12. Februar 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
ein Vorschlag des designierten Fed-Chefs sorgt für eine Debatte um die Autonomie der US-Geldpolitik, der US-Arbeitsmarkt zeigt sich deutlich robuster als erwartet, und die bisher vorgelegten Quartalsergebnisse europäischer Banken fallen solide aus.
Debatte um Warsh-Plan: mehr Koordination, weniger geldpolitische Autonomie?
Die jüngste Debatte über eine Neugestaltung des sogenannten Fed-Treasury-Accords zielt auf eine koordinierte Bilanzsteuerung der US-Notenbank und der Emission von US-Staatsanleihen ab. In dem wegweisenden Abkommen zwischen dem US-Finanzministerium und der Federal Reserve wurde im März 1951 die Kontrolle der US-Regierung über die Zinspolitik der Notenbank beendet und die Unabhängigkeit der US-Geldpolitik wiederhergestellt. Der designierte Fed-Präsident Kevin Warsh schlägt vor, den Umfang und die Laufzeitenstruktur der Notenbankbilanz gemeinsam mit dem Finanzminister festzulegen und dies transparent zu kommunizieren. Die Diskussion verdeutlicht die Spannungsfelder zwischen fiskalischer Nachhaltigkeit und geldpolitischer Autonomie. Befürworter versprechen sich davon eine bessere Planbarkeit bei der Bilanzsteuerung und potenziell niedrigere staatliche Finanzierungskosten. Kritiker warnen jedoch vor einer schleichenden Erosion der geldpolitischen Unabhängigkeit, fiskalischer Dominanz sowie erhöhten Inflations- und Zinsrisiken. Der Markt für US-Treasuries reagierte zunächst volatil: Die Renditen längerfristiger Anleihen stiegen, was auf höhere Laufzeit- und Inflationsprämien hindeutet.
Handelshäuser antizipieren eine mögliche Verschiebung der Emissionsstruktur zugunsten kurzfristiger US-Staatsanleihen („Treasury Bills“). Dadurch würde die Zinsstrukturkurve anfälliger für Fiskalrisiken werden. Institutionelle Investoren bewerten den Vorschlag unterschiedlich. Die eine Gruppe interpretiert ihn als Vorstufe impliziter Zinskurvenkontrolle oder finanzieller Repression und entwickelt Absicherungsstrategien gegen eine Abwertung des US-Dollars sowie gegen höhere Inflationserwartungen. Eine andere Fraktion sieht darin keinen fundamentalen Bruch mit der Zentralbankunabhängigkeit, sondern primär ein Instrument zur Bilanzreduktion und Begrenzung quantitativer Lockerung, verbunden mit mittelfristig höheren Realzinsen. Der Vorschlag ist hochriskant: Obwohl Warsh ihn als technische Verbesserung darstellt, verschiebt er faktisch die Macht von der unabhängigen Fed zum politisch verantwortlichen Finanzministerium. In Krisenzeiten mag Koordination nötig sein, doch als Dauerzustand untergräbt sie die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik. Die langfristigen Kosten höherer Inflationsprämien dürften die kurzfristigen Finanzierungsvorteile überwiegen. Mit großem Interesse werden Marktteilnehmer und Analysten die anstehende, möglicherweise Mitte März stattfindende Senatsanhörung des vom US-Präsidenten nominierten Fed-Chefs verfolgen.
Robuster US-Arbeitsmarkt verschiebt Zinssenkungserwartungen
Der US-Arbeitsmarkt zeigte sich zu Jahresbeginn deutlich robuster als erwartet. Trotz eines massiven Stellenabbaus im öffentlichen Sektor wurden im Januar insgesamt 130.000 neue Stellen geschaffen. Die Arbeitslosenquote sank leicht von 4,4 auf 4,3 Prozent, während das jährliche Lohnwachstum von 3,6 auf 3,7 Prozent stieg. Die Kombination aus kräftigem Beschäftigungszuwachs, einer niedrigeren Arbeitslosenquote sowie realen Lohnzuwächsen macht Leitzinssenkungen kurzfristig weniger wahrscheinlich. Entsprechend schoben die Märkte ihre Erwartungen hinsichtlich der nächsten Zinssenkung der Fed von Juni auf Juli und reduzierten ihre Zinssenkungserwartungen bis Ende des Jahres. US-Staatsanleihen gerieten spürbar unter Druck. Ebenso US-Aktien, die ihre anfänglichen Gewinne abgaben, während der US-Dollar zulegte. Trotz der reduzierten Zinssenkungserwartungen preisen die Märkte bis Ende 2026 nach wie vor zwei Leitzinssenkungen von jeweils 0,25 Prozentpunkten ein. Entscheidend dafür dürfte auch sein, ob der ins Stocken geratene Disinflationsprozess in den kommenden Monaten voranschreitet. Für die morgen anstehenden Daten der Konsumentenpreise im Januar erwarten die Analysten einen Rückgang der jährlichen Gesamt- und Kerninflation auf jeweils 2,5 Prozent.
Berichtssaison Europa: Banken überzeugen mit soliden Zahlen
Rund die Hälfte der europäischen Banken hat ihre Ergebnisse für das vierte Quartal 2025 vorgelegt. Diese sind solide ausgefallen, unterstützt durch höhere Nettozinserträge infolge einer gelockerten Geldpolitik und einer dadurch verbesserten Kreditvergabe. Die Institute dürften die robuste Entwicklung auch in diesem Jahr fortsetzen, getragen von einer steigenden Kreditnachfrage der Haushalte und Unternehmen im Zuge der erwarteten Erholung in der Eurozone und im Vereinigten Königreich. Laut der vierteljährlichen Kreditumfrage der Europäischen Zentralbank für das vierte Quartal 2025 rechnen Banken der Eurozone damit, dass die Kreditvergabe im ersten Quartal 2026 weiter steigen wird. Zudem dürfte ein Anziehen der europäischen Börsengänge und des Übernahmegeschäfts die Erträge im Investmentbanking unterstützen.
Aus Anlegersicht bietet der Sektor weiterhin Wachstumspotenzial: Die Gewinne je Aktie der STOXX-600-Banken sollen laut Analysten in diesem Jahr um weitere rund 9,5 Prozent ansteigen.
US-Dollar: Schwäche oder Verfall?
Der US‑Dollar hat 2025 deutlich nachgegeben und bewegt sich zuletzt unter Schwankungen seitwärts – geprägt von politischer Unsicherheit, Zollpolitik und den anhaltend hohen US‑Defiziten. Wie geht es 2026 weiter? Und was bedeutet das für Wirtschaft, Märkte und die Anlagestrategie europäischer Investoren? Das ordnen Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts ein.
Zahl des Tages: 80
Der riesige Thwaites-Gletscher in der Westantarktis trägt den Beinamen Weltuntergangsgletscher („doomsday glacier“). Denn sein Eis schmilzt und sein Zusammenbruch könnte in einigen Jahrzehnten den globalen Meeresspiegel um 65 Zentimeter ansteigen lassen – oder sogar um mehrere Meter, wenn angrenzende Eismassen einbezogen werden. Was tun? Wissenschaftler des Seabed Curtain Projects schlagen jetzt vor, den Gletscher mit einem 80 Kilometer langen und 150 Meter hohen Unterwasservorhang von warmen Meeresströmungen abzuschirmen. Ob sich das gigantische Projekt – geschätzte Baukosten: bis zu 80 Milliarden US-Dollar – umsetzen lässt und welche Folgen es für die Umwelt hätte, ist hochumstritten. Sicher scheint nur: Bei anhaltender Erderwärmung dürften Geoengineering-Ideen wie der Seabed Curtain noch öfter Schlagzeilen machen.
Ich wünsche Ihnen einen stabilen Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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