30. April 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die Fed belässt die Leitzinsen unverändert, die von den USA verhängte Gegenblockade der Straße von Hormus unterbindet den Großteil der iranischen Ölexporte, und US-Fluggesellschaften befinden sich in einem Spannungsfeld aus starker Nachfrage und gedrückten Margen.
Fed hält Zinsen stabil – Dissens im FOMC ungewöhnlich hoch
Die US-Notenbank Fed beließ die Zinsen erwartungsgemäß unverändert. Die Fed betonte, dass der Arbeitsmarkt robust sei, die Inflation aber wegen der Zölle und der Energiepreise zu hoch sei. Erstmals seit Oktober 1992 stimmten vier der zwölf stimmberechtigten Mitglieder des Federal Open Market Committee (FOMC) gegen den Beschluss: Drei unterstützten zwar den unveränderten Leitzins, wandten sich jedoch wegen der Inflationsgefahren gegen die Formulierung in der Erklärung der Fed, dass die Notenbank die Zinssenkungen wieder aufnehmen werde. Nur Gouverneur Stephen Miran legte erneut ein Sondervotum zugunsten einer Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt ein. Die Sitzung war die letzte, die Jerome Powell als Vorsitzender leitete. Der Bankenausschuss des US-Senats hatte gleichtägig der Nominierung Kevin Warshs als Powells Nachfolger zugestimmt. Allerdings erklärte Jerome Powell, dass er der Fed auch nach dem Ende seiner Amtszeit als Vorsitzender am 15. Mai für einen unbestimmten Zeitraum weiterhin als Gouverneur erhalten bleiben werde. Sein Mandat läuft bis Ende Januar 2028. Er versicherte, er werde sich als Gouverneur zurückhalten und Kevin Warsh als Vorsitzenden unterstützen. Die Finanzmärkte fokussierten sich auf die drei Abweichler, die keine Hinweise auf zukünftige Zinssenkungen im Statement der Fed sehen wollten: An den Zinsterminmärkten wurden Zinssenkungen der Fed für 2026 vollständig ausgepreist. Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen stieg um 0,10 Prozentpunkte an, was aber auch den gestern stark angestiegenen Ölpreisen geschuldet war. Der US-Dollar legte zum Euro zu.
US-Gegenblockade der Straße von Hormus: warum Irans Ölkrise nicht aussitzbar ist
Die von den USA verhängte Gegenblockade der Straße von Hormus unterbindet den Großteil der iranischen Ölexporte und kostet den Iran nicht nur bis zu 40 Prozent der Staatseinnahmen, sondern zwingt Teheran zu improvisierten Lösungen: Beispielsweise werden Öltanker als schwimmende Speicher genutzt. Der Schritt verdeutlicht die zunehmende Erschöpfung konventioneller Lagerinfrastruktur. Analysehäuser wie Windward oder Kpler schätzen, dass die verbleibende Speicherkapazität Mitte Mai ausgeschöpft sein wird. Entsprechend müsste die Förderung weiter reduziert werden, wobei Analysten davon ausgehen, dass die Tagesförderung bereits um 2,5 Millionen Barrel gekürzt wurde.
Gravierender als die Exportausfälle sind dabei die strukturellen Risiken für die Förderinfrastruktur selbst. Bei einem vollständigen Produktionsstopp besteht die geologische Gefahr einer Aquifer-Intrusion: Wasser aus tieferen Gesteinsschichten kann in die Öllagerstätten eindringen und diese irreversibel verwässern. Besonders exponiert sind die seit über fünf Jahrzehnten genutzten Großfelder im Südwesten des Landes, deren Reservoirdruck durch den jahrzehntelangen Förderbetrieb bereits erheblich abgefallen ist. Die sanktionsbedingte Überalterung der Fördertechnik verstärkt diese Vulnerabilität zusätzlich. Eine dauerhafte Schädigung dieser Lagerstätten würde die iranische Förderkapazität strukturell und langfristig beeinträchtigen. Aussitzen kann der Iran die Sperrung daher nicht, im Gegenteil: Die Zeit drängt.
US-Airlines unter Druck steigender Kerosinpreise
US-Fluggesellschaften befinden sich derzeit in einem Spannungsfeld: Die Nachfrage ist stark, doch der jüngste Anstieg der Kerosinpreise drückt die Margen spürbar. Seit Ende Februar haben sich die Treibstoffkosten in etwa verdoppelt. Mehrere große Airlines haben deshalb Gewinnziele gesenkt, Ausblicke zurückgezogen oder Kapazitätswachstum gestoppt, obwohl Passagierzahlen und Erlöse im ersten Quartal Rekordniveaus erreichten. Der zentrale Punkt ist die Verzögerung bei der Preissetzung: Viele Tickets wurden verkauft, bevor der Kostenschub einsetzte, sodass höhere Preise nur schrittweise wirken. Große US-Fluggesellschaften erwarten im zweiten Quartal Kerosinpreise von über vier US-Dollar je Gallone nach etwa 2,7 US-Dollar zuvor. Zudem rechnen sie damit, dass nur 40 bis 50 Cent jedes zusätzlichen US-Dollars an Treibstoffkosten durch höhere Preise wieder hereingeholt werden können. Entsprechend werden Verbindungen mit niedrigen Margen gestrichen.
Solange Energiepreise hoch bleiben, dürfte selbst eine robuste Reiselust die Risiken für Gewinne nur teilweise abfedern.
Notenbanken im Wartemodus
Der Nahostkonflikt und steigende Energiepreise erhöhen die Inflationsrisiken. Zugleich schwächt sich das Wachstum in Europa ab, während die US‑Wirtschaft robust bleibt. Fed, EZB und andere Notenbanken stehen vor der Frage: abwarten oder handeln? Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich ordnen die aktuelle Lage von Wirtschaft und Märkten ein.
Zahl des Tages: 6
Manche Spinnenarten weben sogenannte Stabilimente in ihre Netze ein – oft zickzackförmige Gespinste, über deren Funktion lange Zeit gerätselt wurde. Forscher um Gabriele Greco von der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften haben jetzt eine neue These publiziert: Die Stabilimente leiten die Spinne schneller zu ihrer Beute. Für ihre Arbeit analysierten Greco und Kollegen sechs verschiedene Formen von Spinnennetzen mit und ohne Stabilimente, die sie auf Sardinien beobachtet hatten. Sie simulierten die Bewegung der Spinnfäden im Computer und stellten fest: Die Stabilimente helfen, Vibrationen an verschiedene Stellen des Netzes weiterzuleiten – und so die Spinne auf ihre Mahlzeit aufmerksam zu machen.
Machen Sie heute einen guten Fang.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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