushalten die Kaufkraft der Konsumenten schmälern. Vor diesem Hintergrund erscheint für Anleger, die eine Beimischung von US-Konsumgüteraktien erwägen, eine gezielte Fokussierung auf Qualitätsunternehmen mit hoher Marktmacht und einer Positionierung im Premiumsegment sinnvoll.

Höhere Ölpreise stützen Saudi-Arabiens Börse

Der MSCI Saudi Arabia Index ist seit Beginn des Nahostkonflikts in Euro um knapp fünf Prozent gestiegen.

Wertentwicklung des saudi-arabischen Aktienmarktes in Euro und inklusive Dividenden von 2021 bis 2026.

Treibende Kraft ist der Energiesektor, der das gesamtwirtschaftliche Wachstum maßgeblich und damit den Gesamtindex stützt. Trotz der Schließung der Straße von Hormus konnte Saudi-Arabien bisher über 70 Prozent seiner Ölexporte über die Petroline‑Pipeline zum Roten Meer umleiten. Gleichzeitig führten gestiegene Verkaufspreise zu einem Anstieg der Exporterlöse auf den höchsten Stand seit Oktober 2022, sodass die geringeren Exportvolumina mehr als kompensiert wurden. Der Ölpreis der Nordseesorte Brent dürfte laut Analysten – unter der Annahme einer schrittweisen Normalisierung der Lage bis Ende des zweiten Quartals 2026 – bis Jahresende auf rund 85 US-Dollar je Barrel zurückgehen und damit über dem Vorkrisenniveau von etwa 70 US-Dollar verbleiben. In Kombination mit einer möglichen Erholung der Ölexportvolumina dürfte dies die Öleinnahmen und das saudische Wirtschaftswachstum weiterhin stützen. Sollte sich jedoch der Konflikt auf das Rote Meer ausweiten, hätte dies gravierende Folgen für die saudischen Ölexporte. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt aktuell 16 Prozent unter dem Zehn-Jahres-Durchschnitt – entsprechend risikobereite Anleger können eine sehr vorsichtige Beimischung saudischer Aktien in Erwägung ziehen.

Infrastruktur-Investments: Basisanlage oder Beimischung?

Weltweit sind enorme Investitionen in Infrastruktur nötig – von Energie- und Verkehrsnetzen bis zu digitaler Infrastruktur und Erneuerbaren Energien. Weil Staaten diese Aufgaben nicht allein stemmen können, wird privates Kapital immer wichtiger – und damit auch die Frage, wie Privatanleger daran teilhaben können. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich besprechen in unserem Börsenpodcast, was sich hinter klassischen und neuen Infrastruktur-Investments verbirgt und warum Infrastruktur mehr sein könnte als nur eine Beimischung.

Zahl des Tages: 5.000

Diversifikation ist eine alte Kulturtechnik, wie ein Team um die Geochemikerin Kendra Chritz von der University of British Columbia gezeigt hat. Die Forscher analysierten Zahnisotope aus archäologischen Funden in Kenia, um die Ernährungsgewohnheiten früher Gesellschaften zu bestimmen. Sie stellten fest: Als die Bewohner der Region vor rund 5.000 Jahren zu Viehzüchtern wurden, behielten sie einen vielfältigen Speisezettel bei, auf dem weiterhin Fisch und Wildtiere standen. Erst über tausend Jahre später verengte sich das Nahrungsspektrum – die Menschen stellten das Jagen und Sammeln endgültig ein und konzentrierten sich fortan auf die Viehhaltung. Eine gelungene Anpassung an unsichere Lebensumstände, meinen Chritz und Kollegen: Angesichts begrenzter Weideflächen wäre es zu riskant gewesen, bewährte Nahrungsquellen sofort aufzugeben.

Kontrollieren Sie heute Ihre Risiken.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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