13. Februar 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
Chemiewerte profitieren kurzfristig von Konjunktur und möglichen CO2‑Entlastungen, der HBM‑Boom sorgt für steigende Speicherpreise, und der US‑Softwaresektor kämpft mit KI‑Risiken.
Chemiesektor erholt sich – strukturelle Risiken bleiben
Europäische Chemieaktien haben sich zuletzt spürbar erholt. Rückenwind kam von robusten Konjunkturdaten – besonders aus den USA, wo einige europäische Chemiekonzerne einen wesentlichen Anteil ihrer Erlöse erzielen. In Europa prüft die EU-Kommission derweil eine Verlängerung der Vergabe kostenloser CO2-Zertifikate für energieintensive Industrien. Eine Entscheidung wird im Juli erwartet und könnte Chemiekonzerne entlasten. Die strukturellen Probleme der Branche bleiben jedoch bestehen: Chinesische Importe drücken die Preise und belasten die Wettbewerbsfähigkeit. Nach der Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch den Sueskanal im Januar könnten diese Importe sogar wieder attraktiver werden. Die Konsolidierung innerhalb der Branche dürfte daher anhalten. Laut Branchenverband wurden zwischen 2022 und 2025 rund neun Prozent der europäischen Kapazitäten zur Stilllegung angekündigt. Die Kapazitätsauslastung liegt bei nur rund 75 Prozent. Kurzfristig könnte eine zyklische Erholung des Verarbeitenden Gewerbes, unterstützt durch das deutsche Fiskalpaket, dafür sorgen, dass die gute Stimmung im Sektor anhält. Mittelfristig erscheint mir das Kurspotenzial angesichts der strukturellen Herausforderungen und einer derzeitigen Bewertung über dem langjährigen durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis jedoch begrenzt.
HBM-Boom treibt Speicherpreise
Der strukturelle Preisanstieg im Speichermarkt wird laut Analysten voraussichtlich bis 2027/2028 bestehen bleiben. Hauptgrund ist der stark steigende Bedarf an High-Bandwidth-Memory-Speicherchips (HBM), die für KI-Prozessoren unverzichtbar sind. HBM benötigt rund dreimal so viel Siliziumfläche wie herkömmliche Dynamic-Random-Access-Memory-Speicherchips (DRAM), was die verfügbaren Kapazitäten erheblich belastet. Da der Bau neuer Fertigungsstätten mehr als zwei Jahre dauert und erste neue Großfabriken erst ab 2027 schrittweise in Betrieb genommen werden, trifft die zusätzliche Nachfrage weiterhin auf begrenztes Angebot. Während die Nachfrage nach herkömmlichem DRAMs weltweit kontinuierlich ansteigt, verzeichnet der Markt für HBMs ein deutlich stärkeres Wachstum. Dies führt dazu, dass Produktionskapazitäten in den HBM-Bereich umgelenkt werden und klassische DRAM-Anwendungen – etwa in Smartphones, Computern und industriellen Geräten – zeitweise knapper versorgt werden. Führende Speicherhersteller profitieren von steigenden Margen und einer besseren Auslastung, während Käufer von Speicherchips – von Rechenzentren bis zur Unterhaltungselektronik – durch die steigenden Kosten belastet werden.
Zwischen KI Risiken und Bewertungschancen: US Software-Sektor im Umbruch
Der S&P 500 Software-Index verlor seit dem Hoch Ende Oktober 2025 in Euro rund 29 Prozent.
Hauptgrund sind Sorgen, dass Künstliche Intelligenz (KI) bestehende Softwarelösungen ersetzt. Softwareunternehmen könnten daher zunehmend Konkurrenz für ihre Produkte erhalten. Auch das bisherige Preismodell der Lizenzen pro Nutzer kommt an seine Grenzen: Erledigt eine KI die Arbeit von fünf Mitarbeitern, zahlt der Kunde dennoch nur eine Lizenz. Der Wert steigt, der Preis nicht – das erhöht den Margendruck in einem Sektor, der bisher für planbares Wachstum und hohe Profitabilität stand. Zwar sind viele Softwareanbieter tief in Unternehmensprozesse integriert und laufende Verträge stabilisieren ihre Geschäftsmodelle mittelfristig, doch da sich Investoren vorrangig um die langfristigen Risiken durch KI sorgen, ist die jüngste Volatilität durchaus nachvollziehbar. Der breit angelegte Abverkauf schafft aus meiner Sicht jedoch auch Chancen: Mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis des Sektors von etwa 23 liegt die Bewertung nur knapp über dem S&P-500-Durchschnitt. Selektivität wird allerdings entscheidend. Der Markt versucht derzeit, die künftigen Gewinner und Verlierer der KI-Entwicklung zu identifizieren. Diese Suche dürfte in Verbindung mit den hohen notwendigen Investitionen die Volatilität weiterhin hochhalten.
Corporate Health: wachsender Markt für langfristige Investoren
Seit dem vergangenen Jahr gewinnt bei europäischen Unternehmen die betriebliche Gesundheitsvorsorge an Bedeutung. Gründe sind gesundheitliche Herausforderungen und schrumpfende Belegschaften. Aus Sicht von Investoren mit Interesse an Titeln aus dem Gesundheitswesen wurde das Segment der betrieblichen Gesundheitsvorsorge bislang wenig beachtet, da der Großteil der Anbieter nicht börsennotiert ist. Allerdings ist dieser Sektor im Vergleich zu anderen Gesundheitsdienstleistungen attraktiv, denn mit Unternehmenskunden können langfristige Verträge geschlossen werden. Gleichzeitig bietet die Branche Potenzial für technologische Effizienzsteigerungen, da bisher kaum Technologie eingesetzt wird. Im vergangenen Jahr investierten Private-Equity-Investoren insgesamt knapp zwei Milliarden Euro in 32 Firmen des betrieblichen Gesundheitswesens in Europa – fast eine Verdoppelung zum Vorjahr. Investoren erschließen einen Sektor, der Menschen länger gesund und im Erwerbsleben halten soll. Für risikobewusste, erfahrene Anleger mit einem Anlagehorizont über fünf Jahren könnte ein privater Eigenkapitalfonds, der dieses Segment abdeckt, eine interessante Diversifikation im Depot darstellen.
US-Dollar: Schwäche oder Verfall?
Der US‑Dollar hat 2025 deutlich nachgegeben und bewegt sich zuletzt unter Schwankungen seitwärts – geprägt von politischer Unsicherheit, Zollpolitik und den anhaltend hohen US‑Defiziten. Wie geht es 2026 weiter? Und was bedeutet das für Wirtschaft, Märkte und die Anlagestrategie europäischer Investoren? Das ordnen Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts ein.
Zahl des Tages: 53–84
Auf der Erde leben rund 8,2 Milliarden Menschen. Oder sind es viel mehr? Josias Láng-Ritter von der finnischen Aalto University und sein Team untersuchten Daten aus rund 300 Staudammprojekten in den Jahren 1975 bis 2010. Ihr Ansatz: Bei der Umsiedelung der lokalen Bevölkerung vor dem Dammbau wird die Zahl der Personen, die Anspruch auf Entschädigung haben, sehr genau erfasst. Láng-Ritter verglich diese Zahlen mit offiziellen Bevölkerungsdaten und fand, dass die offiziellen Daten zwischen 53 und 84 Prozent niedriger lagen. Besonders in ländlichen Regionen würde die Weltbevölkerung demnach massiv unterschätzt. Eine spektakuläre These – die zu untermauern die Forscher noch viel Arbeit kosten wird.
Kalkulieren Sie heute genau.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
PERSPEKTIVEN am Morgen: Störung im Anmeldeprozess
Aktuell ist die Registrierung mit den Umlauten ö, ü, ä sowie mit ß nicht möglich. Sie können sich mit oe, ue, ae sowie mit ss weiterhin registrieren.
Sollte auch das nicht funktionieren, wenden Sie sich an: perspektiven-am.morgen@db.com
Das könnte Sie auch interessieren
PERSPEKTIVEN im Fokus
Fundierte Einschätzungen zu relevanten Ereignissen für die Kapitalmärkte
PERSPEKTIVEN To Go
Aktuelle Marktentwicklungen im Podcast
Soweit hier von Deutsche Bank die Rede ist, bezieht sich dies auf die Angebote der Deutsche Bank AG. Wir weisen darauf hin, dass die in dieser Publikation enthaltenen Angaben keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung darstellen, sondern ausschließlich der Information dienen. Die Information ist mit größter Sorgfalt erstellt worden. Bei Prognosen über Finanzmärkte oder ähnlichen Aussagen handelt es sich um unverbindliche Informationen. Soweit hier konkrete Produkte genannt werden, sollte eine Anlageentscheidung allein auf Grundlage der verbindlichen Verkaufsunterlagen getroffen werden. Aus der Wertentwicklung in der Vergangenheit kann nicht auf zukünftige Erträge geschlossen werden.
HINWEIS: BEI DIESEN INFORMATIONEN HANDELT ES SICH UM WERBUNG. Die Texte sind nicht nach den Vorschriften zur Förderung der Unabhängigkeit von Anlage- oder Anlagestrategieempfehlungen (vormals Finanzanalysen) erstellt. Es besteht kein Verbot für den Ersteller oder für das für die Erstellung verantwortliche Unternehmen, vor bzw. nach Veröffentlichung dieser Unterlagen mit den entsprechenden Finanzinstrumenten zu handeln. Die Deutsche Bank AG unterliegt der Aufsicht der Europäischen Zentralbank und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)