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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden.
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09. Oktobter 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

US-Konzerne hoffen auf künftige Haushaltskompromisse, der japanische Reismarkt beeinflusst die Finanzmärkte, und die Nachfrage langfristiger Goldkäufer bleibt trotz Preisverfalls robust.

US-Midterms: neue Mehrheiten, neue Politik?

Noch gut drei Wochen bis zu den US-Zwischenwahlen: Die Demokraten haben gute Chancen auf eine Mehrheit im Repräsentantenhaus, für den Senat bleibt das Rennen enger. Selbst Mehrheiten der Demokraten in beiden Kammern würden in den beiden letzten Amtsjahren von Präsident Donald Trump für viele Gesetzesinitiativen parteiübergreifende Kompromisse erfordern und könnten schließlich doch am Präsidenten-Veto scheitern. Im Fokus dürfte zunächst der Bundeshaushalt 2027 stehen, dessen aktuelle Übergangsfinanzierung im Januar ausläuft. Daraus ergeben sich Chancen und Risiken beispielsweise bei Gesundheit und Verteidigung. Unternehmen in beiden Bereichen könnten von einem tragfähigen Haushaltskompromiss profitieren, während eine längere Zeit der kurzfristigen Übergangshaushalte die Planungssicherheit belasten dürfte. Historisch betrachtet sind für den breiten US-Aktienmarkt jedoch die Aussichten für die Unternehmensgewinne wichtiger als Zwischenwahlen. Für 2027 und 2028 rechnen Analysten hier mit robusten jährlichen Zuwächsen von jeweils 17 Prozent.

Japan: Reispreise dämpfen die Inflation

Der japanische Reismarkt hat innerhalb kurzer Zeit einen starken Wandel durchlaufen. Nachdem 2023 eine schwache Ernte aufgrund außergewöhnlich hoher Temperaturen zu steigenden Preisen und zeitweiligen Versorgungsengpässen geführt hatte, reagierte die Regierung mit der Freigabe von rund 590.000 Tonnen Reis aus staatlichen Reserven. Parallel normalisierte sich das Angebot durch höhere Erntemengen. Inzwischen wird der Markt von einem Überangebot geprägt. Die Nachfrage entwickelte sich schwächer als erwartet, die Reispreise sind daraufhin seit Jahresbeginn um rund ein Drittel gefallen. Marktbeobachter rechnen mit weiterem Preisdruck im kommenden Jahr, da das bestehende Überangebot voraussichtlich nur schrittweise abgebaut werden kann. Auch für die Finanzmärkte ist die Preisentwicklung von Reis in Japan relevant: Der starke Anstieg der Reispreise 2024 und 2025 hatte die Inflation merklich beeinflusst. Da Reis Bestandteil der japanischen Kerninflationsrate ist, dürfte der jüngste Preisrückgang die Inflationsdynamik in den kommenden Monaten tendenziell dämpfen, was auch Einfluss auf die Geldpolitik der Bank of Japan haben könnte. 

Reserve Bank of India erhöht den Leitzins

Die indische Notenbank hat ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 5,50 Prozent angehoben – die erste Leitzinserhöhung seit Februar 2023. Als Gründe hierfür nannten die Währungshüter die Stützung der unter Abwertungsdruck stehenden Rupie, auch aufgrund der Zinsanhebungen anderer Notenbanken in den vergangenen Wochen, sowie Inflationsrisiken. Die Inflation stieg zuletzt auf 4,82 Prozent und entfernte sich weiter von der Zielrate von 4,0 Prozent. Gleichzeitig mit dem Zinsschritt hob die Notenbank ihre Wachstumsprognose für das indische Bruttoinlandsprodukt im Fiskaljahr 2026/27 von 6,7 auf 7,1 Prozent an. Mit diesen Wachstumsraten bleibt Indien eine der dynamischsten großen Volkswirtschaften weltweit. Die Kombination aus starker Binnennachfrage, Infrastrukturinvestitionen und einer zunehmenden Einbindung in globale Lieferketten stützt weiterhin auch den mittelfristigen Wachstumsausblick. Die Leitzinserhöhung könnte zudem den Abwärtstrend der Indischen Rupie bremsen oder möglicherweise sogar beenden. Die Rupie hat 2026 rund 2,5 Prozent zum Euro verloren, was jedoch weniger Ausdruck einer schwachen Konjunktur als vielmehr die Folge hoher Ölpreise und zeitweiliger Kapitalabflüsse war.

Hohe US-Renditen drücken den Goldpreis

Der Goldpreis hat seit seinem Rekordhoch Anfang März rund 21 Prozent verloren. Belastend wirken US-Renditen auf dem höchsten Stand seit 2002 und ein fester US-Dollar, beides erhöht die Opportunitätskosten der zinslosen Anlage. Hinzu kommt die Erwartung, dass die US-Notenbank ihre Zinsen weiter anhebt. Die Nachfrage langfristig orientierter Käufer bleibt dagegen robust: Globale Gold-ETFs verzeichneten im dritten Quartal Nettozuflüsse von rund 210 Tonnen. Auch die Notenbanken treten weiterhin als Käufer auf. Kurzfristig dürfte der Preis an den Zinserwartungen hängen, die stetige Nachfrage spricht zugleich gegen einen ungebremsten Rückgang.

Griechenland – zurück in der ersten Börsenliga 

Griechenland, einst das Sorgenkind der Euro-Schuldenkrise, hat den Turnaround geschafft. Die Volkswirtschaft erholt sich, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Börse macht deutlich Boden gut. Ist jetzt eine gute Zeit für den Einstieg in den griechischen Markt? Welche Sektoren sollten Anleger im Auge behalten? Darüber sprechen Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts PERSPEKTIVEN To GO.

Was diese Woche wichtig wird 

Im Laufe der Woche, Berichtssaison

  • USA | Aus dem S&P 500 berichten PepsiCo, Delta Air Lines und Constellation Brands.
  • Europa | Aus dem STOXX 600 berichten Tesco, Industrivärden und Tryg.
  • Asien | Aus Japan legt unter anderem Fast Retailing Zahlen vor, aus Indien berichtet Tata Consultancy Services (TCS). 
  • Freitag, USA | Universität von Michigan, Index der US-Konsumenten für Oktober. Analysten erwarten im Median einen leichten Rückgang von 48,1 auf 48,0 Punkte. Der seit Juli zu beobachtende Abwärtstrend würde sich damit fortsetzen. In der vergangenen Umfrage belasteten vor allem die deutlich gestiegenen Verbraucherpreise und die damit verbundenen Sorgen um die Kaufkraft die Einschätzung der aktuellen finanziellen Lage sowie der wirtschaftlichen Aussichten der US-Haushalte. Besonderes Augenmerk gilt erneut den Inflationserwartungen, die zuletzt sowohl im Ein-Jahres-Bereich auf 4,6 Prozent als auch im Fünf-Jahres-Horizont auf 3,4 Prozent gestiegen waren. Setzt sich dieser Aufwärtstrend fort, könnte der Druck auf die US-Notenbank zunehmen, einem möglichen Entankern der Inflationserwartungen entgegenzuwirken.

Zahl des Tages: 61

Einen guten Freund haut man nicht so leicht übers Ohr. Das gilt für Menschen, aber offenbar auch für Schimpansen, wie ein Team um Oded Ritov von der University of California, Berkeley, festgestellt hat. Die Forscher setzten zwei Schimpansen in getrennte Räume; einer davon bekam einen Teller mit Ananas, den der andere mit einer Seilvorrichtung stehlen konnte. Bei befreundeten Affen kam es in 61 Prozent der Fälle tatsächlich zu einem Diebstahl, bei nicht befreundeten in 70 Prozent der Fälle. Laut Studie handelt es sich um einen signifikanten Unterschied. Auch die Reaktion der Bestohlenen unterschied sich: War der Ananasdieb ein Freund, zeigten sich die Opfer zunächst wütender, beruhigten sich aber auch schneller als bei Dieben, mit denen sie nicht befreundet waren. 

Ich wünsche Ihnen einen verträglichen Tag.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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