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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden.
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12. Juni 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die EZB hebt ihre Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte an, der Investitionsrückgang in Deutschland maskiert Divergenzen unter der Oberfläche, und die Stimmung im US-Mittelstand verschlechtert sich.

EZB erhöht Leitzins und revidiert Projektionen

Die Europäische Zentralbank (EZB) erhöhte ihre Leitzinsen gestern wie erwartet um jeweils 0,25 Prozentpunkte – der Einlagenzins liegt nun bei 2,25 Prozent. Zugleich legte sie ihre neuen Quartalsprojektionen vor. 

  • Im Basisszenario erwartet sie für 2026 nun eine Teuerungsrate von 3,0 Prozent statt bislang 2,6 Prozent. Für 2027 und 2028 rechnet sie mit 2,3 und 2,0 Prozent. 
  • Die Kerninflation soll mit 2,5 Prozent in den Jahren 2026 und 2027 sowie 2,2 Prozent im Jahr 2028 über dem Zielwert von 2,0 Prozent bleiben. 
  • Die Wachstumsprognosen für die Eurozone wurden nur leicht angepasst: Das Bruttoinlandsprodukt soll von 2026 bis 2028 um 0,8, 1,2 und 1,5 Prozent zulegen. 

Neben dem Basisszenario und zwei Risikoszenarien veröffentlichte die Zentralbank erstmals auch ein günstigeres Szenario – doch selbst dort fällt die Kerninflation 2028 nur auf 2,1 Prozent. Das spricht für eine weitere Zinserhöhung, möglicherweise im September.

OECD-Vergleich zeigt: Deutschland hinkt bei digitalen Investitionen hinterher

Der Investitionsrückgang in Deutschland seit 2019 ist mit 10 Prozent bei Bruttoanlageinvestitionen gravierend, verdeckt aber einen strukturellen Wandel zugunsten immaterieller Vermögenswerte. Investitionen in geistiges Eigentum stiegen im gleichen Zeitraum um rund 20 Prozent und entwickelten sich damit deutlich robuster als Sachinvestitionen in Gebäude, Maschinen und Ausrüstung. Der Schwerpunkt der Investments in immaterielle Vermögenswerte liegt auf Forschung und Entwicklung, deren Anteil 2025 etwa drei Prozent des BIP erreichte. Demgegenüber bleiben Investitionen in Software und Daten mit lediglich 0,8 Prozent des BIP vergleichsweise niedrig. Trotz eines Aufholprozesses nach der Corona-Pandemie verlangsamte sich dieses Wachstum sogar und der Wert stagnierte zuletzt.

Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Deutschland nicht nur hinter den USA zurückliegt, sondern auch unter dem Niveau anderer OECD-Volkswirtschaften bleibt. Selbst unter Einbeziehung von Hardware der Informations- und Kommunikationstechnik bleibt die digitale Investitionsquote gering. Erst durch Hinzunahme aller Ausgaben für Forschung und Entwicklung erscheint die Position Deutschlands im Mittelfeld der OECD. Insgesamt ergibt sich ein Bild, bei dem die deutsche Wirtschaft weiterhin auf Ingenieurskunst und Export setzt, gleichzeitig aber zu wenig im Thema Digitalisierung unternimmt. In Zukunft könnte uns dieser Trend weiteres Potenzialwachstum kosten.

US-Mittelstand unter Druck: Optimismus sinkt, Inputkosten steigen

Die Stimmung im US‑Mittelstand hat sich im Mai eingetrübt. Der NFIB-Optimismus Index fiel mit 95,3 Punkten auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2024. Belastend wirkt vor allem das Zusammenspiel aus geopolitischer Unsicherheit, steigenden Inputkosten und zunehmenden Lieferkettenstörungen: Über ein Drittel der Unternehmen hat bereits Preise erhöht, ein weiteres plant dies, mehr als 70 Prozent berichten von Lieferproblemen. Dies bremst die Einstellungspläne und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Gleichzeitig stieg der NFIB‑Preisindex, ein Frühindikator für die US-Inflation, auf den höchsten Wert seit 1981 (außer Corona-Pandemie).

Entwicklung des NFIB Optimismus Index und des Subindexes für Verkaufspreise

Die Divergenz zwischen kleinen und großen US-Unternehmen wird damit deutlicher. Viele große Konzerne profitieren von Skaleneffekten, besserem Kapitalmarktzugang und starken Marken, können höhere Inputkosten leichter weitergeben und Investitionen – etwa in KI – stärker vorantreiben. Demgegenüber geraten die Gewinnmargen kleinerer Firmen mit begrenzter Preissetzungsmacht in einem reflationären Umfeld unter Druck. Vor diesem Hintergrund dürfte das Gewinnwachstum kleinerer Unternehmen 2026 erneut geringer ausfallen als bei Standardwerten. Für den Nebenwerteindex S&P 600 erwarten Analysten ein Gewinnplus von nur 14 Prozent, für den S&P 500 hingegen eines von 24 Prozent.

Rekordbörsengänge treffen auf nervöse Märkte

Die Nervosität an den US-Börsen bleibt hoch: Nach dem deutlichen Rücksetzer an der Wall Street geraten vor allem zinssensible Werte im Bereich Technologie und Künstliche Intelligenz (KI) unter Druck. Gleichzeitig stehen Rekordbörsengänge rund um KI und Technologie bevor – und werfen die Frage auf, wie belastbar der Risikoappetit in diesem Marktumfeld wirklich ist. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich ordnen die aktuelle Lage an den Märkten ein.

Zahl des Tages: 153

Man nennt es Steinehüpfen, Ditschen, Flitschen, Schirken oder Butterstullenwerfen, doch gemeint ist immer das Gleiche: Ein flacher Kieselstein wird vom Ufer aus so geworfen, dass er möglichst weit oder oft über ein ruhiges Gewässer hüpft. Phillip Bloxham weiß, wie es geht: Der 35-jährige Waliser sicherte sich Ende Mai bei den Welsh Open Stone Skimming Championships den Titel mit einem Wurf über sagenhafte 153 Meter. Der Weltrekord ist noch nicht offiziell anerkannt, aber Bloxham strebt schon zu neuen Ufern: Eine Weite von 200 Metern, so der Steinhüpf-Champion, sollte in Zukunft drin sein.

Wagen Sie heute den großen Wurf.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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