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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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23. Juli 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die USA drohen Kanada mit 50 Prozent Zoll, Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich für Unternehmen im Euroraum zu einem wichtigen Investitionsthema, und große Pharmaunternehmen geraten durch zahlreiche auslaufende Patente unter Zugzwang.

USA erhöhen Druck auf Kanada mit neuen Zollandrohungen

Die USA erhöhen im Handelskonflikt mit Kanada den Druck und stellen Zölle von 50 Prozent auf Importe im Umfang von 20 Milliarden US-Dollar in Aussicht, die in 30 Tagen greifen könnten. Betroffen wären vor allem ausgewählte Industriegüter, Maschinenbauprodukte, Konsumgüter und Chemie, während Energie und bereits mit Zöllen belegte Güter ausgenommen bleiben. Die Maßnahme auf Basis eines Gesetzes aus dem Jahr 1930 würde zentrale Zollbefreiungen im Rahmen des nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA aufheben, dessen Neuverhandlung von den USA ausgesetzt wurde und nun jährlich überprüft werden soll. Die Ankündigung dürfte auch als Druckmittel in künftigen Verhandlungsrunden dienen, was die bislang geringe Marktreaktion erklärt. Für Kanada blieben die gesamtwirtschaftlichen Effekte begrenzt. Der effektive Zollsatz dürfte um rund 2,5 Prozentpunkte auf etwa 7,5 Prozent steigen – ein immer noch vergleichsweise niedriger Wert. Gleichwohl müssten betroffene Branchen mit Rückgängen bei Exporten, Investitionen und Beschäftigung rechnen. Für die USA wären die Effekte ebenfalls gering. Allerdings steigt die Unsicherheit im nordamerikanischen Handel, auch mit Blick auf mögliche Ausweitungen auf Partner wie Mexiko.

EZB-Umfrage: Jedes zweite Unternehmen plant KI-Investitionen

Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich für Unternehmen im Euroraum zunehmend zu einem wichtigen Investitionsthema. Die erstmals erhobenen KI-Sonderfragen der vierteljährlichen Unternehmensumfrage der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigen, dass 49 Prozent der knapp über 5.000 befragten Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten Investitionen in KI-Technologien planen. Fast ebenso viele wollen ihre Mitarbeiter im Umgang mit KI schulen; weitere Schwerpunkte der Investitionspläne sind Dateninfrastruktur und Cloud-Lösungen. Rund 72 Prozent der Unternehmen wollen diese Projekte überwiegend aus eigenen Mitteln finanzieren, während Bankkredite, Fördermittel und Leasing eine geringere Rolle spielen. Die Ergebnisse sprechen für eine breite Investitionsbereitschaft im Bereich KI. Gleichzeitig deutet die Finanzierung über Eigenmittel auf eine schrittweise Einführung hin. Möglicherweise testen viele Unternehmen zunächst erste Anwendungen, bevor größere Budgets freigegeben werden. Die breite Verankerung von KI in den Investitionsplänen zeigt jedoch, dass viele Unternehmen, darunter auch zahlreiche kleinere Firmen, die Technologie zunehmend als relevant für Produktivität, Automatisierung und Wettbewerbsfähigkeit betrachten.

Goldpreis profitiert von geopolitischen Risiken

Gold war am vergangenen Freitag noch auf 3.960 Dollar je Feinunze – und damit nahe an sein Jahrestief – gefallen, hat sich seitdem aber um mehr als vier Prozent erholt.

Auffällig ist, dass der Preis diesmal parallel zu Öl und Staatsanleiherenditen steigt, statt wie seit März von deren Anstieg belastet zu werden. Haupttreiber dürfte die erneute Eskalation des Konflikts USA–Iran sein, die Gold als „sicheren Hafen“ stützt. Auch spekulative Anleger zeigen wieder mehr Interesse: Ihre Kaufpositionen an den US-Terminbörsen erreichten den höchsten Stand seit Anfang 2026, liegen aber noch deutlich unter den Extremwerten vom Herbst 2025. Zudem flossen zuletzt rund 970 Millionen US-Dollar in mit Gold hinterlegte börsengehandelte Zertifikate – der größte Tageszufluss seit einem Monat. Rückschläge bleiben möglich, doch solange die geopolitischen Risiken hoch bleiben und die US-Notenbank kommende Woche nicht deutlich restriktiver auftritt, dürfte die Nachfrage kurzfristig anhalten.

Auslaufende Patente treiben Übernahmewelle im Biotech-Sektor

Große Pharmaunternehmen geraten durch die bevorstehende „Patentklippe“ unter Zugzwang. Bis 2030 verlieren zahlreiche Blockbuster-Medikamente ihren Patentschutz. Dieser läuft bei Medikamenten maximal 20 Jahre und endet für die produktive Entwicklungsdekade der 2000er Jahre. Dadurch könnten bis zu 300 Milliarden US-Dollar Umsatz wegbrechen – etwa ein Sechstel des jährlichen weltweiten Branchenumsatzes. Das treibt Übernahmen junger, forschungsstarker Biotech-Firmen im Rekordtempo an. 2026 summieren sich bereits 37 Mega-Deals auf 216 Milliarden US-Dollar, vor allem in Onkologie, seltenen Krankheiten und Autoimmunerkrankungen. Begehrt sind Firmen mit Wirkstoffen kurz vor der Zulassung. Hohe Prämien können Aktionären der Zielunternehmen rasche Kursgewinne bringen; gescheiterte Studien führen jedoch oft zu deutlichen Verlusten. Pharmakonzerne profitieren durch Übernahmen von breiteren Produktlinien und kürzeren Markteinführungszeiten. Für ein ausgewogenes Chance-Risiko-Verhältnis setzen Anleger daher auf breite Sektorstreuung, statt auf ungewisse Einzeldeals zu spekulieren.

Gewinnboom an der Wall Street: Warum die Rally trotzdem stockt

Starke Gewinne an der Wall Street, aber die Börsenrally gerät ins Stocken. Während die Berichtssaison bislang überraschend stark ausfällt, wachsen die Zweifel an der nächsten Phase des Booms im Bereich Künstliche Intelligenz. Hinzu kommen Unsicherheiten rund um den Nahostkonflikt, Ölpreis, Inflation und Geldpolitik. Wie Anlegerinnen und Anleger die aktuelle Marktlage einordnen sollten, diskutieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.

Zahl des Tages: 100

Für die sichere Verschlüsselung von Daten benötigt man Zufallszahlen. „Echte“ Zufallszahlen werden jedoch nicht berechnet, sondern basieren auf der Beobachtung realer physikalischer Phänomene. Einen besonders eleganten Weg hat dabei ein amerikanischer IT-Konzern eingeschlagen: Das Unternehmen installierte 100 Lavalampen an einer Wand, die in regelmäßigen Abständen fotografiert werden. Eine Software wandelt die farbigen Pixel in Zahlenwerte um und gewinnt so eine absolut zufällig angeordnete Zahlenreihe. Denn die bunt eingefärbten, nicht ineinander löslichen Flüssigkeiten in der Lavalampe bilden unkalkulierbare Formen, wenn sie erhitzt werden – und machen so ein Designrelikt der 1970er-Jahre zur Basis moderner Hightech-Verschlüsselung.

Bleiben Sie heute berechenbar.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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