22. Juni 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
in der Schweiz haben gestern hochrangige Vertreter Irans – angeführt von Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf – und der USA – vertreten durch Vizepräsident James David Vance – Verhandlungen über ein finales Abkommen zur Beendigung des Krieges begonnen. Ziel ist die Konkretisierung einer Absichtserklärung, vor allem beim iranischen Atomprogramm. Die Gespräche werden überschattet von einer brüchigen Waffenruhe im Libanon und erneuten Spannungen um die Straße von Hormus.
Inflations- und Politiksorgen belasten britische Staatsanleihen
Zehnjährige britische Staatsanleihen (Gilts) rentierten am Freitag mit 4,8 Prozent rund 0,05 Prozentpunkte höher als am Vortag – auch eine Folge inländischer Faktoren.
Am Donnerstag ließ die Bank of England den Leitzins bei 3,75 Prozent und bekräftigte ihr Bekenntnis zur Eindämmung des erhöhten Preisdrucks. Trotz zuletzt gesunkener Energiepreise erwartet der geldpolitische Ausschuss, dass die Inflation von 2,8 Prozent im Mai im Jahresverlauf wieder anzieht und im Schlussquartal mit rund 3,25 Prozent ihren Höhepunkt erreicht – weiterhin deutlich über dem Zielwert von zwei Prozent. Hinzu kommt politische Unsicherheit nach der Nachwahl in Makerfield. Der klare Sieg des Labour-Kandidaten Andy Burnham erhöht den Druck auf den Parteivorsitzenden und Premierminister Keir Starmer. Prognosemärkte sehen inzwischen eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Führungswechsel im Jahresverlauf. Für die Märkte ist entscheidend, ob daraus rasch Änderungen der wirtschaftspolitischen Ausrichtung resultieren. Entsprechend dürfte die Volatilität am Gilt-Markt zunächst erhöht bleiben.
Ungarns Märkte im Aufwind: Forint steigt, Anleiherenditen fallen
Die Anleihe- und Devisenmärkte in Ungarn haben seit der Parlamentswahl Mitte April ihre Schwellenländer-Vergleichsgruppen übertroffen. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen gingen um rund einen Prozentpunkt auf 5,27 Prozent zurück, während der ungarische Forint gegenüber dem Euro um etwa fünf Prozent aufwertete. Die Entwicklung wurde durch starke ausländische Zuflüsse in Höhe von umgerechnet rund 10,6 Milliarden US-Dollar sowie durch eine erhöhte Nachfrage nach länger laufenden Anleihen getragen, die stärker auf Zinsänderungen reagieren. Diese Verschiebung spiegelt gestiegene Erwartungen hinsichtlich einer möglichen Einführung des Euro wider. Die neue Regierung hat eine Mitgliedschaft in der Eurozone als eines ihrer zentralen Ziele benannt und zugleich eine konstruktivere Haltung gegenüber der Europäischen Union signalisiert. Weitere Fortschritte in dieser Richtung könnten die positive Anlegerstimmung hinsichtlich ungarischer Staatsanleihen weiter stärken; bestehende Währungsrisiken gilt es jedoch weiterhin zu berücksichtigen.
US-KI-Regeln verstärken geoökonomische Fragmentierung
Die jüngsten US‑Maßnahmen zur Einschränkung des Zugangs zu fortgeschrittenen, agentischen KI‑Systemen für Nicht‑US‑Bürger verdeutlichen den Trend hin zur geoökonomischen Fragmentierung. Diese umfasst mittlerweile nicht nur die wachsende Aufspaltung globaler Lieferketten durch Zölle und Handelsregulierung, sondern erfasst zunehmend auch den Technologiesektor und beschleunigt die Herausbildung konkurrierender Innovationsräume, besonders zwischen den USA und China. Technologische Leistungsfähigkeit wird dabei zunehmend als Determinante von wirtschaftlicher Stärke und nationaler Sicherheit verstanden. Europa befindet sich in diesem Umfeld in einer strukturell schwächeren Position. Die Breite eigener, global wettbewerbsfähiger KI‑Modelle sowie die notwendige digitale Infrastruktur bleiben begrenzt, wodurch die Abhängigkeit von externen Anbietern hoch bleibt. Vor diesem Hintergrund steigt das Risiko, zwischen die US‑ und chinesischen Technologieblöcken zu geraten.
KI-Boom lenkt Blick auf Rohstoffproduzenten
Die bei europäischen Stromnetzbetreibern derzeit beantragten Netzanschlüsse summieren sich auf knapp 500 Gigawatt – das 1,5‑fache der aktuellen Stromnachfrage in Europa. Die Dynamik ist maßgeblich dem Ausbau von Rechenzentren im Zuge wachsender KI‑Anwendungen und fortschreitender Digitalisierung geschuldet, der auch in Europa zunehmend Schwung aufnimmt. Dabei bestimmt auch die Verfügbarkeit der für den Aufbau zentraler Metalle das Tempo, in dem neue Kapazitäten ans Netz gehen. Neben bekannten Metallen wie Aluminium und Kupfer sind auch Seltene Erden unverzichtbar für zahlreiche elektromagnetische und energietechnische Komponenten: Neodym und Praseodym werden etwa für Hochleistungs‑Permanentmagnete in Elektromotoren und Kühlsystemen benötigt; Dysprosium und Terbium erhöhen deren Hitzebeständigkeit und Effizienz. Darüber hinaus spielen Vorprodukte wie hochreiner Quarz, Graphit sowie Bindematerialien wie Antimon, Wolfram, Gallium und Germanium eine zentrale Rolle in Fertigungsschritten der Halbleiterproduktion. Die weltweit wachsende Bedeutung des Bergbau- und Rohstoffsektors spiegelt sich mit knapp vier Prozent der globalen Marktkapitalisierung bislang kaum wider. Auch deshalb könnte sich ein gezielter Blick auf Produzenten KI‑relevanter Metalle mittelfristig auszahlen.
Warum die Wall Street davoneilt – und der DAX hinterherhinkt
Die Wall Street eilt von Rekord zu Rekord, während der DAX nicht Schritt halten kann. Dahinter stehen konjunkturelle Unterschiede – aber auch strukturelle Faktoren: Deutschland bietet weniger Tech und Künstliche Intelligenz, der DAX ist zyklischer aufgestellt, und der deutsche Kapitalmarkt spielt international eine kleinere Rolle. Was das für die Depotaufstellung von Anlegern bedeutet, erfahren Sie von Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und mir in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.
Zahl des Tages: 500.000.000
1981 spendete ein Fossiliensammler eine unscheinbare Versteinerung aus einem Fundort im US-Bundesstaat Utah der Kansas University. Dort lag der Brocken unbeachtet im Depot, bis der Paläontologe Rudy Lerosey-Aubril kürzlich die Fundstücke reinigte – und eine unerwartete Entdeckung machte: Das acht Zentimeter lange Fossil entpuppte sich als der älteste bekannte gemeinsame Vorfahr von Spinnen, Skorpionen und Zecken. Megachelicerax cousteaui, wie der Kieferklauenträger getauft wurde, lebte im Urmeer des Kambriums vor 500 Millionen Jahren. Ihr hohes Alter weist die Art als Überlebenskünstler aus: Die Nachfahren von Megachelicerax mussten erst das kambrische Massenaussterben überstehen, bevor sie sich zu Spinnen und anderen modernen Krabbeltieren weiterentwickeln konnten.
Ich wünsche Ihnen einen entdeckungsreichen Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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