6. Februar 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die EZB belässt ihre Leitzinsen unverändert, Pablo A. Peña identifiziert drei menschliche Fähigkeiten, die KI fehlen, und südkoreanische Aktien starten dynamisch ins Jahr.
EZB belässt Leitzins unverändert
Die Europäische Zentralbank (EZB) beließ ihren Einlagensatz wie erwartet bei zwei Prozent – entsprechend überschaubar war die Marktreaktion. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte, dass man die jüngsten Währungsschwankungen genau beobachte. Allerdings sei die seit März 2025 zu verzeichnende leichte Euro‑Aufwertung bereits in den EZB-Projektionen berücksichtigt. Nach einem besser als erwarteten Wachstum im vierten Quartal sind die Konjunkturaussichten für 2026 ermutigend – auch aufgrund des milliardenschweren Konjunkturpakets Deutschlands, dessen positive Effekte im Jahresverlauf ebenfalls in anderen Ländern der Eurozone spürbar werden dürften. Setzt die wirtschaftliche Erholung im Euroraum wie erwartet ein und stabilisiert sich die Inflation mittelfristig im Bereich des Zwei-Prozent-Ziels, könnte die EZB nach einer längeren Zinspause möglicherweise im kommenden Jahr die Zinswende einleiten – ein Szenario, das die Märkte zunehmend einpreisen. Aktuell ist die recht gut vorhersehbare EZB‑Politik hingegen kein zentraler Treiber für die Märkte. Vielmehr dürften geopolitische Unsicherheiten, Entwicklungen um das Thema Künstliche Intelligenz (KI) sowie Unternehmensberichte den Risikoappetit der Anleger bestimmen.
Drei Fähigkeiten, die KI fehlen
Künstliche Intelligenz ist in aller Munde – auch Pablo A. Peña, Professor der Universität Chicago, beschäftigt sich in „The Human Edge“ damit. Er argumentiert, dass Humankapital im Zeitalter der KI nicht an Bedeutung verliert, sondern in qualitativer Hinsicht aufgewertet wird. Während KI bestehende Informationen effizient verarbeiten und kombinieren kann, identifiziert Peña drei angeborene menschliche Fähigkeiten – Neugierde, kritisches Denken und Selbstregulation –, die für wirtschaftlichen Fortschritt unverzichtbar bleiben. Neugierde ermöglicht die Generierung neuen Wissens, das nicht aus vorhandenen Daten extrapoliert werden kann. Diese Logik lässt sich mit der Effizienzmarkt-Hypothese illustrieren: Finanzmärkte gelten nur dann als informationseffizient, wenn Marktteilnehmer kontinuierlich neue, bislang unbekannte Informationen erzeugen, analysieren und in Preise integrieren. Wären alle Akteure passiv und würden lediglich bestehende Informationen verarbeiten, könnte Markteffizienz nicht entstehen. Analog dazu ist KI auf einen stetigen Zufluss neu produzierter Informationen angewiesen, die sie selbst nicht hervorbringen kann.
Kritisches Denken ist erforderlich, um Informationen einzuordnen, Hypothesen zu hinterfragen und Fehlanreize oder Verzerrungen zu erkennen, insbesondere in sozialen und politischen Kontexten, in denen KI lediglich vergangene Narrative reproduziert. Selbstregulation schließlich beschreibt die Fähigkeit, langfristige Ziele trotz kurzfristiger Anreize zu verfolgen – ein Bereich, in dem KI zwar Empfehlungen geben, aber keine Verantwortung übernehmen kann. Peña schließt, dass diese Dimensionen menschlichen Wissens gezielt kultiviert werden müssen und dass KI und menschliche Fähigkeiten nicht substitutiv, sondern komplementär wirken: Wirtschaftliche Dynamik entsteht gerade aus dem Zusammenspiel algorithmischer Effizienz und menschlicher Urteilskraft.
KOSPI profitiert von KI-Boom und Industrienachfrage
Der südkoreanische Leitindex KOSPI stieg im vergangenen Jahr in Euro um rund 58 Prozent und startet auch ins neue Jahr äußerst dynamisch: Er legte bereits 23 Prozent zu, getrieben von Technologie- und Industrieaktien.
Speicherchip-Hersteller profitieren weiterhin von einer globalen Angebotsknappheit, verursacht durch den weltweiten Ausbau von KI-Infrastruktur. Dies stärkt ihre Preissetzungsmacht und wirkt sich positiv auf die Margen aus. Der Industriesektor erhält Rückenwind durch den anziehenden globalen Investitionszyklus sowie durch die steigenden Staatsausgaben und -investitionen in Verteidigung, Schiffsbau und Energie. Zudem könnten strukturelle Reformen wie die dritte Änderung des Korea Commercial Code für weitere Impulse sorgen: Ziel ist es, die Governance zu verbessern sowie Kapitaleffizienz und Ausschüttungen zu steigern. Ergänzende Steuerreformen dürften zudem zu einer geringeren Besteuerung von Dividenden führen. Ein Erfolg der Reformen könnte zu höheren Eigenkapitalrenditen sowie einem nachhaltig höheren Bewertungsniveau führen. Die Bewertungen für die im KOSPI gelisteten Unternehmen liegen aktuell zwölf Prozent über dem Zehnjahresmedian, was angesichts der Konsensus-Gewinnerwartungen von etwa 55 Prozent für 2026 angemessen erscheint.
Warsh-Nominierung überrascht, Rohstoffe schwanken
Die Märkte sind nervös: Kevin Warshs Nominierung als nächsten Fed-Chef sorgt für neue Zinserwartungen. Zudem liefert die Berichtssaison unterschiedliche Signale, KI trennt Hardware‑ und Software‑Titel, und die Rohstoffpreise schwanken deutlich. Die aktuelle Lage an den Märkten ordnen Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts ein.
Zahl des Tages: 43
Riechen Pferde, dass Menschen Angst haben? Um das herauszufinden, sammelte ein Team um Plotine Jardat vom Französischen Institut für Pferde und Reitsport Schweißproben von zwei Personengruppen. Eine Gruppe hatte zuvor ein harmloses Musical gesehen, die andere einen Horrorfilm. Die Proben befestigten die Forscher in den Maulkörben von 43 Stuten und beobachteten dann deren Verhalten. Und tatsächlich: Pferde, die den Angstschweiß der Horrorfilm-Gruppe vor der Nase hatten, reagierten misstrauischer auf Fremde, erschraken heftiger vor einem geöffneten Schirm und hatten eine höhere Herzfrequenz als die Vergleichsgruppe. Wenn Reitpferde sich ungewohnt widerborstig zeigen, könnte es also daran liegen, dass ihre Reiter selbst gerade einen schlechten Tag haben.
Bleiben Sie heute unerschrocken.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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