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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden.
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4. September 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

der jüngste Konjunkturbericht der US-Notenbank signalisiert nur begrenzte Fortschritte bei der Inflationsbekämpfung, eine US-Vereinbarung mit Venezuela könnte Investitionen und Ölförderung ankurbeln, und europäische Versorgeraktien schwächeln zuletzt.

USA: Beige Book signalisiert nur begrenzte Fortschritte bei der Inflation

Der jüngste Konjunkturbericht der US-Notenbank, das Beige Book für August, signalisiert nur begrenzte Fortschritte bei der Inflationsbekämpfung. Unternehmen berichten weiterhin von Kostendruck durch höhere Energiepreise, Zölle und steigende Ausgaben für betriebliche Krankenversicherungen. Gleichzeitig zeigt sich die US-Wirtschaft robust: Vor allem das Verarbeitende Gewerbe und der Nichtwohnungsbau profitieren von Investitionen in Rechenzentren. Nachdem Fed-Gouverneur Christopher Waller vergangenen Donnerstag unveränderte Leitzinsen von 3,5 Prozent signalisiert hatte, haben die Märkte die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte im September auf rund 50 Prozent zurückgenommen. Die Inflationsdaten für August – die am 11. September veröffentlicht werden – dürften daher richtungsweisend sein.

USA kündigen Vereinbarung über Zugang zu venezolanischem Öl an

Die US-Regierung hat eine Vereinbarung mit Venezuela angekündigt, die den USA Zugang zu rund 20 Prozent der weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven Venezuelas verschaffen soll. Ob daraus zusätzliche Fördermengen entstehen, hängt maßgeblich von der Investitionsbereitschaft westlicher Ölkonzerne ab. Die Ölproduktion Venezuelas liegt derzeit bei lediglich rund 1,2 Millionen Barrel pro Tag. Einige US-amerikanische und europäische Schwergewichte der Branche haben bereits angekündigt, ihre Investitionen auszuweiten und ihre Produktion zu verdoppeln. Dadurch könnte die venezolanische Ölförderung perspektivisch um rund 600.000 Barrel pro Tag steigen. Andere internationale Ölkonzerne bleiben dagegen bislang zurückhaltend. Ein deutlicher Anstieg der venezolanischen Ölproduktion dürfte mehrere Jahre in Anspruch nehmen, da die Förderinfrastruktur erhebliche Investitionen erfordert. Ob und wie schnell die Produktion steigt, hängt daher maßgeblich davon ab, ob die Unternehmen wirtschaftlich attraktive und politisch verlässliche Rahmenbedingungen vorfinden.

Steigende Kapitalmarktzinsen belasten europäische Versorgeraktien

Europäische Versorgeraktien entwickelten sich zuletzt schwächer. Ursache dürfte weniger eine fundamentale Eintrübung als der Anstieg der Anleiherenditen sein. 

Als kapitalintensiver Sektor mit stabilen Erträgen reagieren Versorger häufig sensibel auf steigende Kapitalmarktzinsen. Gleichzeitig verbessert ein Treiber des Renditeanstiegs – die höheren Öl-, Gas- und Strompreise – die Ertragsaussichten vieler Unternehmen. Mit dem Auslaufen bestehender Preisbindungen kann ein wachsender Teil der Produktion zu den aktuell höheren Marktpreisen verkauft werden. In einigen Ländern werden zudem die Netzerträge an die Inflation gekoppelt, was stabilisierend wirkt. Seit Ausbruch des Irankonflikts hoben Analysten ihre Gewinnprognosen für die Versorger des STOXX 600 für 2026 und 2027 um jeweils rund drei Prozent an. Langfristig sprechen die fortschreitende Elektrifizierung, der Netzausbau und der hohe Strombedarf von Rechenzentren für strukturellen Rückenwind.

Yen legt deutlich zu: Märkte setzen auf weitere Zinserhöhungen in Japan

Der japanische Yen legte am Donnerstag gegenüber dem US-Dollar um rund zwei Prozent zu. Zuvor hatte er mit mehr als 160 Yen je US-Dollar nahe jener Niveaus notiert, die Ende Juli und Anfang August koordinierte Interventionen der japanischen Notenbank und des US-Finanzministeriums ausgelöst hatten. Der Yen wertete auf breiter Basis auch gegenüber anderen G10-Währungen auf. Der Grund: Anleger setzen nun verstärkt auf weitere Zinserhöhungen der Bank von Japan (BoJ). Zuletzt hatte BoJ-Gouverneur Kazuo Ueda einen restriktiveren Ton angeschlagen, weshalb die Terminmärkte eine Leitzinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte am 18. September nun mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einpreisen. Strukturell dürfte der Yen jedoch kurzfristig kein starkes Aufwertungspotenzial aufweisen, sofern die BoJ ihre Geldpolitik nicht schneller beziehungsweise kräftiger strafft als die US-Notenbank.

Steigende Renditen, starke Börsen: Kommt das Anleihen-Comeback?

Einmal im Jahr richtet sich der Blick der Finanzmärkte nach Jackson Hole. Diesmal haben die Aussagen von Fed-Chef Kevin Warsh neue Spekulationen über eine US-Zinserhöhung ausgelöst. Was bedeuten steigende Anleiherenditen für die weiterhin starken Aktienmärkte? Und erleben Anleihen jetzt ihr Comeback? Das erfahren Sie von Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und mir in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.

Zahl des Tages: 25

Archäologen finden Schiffswracks üblicherweise unter Wasser, manchmal auch im Erdboden. Der Fund, den ein Team um Aline Kottmann vom Stuttgarter Landesamt für Denkmalpflege jüngst dokumentiert hat, ist dagegen einzigartig: Die Forscher entdeckten ein nahezu perfekt erhaltenes Wrack im Inneren eines mittelalterlichen Hauses in Konstanz. Mehr als 25 Quadratmeter eines Schiffsrumpfes waren im Jahr 1244 als Decke in einen Keller eingezogen worden. Der Rumpf gehörte vermutlich zu einem Lastsegler mit flachem Boden, im Mittelalter ein gängiger Schiffstyp auf dem Bodensee. Er besteht aus zahlreichen Bohlen und passgenau eingefügten Planken – auch Holznägel, Abdichtmasse und Reparaturtechniken der alten Schiffbauer können jetzt vor Ort am „Kellerschiff“ von Konstanz studiert werden.

Schauen Sie heute zweimal hin.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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