12. Mai 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
politische Turbulenzen in Rumänien belasten Anleihen und Währung, Japans Unternehmen melden kräftige Umsatz- und Gewinnzuwächse trotz globaler Risiken, und der robuste US-Arbeitsmarkt verschafft der Fed Spielraum bei den Zinsen mit stärkerem Fokus auf Inflation.
Rumäniens Regierung gestürzt: Reformkurs verunsichert Finanzmärkte
Die rumänische Regierung ist vergangene Woche durch ein Misstrauensvotum im Parlament gestürzt worden – nach nur rund zehn Monaten im Amt. Die Finanzmärkte reagierten nervös, weil das Kabinett unter Ilie Bolojan Reformen zur Senkung des Haushaltsdefizits vorangetrieben hatte, vor allem durch Steuererhöhungen und den Abbau von Subventionen. Trotz eines Rückgangs um zwei Prozentpunkte liegt das Defizit im Jahr 2025 mit 7,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts weiterhin auf dem höchsten Wert innerhalb der Europäischen Union. Der Rumänische Leu verlor innerhalb eines Monats rund drei Prozent gegenüber dem Euro, während die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen zeitweise über 7,4 Prozent stieg. Zum Wochenschluss gab es etwas Hoffnung auf eine Neuauflage der Koalition, da weitere Reformen nötig sind, um Mittel aus dem europäischen Aufbauprogramm in Höhe von acht Milliarden Euro freizusetzen, deren Abrufmöglichkeit nach August endet. Eine stabile, klar westlich ausgerichtete Regierung könnte Anleihen und Währung wieder stützen.
Berichtssaison Japan: Umsatz- und Gewinnplus trotz globaler Risiken
Die japanische Berichtssaison startet dynamisch: Unternehmen des TOPIX, die etwa die Hälfte der Marktkapitalisierung ausmachen, verzeichneten im letzten Quartal des japanischen Geschäftsjahres 2025, das bis Ende März ging, einen Umsatz- und Nettogewinnanstieg von rund fünf und 18 Prozent. Über das gesamte Geschäftsjahr hinweg erhöhten sich Umsatz und Nettogewinn um rund sechs und zwei Prozent – ohne US-Zölle hätte das Nettogewinnwachstum fast zweistellig sein können. Zu den wichtigsten Impulsgebern zählen Investitionen in Künstliche Intelligenz und Infrastruktur sowie Fortschritte bei der Weitergabe von Kosten an Verbraucher. Darüber hinaus liegen die angekündigten Aktienrückkäufe und Dividenden auf Niveau des Rekordjahres 2025. Analysten bleiben für den japanischen Aktienmarkt mittelfristig positiv gestimmt und erwarten in den kommenden zwölf Monaten ein Gewinnwachstum von etwa zwölf Prozent für die im TOPIX gelisteten Unternehmen.
Das Wachstum dürfte weiterhin vor allem vom KI-Boom, Investitionen und der Fähigkeit zur Kostenweitergabe abhängen. Risiken bleiben Ölpreisanstiege sowie konservative Ausblicke für die Automobil-, Stahl- und Transportsektoren.
Nordamerikanisches Kapital stützt europäische M&A-Erholung
Bei Fusionen und Übernahmen (M&A) von europäischen Unternehmen suchen nordamerikanische Investoren zunehmend nach Chancen günstig bewerteter Unternehmen in Europa. Im ersten Quartal dieses Jahres waren etwa 120 Milliarden US-Dollar nordamerikanisches Kapital an Fusionen und Übernahmen in Europa beteiligt. Diese Zahl entspricht bereits über 40 Prozent der Zahl des letzten Jahres. Sollte das Tempo anhalten, wäre dies der höchste europäische M&A-Transaktionswert mit nordamerikanischen Käufern in den vergangenen zehn Jahren. Insgesamt stieg der M&A-Transaktionswert in Europa auf rund 400 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg um über 40 Prozent im Jahresvergleich. Die Anzahl der Transaktionen sank jedoch um rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf rund 5.800 – das deutet darauf hin, dass sich die Transaktionen auf weniger, aber größere Deals konzentrieren. Die zehn größten Deals im Quartal waren mehr als doppelt so viel wert wie der Durchschnitt der zehn größten Deals der vorangegangenen acht Quartale. Europäische Banken profitieren bei einem Anstieg der M&A durch höhere Provisionserlöse, was meine konstruktive Einschätzung für europäische Banken bestätigt.
US-Arbeitsmarkt gibt der Fed Zeit – Fokus rückt stärker auf Inflation
Die Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft stieg in den USA nach 185.000 Stellen im März auch im April mit 115.000 Stellen merklich stärker als im Marktkonsens erwartet. Dies waren zum ersten Mal seit fast einem Jahr zwei aufeinanderfolgende Anstiege. Die Arbeitslosenquote verharrte bei 4,3 Prozent. Der Bericht deutet auf einen Arbeitsmarkt hin, der sich, nach nahezu stagnierendem Beschäftigungswachstum im vergangenen Jahr, stabilisiert. Dies sollte der Fed Spielraum geben, die Leitzinsen kurzfristig unverändert zu belassen beziehungsweise sich auf die Entwicklung der Inflationsrate zu fokussieren. Allerdings gab es auch einige Elemente im Arbeitsmarktbericht, die gedämpfte Aussichten signalisieren: Die durchschnittlichen Stundenlöhne stiegen im Vergleich zum Vorjahresmonat mit 3,6 Prozent um 0,2 Prozentpunkte geringer als erwartet. Zudem sank die Erwerbsquote – also der Anteil der Bevölkerung, der erwerbstätig ist oder aktiv Arbeit sucht – im April den fünften Monat in Folge auf nun 61,8 Prozent, den niedrigsten Stand seit Oktober 2021. Die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe ging leicht zurück. Starke Marktbewegungen löste der Report deshalb nicht aus: Die Futures der US-Aktienindizes behaupteten ihre Gewinne, während die Renditen von US-Staatsanleihen und der US-Dollar nach Veröffentlichung der Daten leicht nachgaben.
MSCI World: guter Index oder überschätztes Investment?
Der MSCI World zählt zu den beliebtesten Indizes bei ETF‑Anlegern. Seine starke USA‑ und Technologielastigkeit sorgt jedoch immer wieder für Kritik. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich ordnen ein, welche Rolle der MSCI World als Basisinvestment spielen kann – und wann Ergänzungen sinnvoll sind.
Zahl des Tages: 35,3
Das Internet stirbt. Jedenfalls ist das die Ansicht einiger Beobachter, die auf den wachsenden Anteil künstlich generierter Inhalte im Netz hinweisen. Menschliche Akteure werden demnach von der Software zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Ein Team um Jonas Dolezal vom Imperial College London hat einen Aspekt der „Dead Internet Theory“ auf die Probe gestellt und untersucht, wie viele Websites zwischen Ende 2022 und Mai 2025 mit Künstlicher Intelligenz erstellt wurden. Die Forscher stellten fest: 35,3 Prozent der neuen Websites wurden mithilfe von KI generiert, jede zweite davon war sogar ein reines KI-Produkt. Das ist vor allem bei Seiten ein Problem, die Teil einer Betrugsmasche sind. Die Autoren hoffen nun, Instrumente zu entwickeln, mit denen sich künstlich erstellte Inhalte im Netz besser erkennen lassen.
Ich wünsche Ihnen einen lebendigen Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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