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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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15. Juli 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

Trockenheit wird zum Risiko für Deutschlands Lieferketten, Fed-Chef Kevin Warsh betont Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation, und lateinamerikanische Aktien zeigen trotz bisheriger Underperformance zuletzt relative Stärke.

Trockenheit wird zum Risiko für Deutschlands Lieferketten

Die anhaltende Trockenheit macht sich zunehmend bei einer der wichtigsten Verkehrsadern Deutschlands bemerkbar: Am für die Rheinschifffahrt entscheidenden Engpass bei Kaub, Rheinland-Pfalz, fiel der Pegelstand Mitte Juli auf nur noch 52 Zentimeter und damit unter die Werte der Trockenjahre 2018 und 2022. Ein typisches Containerschiff mit einer Kapazität von 500 Standardcontainern kann derzeit nur noch mit weniger als 20 Prozent seiner üblichen Ladung verkehren. Besonders problematisch ist, dass wichtige Ausweichmöglichkeiten auf der Schiene derzeit eingeschränkt sind. Zudem kann ein 740 Meter langer Güterzug mit rund 100 Standardcontainern nur etwa ein Fünftel der Frachtmenge eines Rheinschiffs transportieren. Für die Unternehmen bedeutet dies zunächst höhere Logistik- und Transportkosten sowie potenzielle Belastungen der Lieferketten. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre dürften viele von ihnen zwar besser vorbereitet sein und widerstandsfähigere Beschaffungswege aufgebaut haben. Dennoch könnte anhaltendes Niedrigwasser zu einem zusätzlichen Gegenwind für die deutsche Industrie werden.

US-Inflation fällt stärker als erwartet – Zinserhöhung rückt in die Ferne

Die US-Verbraucherpreise sind im Juni erstmals seit April 2020 gegenüber dem Vormonat gesunken. Der Rückgang um 0,4 Prozent fiel deutlich stärker aus als die erwarteten 0,1 Prozent. Hauptgrund waren niedrigere Energiepreise, deren Index um 5,7 Prozent nachgab und den moderaten Anstieg der Nahrungsmittelpreise mehr als ausglich. Die jährliche Inflationsrate sank von 4,2 auf 3,5 Prozent, die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel überraschend deutlich von 2,9 auf 2,6 Prozent.

Kurz nach der Veröffentlichung trat der neue Vorsitzende der Federal Reserve, Kevin Warsh, vor den Finanzausschuss des Repräsentantenhauses. Warsh betonte erneut die Entschlossenheit der Notenbank, die Inflation zu bekämpfen: „Die Mitglieder unseres [geldpolitischen] Ausschusses haben keinerlei Toleranz gegenüber dauerhaft erhöhter Inflation. Wir sind fest entschlossen, Preisstabilität wiederherzustellen.“ Er äußerte sich insgesamt optimistisch zur US-Wirtschaft. Den Arbeitsmarkt beschrieb er als weitgehend stabil, mit nur wenigen Anzeichen für Entlassungen und weiterhin soliden nominalen Lohnzuwächsen. Die gestrigen Inflationsdaten verringerten aus Sicht vieler Marktteilnehmer den Druck auf die Fed, kurzfristig die Zinsen zu erhöhen. Die an den Terminmärkten eingepreiste Wahrscheinlichkeit eines Zinsschritts Ende Juli fiel von rund 40 Prozent am Dienstag auf etwa zehn Prozent. Entsprechend gaben die Renditen zweijähriger Staatsanleihen nach, während der US-Dollar leicht an Wert verlor.

MSCI EM LatAm: relative Stärke trotz bisheriger Underperformance

Der MSCI Emerging Markets (MSCI EM) Index stieg seit Jahresbeginn um rund 22 Prozent – der MSCI Emerging Markets Latin America (MSCI EM LatAm) Index hingegen nur um 16 Prozent. 

Hintergrund ist die hohe Gewichtung von Unternehmen aus dem Bereich Künstliche Intelligenz im MSCI EM, die in den vergangenen Monaten von starken Kursgewinnen profitierten. Die jüngste Schwäche bei Halbleiterwerten belastete jedoch die Performance des Index: In der vergangenen Woche gab der MSCI EM Index um knapp 1,5 Prozent nach – demgegenüber legte der MSCI EM LatAm Index im gleichen Zeitraum um rund 2,1 Prozent zu. Dieser Anstieg wurde zum einen von höheren Ölpreisen infolge der Eskalation im Hormus-Konflikt getrieben; Energieunternehmen stellen rund neun Prozent des MSCI EM LatAm. Zum anderen profitierte der Index von der starken Entwicklung brasilianischer Finanzwerte, die mehr als ein Viertel des Index ausmachen. Rückenwind lieferten die jüngsten Inflationsdaten aus Brasilien: Sie fielen niedriger aus als vom Markt erwartet und stärkten damit die Aussicht auf weitere Zinssenkungen. Niedrigere Zinsen könnten über eine höhere Kreditvergabe insbesondere den Finanzsektor stützen. Der MSCI EM LatAm ist derzeit günstig bewertet – das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt elf Prozent unter seinem Zehn-Jahres-Durchschnitt. Eine Beimischung des Index könnte bei entsprechender Risikobereitschaft interessant erscheinen.

ETF ist nicht gleich ETF

ETFs galten lange als einfache Indexfonds. Heute haben Anleger allein in Deutschland die Wahl aus rund 2.800 börsengehandelten ETFs – von klassischen Welt-ETFs über Themen wie Künstliche Intelligenz, Rüstung und Raumfahrt bis hin zu aktiv gemanagten Strategien. Hilft diese Vielfalt bei der Geldanlage oder macht sie diese komplizierter? Worauf Sie achten sollten, erfahren Sie von Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und mir in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.

Zahl des Tages: 32

In welchen Industriestaaten lebt es sich gesünder und warum? Thomas Rapp von der Université Paris Cité und Kollegen berechneten nach verschiedenen Gesundheitskriterien das „physiologische Alter“ von fast 40.000 Seniorinnen und Senioren in 13 OECD-Ländern und verglichen es mit ihrem chronologischen Alter. Das Ergebnis: Besonders gesund leben Ältere in der Schweiz – sie sind physiologisch im Schnitt um 32 Monate jünger, als ihr Geburtsdatum vermuten lässt. Auch die Niederlande, Schweden und Griechenland schneiden im Vergleich gut ab. Weniger gut steht es um die körperliche Fitness von Senioren in Italien, Israel und den USA: Ihr physiologisches Alter übersteigt das chronologische. Die Ursachen für die Diskrepanz zwischen den Ländern sind vielfältig, so die Autoren der Studie – Bildungsniveau und Vermögensverteilung scheinen aber eine wichtige Rolle zu spielen.

Bleiben Sie heute gut in Form.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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